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Der Goldfisch -VII-

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Ich fasse noch einmal kurz -mich selbst zitierend- zusammen:

Katja war unter etwas ominösen Umständen daheim schwer gestürzt und hatte sich dabei tödliche Verletzungen zugezogen. Ihr Vater, Herr Bültgens, war ganz bescheiden bei uns aufgetreten und hatte die Bestattung organisiert und rückte dann, lange herumdrucksend, damit heraus, daß seine Tochter mit einer gewissen Dagmar in einer lesbischen Partnerschaft gelebt hatte.

Wir hatten das so zur Kenntnis genommen und waren innerlich darauf vorbereitet, daß also kein Ehemann und keine Kinderschar zum Abschiednehmen kommen würde, sondern eben eine Dagmar. Dann aber da tauchte mit der Marschgeschwindigkeit eines Intercity-Zuges Hugo Bauer, Chef des größten Autohauses der Stadt, bei uns auf und erklärte in theatralischer Dramatik, Katja sei seine Lebensgefährtin, seine Freundin gewesen.

Auf einmal haben wir drei Trauernde, den Vater, die lesbische Freundin und einen alten aber begehrten Junggesellen.
An dieser Stelle kommt Radek ins Spiel, ein Tscheche, der für Herrn „Auto-Bauer“ der Mann fürs Grobe ist und der sich für seinen Mäzen die Hände schmutzig macht.

Radek erzählt, daß Katja im Grunde nur dann bei Bauer aufgetaucht war, wenn sie sich vorher bei einem Zug durch bestimmte Gaststätten ordentlich einen hinter die Binde gegossen hatte und daß das nur vorgekommen sein, wenn sie sich zuvor mit ihrer Freundin Dagmar heftig gestritten hatte.

„Die hab nur dann der Bauer besucht, wenn sie hab Krach mit die Freundin und um der ein auszuwischen“, sagt Radek mit der Erfahrung eines Mannes, der schon alles gemacht und erlebt hat und der zwölf Jahre Knasterfahrung aufzuweisen hat.

Am Anfang war es so, daß Bauer Radek auf dem Handy anrief und ihn losschickte, hinter Katja herzulaufen oder herzufahren. „Ich will genau wissen, wo die hingeht, auf die Sekunde genau, auf den Meter genau!“

Doch viel Interessantes konnte Radek seinem Chef nicht berichten, denn die Abläufe waren immer die selben.
Katja stand morgens auf, fuhr ins Bauer’sche Autohaus, tat dort ihren Dienst und fuhr am späten Nachmittag wieder in die Wohnung, in der sie mit Dagmar lebte.

Radek weiß gar nicht mehr, wieviel Nächte er sich im Auto vor diesem Haus um die Ohren geschlagen hat und er gibt unumwunden zu: „Meist Zeit hab geschlafen, kann doch nicht 24 Stunden um Uhr aufpasse, oder? Aber is‘ nix passiert. Katja hab auch geschlafen, in Wohnung ist immer ganz früh Licht ausgemacht.“

Nur ab und zu, Radek vermutet, daß es vorher Streit mit Dagmar gegeben hatte, kam Katja gegen 22 Uhr aus dem Haus und zog durch die Kneipen, um dann -wir hatten es schon- schließlich bei Bauer zu landen. Für sie vielleicht eine Rache an der lesbischen Freundin, ein Ausbruch aus dem für sie Normalen; für Bauer eine Eroberung sondersgleichen. Er der große Auto-Bauer „bekehrt“ eine schöne Lesbe, allein mit seinem Charme, mit seiner Männlichkeit.

Doch diese Abläufe, die Radek Bauer auch so berichtete, wollte Bauer einfach nicht glauben.
„Die macht‘s bestimmt mit anderen Männern, wenn sie in den Kneipen ist. Die MUSS sich noch mit irgendwem treffen, die hat da jemanden, das spüre ich doch.“

„Der hab kranke Eifersucht“, sagt Radek lakonisch dazu, winkt ab und schiebt seine Kappe in den Nacken, fischt hinterm Ohr eine schonmal angerauchte, aber erloschene Filterlose hervor, leckt nochmals am Papier und zündet sich die Kippe dann umständlich an. „Nix hab die gemacht, die war nur arbeiten, bei die Dagmar und bei Bauer, ja eben und hab ab und zu in Kneipe was gesoffen.“

Das aber sei eben in letzter Zeit sehr häufig der Fall gewesen, sodaß Radek zu dem Schluss gekommen war, Katja sei eine heimliche Säuferin. Bauer interessierte das nicht, ihm war es egal, daß Katja nur noch überdreht und unverständlich reden konnte, wenn sie zu ihm kam, Hauptsache sie kam überhaupt und blieb über Nacht.

Überall sah er aber Gelegenheiten, die Katja angeblich auch wahrnahm, um ihn zu betrügen. „Wenn die zur Zulassungsstelle fährt, dann sind alle in einer halben Stunde wieder zurück, nur Katja braucht über eine Stunde. Die treibt sich doch herum! Ab morgen probieren wir was Neues! Ich habe ein GPS-Gerät, das die Routen aufzeichnet, wo sie sich herumtreibt. Das bringst Du im Kofferraum an und holst es mir abends immer. Dann werden wir ja sehen.“

Nichts sah der gute Herr Bauer, gar nichts. Denn die kreuz und quer über der Stadtkarte liegenden Tracking-Linien waren für ihn so verwirrend, daß er nicht erkennen konnte, ob Katja nun nur die vorgesehenen Wege gefahren war oder ob sie tatsächlich irgendwelche Abstecher gemacht hatte.
Egal, für ihn war das der Beweis, daß sie sich herumtrieb und womöglich mit anderen Männern traf.

Von da an lauerte Bauer an strategisch günstigen Punkten auf Katja und beobachtete sie selbst mit einem Fernglas.
Wenn er ihr einen Auftrag gab, sorgte er dafür, daß sie erst zwanzig Minuten später losfahren konnte und richtete es so ein, daß er selbst vor ihr am Ziel war, wo er sich versteckte um zu schauen, was sie da machen würde.
Wenn Katja also irgendwohin fuhr, hatte sie ein GPS-Gerät im Kofferraum, Radek folgte ihr in immer anderen Fahrzeugen aus dem Hause Auto-Bauer und am Zielort lauerte schon Herr Bauer persönlich.

„Wir hab das besser gemacht wie der Stasi“, lacht Radek, nimmt sich eine meiner Zigaretten, bricht den Filter ab und steckt sie sich hinters Ohr.

Nun kann ich mir nicht vorstellen, daß sich Radek und Herr Bauer bei ihrer Überwachungsaktion besonders geschickt angestellt haben, aber das muß man auch normalerweise nicht. Denn anders als es uns in Filmen immer weisgemacht wird, schaut niemand wirklich in den Rückspiegel, um nachzuschauen ob ihm seit 2 Kilometern ein blauer Opel folgt… Wer nicht damit rechnet, daß er beobachtet wird, dem fällt auch nicht auf, daß da jemand lauert, verfolgt und observiert.
Dennoch ist es fast ein Wunder, daß Katja das alles nicht aufgefallen ist, denn zeitweilig hatte Bauer noch einen Privatdetektiv zusätzlich auf Katja angesetzt. Der aber hatte seine Arbeit nach nur einer Woche ebenso ergebnislos wie teuer eingestellt, weil er unter diesen Bedingungen nicht arbeiten konnte. Entweder würde Bauer ihm die Observation überlassen oder es selbst machen, beides geht nicht.

Bauers Geschenke an Katja wurden immer größer. Erst waren es kleine Schmuckstücke, mal eine Handtasche, mal ein Halstuch, dann wurden es Kleider, Mäntel, teure Uhren und Halsketten und schließlich ein Auto.
Dafür ließ sich Katja überreden, mit Bauer zu Autoausstellung, zum Automobilsalon und schließlich auch in sein Wochenendhaus auf Rügen zu fahren.

Wenn Katja bei ihm war, wenn er die Kontrolle über sie hatte, dann war Bauer glücklich, dann war für ihn die Welt in Ordnung. Und wenn Katja sich seinem Zugriff entzog, dann gestattete er das auch jedes Mal großzügig, er sei doch nicht eifersüchtig, er doch nicht! Doch kaum war Katja weg, müssen ungeheure Zweifel in diesem Mann genagt haben. „Der hab dann rumgelaufen in sein Büro, wie Tiger in Käfig, immer auf und ab, immer alle zwei Minuten auf Handy geguckt. Alle zehn Minuten hab der SMS an Katja geschickt und wenn dann kein Antwort kam, ist der ausgeflippt. Entweder hab der dann mich angerufen und ist dann zu mir gefahren gekommen, damit er selbst gucken kann, was Katja macht oder er hab in der Firma rumgebrüllt und mit jedem Streit angefangen.“

Aus Bauers Sicht war Katja seine feste Freundin. Jede Minute des Tages wollte er sie unter Kontrolle haben und er bildete sich wohl ein, daß Katja die Frau sei, mit der er den Rest seines Lebens verbringen könnte.
Katja muß das wohl ganz anders gesehen haben. Sie lebte mit Dagmar und arbeitete bloß für Bauer. Daß sie ab und zu mit ihm auf Geschäftsreise ging oder ihn als Sekretärin mal in sein Wochenendhaus begleitete, das waren für sie kleine Eskapaden, aber doch nicht so zu verstehen, daß Bauer irgendwelche Ansprüche daraus ableiten konnte.

„Die hab nicht mit dem gespielt. Die hab das gar nicht kapiert, daß der sie ganz haben wollte. Die hab einfach ihren Spaß gehabt und der alte Bock hab sich eingebildet, die schöne Katja wär‘ sein ganzes Frau.“

Schließlich besorgte Bauer von irgendwoher ein Nachtsichtgerät und ein Abhörgerät.
So saß Radek also nachts mit seinem um die Stirn geschnallten Superfernglas vor Dagmars und Katjas Wohnung und sah nichts weiter als schemenhafte Gestalten hinter den Vorhängen. Die Wanze hatte er in Katja Handtasche platziert und da die junge Frau diese wohl im Flur der Wohnung bei der Garderobe abzustellen pflegte, war außer gelegentlichen Wortfetzen über die Kopfhörer in Radeks Auto nichts zu hören.

„Hab nur Arbeit gemacht. Mußtu abpassen wann Du an Handtasche kannst, mußt Du Batterie wechseln, dann hab die am nächsten Tag andere Tasche dabei und Du mußt warten bis sie wieder die richtige mitbringt. Die muß mich schon für blöd gehalten haben, so oft kam ich in die ihr Büro.“

So hätte das Spiel noch ewig lang weitergehen können und es ging insgesamt vielleicht 6 bis 8 Monate so, doch dann änderte sich mit einem Mal alles schlagartig.

„Da hab der Bauer ein Fehler gemacht! Soll doch zufrieden sein, der alte Bock, daß er so ein hübsche Frau zum XXXX hat, was will eine alte Mann mehr? Aber der hab besitzen wollen, hab die immer mehr wollen. Und dann hat er dem großen Fehler gemacht, der die Katastrophe gemacht hat.“

Peter Wilhelm 29. Juni 2012


16 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Mir wäre bei diesem langen und spannenden Text lieber gewesen, wenn der Meister der Formatierungen zugeschlagen hätte… 🙂

  2. Keine Ahnung, warum da die Absätze verschwunden waren. Habe den Artikel nochmals abgespeichert und schon klappt’s.

  3. Wenn ich nun von dieser Klippe falle und sterbe, werde ich nie erfahren wie es ausging *grummel*

  4. Wenn ich eine Frau wäre, und mein Partner wäre so ein Kasper, der mir unterstellt, ich würde mich mit Männern herumtreiben, der bekäme von mir zu Allem ein uneingeschränktes „JA“. Einfach zugeben und bestätigen. Wenn ihm das nicht passt, kann er ja Schluß machen. Wenn wir dann irgendwo hin fahren, dann in zwei Autos, sonst wäre es ja keine Beschattung. Und so würde ich mich dann in der Stadt mit Leuten herumtreiben, oder besser herumlungern. Wenn er dann noch nicht weg ist, würde ich mir bei einer Securityfirma einen Bodyguard mieten, der den neuen Lover mimt. Vielleicht habe ich Glück, er rastet aus, tötet aus Eifersucht den Bodyguard (ein Zeichen, das dieser nicht genügend qualifiziert war, und ohnehin zur Auslese anstand), kommt dann in den Knast und ist auch weg.

  5. Ich hoffe, Tom ist es bewusst was er für ein Problem hat, wenn er von diesem ganzen Zeug weiss. Hat der Vater der Goldfisch-Tätowierten einen Anspruch darauf, die Wahrheit zu erfahren?

    Nur so ein Nebengedanke. Will ja nicht vom Genuss dieser faszinierend-schockierenden Story ablenken. 😉

  6. Viel interessanter ist doch:
    Der Radek hat endlich mal „hat“ und nicht „hab“ gesagt… sogar gleich zwei mal im selben Satz. Also wenn das nix zu bedeuten hat.

  7. Wann gehts denn endlich weiter Tom? Einen mit so einem Cliffhanger über zwei Wochen hängen zu lassen ist nicht grade fair 😉

  8. Ach DER KLIPPENHÄNGER !
    Mußte doch grübeln ob ich irgendeine Folge mit zoologischem Hintergrund verpasst habe, tststs.
    B. A.

  9. Tom, jetzt schreib doch bittebitte hier mal weiter… nur weils so warm ist, heißt das doch nicht, dass du das hier ewig versacken lassen kannst…

  10. Nu wirds aber langsam Zeit Herr Undertaker, finden Sie nicht auch?

    Mach doch bitte weiter an der Geschichte Tom. Danke.

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