Geschichten

Jeder Eisberg hat zwei Seiten

Man sieht eine kleine italienische Trattoria in Deutschland. Dort steht Salvatore, ein 70-jähriger kleiner und grauhaariger Italiener hinter seiner Theke und erzählt mit großen Gesten. An einem kleinen Bistrotisch sitzt Herr Kohlpinkel, 72 Jahre alt, dünn, drahtig und agil. Er trägt einen dunkelgrauen langen Mantel, hat eine Glatze mit grauer Haarkrause, Bart und isst eine Suppe mit einem Löffel.

oder: Der größte Teil der Medaille ist immer unter Wasser.

Hinter unserem Bestattungshaus, über den Hof, hinter dem Zaun, da lebt Oberseniorenrat Nasweis-Lästig. Der weit über 90-Jährige hat nach eigenen Angaben sowohl alle Zeppeline selbst gebaut, wie auch Moskau allein mit einem Butterbrotmesser erobert. Bis vor ein paar Jahren hielt er im Schatten eines mottenstockigen, ausgestopften Keilerkopfes über seinem Kamin regelmäßige Kameradschaftsabende ab, jedoch sind die Kameraden inzwischen alle den Weg alles Irdischen gegangen.

Seine ehemals doch recht offen zur Schau gestellten kriegerischen Ambitionen, bei denen er auch schon mal mit Stahlhelm und Luftgewehr durch den Garten schlich, sind auf ein einmal im Jahr stattfindendes Großereignis zusammengeschrumpft. Dann baut Nasweis-Lästig am Rande seiner Terrasse eine etwa 20 cm große Kanone auf. Die befüllt er mit Schwarzpulver, das er sich aus aufgeschnittenen Silvesterknallern herausgekratzt hat, und feuert dann zu Ehren eines österreichischen Postkartenmalers am 20. April einen Böllerschuss ab.

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„Ach wenn der noch leben würde…“, ruft er mir über den Zaun zu, und ich antworte: „Dann wäre der jetzt 130 Jahre1 alt, senil, inkontinent und müsste von den gleichen Spezialisten gepflegt werden, die sich auch um Lenin und den Ötzi kümmern.“

Das mit dem Böllern kriegt der Alte jedes Jahr noch ganz gut hin. Dass er da im April immer einmal die Stare und Tauben erschreckt, stört aber im Grunde niemanden. Denn einmal abgesehen davon, dass der pensionierte Oberregierungsrat genau das ist, was ich immer beschreibe, nämlich ein überzeugter Nationalsozialist, der nichts so sehr bedauert, als dass Deutschland den Krieg nicht gewonnen hat, und dass der Führer nicht mehr lebt, ist er einfach nur ein armer alter Wicht.

Wobei sich das Wort arm auf seine einsame Lebenssituation, seine zunehmende Gebrechlichkeit und die eingeschränkte Interessenlage bezieht, und keinesfalls auf seine wirtschaftlichen Verhältnisse.
Schon vor zehn Jahren hat mir der ehemalige Landesbeamte erzählt, dass er ganz stolz darauf ist, inzwischen schon eine Million an Pension erhalten zu haben. „Wenn ich noch eine fände, die mich heiraten würde, dann könnte die nach meinem Tod nochmal zehn oder zwanzig Jahre das schöne Geld als Witwenpension mitnehmen.“

„Die müsste aber wesentlich jünger sein als Sie, Herr Nasweis-Lästig. Aber, wie wäre es denn mit Juliette?“

Juliette, das muss man wissen, ist Nasweis-Lästigs Haushaltshilfe. Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich das sagen soll, um nicht in irgendein Fettnäpfchen der politisch-korrekten Moralvorschriften zu treten.
Jedenfalls hätte ich früher gesagt, dass die Frau…

Nein, ich sag’s so: Juliettes Großvater war ein Besatzungskind. Das heißt, er war das Produkt der Beziehung zwischen einer deutschen Frau und einem damals hier stationierten US-Soldaten.
Und dieser US-Soldat, der nach kurzer Zeit wieder nach Alabama verschwunden ist, war Afroamerikaner. Als Juliettes Großvater geboren wurde, war das für seine Mutter mit großen Anfeindungen verbunden. Frauen, die von US-Soldaten schwanger wurden, wurden oft diskriminiert, ausgegrenzt und gemobbt. Die Frau musste damals mit anderen Frauen, die in der gleichen Situation waren, in ein Heim ziehen, das gezielt für solche Fälle eingerichtet worden war.

Von dem Jim Jones oder John James stammt auf jeden Fall die dunkle Hautfarbe, die sich seither in der Familie in ganz unterschiedlicher Ausprägung zeigte. Man schimpfe nicht mit mir, weil ich nicht richtig aufgepasst habe, als man uns damals die Mendel’schen Gesetze anhand von Erbsen erklärt hat. Juliette erzählte mir einmal, dass manche Nachkommen sehr hellhäutig seien, während andere deutlich dunklere Haut oder afrikanische Gesichtszüge geerbt hätten. Offenbar verteilt die Vererbung solche Merkmale manchmal auf überraschende Weise über mehrere Generationen hinweg.
Auf jeden Fall wurden in der Familie immer wieder Kinder geboren, bei denen die afrikanischen Wurzeln deutlicher sichtbar waren als bei ihren Eltern oder Geschwistern. Die Vererbung schien dabei ihre ganz eigenen Wege zu gehen.

Juliette, das kannst Du Dir inzwischen denken, sah eindeutig dunkelhäutig aus. Nur eben hat sie mit Afrika ungefähr so viel zu tun, wie ein Tesla-Elektroauto mit der Laufmaschine des Freiherrn von Drais.

Dass Nasweis-Lästig die dunkelhäutige Frau beschäftigte, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ich hätte ja in meiner kurzsichtigen Denkweise angenommen, dass dunkelhäutige Menschen nicht in sein arisches Weltbild passen. Aber er hat mir mal irgendetwas von Deutsch-Südwestafrika und Domestiken erzählt. Entscheidend für mich war aber immer, dass Juliette sehr gerne für den Alten arbeitete und man sie oft singend beim Fensterputzen sah und sie stets gut gelaunt und fröhlich wirkte. Außerdem, so erzählte sie einmal meiner Angestellten Antonia, würde der alte Herr sie sehr großzügig bezahlen.

„Ach, wissen Sie, wenn der mir mal wieder zu viel in Onkel Tom’s Hütte gelesen hat, dann stelle ich seine Kiste mit den Zigarren oben auf den Wohnzimmerschrank, ganz aus Versehen natürlich. Und was meinen Sie, wie das Männlein mir dann aus der Hand frisst, wenn ihm seine Nikotinsucht Schweißperlen auf die Stirn treibt. Dann ist der klein, wie ein Kanarienvögelchen, und ich rette ihn, indem ich ihm seine geliebten Glimmstengel gebe. Dann wird aus dem Herrenmenschen ganz schnell das, was er in Wirklichkeit ist: ein altersschwacher Opa.“

Warum erzähle ich das alles? Na, weil ich ein alter Erzählonkel bin, und immer wieder ins Schwafeln gerate.

Eigentlich geht es um das hier:

Nasweis-Lästig kommt mit einer kleinen, grünen Plastiktüte von der Gemüsefrau und ich treffe ihn auf der Straße. „Kaum zu glauben, dass vier Stengel Schnittlauch einen Euro kosten!“, schimpft er und hebt das Tütchen hoch. „Und für die Tüte wollte die habgierige Dicke auch noch 10 Cent.“

„Na ja, Sie hätten sich die Tüte ja auch sparen und das Schnittlauch neben den kleinen Federchen oben an ihren Hut stecken können.“

„Ah, Sie kennen sich in der Jägerei aus, Herr Nachbar. Alle Achtung! Aber so einen Bruch, so nennt man die Trophäe am Hut, würde ja voraussetzen, dass ich die Dicke vorher erlegt und ihr auch ein paar Stengel Schnittlauch in ihr Lästermaul gesteckt hätte. Ha ha, aber gute Idee, vielleicht mache ich das eines Tages. Ja, ja, das waren noch gute, alte Traditionen, die mich an unseren guten Reichsjägermeister erinnern.“

Auf der anderen Straßenseite befindet sich eine kleine Pizzeria. Gott sei Dank hat die keinen Lieferdienst, sodass uns das ständige Hin und Her der Lieferautos erspart bleibt. Das kleine Restaurant hat schon vormittags geöffnet, und man kann dort einen ganz hervorragenden Espresso trinken. Ich mache das ab und zu und der Inhaber nennt mich immer Don Pietro, manchmal auch Dottore oder Commandante.
Für meinen Espresso muss ich nie was bezahlen. Salvatore sträubt sich mit Händen und Füßen. Das zwingt mich dann dazu, immer mal wieder Pizza oder Pasta bei ihm zu kaufen.
Den Gratis-Espresso bekommen aber auch viele andere Leute: Postboten, Straßenkehrer, der Apotheker und eine ganze Menge anderer Italiener, die nur mal so auf ein Schwätzchen bei Salvatore hereinschauen.

Ganz umsonst darf dort Herr Kohlpinkel essen und trinken. Ich weiß, dass Herr Kohlpinkel jetzt schon 72 ist.
Jeden Tag von 11 Uhr bis genau 13 Uhr sitzt er bei Salvatore, isst eine Suppe oder einen Teller Nudeln, trinkt ein Glas Wasser und genießt das manchmal unverständliche Geplapper des Italieners.
Salvatore ist seit über 60 Jahren in Deutschland, betreibt seit 40 Jahren Lokale und erzählt beispielsweise solche Geschichten:

„Da kommte Frau in Lotto. Hatte Mann nur eine Beine. Machte Frau die Kreuze. Kommt andere Mann. Sagt die Mann zu die Frau: Was los?“

Salvatore kringelt sich vor Lachen, klatscht sich auf die Schenkel und bekommt kaum noch Luft. Am besten sagt man dann: „Super! Den muss ich mir merken!“

Nennt man Salvatore versehentlich einen Italiener, dann kommt stets eine Antwort wie diese:

„Bin ich Italiener, aber in echt ich Sizilien komme. Weisst Du, Italien Mussolini, wir Vulcano, Insel, wunderschöne Haus an die Straße, das Meer so blau.“

Den alten Herrn Kohlpinkel stört das nicht, er kommt jeden Tag.

Das erregt Nasweis-Lästigs Missfallen. „Sehen Sie den Mann da drüben? Jeden Tag kann der faule Sack sich bei dem Italiener herumtreiben. So gut müsste es mir auch mal gehen. Und wissen Sie was?“ Nasweis-Lästig senkt die Stimme. „Ich habe sogar gehört, dass der sich da durchschnorrt und nie etwas bezahlt. Was meinen Sie denn dazu? Hat man so etwas schon mal gehört? Abschaum, Schnorrer, asozial.“

Es wäre ein Wunder, wenn ich Herrn Kohlpinkel nicht kennen würde. Vor sechs Jahren hat er eine Bestattungsvorsorge bei mir abgeschlossen und die knapp 4.000 Euro für einen Platz in einem Beisetzungswald in bar bezahlt. Das Geld parkt seitdem auf dem Treuhandkonto der Genossenschaft.

„Zu meiner Beerdigung kommt ganz bestimmt keiner, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Also verbrennen Sie mich, und dann ab in den Wald unter einen schönen Baum.“

Wie falsch Herr Nasweis-Lästigs Einschätzung von Herrn Kohlpinkel ist, will ich dem Oberseniorenrat von Führers Gnaden nicht sagen. Ich lasse ihn in seinem Glauben.
Tatsächlich ist es aber ganz anders.

Herr Kohlpinkel hat sieben Kinder gezeugt. Alles Mädchen. Eine kam unehelich zur Welt. Vier Töchter hatte er mit seiner ersten Frau, von der er vor Jahrzehnten geschieden wurde, und zwei Mädchen brachte seine zweite Frau zur Welt. Alle seine Kinder erwiesen sich in Familienfragen als ähnlich tatkräftig wie ihr Vater. So kommt es, dass Kohlpinkel inzwischen nicht nur Vater von sieben Kindern, sondern auch Opa von zwölf Enkeln und Urgroßvater von acht Urenkeln ist.

Ich weiß nicht, was für ein Wurm in der Familie der Kohlpinkels drinsteckt, aber irgendein Wurm muss da drin sein. Jedenfalls sind seine Töchter, und soweit ich weiß bis auf eine Ausnahme, auch seine Enkelinnen samt und sämtlich alleinerziehend. In den Genen der Kohlpinkels kommt offenbar das Gen nicht vor, das Jungs auf die Welt kommen lässt, so scheint es mir.

Der alte Mann steht jeden Morgen um 5 Uhr auf und geht zu Fuß zwei Kilometer bis zur Bremsenfabrik und arbeitet dort von sechs bis zehn Uhr als Helfer bei den Werkzeugmachern. Dann läuft er zu Salvatore, macht dort Pause und geht anschließend bis um 16 Uhr beim Zerebus-Verlag Remittenden stempeln.

Seinen gesamten Verdienst steckt er seinen Nachkommen zu. „Ich brauch‘ doch nix. Ich hab‘ meine anderthalb Zimmer bei Frau Mopler, ich rauche nicht, ich trinke nicht, und die paar Blümchen für das Grab meiner Trudel, die kosten auch nicht viel. Am meisten kostet mich meine Lebensversicherung, damit meine Kinder und Kindeskinder später mal ordentlich was bekommen. Ich kann ja jetzt nicht viel für sie tun. Bloß ein bißchen Geld ab und zu. Die brauchen das doch dringender als ich. Wissen Sie, was es heute kostet, Kinder zu haben?“

Oberseniorenrat Nasweis-Lästig, der in einer sehr komfortablen, staatlich alimentierten Situation lebt, sieht von alledem nur die Spitze des Eisbergs. Dass die Medaille aber zwei Seiten hat, das weiß oder sieht er nicht.

Bildquellen:

  • salv_800x500: Peter Wilhelm ki

Fußnoten:

  1. Damals hat das gestimmt (zurück)
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(©si)