Geschichten

Der Sonntach is heilich

chef

Sonntach! Ach, irgendwie ist der Sonntach doch der einzige Tach, an dem wirklich keiner wat von dir will. Samstach is noch der Stress mit dem Einkaufen, da wird es erst am Namittach gemütlicher. Aber der Sonntach, der gehört der Familie, der Freizeit, mir…

Es sei denn, du bist Bestatter.
Ja, ich weiß, was du jetzt denkst: Augen auf bei der Berufswahl. Oder: Was jammert er schon wieder, das hätte er vorher wissen müssen.

Bestatter haben an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr geöffnet. Wobei sich „geöffnet“ ausschließlich auf die Erreichbarkeit bezieht und nicht auf die Anwesenheit.
Wer einen Sterbefall hat, kann immer beim Bestatter seines Vertrauens anrufen, und er wird auch fast immer jemanden erreichen, der sich um das aktuelle Anliegen kümmert.
Dank moderner Technik ist das ja heute kein Problem mehr. Der Mitarbeiter am Telefon kann theoretisch in der Sauna sitzen, auf dem Riesenrad oder an der Kneipentheke.

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Früher war das mal anders. Als es diese mannigfaltigen Möglichkeiten der ständigen Erreichbarkeit noch nicht gab, musste tatsächlich immer jemand aus der Bestatterfamilie am Telefon sitzen bleiben.
Ich schrieb schon mal: Wohl dem, der eine Oma hat, die das übernimmt.

Und Bruder Hein, also dieser Kapuzenlümmel mit der Sense, der schert sich ja einen feuchten Dreck darum, ob es Sonntach oder sonst ein Tach ist. Manchmal meine ich sogar, der Kuttenolm wartet nur darauf, dass ich die Füße hochlege und mir ein Pfeifchen stopfe, um genau dann irgendwo eine Oma wegzusensen, deren Angehörige dann abends um 23.40 Uhr bei mir anrufen.
Und manchmal setzen sich nachts um drei auch zwei Doofe auf ein Moped und versuchen, oben auf dem schmalen Geländer der Rheinbrücke den Stunt ihres Lebens für TikTok aufzuzeichnen, um möglichst viele Follower zu bekommen. Die bekommen sie dann auch sechs Tage später: 45 Leute, die ihren Särgen bei der Beerdigung followen.

Nun sind wir Bestatter ja gewieft darin, schnell zu erkennen, ob ein Anruf wirklich dringend ist. Oft genug sind es nämlich auch Kunden, die meinen, man habe seit Jahren nichts anderes als ihre Vorsorge im Kopf. Die haben vor ein paar Jahren schon zu Lebzeiten alles für ihre Beerdigung vorbestimmt und bereits bezahlt. Gut so! Kann ich jedem nur empfehlen. Und dann is‘ gut. Dann muss man nix mehr machen, nur irgendwann sterben.

Dann macht der Bestatter alles so, wie damals vereinbart, ohne dass die Familie Sorgen, Nöte oder eine finanzielle Belastung hat.

Aber es gibt eben diese Kunden, denen sonntagsmorgens beim Pipimachen auf einmal einfällt, dass das ‚Ave Maria‘ doch nicht das perfekte Lied für ihren Abgang sein könnte, und dass das Lied von Maite Kelly, das sie am Vorabend in der Zarella-Show gehört haben, viel, viel besser geeignet sei. Und die rufen dann sonntags um zehn beim Bestatter an und wollen das alles ganz ausführlich besprechen.

Gehört zum Job. Muss man durch.
Aber man kennt da Formulierungen und Tricks, wie man solche Leute auf die kommende Woche vertröstet, denn wirklich wichtig und dringend wäre dieser Änderungswunsch ja nur in dem Fall, in dem der Anrufer vorhat, innerhalb der nächsten Stunden aus dem hiesigen Daseinsbereich ins Jenseits zu wechseln.

Ist der Fall nicht so dringend, werden die Leute, wie Sandy das immer nennt „weggewimmelt“.
Das ist nicht böse gemeint und auch nicht kundenunfreundlich, es ist eben Sonntag, es ist eben nachts oder Weihnachten…

Herr Bohringer hat schon zweimal in den letzten Monaten zur Unzeit angerufen und ist immer an Frau Büser geraten. Unsere resolute erste Bürodame ist schon so lange dabei, die kennt Tricks, wie man mit Kunden umgeht, die kenne ich noch nichtmal. Einmal hatte Herr Bohringer mitten in der Nacht angerufen und einmal morgens um halb fünf, was ja auch sozusagen mitten in der Nacht ist.
Bei ihm dreht es sich um einen Vorsorgevertrag, den er für seine demente Schwester abgeschlossen hat, die, so wie er, weit über 80 Jahre alt ist, und besagten Kapuzenmann hin und wieder schon mit der Sense scharren hört.

Dann legt sie sich ins Bett, schnauft und röchelt zum Herzerbarmen, der Pastor von nebenan kommt vorbei, es werden Kerzen angezündet, und dann berappelt sie sich wieder. So ist das schon x-mal gegangen. Die Heimleiterin meint, die Alte bräuchte diesen Ablebens-Zinnober und die damit verbundene exklusive Aufmerksamkeit, und würde daraus Kraft für die nächsten drei bis sechs Monate ziehen.

Ja, und der alte Bohringer hat die Ausrichtung der einstigen Bestattung seiner Schwester zu seinem Hobby gemacht. Sie gibt ihm ja auch immer wieder Anlass dazu, zu glauben, jetzt sei es soeit.

Den etwas nervigen, aber doch sehr lieben alten Herrn „wegzuwimmeln“ oder auf einen späteren Termin zu vertrösten, ist zu einer Beschäftigung geworden, die jeden von uns schon mal getroffen hat.

Nun ist es eben Sonntach. Ich schreib das extra so in meinem Heimatidiom, um die Heiligkeit dieser Freizeitinsel innerhalb der ständigen Rufbereitschaft zu unterstreichen.
Am Sonntag fällt der ganze alltägliche Bürokram weg, es kommen keine Pakete, Päckchen, Briefe, und es steht nicht alle zwei Minuten ein Mitarbeiter in der Tür und will nur mal eben etwas wissen.
Der Sonntag gehört meiner Familie und mir.

Außer, wenn so jemand wie Herr Bohringer es leid ist, am Telefon weggewimmelt zu werden, und sich in seinen 30 Jahre alten dicken Benz setzt, um zu uns zu fahren, vor der Tür des Bestattungshauses zu stehen und Sturm zu klingeln.

Wir befinden uns zeitlich an der Schwelle der kommunikativen Errungenschaften, an der es schon Handys gibt, aber noch keine Smartphones. Diese ganze WLAN-Vernetzung gibt es auch noch nicht. Die Technik ist, was Kameras und solche Sachen anbetrifft, auch noch unglaublich teuer. Als Bestatter haben wir eine Kamera vor dem Haus und eine gute Sprechanlage. Die funktioniert über unsere Telefonanlage und ist auf dem letzten Stand der Technik.

Wenn jemand bei uns klingelt, wird das über die Telefonanlage an das Telefon desjenigen weitergeleitet, der gerade Telefondienst hat. Der kann dann mit der Person, die geklingelt hat, aus der Ferne sprechen. Die Kamera nutzt dabei nichts, denn das Bild ist nur auf einem Monitor im Bestattungshaus zu sehen. So etwas wie eine Bildübertragung aufs Smartphone ist noch nicht erfunden.

Nun ist es aber so, dass nachdem der Kunde geklingelt hat, aus der Sprechanlage erst einmal ein Telefonrufzeichen tutet. Die Anlage muss ja zunächst einmal beim Bereitschaftsdiensthabenden anrufen, der muss erst einmal drangehen und bis dahin vergehen einige Sekunden bis hin zu einer Minute. Das verstehen aber Leute, die über 80 sind, und die so etwas nicht kennen, nicht.
Deshalb kommt es dazu, dass die sich schon im Modus des Anschreiens und des Zorns befinden, wenn sich endlich jemand meldet.

„Ich bin wegen meiner Schwester da. Machen Sie mal auf, ich will rein!“

Sandy hat Telefondienst und sagt: „Schönen guten Tag. Es ist Sonntag und das Bestattungshaus ist geschlossen. Wir sind erst morgen ab acht Uhr wieder da.“

„Lügen Sie doch nicht! Sie sprechen doch mit mir, also sind Sie da. Kommen Sie runter und lassen Sie mich rein. Ich hab was zu besprechen. Meine Schwester wird schon wieder verabschiedet.“

„Sie sprechen mit dem Bereitschaftsdienst des Bestattungshauses. Ich sitze 20 Kilometer entfernt und kann nur mit Ihnen sprechen. Im Büro ist niemand. Wenn etwas Dringendes ist, können Sie mir das gerne sagen, ich kümmere mich dann. Notfalls kommt natürlich auch gerne jemand. Um was geht es denn bitte?“

„Das Hemd!“

„Was ist mit dem Hemd?“

„Wir haben damals rosa ausgesucht, ich will jetzt aber so ein edles Hellgrau. Machen Sie auf, dann komm ich rein, und dann zeig ich Ihnen das, das liegt in Ihrer Ausstellung unten links im Regal. Hellgrau mit Rüschen.“

„Wie ich es Ihnen schon sagte, Sie sprechen über Telefon mit dem Bereitschaftsdienst. Im Büro ist keiner. Niemand kann Ihnen jetzt aufmachen. Kommen Sie bitte morgen während der Bürostunden vorbei.“

„Auf dem Schild in Ihrem Fenster steht aber, dass Sie 24 Stunden erreichbar sind. Was ist jetzt damit? Das ist ja wohl das Mindeste, das ich erwarten kann, dass sie dann auch aufmachen.“

„Wir sind ja auch 24 Stunden erreichbar.“

„Eben nicht!“

„Doch, Sie haben mich doch erreicht.“

„Auch wieder wahr. Aber nicht mit Aufmachen und so!“

„Nee.“

„Und wann kommt jetzt jemand?“

„Gar nicht.“

„Und warum nicht?“

„Weil ich mir jetzt schon aufgeschrieben habe, dass Sie das Hellgraue mit den Rüschen wollen. Falls was ist, machen wir das so. Dafür muss jetzt niemand kommen.“

„Kann ich mal den Chef sprechen?“

„Ganz bestimmt nicht.“

„Und warum nicht?“

„Weil es Wochenende ist und der Mann auch mal frei hat.“

„Unverschämtheit! Sie ziehen den Leuten das teure Geld aus der Nase und wenn es dann drauf ankommt, dann machen Sie nicht auf. Wissen Sie was, ich setz mich jetzt hier auf die Treppe und warte einfach, bis jemand rauskommt oder reingeht. Wollen wir mal sehen, ob da nicht doch jemand da ist.“

Als wir am Montagmorgen um acht die Tür aufgeschlossen haben, saß da keiner auf der Treppe. Keine Ahnung ob und eventuell wie lange Herr Bohringer da noch gewartet hat.

Jetzt, sofort, ich, ich, ich…

Nee, der Sonntach bleibt heilig.

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(©si)