Geschichten

Der Irrtum des Vermieters II

Frau Polenz hatte ja im Zuge der eintrudelnden Beileidsbriefe auch ein ziemlich unverschämtes Schreiben ihrer Vermieter bekommen, die offensichtlich die Hilflosigkeit der alten Frau ausnutzen und sie kurzerhand zugunsten eines Neffen vor die Tür setzen wollten.

Das Schlimme an der Sache: Frau Polenz ist obrigkeitshörig und hat Angst vor allem, was in schriftlicher Form kommt. So ein Schreiben, das hat Gewicht, das muss man befolgen, das ist quasi Gesetz und kommt gleich nach den Zehn Geboten.

Als Kaufmann konnte ich nur über den Brief lachen und Frau Polenz verstand mich gar nicht. Als ich ihr riet, sie solle sich doch bitte mit einem Anwalt oder dem Mieterverein beraten, zog sie den Kopf zwischen die Schultern und war der Meinung, das könne man doch nicht machen, das seien doch schließlich die Vermieter und denen gehöre doch das Haus.

Ich kenne aber Herrn Kaiser von der Versicherung, und das ist kein Witz, der heißt wirklich so, und er hat mir mal erzählt, dass es keinen einzigen Tag gibt, an dem er nicht wegen seines Namens auf den Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer angesprochen wird.
Ja, und eben dieser Herr Kaiser, das weiß ich, ist nicht nur Finanzfachwirt mit Schwerpunkt Immobilienwesen, sondern seine Frau ist auch eine gute Anwältin für Miet-, Erb- und Familienrecht.
Ich weiß nicht, ob es korrekt war, ihn einfach mal bei Frau Polenz vorbeizuschicken, aber ich habe es trotzdem gemacht.
Frau Polenz war im ersten Moment wohl etwas überfordert und dachte, der Mann käme, um sie jetzt erst recht aus ihrer Wohnung zu setzen, aber Herr Kaiser ist sehr überzeugend und freundlich. Er hat sich dann den Brief der Vermieter durchgelesen, musste wie ich darüber lachen und konnte die alte Dame beruhigen. „Also mit so einer Kündigung kommen die nicht durch. Wenn ich mal ehrlich sagen soll, was ich davon halte, dann sage ich, dass die sich damit den Allerwertesten abwischen können.“

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„Ich muss also nicht raus?“

„Nein.“

„Ja, aber die werden mir doch das Leben jetzt zur Hölle machen.“

„Das allerdings steht zu befürchten.“

„Also muss ich mir doch was anderes suchen, denn einen Nervenkrieg stehe ich nicht durch.“

„Bevor wir jetzt die Flinte ins Korn werfen, will ich mal mit den Vermietern reden.“

Ich weiß das alles, weil Herr Kaiser anschließend händereibend und grinsend bei mir im Büro saß. Es ist – zumindest mal für den Moment – alles in Ordnung und dazu ist es so gekommen:

Herr Kaiser hat mal bei den Vermietern geklingelt und sich mit denen auf ein Tässchen Kaffee hingesetzt. Eigentlich seien das ganz nette Leute, aber sie seien voll in ihrer Rolle als Besitzer verhaftet und hätten zunächst mal keinen Zweifel daran gelassen, dass sie glaubten, sie könnten mit ihrem Eigentum machen, was sie wollen.

Diesen Zahn konnte Herr Kaiser denen aber ziehen, denn – wie so oft in solchen Fällen – die beiden Alten hatten keine Ahnung von Mietrecht und bildeten sich tatsächlich ein, der Mietvertrag sei mehr oder weniger nur Formsache und es gelte sozusagen nur das allmächtige Wort des Vermieters.

Dass sie eventuell der Witwe unten jetzt den ganzen Umzug, Maklerkosten, Renovierungskosten, eventuell neue Möbel und Schadenersatz zahlen müssen, versetzte ihnen einen Schock. Als Herr Kaiser merkte, dass die Vermieter in der richtigen aufgeschreckten und aufgescheuchten Stimmungslage waren, setzte er noch eins obendrauf.
Schließlich sei ja im Mietvertrag die Haltung von Hunden ausdrücklich erlaubt und Frau Polenz dürfe sogar Untermieter aufnehmen. Außerdem habe sie eine ganze Reihe von Enkeln und im ungünstigsten Falle, also wenn es so aussehen könnte, als ob man der Frau Schwierigkeiten machen wolle, wäre ohne Weiteres daran zu denken, dass sich Frau Polenz zunächst mal einen Hund anschaffe und dann alle ihre Enkel einziehen könnten. Im schönen großen Garten sei ja massig Platz für allerlei Spielgeräte und einen schönen großen, aufblasbaren Pool, da kämen dann sicher noch etliche andere Kinder zum Spielen.

Angeblich sei der Vermieter so blass geworden, dass Herr Kaiser schon beinahe ernsthafte Befürchtungen hinsichtlich seines Gesundheitszustandes gehabt habe. In jedem Fall sei man sofort und ganz energisch von allen Forderungen abgerückt und habe sich dann doch recht kurzfristig dahingehend erklärt, man sei ja eigentlich ganz froh, dass da so eine ruhige, nette, ältere Frau wohne, und dass man deswegen nochmals mit dem Neffen reden wolle.
Jedenfalls könne Frau Polenz da wohnen bleiben, so sei das ja alles nicht gemeint gewesen.

Ich bin froh, dass es so gekommen ist, aber ich glaube nicht ernsthaft daran, dass es wirklich sehr lange wirkt. Vielmehr befürchte ich, dass der Neffe der Hausbesitzer denen wieder ins Gewissen reden und sie umzustimmen versuchen wird.
Aber es ist vielleicht ein erster Etappensieg, der einen Zeitgewinn bedeutet.

Frau Polenz erzählt mir, die Vermieter haben jetzt ein zweizeiliges Schreiben abgegeben. Darin stehe sinngemäß:
Hiermit ziehen wir unsere Kündigung vom ... zurück.
Wir hoffen auf ein weiterhin angenehmes und ruhiges Mietverhältnis.

Sie sei aber schon zu lange auf der Welt, meint Frau Polenz, um nicht zu wissen, dass das Ganze noch nicht vorüber ist.

„Warten Sie nur, bis der Neffe merkt, dass er die Wohnung nicht kriegt!“ sagt sie und verdreht vielsagend ihre Augen: „Aber ich kenne ja jetzt den Herrn Kaiser und seine Frau ist ja bei Gericht.“

„Seine Frau ist Anwältin“, korrigiere ich, und Frau Polenz zeigt mit dem Zeigefinger nach oben: „Sie ist ganz was Hohes!“

„Anwältin.“

„Genau! Und zu der gehe ich dann mit dem Herrn Kaiser, wenn mir die Leute Schwierigkeiten machen. Aber trotzdem werde ich mal in aller Ruhe das Suchen anfangen. Wissen Sie, mir würde eine Wohnung ohne so einen großen Garten besser gefallen, am liebsten in einem größeren Haus, wo sich ein Hausmeister um alles kümmert. Mir wird das Kehren, das mit den Mülltonnen und die Gartenarbeit wirklich auf Dauer zu beschwerlich. Jetzt kommt ja noch die Grabpflege hinzu und man wird ja nicht jünger.“

Ich nicke nur und beschließe, noch einmal mit Herrn Kaiser zu sprechen. Vielleicht könnte es sinnvoll sein, wenn man die Umzugsbereitschaft der Frau Polenz dem Neffen mal signalisiert. Möglicherweise kommt am Ende eine für alle Beteiligten tragbare Lösung mit einem vernünftigen zeitlichen Ablauf und gewissen Vorteilen für Frau Polenz dabei heraus.

Erst wird geschossen, jetzt wird verhandelt.

©2008

Bildquellen:

  • vermieter_800x500: Peter Wilhelm ki

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