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Der Blonde mit dem irren Blick -26-

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Die Brunzburg lag auf einer Anhöhe, wie das meistens bei Burgen so ist, die auf Anhöhen liegen und da oben regnete es in dünnen Bindfäden.
Regen macht mir ja normalerweise nichts aus und ich gehe auch gerne bei Regen mit meinem Hund in den Feldern spazieren. Aber dann muß es entweder ein richtiger Regen sein oder nur so ein Nieselregen.
Diesen senkrechten, in den Kragen pissenden Regen an der Brunzburg mochte ich jedoch gar nicht.

„Kommt, wir sehen zu, daß wir den Folterkeller besichtigen können, wie die Burg von außen aussieht, können wir bestimmt auf Postkarten oder einem Prospekt angucken“, schlug die Allerliebste vor, und die außer uns noch etwa acht Personen nickten alle ebenso heftig wie zustimmend.

Gerade wollten wir an einem Kassenhäuschen bei einem schlechtrasierten Opa unsere Folterkammereintrittskarten lösen, da knirschte der Schotter hinter uns unter den bremsenden Reifen von Heiners Auto.
Heiner und Lizzy waren auch gekommen.

Sicher, so dachte ich, wollen die sich jetzt mit uns die Burg anschauen, etwas runterkommen und den verblieben Leuten signalisieren, daß doch noch alles gut wird und man nicht völlig in Wut von der Schwarzen Mühle abgereist war.
Lizzy lächelte ihr schmallippiges Lächeln, Heiner hatte sein Gesicht zu einem gequälten Grinsen verzogen und seine Augen flackerten wirr. Doch sie nickten uns nur freundlich zu und schlossen sich uns an.

Einen Euro kostete der Eintritt pro Person und irgendwie fühlte ich mich verpflichtet, das zu übernehmen.

Der unrasierte Opa war nicht nur Eintrittskartenverkäufer, sondern nachdem er uns die Karten verkauft hatte, verließ er seine Bude, setzte eine Schirmmütze mit der Aufschrift ‚Aufsicht‘ auf, sagte „So!“ und stellte sich an den Eingang zum Folterkeller und zerriss die eben gekauften Karten. Nachdem er uns alle einzeln in den Vorraum zum Keller eingelassen hatte, öffnete er einen Wandschrank, hängte die Aufsichtsschirmmütze ordentlich an einen Haken und setzte sich stattdessen eine andere Schirmmütze auf, diesmal mit der Aufschrift ‚Museumsführer‘.

„Macht zwo Euro“, sagte er und hielt die Hand auf.

„Wir haben doch schon Karten!“ rief die Allerliebste und der alte nickte: „Jau, die sind für Eintritt. Da können’se da rein und den Keller angucken. ‚Ne Führung kostet zwo Euro, da mach ich dann auch die Schränke mit dem Folterinstrumenten auf.“

Mehr belustigt als zähneknirschend drückte ich dem Mann 30 Euro in die Hand und sofort begann er seinen, schon tausende von Malen aufgesagten Text herunterzuleiern. „Das Geschlecht derer von Miegenstrumpfs geht auf eine Ahnneffin Karl des Großen zurück, hat aber noch ältere Wurzeln, die bis ins blablabla blabla blabla.“
So ging das zwanzig Minuten und wir hatten uns kaum zehn Meter weiter bewegt, weil der Opa immer wieder vor einem der zahlreichen an der Wand hängenden Bilder stehen blieb, die die längst verblichenen und alle ein bißchen wie Vladimir Putin aussehenden Vorfahren der heutigen Grafen von Miegenstrumpf zeigten. Auch die Frauen, sämtliche Kinder und sogar die Jagdhunde – alle sahen aus wie Putin. Da muß der Stammbaum ein geschlossener Kreis gewesen sein.

„Wann kommen denn die Folterwerkchzeuge?“ wollte der Schildkrötenforscher wissen und endlich schickte sich der Alte an, uns weiter in den Keller zu führen. Was mochten da wohl für geheimnisvolle Gewölbe auf uns warten? Hoffentlich mußte man nicht so weit laufen!
Kaum waren wir wieder zehn Schritte gegangen, sagte der Opa wieder „So!“.

Wir befanden uns in einem Keller.
Punkt.
Ein Keller, ein ganz normaler Keller. Steinwände, weiß angestrichen, oben an der Wand ein Kellerfenster, es fehlten nur noch die Regale mit Marmelade und Eingemachtem, dann hätte das bei uns daheim sein können.
Ach was, unser Keller sieht viel foltermäßiger aus!
Stolz und voller Ehrfurcht, so als ob er beim Hochamt die Monstranz mit dem Leib Christi aus dem Tabernakel hole, öffnete der Opa einen schmalen Wandschrank und trat zur Seite.

Wir erblickten einen Morgenstern, eine Lanze, einen kleinen Hammer, ein paar rostige Nägel und, das war noch das Grausamste, eine Peitsche.

Na gut, man kann Menschen auch mit einer Nagelfeile foltern, ja, manche Autoren brauchen gar keine Werkzeuge, um ihre Leser zu foltern, aber das hier war ja wirklich mehr als erbärmlich.

„Die früheren Burgherren waren immer sehr gütig zu ihren Untertanen und zu ihrem Lehnsvolk“, sagte der Opa, schloss die Türen wieder und meinte: „Möchten Sie noch einen Imbiss einnehmen? Es gibt Schinkenspeck, Rühreier und selbstgebackenes Brot.“

Das mußte man uns nicht zweimal sagen! Hunger hatten wir irgendwie alle, auch wenn der jetzt nicht von einer langen Folterkammerführung herrührte.
„Was kost‘ denn das?“ fragte meine Frau den Opa. Der schaute sie fast beleidigt an und meinte: „Das ist selbstverständlich im Preis enthalten, als Burgherr hat man schließlich seine Verpflichtungen!“
Da erst viel mir auf, daß der alte unter seiner Schirmmütze und hinter seinem Bart tatsächlich aussah wie Vladimir Putins Opa.

Wenigstens hatte es inzwischen aufgehört zu regnen, konnte ich feststellen, als wir vom wenig ergiebigen Verließ zum Hauptgebäude gingen.

Und wirklich, in der Burg gab es einen langen Tisch aus rauhem Holz, auf dem uns wenig später von der Frau des Burgherren-Opas, der ja wahrscheinlich der Graf von Miegenstrumpf gewesen ist, ein einfaches aber schmackhaftes Mahl serviert.

Die ganze Zeit hatten sich Lizzy und Heiner in meiner Nähe herum gedrückt, aber kein Wort gesagt.

Erst als ich nach dem Essen mit einer Blechtasse voll dampfenden Kaffees auf dem Burghof stand, um eine Zigarette zu rauchen, stand das Künstler-Doppelpack plötzlich neben mir.
Sie schienen seltsam nervös zu sein, auf irgendetwas zu warten und gerade wollte ich fragen, was sie denn so hibbelig macht, da lieferte Lizzy mir auch schon die Antwort: „Wir müssen uns dann wieder auf den Weg machen. An Heiners Auto geht das Licht nicht richtig und wir wollen noch im Hellen zu Hause sein.“

Das klang vernünftig. Heiner tippelte auf der Stelle, sog stark und gierig an seiner Zigarette, die mehr aus Glut bestand, denn aus Papier und Tabak und blickt mich wieder mit diesem irren Blick an.
Was nahm der bloß ständig?
Oder was nahm er nicht, was er hätte nehmen müssen?

„Jau“, sagte ich nur, mehr konnte und wollte ich nicht sagen.

„Is‘ noch was?“ fragte mich Heiner und ich schüttelte den Kopf. „Nee.“

„Wirklich nicht?“

„Nee.“

Ohne weiteren Gruß drehten die beiden sich um und stiegen in ihren Wagen. Weg waren sie.

Peter Wilhelm 7. März 2014


10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Boh ey Günny komm zum Punkt der Geschichte welche jetzt schon 26 Teile hat obwohl du erst neue Cliffhänger schreiben wolltest nachdem Fee und Goldfisch fertig sind. Peter bei aller liebe, ich komme mir verarscht vor. Mach doch erstmal eins fertig bevor du zig andere anfängst. Hinterher heisst es wieder Krank, Stress, Umbau…………. .
    So das musst mal gesagt werden.

    • Boa, ey Glückauf, dann fang doch erst zu lesen an , wenn die Geschichten komplett sind. Kann man ja den Kommentaren entnehmen, ob noch was fehlt . Mit welchem Anspruch kommst du dir eigentlich *verarscht* vor? Hast du irgendwelche Verträge mit Peter?

      Ich freu mich jedenfalls, hier immer wieder kostenlos nett unterhalten zu werden.

      Gruß, lio

      • Komplett lesen sich die Geschichten anders. Die Atmosphäre wirkt nicht so dicht, eher gezogen. Bei Cliffhangern kann man den Kontext länger ziehen 🙂

  2. Kleiner typo – „Da erst viel mir auf“ -> fiel mir auf.

    Ansonsten – nein, keine Ähnlichkeiten. Gar nüüüü nücht. Wie auch? O:-)

    Und ‚Werkchzeuge“? Sehr schön 🙂

  3. Nenene, kein Stress hier, Glückauf. Die Häppchen sind super um sie mal neben der Arbeit zu lesen (und zu entspannen, muss ja auch sein), ohne gleich böse Blicke zu ernten, weil es ein Buch darstellt.

    Klar ist das fies mit den Cliffhangern, aber hey, ich bekomme hier kostenfreie Unterhaltung geboten, da werde ich doch nicht meckern! Also, lass auch du das Meckern sein und freue dich, dass du diese Einblick ins Leben bekommst. Außerdem noch lehrreiche.

  4. „manche Autoren brauchen gar keine Werkzeuge, um ihre Leser zu foltern, “
    Ich glaube, einen kennen wir alle……
    grrrrrrr

  5. Wenn das alles nicht erfunden wäre, hätte ich mich damals bestimmt geärgert, das ich nicht hingefahren bin..

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