Bestatter zockt junge Familie ab – Update

zocker

Wir wollten nur eine einfache anonyme Bestattung für meine Schwiegermutter. Deshalb haben wir verschiedene Bestatter angerufen. Bei einem hieß es am Telefon, eine anonyme Bestattung koste ab 1.900 Euro aufwärts, je nachdem, was man im Einzelnen wolle. Da die anderen höhere Preise genannt hatten, sind wir dann zu diesem Bestatter gegangen.

Die Frau dort war sehr nett, zeigte uns ein paar Särge im Lager und wir entschieden uns für einen Sarg, der eine Stufe über dem einfachsten Brennersarg lag.
Wir haben extra gesagt, daß wir sonst nichts wollen. Eigene Kleidung haben wir vorbei gebracht, die Schwiegermutter mußte nur aus dem Krankenhaus abgeholt werden, zum Bestatter, dann zum Krematoriumshaus und dann die Urne zum Friedhof.

Kleine Trauerfeier mit minimaler Deko (ein Sträußchen Rosen auf dem Sarg, sechs unechte LED-Kerzen vom Bestatter). Dann Beisetzung im engsten Kreis.
Ob wir ein Kondolenzbuch wollen, wurden wir gefragt. Das koste nur 65 Euro.
Gut, haben wir ja gesagt. So war für uns klar: etwa 1.900 Euro plus 65 für das Buch.

Aber dann bekamen wir folgende Rechnung.

Überführung 290,- €
zweiter Mann 200,- €
Sarg Kiefer natur ohne Griffe 800,- €
Trage Benutzung 190,- €
Trage Desinfektion 150, €
Einsargen 300,- €
zweiter Mann 200,- €
Einkleiden eigene Kleidung (Zuschlag) 175,- €
Urne Stahlblech blau 255,- €
Überführung Krema 30 km 355,- €
zweiter Mann 200,- €
Auskleiden aus eigener Kleidung (Amtsarzt) 175,- €
Totenhemd 76,- €
Überführung Urne Friedhof 90,- €
Betreuung der Trauerfeier durch einen Mitarbeiter 255,- €
Kondolenzbuch auslegen 200,- €
Dekoration der Halle (6 Kerzen) 155,- €
Erledigung Rente, Kasse, Standesamt 350,- €
50 Trauerkarten edel 432,- €
Kondolenzbuch 65,- € ohne Berechnung

Wir sind eine junge Familie, haben gerade erst gebaut und brauchen jeden Cent. Mit etwas mehr als 1.900 Euro hatten wir gerechnet, meinetwegen auch mit knapp 3.000 Euro, aber doch nicht mit knapp 5.000 Euro Bestatterkosten. Dazu kamen noch 300 Euro für die Zeitungsanzeige, 320,- Euro für das Krematorium und 700 Euro Friedhofsgebühren. Alles in allem betrug die Rechnung mit Pfarrer, Orgel und Kleinkram 6.653,- €.

Finden Sie das etwa okay?

Das ist eine von vielen Rechnungen, die ich in den letzten Wochen zu sehen bekommen habe.
Ich argumentiere ja meist damit, daß eben beim Bestatter, wenn er so detailliert abrechnet, viele kleine Positionen zusammenkommen und unterm Strich dann ein Großes ausmachen.

Aber man kann den Bogen natürlich auch überspannen.
Der Kollege hat hier frecherweise 4.848,- € in Rechnung gestellt, wovon 1.563,- € für Warenlieferungen sind (Sarg, Urne, Hemd, Karten).
Das bedeutet, daß er 3.285,- € für seine reine Arbeit in Rechnung stellte.
Dafür, daß er eine Verstorbene im Krankenhaus abholte, einkleidete und zum Krematorium brachte und die paar Formalitäten erledigte.
Alleine für die Fahrten hat er 1.135,- € berechnet.
Auffallend sind auch die hohen Personalkosten von jeweils 200,- € für den zweiten Mann. Alleine diese Kosten, inkl. Kondolenz auslegen und Betreuung der Trauerfeier kosten ja schon 1.055,- €.
Überhaupt scheint der Bestatter eine besondere Beziehung zum Betrag 200,- € zu haben, den er für fast jeden Personaleinsatz ansetzt.

6.653,- € sind entschieden zu viel für eine anonyme Urnenbeisetzung mit kleiner Trauerfeier.

Ich komme schon bei den unverzichtbaren Leistungen, die in einem solchen Fall immer anfallen, bei diesem Bestatter auf 2.325,- € und das entspricht grob den am Telefon genannten 1.900,- € zuzüglich Mehrwertsteuer.

Sie sind an einen Vertreter der Branche geraten, der durch das teure Abrechnen vieler Positionen eine Mondsumme zusammenphantasiert.
Wenn Sie belegen können, daß der Bestatter eindeutig diesen Betrag von 1.900 Euro genannt hat, würde ich dagegen angehen und mir einen Anwalt nehmen.
Der Bestatter kann nicht irgendeinen Preis nennen, der dann, wenn der Kunde am unteren Ende der Skala einkauft, um das Dreifache überschritten wird.

Fragt der Kunde, was eine einfache anonyme Urnenbestattung kostet, hat der Bestatter den bei ihm durchschnittlich zu zahlenden Preis für so eine Bestattung zu nennen. Nennt er einen Preis von 1.900,- Euro, so muß er in der Lage sein, alle benötigten Warenlieferungen und Dienstleistungen (am untersten Ende der Skala) zu diesem Preis zu erbringen.
Man kann sich jetzt darüber streiten, ob er zum Zeitpunkt des ersten Telefonates auch schon die Krematoriumskosten und Friedhofsgebühren nennen muß, aber zumindest muß er eine reelle Summe nennen, die seine Dienstleistungen wahrheitsgemäß widerspiegelt. Alles andere ist irreführende Täuschung des Kunden.


Deshalb nochmals meint Rat: Lassen Sie sich immer nach dem ersten Beratungsgespräch eine detaillierte Kostenaufstellung mitgeben. Fällt diese dann überraschend hoch aus, sagen Sie den Auftrag ab und gehen Sie woanders hin!

Ich finde, folgende Rechnung wäre angemessen:

Überführung 290,- €
Sarg Kiefer natur ohne Griffe 700,- €
Trage Benutzung und Desinfektion 190,- €
Einsargen 300,- €
Einkleiden eigene Kleidung (Zuschlag) 75,- €
Urne Stahlblech blau 255,- €
Überführung Krema 30 km 290,- €
Auskleiden aus eigener Kleidung (Amtsarzt) 75,- €
Totenhemd 26,- €
Überführung Urne Friedhof 50,- €
Deko, Betreuung der Trauerfeier und Kondolenzbuch auslegen 200,- €
Erledigung Rente, Kasse, Standesamt 350,- €
50 Trauerkarten edel 100,- €
Kondolenzbuch 65,- € ohne Berechnung

Und bei dieser Aufstellung sind schon mittlere Preise angesetzt, also nicht das Günstigste, was ich so zu sehen bekomme.
Mit knapp 3.000 Euro hätte dies aber Ihren Erwartungen entsprochen und wäre auch aus den am Telefon genannten 1.900,- € irgendwie herzuleiten.

200,- € für eine Begleitperson sind durch nichts zu rechtfertigen, auch nicht die 8,64 € pro Trauerkarte. Wurden die nachts von nackten Jungfern (die weiß Gott schwer zu beschaffen sind, zumindest solche die auch schreiben können) mit dem Ohrläppchen gemalt?

Ich meine, jetzt mal ehrlich: Ich kann ja verstehen, daß man am Telefon den Preis nennt, der einen am besten aussehen läßt.
Aber dann muß man den, verdammt noch mal, auch einhalten können, wenn der Kunde, wie in diesem Fall nichts, aber auch gar nichts Außergewöhnliches bestellt hat.
Die jungen Leute schreiben weiter, daß sie niemals eine Betreuung der Trauerfeier bestellt haben, lediglich das Kondolenzbuch.
Das sollte 65 Euro kosten, schlug dann aber mit 675,- € zu Buche, war also mehr als 10 x teurer als abgemacht!
Als die Familie deshalb maulte und auch die 6 LED-Kerzen für 155,- € zu teuer fand, hieß es lapidar, das gehöre so zum Standard des Hauses. Man hat dann die 65 € für das reine Buch nachgelassen.

Das ist alles so nicht korrekt. Das ist Abzocke!
Ich würde erst einmal zum Verbraucherschutz gehen, mir nötigenfalls einen Anwalt nehmen und vorsichtshalber nur die 1.900 € plus zusätzlich bestellter Dinge bezahlen. Wobei mir die 432 € für die Trauerkarten immer noch sauer aufstoßen. Für das Geld kann man einen Kalligraphen bitten, die Dinger von Hand zu malen…


Nach der Lektüre dieses Artikels haben sich mehrere Kollegen spontan dazu aufgerufen gefühlt, mir die gleichen Dienstleistungen mit ihren Preisen zu kalkulieren.
Eine davon stelle ich hier mal beispielhaft ein:

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  • Veröffentlicht am: 5. April 2016
  • 14 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Frag den Bestatter

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

14 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Mich wundert das Tortenheber. Wofür? Die Verstorbene würde doch in eigener Kleidung beigesetzt?!? Und dann 200 Euro für das auslegen einer Kondolenzliste? Absolute Frechheit. Das gehört zum Service und überhaupt, solche Bestatter machen den ehrlichen Bestattern das Leben schwer.

      • @Maraike: Also das Tortenheber hat mich jetzt doppelt gewundert! :-)
        Was, wie und wozu ein Tortenheber? Hihi! Aber bei uns werden die Toten auch in ihren Kleidern verbrannt, wenn sie diese tragen.

        • @mol: jaaaaa, wunder der Technik :-) macht aus banalen Dingen das unglaublichste ;-)

      • @Maraike:

        Das Umkleiden in ein Totenhemd war mgl. nötig, da das Krema die Auflage hat, nur in bestimmter Kleidung zu verbrennen (ist schon oft von Tom beschrieben worden). Natürlich hätte ein gewissenhafter Bestatter darauf aufmerksam gemacht und von vorherein auf ein Totenhemd statt eigener Kleidung bestanden; (aber wenn man da noch Zusatzgebühren abzocken kann).

  2. Ist schon wucher für so eine Bestattung. Manche versuchen es immer wieder Geld zu zocken auf Kosten anderer.

    • @Ninja: ist bei uns auch so, deswegen hatte es mich sowieso schon gewundert. Aber mal ganz ehrlich, was denken die Leute sich dabei? Ich könnte sowas nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Natürlich will man Geld verdienen, aber doch nicht um jeden Preis

  3. Wenn man keinen Zeugen für dieses Telefonat hat – vielleicht mal eine dritte Person (nicht verwandt und nicht verschwägert) anrufen lassen und bei gleicher Sachlage ebenfalls eine Preisanfrage einholen lassen?
    Wäre zwar kein wasserdichter Beweis, aber doch zumindest ein Hinweis, dass sich die Familie den Inhalt des Telefonats und die dort genannte Summe nicht aus den Fingern gesaugt hat.

  4. Wenn man eine Trage desinfiziert, kann das keine 150 Euro kosten. Wenn man eine Einmaltüte benutzt, kommt ja gar nichts an die Trage dran. Wir haben turnusmäßig die Trage mit einem Desinfektionsmittel gereinigt, das dauert vielleicht 10 Minuten! Nur die Griffe wurden jedes Mal desinfiziert, und das geht noch schneller. Selbst wenn der Bodybag in diesen Preis einkalkuliert wurde, ist das unverschämt teuer! Wie Peter richtig schreibt, müssten Bodybag und desinfizieren in den 190 Euro für die Benutzung der Trage enthalten sein. Der Sarg ist vom Kühlraum des Bestatters zum Krematorium gebracht worden, in jedem Krematorium ob Privat oder Staatlich gibt es Hilfe bei der Sargannahme, hier ist ein zweiter Mann völlig fehl am Platz! Bei uns wurde es so gemacht, zum Beispiel Abholung aus dem Krankenhaus: Zu zweit aus dem KH abholen, zurück zur Firma, der Beifahrer wird abgesetzt und der Fahrer fährt alleine zum Krematorium. Bei den privaten Krematorien gibt es einen Abholservice, viele Bestatter fahren gar nicht mehr dorthin. Und der Preis für diesen Service liegt weit unter dem, was der Bestatter hier verlangt.

  5. Also für den Preis könnte ich als Bestatter mindestens noch einen Gratis-Gutschein für eine zweite Bestattung dazugeben. Die Preise sind echt ein Riesenwucher und fallen uns vielen ehrlichen Bestattern ins Kreuz!
    Wenden Sie sich bitte an den Bundesverband Deutscher Bestatter, die haben dort eine Schiedsstelle; Tel.: 0211/1600 810

  6. mir fällt auch in der zweiten Kalkulation „Überführung der Urne vom Krematorium zum Friedhof“ für 60€€€ auf. Da werde ich auf meine alten Tage noch Urnenüberführer!

    5-10 Aufträge würde ich am Tag schaffen – jenachdem.

    Gutes Geld für ein bisschen Straßenbahn- und U-Bahnfahrenn mit einer mittleren Tasche…

  7. Was mir spontan aufgefallen ist, dass keine Gebühren für die Einäscherung selbst berechnet werden. Muss das an das Krematorium selbst bezahlt werden und wird nicht mit dem Bestatter abgerechnet? Wie läuft das?

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