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Henning -4-

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Über Tage hinweg hatte man die Suche nach den verschwundenen Gegenständen fortgesetzt, aber leider nichts gefunden. Im Gegenteil, aus einem Bestattungswagen fehlte eine Polaroid-Kamera. Gut, um die ist es nicht wirklich schade, sie ist noch ein Relikt aus der Zeit, als es noch keine Digitalkameras gab. Vermutlich hat diese Kamera Edwin Herbert Land noch persönlich in Händen gehalten…

Aber weg ist weg und das ärgert mich. Normalerweise würde ich an solche Vorfälle ganz anders herangehen, aber in diesem Fall war schon einmal ein Verdacht gegen Henning geäußert worden und ich bekam das jetzt nicht mehr aus dem Kopf.

Auf der einen Seite war mir sehr daran gelegen, schnell aufzuklären wo die Sachen verblieben waren, auf der anderen Seite hatte ich keine Lust, daß aus der Situation die Benachteiligung eines Einzelnen oder gar ein Mobbing entstand.

Ich fand aber keinen Ansatz, um weiter voran zu kommen und auf solche Nummern, wie jemandem jetzt eine Falle zu stellen hatte ich keine Lust.

Zuerst stand sowieso der Besuch von Hennings Mutter bei mir an. Sie hatte sich für einen Donnerstagmorgen einen Termin geben lassen und tauchte pünktlich um 9 Uhr bei mir auf. Keine häßliche Frau, eher im Gegenteil, viel jünger, als ich es erwartet hatte, aber mit einem -sagen wir es mal vorsichtig- etwas verlebten Äußeren. Was auch immer, viel musste es gewesen sein, was sie schon erlebt hatte, so war zumindest mein Eindruck.

Sie bedankte sich ganz herzlich dafür, daß ich ihrem Sohn einen Ausbildungsvertrag gegeben habe und erklärte mir, daß es ihr wichtig sei, den Ausbilder auch einmal persönlich kennenzulernen, deshalb sei sie gekommen. Nett. Weniger nett fand ich, daß sie sich einfach eine Zigarette ansteckte, ohne zu fragen, ob Rauchen erlaubt sei. Ich rauche ja auch, viele bei uns rauchen, aber in den meisten Räumen in denen Kunden verkehren und vor allem im Ausstellungsraum und in der Trauerhalle ist Rauchen verboten.

„Dann möchte ich mal zur Sache kommen“, sagte sie und machte mich neugierig. Was konnte sie denn von mir wollen. Ich schaute sie gespannt an.

„Nun, Sie wissen ja, daß Henning immer von sehr weit her zu Ihnen ins Büro kommen muss. Ich habe da jemanden an der Hand, der mit gebrauchten Autos handelt und der könnte Henning günstig eins geben.“

„Das ist eine gute Idee“, pflichtete ich ihr bei und sie nahm das sehr positiv auf und sagte:

„Dann ist ja alles klar, ich hätte nicht gedacht, daß Sie so einfach zustimmen.“

„Zustimmen? Wozu zustimmen?“

„Daß Sie dem Henning ein Auto kaufen.“

„Daß ich was?“

„Dem Henning ein Auto kaufen. Das würde höchstens 2.000 bis 3.000 Euro kosten.“

Ich mußte unwillkürlich lachen und wiederholte mit einem leichten spöttischen Unterton:

„2.000 bis 3.000 Euro, ja klar.“

„Ja also billiger sollte es ja auf keinen Fall sein. Ich möchte ja nicht, daß Henning mit irgendeiner alten Möhre durch die Gegend fährt. Das wäre mir zu unsicher.“

„Frau XYZ, ich glaube, sie unterliegen da einen gewaltigen Irrtum. Es kann überhaupt keine Rede davon sein, daß ich Henning ein Auto kaufe. Davon war nie die Rede.“

„Ja aber der Frau Sandy haben Sie doch auch ein Auto gekauft.“

„Das war auch etwas völlig anderes. Die hat ihr Auto im Dienste der Firma kaputtgefahren und da haben wir Ersatz geleistet, aber das steht ohnehin auf einem völlig anderen Blatt.“

„Läuft Ihr Betrieb denn so schlecht, daß Sie keine 2 bis 3 Tausend übrig haben?“

„Jeder Betrieb könnte immer noch ein bißchen besser laufen, aber soviel hätten wir dann gerade doch noch. Aber egal wie, ich kaufe Henning kein Auto.“

„Na gut, dann nehmen wir ein zu 1.500 aber dann zahlen Sie auch die Steuer und die Versicherung.“

Ich mußte schon wieder grinsen: „Und natürlich das ganze Benzin und die Reparaturen…“

Im Brustton der Überzeugung sagte sie: „Das ist ja wohl selbstverständlich, wo soll der Junge denn das Geld dafür hernehmen, der verdient ja kaum was.“

„Der verdient gar nichts. Der verdient erst dann etwas, wenn er seine Prüfung bestanden hat und eine Anstellung hat. Derzeit bekommt er eine Ausbildungsvergütung.“

„Deshalb müssen Sie ihm ja auch das Auto bezahlen, schließlich kann der Henning ja nichts dafür, daß ihr Betrieb so weit von uns weg ist.“

„Schauen Sie, unser Betrieb war aber immer schon hier und das hat Ihr Henning gewusst, als er zu uns kam.“

„Sie wollen ihm also kein Auto kaufen?“

„Nein.“

„Dann müssen Sie Henning mehr bezahlen, wenigstens 200 Euro jeden Monat mehr, damit er sich eine Bahnfahrkarte kaufen kann.“

„Wenn Henning sich bewährt, können wir in geraumer Zeit gerne mal darüber nachdenken, ob er einen Fahrtkostenzuschuss bekommt und die Kosten, falls er mal ausser der Reihe hierher muss, die übernehmen wir ja sowieso. Aber jetzt 200 Euro extra, nein.“

Etwas frustriert packte sie ihre Zigaretten wieder in die Handtasche und verabschiedete sich.

Ich fand das schon ziemlich dreist.


Peter Wilhelm 28. Mai 2012

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