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Die Leute können ja hier nicht mehr essen mit Blick auf die Särge!

Von
orgel

Den Satz in der obigen Überschrift sagt Georgios Karamanlidis, griechischer Imbisswirt, der seinen Laden genau neben einem Bestatter in Swisttal-Heimerzheim im Rhein-Sieg-Kreis hat.
Den Bestatter gibt es schon länger und an seinem stilvoll gestalteten Schaufenster hatte sich bisher niemand gestört.
Jetzt jedoch betreibt der Bestatter eine angebliche Preisoffensive, hat sich zum „Sarg-Discount“ erklärt und bietet im Schaufenster aufgestapelte Särge zum „Ramschpreis“ ab 99 Euro an „zum Selbstabholen für Angehörige und Bestatter“.

Hier hat Leserin Alex den passenden Link dazu gefunden:

http://www.general-anzeiger-bonn.de…Sarg-Discount-sorgt-fuer-Unmut-

Was den Bestatter zu dieser sehr direkten und die Nachbarschaft störenden Werbung verleitete, man weiß es nicht, in Branchenkreisen gilt es aber in der Regel als Verzweiflungstat.
Sowohl für Angehörige, als auch für Bestatter ist das Angebot nämlich in mehrererlei Hinsicht uninteressant. Für Bestatter deshalb, weil die geforderten Preise zum Teil deutlich über dem liegen, was man bei Abnahme entsprechender Stückzahlen beim Sarghändler oder der Sargfabrik bezahlt. Für Angehörige ist es deshalb problematisch, weil das als pietätlos empfundene Zurschaustellen der Särge im Schaufenster nun auch noch durch einen möglicherweise ebenfalls als pietätlos angesehenen Transport des Sarges im Familienvan oder auf dem Dachgepäckträger folgen würde.

Überdies weiß man ja, daß im Sargpreis bei einem Bestatter teilweise noch andere Kosten mit einkalkuliert sind. Ob die anderen Bestatter im Umkreis erfreut sein werden, wenn Kunden nun ihre eigenen Särge mitbringen, das weiß man nicht, es ist aber zu bezweifeln. Mir sind durchaus Fälle bekannt, in denen der Bestatter einen Aufschlag auf die Bearbeitungsgebühr vereinbart hat, weil die Angehörigen einen anderswo gekauften Sarg anlieferten.

Noch haben wir es im Bestattungsgewerbe mit einer Komplettdienstleistung zu tun, die man sich selbst aus unzähligen Bausteinen je nach gusto und Geldbeutel zusammenstellen (lassen) kann.
Wenn die Kunden nun anfangen, die Urne bei SATURN und den Sarg in der Metro zu kaufen, die Überführung durch einen Bestatter machen lassen, der diese Position günstiger im Angebot hat, und dann noch einen Teil der hygienischen Versorgung durch das örtliche Kosmetikinstitut machen lassen wollen, ja dann würden sich die Bestatter hinsichtlich ihres Kalkulationsverhaltens darauf einstellen müssen und ich befürchte, daß es unterm Strich alles nur teurer macht.

Auf der anderen Seite ist das eine Geschäftsidee, die zwar nicht neu ist, aber immer wieder gerne von der Presse aufgegriffen wird. Mal freut man sich, daß ein „mutiger Unternehmer“ den angeblich so teuren Bestattern ein Schnippchen schlagen will, mal kippt die Stimmung und man regt sich über das „pietätlose Geschachere um Preise“ auf.

Wenn benachbarte Kaufleute anfangen sich über einen Bestatter aufzuregen, dann liegt das, auch das zeigt die Erfahrung, in den seltensten Fällen an der aktuellen Entwicklung, sondern in fast allen Fällen an dem latent vorhandenen Wunsch, ein solches Unternehmen am liebsten überhaupt nicht in seiner geschäftlichen Nähe zu wissen.
Da ist dann eine veränderte Schaufensterwahrnehmung oder angeblicher Lärm aus der Werkstatt oder die gerne angeblich wahrgenommene Geruchsbelästigung nur der Vorwand, um „endlich mal was gegen den machen zu können“.

Bei einem Fall, in dem ich den Bestattungsunternehmer beratend begleitet habe, hatten Nachbarn in einem Gewerbemischgebiet nach dem Besitzerwechsel im Bestattungshaus, der ihnen die Illusion genommen hatte, der alte Bestatter würde ganz aufhören und zumachen, auf einmal verstärkt Leichengeruch wahrgenommen. „Untragbar und nicht auszuhalten, dieser penetrante Gestank nach Leichen, man weiß ja wie so was riecht!“ hatte es geheißen.
Bei einer Ortsbegehung durch die Behörden, allen voran das Gesundheitsamt, zeigte sich dann, daß der Wortführer der flugs gegründeten Bürger- und Nachbarschaftsinitiative in der Nähe einer geöffneten Pattex-Dose besonders stark diesen „typischen Leichengeruch“ wahrzunehmen glaubte und dann auf Befragen zugeben mußte, daß er eigentlich nur Lösungsmittel und Klebstoff gerochen hatte.
Und die Gerüche konnten darüberhinaus auch noch von einer ebenfalls benachbarten Polsterei stammen.

In einem anderen Fall war der Bestatter von seiner bisherigen Schaufensterdekoration in Form von Schrifttafeln abgewichen und hatte einige Urnen und Sterbehemden ins Fenster gelegt, was auch sofort zu Protesten führte.
Eine im gleichen Haus lebende Familie fand angeblich deshalb über Monate keine Nachtruhe und befürchtete Wachstumsdefizite bei ihren Kindern.

Ich persönlich finde Sargdiscount-Läden doof. Die Menschen wollen einfach nicht so augenfällig an die eigene Vergänglichkeit erinnert werden und ihr Tabu aufrecht erhalten. Da sollen die Bestatter mal schön fein zurückhalten sein, meinen die meisten.
Außerdem werden Bestatter, darüber habe ich ja häufig schon geschrieben, oft gar nicht großartig wahrgenommen, man läuft wie mit Scheuklappen an den Läden vorbei.
Erst wenn man selbst von einem Sterbefall in der Familie betroffen ist, sieht man diese Läden auf einmal und dann kann es durchaus als störend empfunden werden, wenn der Bestatter nicht mit der sorgsamen Fürsorge für die Toten und Lebenden wirbt, sondern mit Discountpreisen und Waren zum Selbstabholen.

Im großstädtischen Umfeld, beispielsweise in Berlin oder Hamburg, könnte ein solcher Laden im sowieso großen Angebot an Bestattern eine bestimmte recht kleine Nische füllen, aber in weiten Bereichen der Republik sehe ich keinen Bedarf für so ein Angebot und empfinde es auch eher als belustigend (mich kann so etwas nicht schocken oder mir das Essen verderben).


Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 16. Oktober 2012

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