Gutes Personal zu finden, ist besonders für Bestatter recht schwierig. Früher war das einfacher. Da fanden sich immer ein paar ältere Herren, die sich gerne noch was hinzuzuverdienen, und als Fahrer, Beifahrer oder Sargträger arbeiteten.
Dass das immer Männer waren, liegt in der Natur der Sache. Es geht um kräftiges Zupacken, Kraft und körperliche Belastbarkeit. Frauen trauen sich das oft nicht zu, und es hat auch viel mit der klassischen Geschlechterrolle zu tun, dass sie nur sehr selten als Leichenfahrerinnen oder Sargträgerinnen zu finden waren.
Das bedeutet nicht, dass Frauen das nicht können. Nein, heute machen Frauen den Großteil des Bestatternachwuchses aus und die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft ist bei jungen Frauen sehr beliebt.
Ich habe es auch immer wieder beobachtet, dass Frauen nach dem Tod ihres Mannes sehr erfolgreich ein Bestattungsunternehmen weitergeführt haben und auch alle anfallenden Arbeiten erledigten. Ganz besonders in Erinnerung ist mir dabei eine Frau geblieben, die jahrelang ein Bestattungsinstitut ganz alleine betrieben hat. Das muss man sich mal vorstellen!
Sie hatte eine Technik entwickelt, Särge alleine auf den Sargroller zu hebeln und auch ohne Hilfe ins Auto und wieder ausladen zu können. Nur zum Tragen in Treppenhäusern bat sie Angehörige manchmal um Hilfe. Interessanterweise hatte die Frau ihr Sarglager auch noch im Keller und musste die Särge immer mit einer umgebauten Sackkarre von unten über eine Treppe hochwuchten.
Auch in meinem Unternehmen waren Frauen beschäftigt, allen voran Sandy, die ja schon in den USA bei einem Funeral-Home Erfahrungen gesammelt und bei uns die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft absolviert hatte.
Trotzdem: Wenn man Fahrpersonal sucht oder Sargträger, findet man, wenn überhaupt, nur Männer.
Und selbst die sind immer schwerer zu finden.
Deshalb war ich froh, dass ich genug Männer hatte, die für mein Unternehmen arbeiteten. Manni als Fahrdienstleiter und Hubert als Fahrer standen weiteren sechs Herren vor. Manni teilte die Dienstbereitschaften ein und sorgte dafür, dass immer genug Leute bereitstanden.
Unter anderem fuhr das „Dream-Team“ für uns. Alfons und sein Cousin Diethelm. Alfons wirkte wie ein Italiener: klein, schwarzhaarig, etwas dunkler Teint und quirlig. Diethelm hingegen war der Ur-Bayer schlechthin. Breit, groß und mit schwerem oberpfälzischem Zungenschlag. Die beiden Männer wollten, wenn möglich, immer nur zusammen Dienst machen, weil sie eben verwandt waren und sich immer viel zu erzählen hatten.
Außer den beiden arbeiteten noch die Herren Schubert und Möckle für uns. Zwei an sich unauffällige Herren, die kräftig zupacken konnten.
Die anderen zwei Männer, die noch bei mir in Brot und Lohn standen, hießen Philippi und Marlowo. Sandy hatte die auf Philip Morris und Mister Marlboro umgetauft, was zu einem Running Gag bei uns geworden war. Dazu passte, dass die beiden auch Raucher waren.
Obwohl ich zu der Zeit, in der diese Geschichte spielt, gar nicht rauchte – ich hatte es mir vor zwei Jahren abgewöhnt – war bei uns im Betrieb Rauchen erlaubt. Allerdings galt, dass in den allgemeinen Bereichen, also dort, wo die Kunden hinkamen, nicht geraucht werden durfte. Nicht in der kleinen Trauerhalle, nicht in der Eingangshalle und auch nicht im Ausstellungsraum. Überhaupt galt, dass man im Beisein von Kunden und am Steuer des Autos im Stadtverkehr nicht mit einer Kippe auftauchte.
Daran hielten sich auch alle sehr strikt, denn die Leute waren froh, dass sie überhaupt so viele Freiheiten hatten; in anderen Betrieben war das Qualmen längst verboten.
Frau Büser und Antonia waren die Einzigen -außer mir-, die nicht rauchten. Antonia war das egal und Frau Büsers Mann rauchte auch. Aber das alles nur nebenbei.
Philip Morris und Mister Marlboro hatten also Dienst. Es waren ein ruhiger Abend und eine erholsame Nacht für mich.
Am nächsten Morgen sah ich zwei neue Sterbefallmappen an der Steckwand und nahm sie mit in mein Büro. Eine alte Dame hatten unsere zwei Zigaretten-Männer in der Nacht aus einer Reihenhaussiedlung abgeholt, und eine andere Frau in einem Altersheim.
Gegen neun Uhr kamen die Angehörigen der Reihenhaus-Toten. Sehr nette ältere Leute, denen man anmerkte, dass ihrer Trauer auch eine gewisse Erleichterung beigemischt war; sie hatten die Verstorbene vier lange Jahre gepflegt.
Der Mann sagte: „Sie, das solle‘ Sie jetzat net falsch verstehe‘, awwa ’s wurd auch Zeit. Mer hebbe nimmer gekonnt, die Mutti is‘ vier Johr lang g’storwe. Mer hebbe koine Kraft mehr und es war ä Jammer, wie die Mutti immer wenischer g’worde is‘.“
Seine Frau fügte hinzu: „Mer sin‘ ja katholisch und hebbe noch de‘ Parrer gerufe. Der hot uns so schee getröstet. Und als ihre zwei Fraue dann die Mutti geholt hebbe, waren wir echt erleichtert.“
Ich war gerade dabei, ein Formular vorzubereiten, hielt inne und ließ das eben Gehörte noch einmal durchs Gehirn laufen. Man könnte sagen: Ich spulte innerlich zurück und hörte es mir nochmal an…
Hatte ich da richtig gehört? Zwei Frauen?
Oder waren die beiden durcheinander?
Vorsichtshalber fragte ich nach: „Ach, ich hab noch gar nicht auf den Plan geschaut, wer gestern Nacht Dienst hatte. Welche Frauen waren das denn?“
Der Mann nickte und erklärte: „So eine etwas dickere und so ä ganz dünnes Mädele. Dass die des geschafft hat, alle Achtung, die hat was in de Ärm‘! Sehr nette Frauen, werklisch!“
Sandy fährt ja auch Bereitschaften, aber sie ist weder dick, noch „ä ganz dünnes Mädele“.
Sandy ist für eine Frau mit fast 1,80 Meter recht groß, hat lange Beine, und ist alles andere als dünn und zierlich. Ich würde sagen, sie ist gut proportioniert, ohne in irgendeiner Hinsicht auffällig zu sein. So in etwa kann man sich Sandy wie die deutsche Sängerin Sarah Connor vorstellen, nur eben mit dunklen Haaren, und ich finde, dass Sandy hübscher ist, aber so vom Typ her passt’s.
Außerdem hatten die beiden Herrschaften ja gerade von zwei Frauen gesprochen. Wer sollte die ominöse zweite Frau sein? Und was war mit Dr. Marlboro & Co.?
„Nix anmerken lassen“, dachte ich mir und machte mit den beiden Kunden alles fertig. Das ging auch recht zügig, denn die beiden gehörten zu den dankbaren Kunden, die froh sind, dass man ihnen hilft, und die einem auch aus Respekt keine Probleme machen wollen.
Hinterher rief ich Frau Büser zu mir ins Büro. „Sagen Sie mal, Frau Büser, gestern hatten doch Herr Philippi und Herr Marlowo Dienst, oder?“
„Chef, ich muss gestehen, ich hab’ gar nicht auf die Tafel geschaut. Aber Sandy weiß das, die hatte ja Telefonbereitschaft.“
Sandy zog ein Kaugummi lang und ließ es schnalzen und meinte: „Ich hab’ gestern ganz normal den Sterbefall angenommen, dann hab’ ich bei den Leuten zurückgerufen, um sicherzugehen, dass es keine Verarschung ist, und dann hab’ ich den Philippi angerufen. Den Marlboro hab’ ich nich‘ angerufen, das macht der Philippi dann immer selbst. Anderthalb Stunden später hab’ ich dann noch einmal den Philippi angerufen, ob alles geklappt hat.“
„Und, hat alles geklappt?“
„Jau, so wie der gesagt hat, war alles ganz easy. Reihenhaus, Parterre, zwanzig Minuten, erledigt. Wieso, stimmt was nicht?“
„Ja, nee, ich meine nur… Es ist so, die beiden Leute da haben gesagt, da wären zwei Frauen da gewesen zum Abholen, eine etwas dickere und eine ganz dünne. Kannst Du Dir das erklären?“
„Ja klar, die beiden hatten bestimmt auf den Schreck schon ein Gläschen Schnaps zu viel getrunken oder so.“
Ich drückte auf die gelbe Taste für die Durchsagefunktion am Telefon und rief Manni, den Fahrdienstleiter, hoch.
Ihm stand der Mund offen, als ich ihm das von den beiden Frauen erzählte. Langsam schüttelte er den Kopf und schloss sich Sandys Meinung an: „Die waren vielleicht ein bisschen besoffen, keine Ahnung. Wir haben keine zwei Frauen, und gestern sind die M & Ms gefahren.“
„Wer?“
„M und M, also Morris und Marlboro.“
„Manni, rufen Sie die an. In spätestens fünf Minuten will ich wissen, was hier los ist!“
Fünf Minuten vergingen: Nichts. Nach zehn Minuten rief ich wieder nach Manni: Keine Antwort, keine Rückmeldung.
Das gibt’s doch nicht! Das darf doch wohl nicht wahr sein! In mir kochte der Chef hoch.
Ich wollte gerade anfangen, mir jemanden rauszusuchen, den ich zu Schaschlik verarbeite, da kommt Manni ziemlich atemlos zu mir ins Büro. Er macht die Tür zu, setzt sich hin und schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an. Hat er Satan gesehen?
„Chef, Sie können sich nicht vorstellen, was da los ist.“
„Was ist denn da los, um Himmelswillen?“
„Nee, nee, nee, das solle‘ Ihnen die zwei lieber selbst erklären, die kommen jetzt her.“
Ich weiß nicht, ob Du es verstehen kannst, aber in mir stieg Misstrauen auf. Irgendwas lief da an mir vorbei. Irgendwer hielt mich da zum Narren.
War es Sandy? War es Manni? Wie weit steckte Frau Büser, die ja über alles immer Übersicht hatte, mit in der Sache drin?
„Sandy! Frau Büser! Alle zu mir ins Büro!“
So saßen rund um den kleinen runden Tisch die drei Hauptverdächtigen: Frau Büser, Manni und Sandy.
Ich sprach kein Wort und schaute nur. Ich weiß, dass das schlimmer ist als eine peinliche Befragung. Zwanzig Minuten dauerte das, es war kaum auszuhalten. Sandy summte eine Melodie vor sich hin, Frau Büser hatte ihr Kinn vorgereckt, sie fühlte sich völlig zu Unrecht verdächtigt, und Manni sprach die stumme Verzweiflung aus dem Gesicht.
In der Halle machte es Dingdong. Der tiefe Gong, der anschlägt, wenn jemand die Tür zum Bestattungshaus öffnet.
Mit hängenden Schultern kamen meine beiden Bereitschaftsfahrer, Marlowo und Philippi, in mein Büro und standen wie die sprichwörtlichen begossenen Pudel vor meinem Schreibtisch.
Da stehen auch drei Sessel, und ich wies mit einer Geste an, dass man sich setzen könne, doch die beiden wussten, warum sie das nicht taten, und lieber mit gesenktem Kopf stehenblieben.
Es wurde herumgedruckst, man wollte sich erst nicht richtig erinnern können, dann fing man an, von Unwichtigem und Nebensächlichem zu sprechen, bis ich mit der flachen Hand auf den Tisch haute. „Schluss jetzt!“
Tja, und dann offenbarte sich mir eine schier unglaubliche Geschichte. Die beiden Männer waren Eishockeyfans. Die Spiele ihrer Heimmannschaft schauten sie stets gemeinsam in der Sportgaststätte ‚Zum roten Baron‘.
Dabei wurde dann auch stets jedes Tor ordentlich begossen. Und da beim Eishockey oft deutlich mehr Tore fallen, als beim Fußball, kam da immer einiges an Alkohol zusammen.
Ja, und wenn dann der blöde Chef vom Bestattungshaus anrief und der Piepser lostönte, konnte man sich nicht von der Theke losreißen.
Und was machte man dann? Dann rief man Jutta an, die Frau des Herrn Marlboro…
Jutta rief dann Elke an, die mit Herrn Philippi verheiratet ist. Und die beiden Frauen nahmen dann unseren Leichenwagen und fuhren stellvertretend für ihre Männer die Tour, damit diese nicht den Job verlieren und schön weiter die Eishockeytore begießen können.
Auf die Idee war Jutta gekommen, die es nicht ertragen konnte, dass ihr Mann die eine oder andere Tour schon betrunken gefahren war.
Was mussten die beiden Frauen sich herangeschlichen und im Betrieb leise und unauffällig bewegt haben, dass das über Monate nicht aufgefallen war!
Denn, so gaben es die beiden Zigarettenmänner zu, dieses Bäumchen-wechsle-dich-Spiel hatten sie bestimmt an die dreißigmal veranstaltet.
Wäre es darum gegangen, einen Preis für kreatives Arbeitgeberbescheißen zu vergeben, die beiden Kettenraucher hätten ihn sofort von mir überreicht bekommen.
Da ich mich aber hintergangen fühlte und das Ganze als großen Vertrauensbruch betrachtete, gab es für mich nur eine logische Konsequenz: Beide Männer durften sich künftig ihre Zigaretten woanders verdienen.
Kurz war ich davor, denen noch einmal eine Chance zu geben und es bei einer Abmahnung bewenden zu lassen. Aber aus allem, was sie sagten, sprach nur eins: Dass ihnen das Beisammensein mit den anderen Eishockeyfans im „Roten Baron“ so wichtig war, und dass sie keinesfalls Sport und Saufen trennen konnten.
Mir war die Gefahr einfach zu groß, dass die beiden vielleicht von da an wieder immer selbst gefahren wären, aber eben an den Spieltagen auch gerne mal besoffen.
Und genau das konnte ich nicht tolerieren, dass möglicherweise zwei angetrunkene Typen in Fanbekleidung bei einem Sterbefall auftauchten.
Nein, sie mussten gehen.
Wie hättest Du in einem solchen Fall entschieden?
Bildquellen:
- sargtraeger_800x500: Peter Wilhelm ki













Ich hätte die Frauen eingestellt. 😉
Richtig, einfach den beiden Damen den Job anbieten, ist doch super packen freiwillig kräftig an, wenn ihre Kerle saufen. Und emphatisch zu den Hinterbliebenen waren sie auch!
Tolle potentielle Mitarbeiterinnen.
Nee, geht gar nicht. Und was ist, wenn die angetrunkenen Hasen am Ende das Bestattungsfahrzeug zum wörtlichen Leichenwagen machen, weil sie jemand überfahren? Haftung, Reputation, Schicksal des/der Geplätteten… Au.
Und die Frauen sind in dem Fall faktisch Komplizen und es ist erstmal nur die Loyalität zu ihren angeheirateten Dummköpfen bewiesen, das wäre für mich kein Einstellungsgrund.
„Einmal ist keinmal“ und wäre trotzdem schlimm genug, aber bei anscheinend dreißig Fällen ist das quasi gewohnheitsmäßiger Betrug.
Das ist nicht mehr Lustig, aber es gibt schlimmeres, bei dem der Bestatter mehr als Schweißausbrüche für seine Leute bekommt.
Keine Kontrolle mehr durch den Chef, der hat eh Zuviel zu tun, bis viele Angehörige den Pfusch bemerken.
zb. wo ist der fehlende Schmuck, warum hat meine Mutter keine Socken im Sarg an oder warum ist der Anzug von meinem Vater hinten aufgeschnitten?? usw.
Bin da anderer Meinung- es gibt nur deswegen Schlimmeres, weil es bei den beiden (Damen) einfach immer gutgegangen ist. Die Frauen hatten zB keinen direkten Versicherungsschutz mit dem Fahrzeug. Schon mit dem leeren Sarg kannst du dir halt auch einfach mal ’ne Hexenschuss bei ’ner falschen Bewegung holen- allein die Untersuchungen zu Schwarzarbeit und von der BG, wenn da mal jmd. die Treppe runterfällt oder halt mit dem Hexenschuss nicht mehr weghumpeln kann, da kriegt der -effektive oder vermeintliche- Arbeitgeber graue oder weniger Haare im Akkord.
Abgesehen davon gibt es ja Geld für die Bereitschaft, die faktisch nicht geleistet wurde. Die Liste der juristischen… Probleme, die da aufgetan wurden, ist ziemlich lang.
Also ich hätte sie vermutlich auch fort geschickt… Vertrauen und so…
Aber eine Abmahnung und Dienst nach Spielplan, hätte vermutlich auch funktioniert… immerhin ist bis zu dem Zeitpunkt noch keiner zu Schaden gekommen. Und ich glaube wenn die ein wenig offener gewesen wären, dann hätten sich ihre Bereitschaften auch vorher um die Spiele herum planen lassen. Aber wer sowas öfter in den Sand setzt ist auch irgendwie selber Schuld.
Die Frauen waren wahrscheinlich schon gut, sondern wären ja Beschwerden gekommen.
Und sie waren ganz schön dreist, wenn ich es richtig weiß, hat ja Peter über dem Bestattungsinstitut gewohnt.
Die Herren sind meiner Meinung nach für diesen „Job“ unbrauchbar wenn sie nicht auf Alkohol während der Dienstzeit verzichten können.
Alles zusammen geht gar nicht!!
Die Chance auf eine zweite Chance haben sie schon nach der zweiten „Damenabholung“ verspielt.
Ich habe erst mal herzhaft gelacht, und zunächst war ich auch noch bei den beiden Herren. Aber nur bis zum Satz:
„Aber aus allem, was sie sagten, sprach nur eins: Dass ihnen das Beisammensein mit den anderen Eishockeyfans im „Roten Baron“ so wichtig war, und dass sie keinesfalls Sport und Saufen trennen konnten“
Ab da war die Kündigung die einzig richtige Entscheidung.