Geschichten

Pastor Speckmann und die Pampers

Pastor Josef Speckmann war ein Gemeindepfarrer vom alten Schlag. Ein Mann, der gottesfürchtig und fromm seine eigenen Bedürfnisse hintanstellte und sich fürsorglich um seine Gemeindemitglieder kümmerte.

Das tat er 27 Jahre lang. Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten und Kommunionsfeiern, sieben Gottesdienste in der Woche. Feierte jemand in seiner Gemeinde ein rundes Jubiläum, kam Pastor Speckmann auf einen Kaffee und ein Stückchen Kuchen vorbei und verschmähte auch das eine oder andere Schnäpschen nicht.

Donnerstagsabends saß er immer mit dem Apotheker und dem praktischen Arzt im Roten Ochsen und spielte Karten. Einmal im Jahr gönnte sich der pummelige, großgewachsene Bartträger einen Urlaub in Österreich, und in der Gemeinde wurde gemunkelt, er habe da in Kärnten eine Pensionswirtin, die ihm dabei helfe, das auszuleben, was katholischen Gottesmännern an und für sich verwehrt bleibt.
Ja, auch Pastor Speckmann hat seine Messdiener missbraucht.

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Einmal im Jahr veranstaltete er gemeinsam mit dem jeweiligen Kaplan eine Ministrantenfreizeit, die immer ins Alte Land führte, und stets zur Zeit der Apfelernte stattfand. Die Burschen wohnten dann in Zelten, halfen bei der Apfelernte, atmeten gute, frische Luft und kamen erstarkt und motiviert wieder zurück. Der Missbrauch, von dem ich rede, bestand darin, dass der Apfelhof, auf dem das alles stattfand, Pastor Speckmanns Nichte gehörte, und die Messdiener außer einem Sack Äpfel für ihre Arbeit keine Entlohnung erhielten.
Die Liste der Anmeldungen zu diesen Freizeiten war aber immer so lang, dass nie alle mitfahren konnten. Und wer das Glück hatte, an dem Ernteeinsatz zur Familienhilfe teilnehmen zu können, berichtete meist sein ganzes Leben von den wunderschönen Erinnerungen an diese tollen zwei Wochen.

Doch nach 27 Jahren war Schluss.

Für Pastor Speckmann kam das Aus zu einem äußerst schlechten Zeitpunkt.

Die Kirchenleitung reagierte darauf, dass zu wenig Menschen in die Kirche kamen. Von ganz oben war beschlossen worden, dass drei Gemeinden zusammengelegt und zur Seelsorgeeinheit LaMaBart (St. Laurentius, St. Marien und St. Bartholomäus) verquickt werden. Ein überforderter junger Pfarrer reiste nun immer eilig zur Spendung von Sakramenten an, zum Skatabend im Roten Ochsen blieben Apotheker und Arzt allein, und beim runden Geburtstag kam auch kein Geistlicher mehr zum Schnapstrinken vorbei.

Pastor Speckmann wurde in die Diaspora abberufen. Den tumulten Einsatz in gleich drei Gemeinden traute ihm der Bischof nicht zu. Für den Pastor war das eine kleine Katastrophe. Der 61-Jährige hatte sich nämlich darauf eingerichtet, noch drei Jahre Pfarrdienst zu machen, und sich dann gemütlich im oberen Stock des alten Pfarrhauses auf sein Altenteil zurückzuziehen. Den Ort und seine Menschen hatte er liebgewonnen, hier wollte er bleiben, eines Tages friedlich sterben und auf dem kleinen katholischen Friedhof beerdigt werden.

Man sagt so schön: Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
Man meint damit, dass ein Problem durch die vermeintliche Lösung des Problems erst richtig zum Problem wird.

Und genau das geschah in der Gemeinde. Nun, da das seelsorgerische Herz fehlte, begann das Gemeindeleben schlicht und ergreifend einzuschlafen. Die Sonntagsgottesdienste fanden reihum, mal in St. Laurentius, mal in St. Marien und seltener in St. Bartholomäus statt. Aus der LaMaBart-Gesamtgemeinde wurde eine Lahmarsch-Gemeinde. Niemand fühlte sich für irgendetwas zuständig. Die Frauengruppe zerbrach als Erstes, dann die Jugendgruppe „Kirchenheimchen“ und schließlich bestand die ehemals beeindruckende Ministrantenschar nur noch aus acht älteren Knaben. Kirchenchor, Gemeindemusikschule und die Bibelstudiengruppe wurden nach zwei Jahren ebenfalls aufgelöst.

Das ehemalige Pfarrhaus, in dem seit 150 Jahren die Pastöre mit ihren Haushälterinnen wohnten und das auch das Pfarrbüro beheimatete, wurde an eine kleine Wohngruppe eines Männerordens verkauft.
Die wunderschöne Backstein-Pfarrkirche im gotischen Stil aus dem Jahr 1873 wurde profaniert und diente als Bücherei und Ausgabestelle für die Suppenküche des Männerordens.

Sechs Jahre quälte sich Pastor Josef Speckmann in der Diaspora. Dort, im Saxothuringikum, waren fast alle Leute evangelisch oder atheistisch, sprachen einen herben Dialekt, mit dem er sich nicht anfreunden konnte, und ließen ihn weitestgehend links liegen.
Dann endlich hatte der Bischof ein Einsehen und entließ den alten Geistlichen in den wohlverdienten Ruhestand.

Binnen vier Tagen hatte Pastor Speckmann im Osten alles aufgelöst. Frau Radameter vermietete Herrn Speckmann eine Dreizimmerwohnung oben im Haus ihrer dementen Mutter, verbunden mit der Auflage, dass der Pastor ein Auge auf die alte Dame haben sollte.

Was ging ein Aufatmen durch die Gemeinde. Der Alte war wieder da!
Pastor Speckmann war zwar im Ruhestand, aber er übernahm mit Billigung des Bischofs Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Außerdem besuchte er die Alten, Kranken und Sterbenden.

Abgesehen davon, dass er nur selten die Sonntagsgottesdienste übernahm, war alles fast so wie früher.

Sechs Jahre ging das so. Sechs Jahre ging das gut.

Dann kam der Tag, an dem der alte Priester für mich eine Trauerfeier machen sollte. Die Trauergäste waren da, der Sarg stand vorne, der Organist orgelte schon vor sich hin, bloß Pastor Speckmann tauchte nicht auf.
Schließlich musste ich als Trauerredner einspringen und rettete die Veranstaltung so gerade eben. Gott sei Dank wusste ich ein bißchen was, über den Verstorbenen und bekam eine halbwegs passende Trauerrede aus dem Stegreif hin.

Danach wurde der Sarg aus der Kapelle gefahren und der kleine Trauerzug setzte sich in Richtung Grab in Bewegung. Aus dem Augenwinkel entdeckte ich Pastor Speckmann. Er stand vor dem fünf Meter großen, steinernen Kruzifix an der Friedhofsmauer und strahlte, während seine Lippen sich bewegten.
Nach der Beerdigung eilte ich dorthin, der Pastor war aber schon weg.

Schon am nächsten Tag sollte er wieder eine Trauerrede halten, diesmal bei uns im Haus in unserer kleinen Trauerkapelle. Zwei Stunden vorher rief ich bei ihm an und sagte ihm, dass Sandy vorbeikommen würde, um ihn abzuholen. Sicher ist sicher.

Natürlich sprach ich ihn auf den Vortag an. Doch ich blickte in absolut ahnungslose Augen. Nein, er habe den ganzen Tag die Wohnung nicht verlassen und von einer Beerdigung wisse er gar nichts.

Die Trauerfeier bei uns absolvierte der Mann mit Bravour und zeigte sich beim anschließenden Kaffeetrinken als eloquenter Gesprächspartner.

Ein paar Wochen später kam der gemütliche Seelsorger nachmittags zu uns ins Bestattungshaus, um den Ablauf einer Trauerfeier am nächsten Tag zu besprechen. Er war launig, fröhlich und gesprächig wie immer. Die ganzen Daten zum Lebenslauf der Verstorbenen hatte er im Kopf und wusste auch alle seine Termine auswendig.

Es ging noch ein Jahr ins Land und einiges hatte sich verändert.
Frau Radameters Mutter, auf die Pastor Speckmann ein Auge haben sollte, und bei der er oben im Zweifamilienhaus wohnte, war verstorben. Nun wollte Frau Radameter selbst in das Haus einziehen, brachte es aber nicht übers Herz, vor dem großen geplanten Umbau den alten Pastor rauszusetzen. Stattdessen hatte sie zugestimmt, dass Speckmanns Nichte, die ihren Apfelhof aus Altersgründen an die nächste Generation abgegeben hatte, unten einzieht, um sich um den Alten zu kümmern.

Und das war inzwischen auch dringend notwendig.
Zweimal hatte die Polizei den altehrwürdigen Mann bei ALDI aufgegriffen, wo er sich vor der Fischstäbchen-Kühltruhe nackt ausgezogen hatte, um sich in der Truhe Abkühlung zu verschaffen. Einmal war der Pastor in einen Zug eingestiegen und bis Hannover gefahren, wo er dann am Bahnhof umhergeirrt war.

Demenz ist eine Erkrankung, die in vielfältigen Variationen verlaufen kann. In den Medien wird immer ein stereotypes Bild gezeichnet. In Wirklichkeit ist das oft ganz anders.

Pastor Speckmann musste inzwischen eine Windel tragen, zog sich aber jeden Morgen noch seinen schwarzen Anzug mit dem weißen Kragen an, legte Wert auf frisch geputzte Schuhe und trug sorgfältig seine Termine in seinen kleinen Kalender von der Sparkasse ein.
Ja, er hatte noch Termine.

Denn, obwohl es niemandem verborgen bleiben konnte, dass er oft nicht im Hier und Jetzt lebte, war er nach wie vor ungeheuer beliebt. Wenn es um Trauungen, Taufen oder Beerdigungen ging, lauteten die meistgestellten Fragen: „Wie sieht es denn mit Pastor Speckmann aus? Meinen Sie, er ist gut genug drauf, das ausnahmsweise noch machen zu können?“

Die Birnbaumer-Nüsselschweif, jene feiste, vorlaute und omnipräsente Dame aus der Kirchengemeinde, regte sich bei der Gemüsefrau lautstark auf: „Das ist ja unverantwortlich! Der alte Sabbelkopp sollte besser ins Heim. Der ist doch nicht mehr Herr seiner Sinne. Ob diese Feiern alle Gültigkeit haben, wenn ein ausgewiesener Idiot sie abhält? Ich muss das beim Bistum melden!“

Speckmanns Nichte versicherte mir, dass ihr Onkel alles gut im Griff habe und auch vollkommen orientiert sei, wenn er nur auf drei Dinge achtete: Pünktlich seine Medikamente einzunehmen, keinen Tropfen Alkohol zu trinken und abends früh ins Bett zu gehen.

Und das mit dem Ins-Bett-Gehen war wohl das Hauptproblem. Alte Menschen benötigen nicht mehr so viel Schlaf, und Pastor Speckmann schaute viel zu gerne Fernsehen.
Deshalb gab es immer wieder Tage, an denen er zu ALDI oder nach Hannover wollte, um das mal so zu sagen.
Im Großen und Ganzen war er aber einfach nur ein wunderbarer und liebenswürdiger Mensch.

Es begab sich, dass wir eines Tages eine Beerdigung mit dem jungen Pfarrer hatten, der für die zusammengelegte LaMaBart-Gemeinde zuständig war. Mit ihm saß ich anschließend noch zusammen und er sprach nur lobend über seinen inzwischen 74-jährigen Amtsbruder: „Wenn wir den Josef nicht hätten, ich wüsste gar nicht, wie ich das schaffen sollte. Der weiß zwar manchmal nicht, ob es Mittwoch oder Freitag ist, aber alles andere hat der doch prima im Griff. Ich bete, dass der das noch lange machen kann.“

Ganz so einfach war das inzwischen nicht mehr. Der Bischof hatte längst ein Auge auf Pastor Speckmann geworfen und es waren innerkirchliche Prozesse in Gang gekommen. Sein jüngerer Kollege musste jede Handlung abnicken und absegnen, und das Wirken des alten Herrn wurde zunehmend kritisch hinterfragt.

Das war ganz nach dem Geschmack der Frau Birnbaumer-Nüsselschweif. Die hatte einige Frauen aus der zusammengebrochenen Frauengruppe der Gemeinde um sich geschart, und machte permanent Stimmung gegen Josef Speckmann.
Der Alte gehöre in eine geschlossene Anstalt. Wenn man hinter dem herlaufe, würde man riechen, dass der alte Mann nach Urin stinke. Außerdem sei der neulich unrasiert zur Gemüsefrau gekommen, um zwei Äpfel zu kaufen.

Dabei muss man wissen, dass ja auch Frau Birnbaumer-Nüsselschweif inzwischen in die Jahre gekommen war, einen Rollator zur Fortbewegung nutzte und alles in allem alles andere als eine Augenweide war.

Zum Eklat mit ihr kam es, als der Pastor als Ehrengast zu einer Hochzeitsfeier eingeladen war, und vergessen hatte, sich seine Zähne reinzutun.
Das war im Grunde überhaupt nicht schlimm, er sah halt einfach aus, wie ein Opa ohne Zähne. Das stand ihm irgendwie sogar und ließ ihn noch großväterlicher erscheinen, als er es ohnehin war.

In einem Brandbrief an den Bischof soll die Birnbaumer-Rüsselschwein geschwafelt haben, der Pastor sei nicht mehr tragbar. Selbst die Grundlagen der Körperhygiene würde er vernachlässigen, und er würde der Kirche einen großen Schaden zufügen.

Der junge Pastor erzählte mir, es sei nun so weit, der Bischof würde den Alten nun kaltstellen. Es sei ihm ab demnächst nicht mehr gestattet, irgendwelche Handlungen vorzunehmen, die einen sakramentalen Charakter hatten.

Pastor Speckmanns Nichte traute sich nicht, das ihrem Onkel zu sagen. „Der zieht sich jeden Morgen seine Pastorenuniform an, und allein das gibt seinem Leben überhaupt noch Sinn. Wenn ich ehrlich bin, ist es inzwischen so, dass er eigentlich gar nichts mehr mitbekommt und immer mehr abbaut. Aber, wenn er sich das Gebetsbuch untern Arm klemmt, wirkt das wie die beste Medizin.“

Gemeinhin wird Bruder Hein ja als unbarmherzig und sogar etwas heimtückisch angesehen. Aber manchmal senst er mit seiner Sense auch im rechten Augenblick.

Josef Speckmann hatte gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert, als man ihn eines Tages morgens um zehn vor dem großen steinernen Kruzifix auf dem Friedhof auf einer Bank sitzend tot auffand.
Der Friedhofswärter erzählte überall, der alte Herr habe „über beide Backen gegrinst“. Ich kann nur von einem milden Lächeln sprechen, das man im Gesicht des Verstorbenen wahrnehmen konnte.
Jedenfalls wirkte er zufrieden.

Was will man mehr?

Bildquellen:

  • speckmann_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)