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Frau Doktor

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Lieber Herr Wilhelm!

Ich glaube, ich verfolge Sie und Ihr Werk fast von Anbeginn und möchte mich heute herzlich bedanken, mit wie viel Lächeln Sie mir und meiner Familie schon bezaubert haben.

Heute bin ich halt mal ‚dran‘:
Gestern haben wir die unsere Oma beerdigt. Ihren Ehemann Dr. Boll hat sie lange überlebt. Sie war immer sehr ehrgeizig und liebte Titel, hat sich bis zuletzt mit „Dr. Boll“ am Telefon gemeldet.
Sie hat aber keinen akademischen Grad. Sie war Mutter zweier Kinder, meine Schwiegermutter, Oma zweier hinreißender Enkel.

Der Beerdigungstag war trotz allem ein wundervoller Tag. Wundervolle Familie, liebe Bekannte. Vor Ihr im Grab liegen mein kleiner Sohn (3 Monate) und ihr Mann, der eigentliche Doktor, aber ohne Titel begraben.
Sollen wir sie mit Mag. betiteln, weil es ihr zeitlebens so wichtig war?

Dürfen wir auch ihren Rufnamen „Doro“ auf den Stein schreiben, obwohl sie ja Dorothea hieß?

Und zuletzt:
Herr Wilhelm, was können wir von der (Wiener) Bestattung erwarten? Wir haben uns erlaubt, noch mal kurz im den Sarg zu schauen. Es hat soweit alles gepasst. Gefaltete Hände, dekadentes ausgesuchtes Kleid.
Aber das Gesicht war ein Alptraum. Mein Mann ist fast in Ohnmacht gefallen. Und ich bin auch nicht so gut drauf.
Kann mann nicht erwarten, dass auch das Gesicht zumindest einigermaßen für eine Beerdigung aufbereitet ist?!?

Ich danke für das Zulesen

Die Zuschrift kommt aus Österreich.

Selbstverständlich darf die Doro-Oma auch nach ihrem Tod „Frau Doktor“ bleiben.
Was soll denn dagegen sprechen? Sie war es während ihres Lebens ja auch, und niemand hat es ernsthaft beanstandet.
Es wird auch niemand kommen, und das beanstanden.
Und der Rufname geht völlig in Ordnung.
Österreich pflegt eh einen anderen Umgang mit den Titeln und Graden.
Auch bei uns war es bis in die 70er/80er Jahre hinein durchaus üblich, dass sich Doktorengattinen auch Frau Doktor nennen ließen.
Bei meinem ehemaligen Ohrenarzt war das noch 2001 so, dass sich seine Frau, die die Rezeption machte, mit Frau Doktor ansprechen ließ.

Bezüglich der hygienischen Versorgung: Selbstverständlich kann man erwarten, dass das Gesicht ordentlich zurecht gemacht wird.


BILDQUELLEN

Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 8. Juli 2022

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kenne heute, 2022, noch eine Zahnarztgattin, die sich mit „Frau Doktor“ anreden lässt. Allgemeinen Gerüchten zufolge hat sie lediglich Realschulabschluss. In den 1980er Jahren hätte ich mir nichts weiter dabei gedacht, aber im 21. Jahrhundert mutet das schon etwas befremdlich an.

  2. Ja, sowas kenn ich auch. Der Herr Doktor (also der mit dem Titel) ist mit mir per Du. Immerhin hat er mich auf die Welt gebracht und ist seither mein Hausarzt.

    Seine Frau ist, seit ich Alt genug bin um das zu verstehen, allerdings nicht miehr die „Frau Doktor“, sondern die „Frau vom Doktor“. Das hat selbst bei meinem Hausarzt zu einem Lachanfall geführt, als er das mitbekommen hat….

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