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Frau Lange und das Mädchen

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Ich kenne Frau Lange schon seit einem halben Jahr. Normalerweise sitzt sie immer unten im Gemeinschaftsraum des Pflegeheims, wenn ich zu Besuch komme. Dort lesen wir Zeitung, singen Volkslieder oder ich erzähle ihr Märchen. Manchmal darf ich ihr den Rücken zwischen den Schultern reiben, das Sitzen im Rollstuhl ist anstrengend für sie. Heute sitzt Frau Lange nicht unten im Gemeinschaftsraum. Sie liegt in ihrem Zimmer im Bett. In den letzten Tagen ging es ihr nicht so gut, hat mir die Pflegerin gesagt. Kaffee und Kuchen hat sie abgelehnt. Tatsächlich ist Frau Lange sehr müde und schlaff. Sie liegt im Bett und döst vor sich hin. Aber ich soll trotzdem bleiben, sagt sie.

Ich sitze also an ihrem Bett, erzähle manchmal ein bisschen, aber schweige vor allem viel und streiche ihr manchmal über die Hand. Das scheint gerade das Richtige zu sein. Nach einer Weile kommt plötzlich Leben in sie. Sie richtet sich ein wenig auf und hat einen so klaren Blick, wie ich ihn noch nie bei ihr gesehen habe. Diesen Blick richtet sie an die Zimmerdecke schräg hinter mir und lächelt erfreut. Mir läuft es für einen Moment kalt den Rücken runter. Hier passiert gerade etwas Besonderes, das ist deutlich zu spüren.

Bild von Daniel Hannah auf Pixabay

Was sieht Frau Lange?

Ich drehe mich kurz um und folge Frau Langes Blick an die Zimmerdecke. Obwohl ich natürlich weiß, dass ich dort nichts sehen werde. Ich habe von solchen Situationen schon öfter gehört, sie aber noch nicht selbst erlebt. Es kommt nicht so selten vor, dass sterbende oder schwer kranke Menschen Personen und Dinge sehen, die wir nicht sehen können. Verstorbene Verwandte zum Beispiel oder Engel.

Frau Lange lächelt so freudig, dass ich mitlächeln muss. „Sehen Sie da etwas Schönes, Frau Lange?“, frage ich. Sie wendet den Blick keine Sekunde von der Zimmerecke ab, antwortet mir aber. „Schauen Sie, da!“, meint sie. Ich frage nach: „Was ist denn da?“ Sie schaut ein bisschen ungläubig und sagt: „Na, das Mädchen!“ Ich denke mir noch, dass die Situation eigentlich ganz schön gruselig sein müsste. Ist sie aber nicht. Sie kommt mir auf seltsame Weise richtig vor. Ich fühle mich fast ein bisschen geehrt, in diesem Moment dabei sein zu dürfen. Ich frage nach, ob Frau Lange das Mädchen kennt, aber sie antwortet nicht. Ihr Blick verändert sich langsam wieder und die Klarheit schwindet. Der Moment ist vorbei.

Die ganze Energie im Raum ändert sich noch einmal. Frau Lange ist nun nicht mehr so seltsam klar, aber auch nicht mehr so müde wie vorhin. Sie ist wieder wie immer. Als ich ihr einen Schluck Wasser anbiete, fordert sie mit klarer Stimme Saftschorle und Kuchen. Ich gehe nach unten zur Küche und lasse mir das Gewünschte geben. Sie isst mit Appetit und ist gut gelaunt, viel wacher und agiler als vorhin bei meinem Eintreffen. Was auch immer sie da gesehen hat, es hat ihr gut getan. Und mich hat es tief beeindruckt. Vor allem wegen eines Details:

Frau Lange ist blind.


Birgit Oppermann 12. Dezember 2020


6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich glaube schon, dass Menschen in außergewöhnlichen Situationen Dinge, Sachen, oder was auch immer sehen bzw. erleben können, die anwesende eben nicht wahrnehmen können. Und vermutlich bleiben all unsere Überlergungen dazu, ob es sich um Täuschungen des Gehirns, oder eine gewisse Realität handelt, Spekulationen, bis uns selbst der Tod ereilt.
    Vor einigen Jahrzehnten ist meiner mittlerweile längst verstorbenen Mutter offensichtlich so etwas passiert. Sie litt an einem geplatzten Aneurysma (Hirnblutung) und wurde notoperiert. Irgendwann, vermutlich nach der Operation, erblickte sie etwas und berichtete uns ziemlich trocken davon. Sie sah den Tod im Krankenzimmer auf dem Tisch sitzen, der fröhlich seine Beine von selbem runter baumeln ließ und sie grinsend ansah. Daraufhin zeigte sie uns bildlich, wie sie im die Zunge rausstreckte und laut rief: „Ich komme noch nicht mit.“ Daraufhin verschand dieser, für die nächsten Jahrzehnte.
    Wer will nun sagen, ob sie ihn wirklich sah, oder ob ihr ihr Gehirn etwas vorgaukelte? Für sie war es in diesem Moment jedenfalls Realität und das Verschwinden des Sensenmeier hat ihr vielleicht sogar Kraft zum Weiterleben gegeben.
    Warum muss immer alles wissenschaftlich belegbar sein und am besten wiederholbar unter Laborbedingungen. Behalten wir uns doch ein Stück Glauben, Traum und Phantasie (für Klugscheißer auch Fantasie, für Verschwörungstheoretiker: nein, das ist keine Schleichwerbung eines Getränkeherstellers) und wünschen uns einen schöneren, oder zumindest anderen Ort nach unserem Ableben.
    Denn noch befinden wir hier in einem christlichen Land und dazu gehört auch der Glaube an ein Leben mit Jesus und bei Gott nach dem eigenen Tod.

  2. Mein Vater berichtete, dass mein schwer krebskranker Opa ihn bei einem Besuch fragte, wen er denn da mitgebracht habe, wer da hinter ihm stünde. Mein Vater hat sich etwas gegruselt, denn er war alleine gekommen.

    Mein Schwiegervater hat von einer ganzen Gruppe Asiaten in kostbaren Seidengewändern gesprochen, die im Zimmer waren, zwei Tage bevor er starb.

    Wir wissen es nicht. Vielleicht erfahren wir es nie, vielleicht werden wir auch jemanden sehen. Es wird so in Ordnung sein, wie es kommt.

    • Hatte denn dein Opa irgendeinen Bezug Richtung Asien?
      Oder vielleicht ein Bild bei sich daheim, was eine ähnliche Darstellung zeigt?
      Da bin ich jetzt ein wenig neugierig..;o)
      Hoffe das ist ok.

      LG, die Leo.

  3. Liebe Leo,
    Ja, es ist für mich okay, dass du das fragst.
    Es war mein Schwiegervater, und er hatte gar keinen Bezug zu Asien, seltsamerweise. Es kann natürlich sein, dass es mit dem netten asiatischen Pfleger zu tun hatte, der ihn in seinen letzten Tagen betreut hat.

    LG, Heather

    • Ja, das macht schon ein wenig Sinn…
      Uns geht es ja ähnlich – womit wir viel / oft umgeben sind, davon „träumen“ wir ja auch mal (sei es gut oder weniger gut).

      Danke für deine Antwort.

      LG, Leo.

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