Wenn eine junge Frau eine Leiche gesehen hat, führt das zum Trauma? Diese Frage beschäftigt die Eltern einer 23-Jährigen, die nach dem Tod ihres Großvaters trauert.

Leiche gesehen – Das muss kein Trauma verursachen
Sehr geehrte Frau B.,
haben Sie vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Es freut mich sehr, dass ich Ihnen nach dem Tod Ihres Vaters ein wenig helfen konnte.
Zunächst möchte ich Ihre Sorge um Ihre Tochter ernst nehmen. Einen nahen Angehörigen tot aufzufinden, kann erschrecken, traurig machen und lange beschäftigen. Menschen reagieren darauf jedoch sehr unterschiedlich. Ein solcher Anblick muss sich keineswegs zwangsläufig „für immer einbrennen“ oder psychische Schäden verursachen. Der Tod eines vertrauten Menschen ist außerdem nicht automatisch etwas Grausames oder Unnatürliches – auch wenn die konkrete Situation sehr belastend gewesen sein kann.
Ihre Tochter ist mit 23 Jahren eine erwachsene Frau. Ich würde deshalb davon abraten, sie gegenüber anderen oder auch im Gespräch mit ihr immer wieder als „das Kind“ oder als besonders schutzbedürftiges „Küken“ zu behandeln. So liebevoll das gemeint sein mag: Martine sollte selbst bestimmen dürfen, was sie jetzt braucht, worüber sie sprechen möchte und welche Hilfe sie annehmen kann.
Ihre Verschlossenheit kann damit zusammenhängen, dass Ihre Tochter eine Leiche gesehen hat. Das ist natürlich ein ungewohnter und völlig anderer Blick auf einen Menschen, den man bis dahin nur voller Leben gekannt hat.
Aber Sie wissen nichts Genaues, Sie vermuten nur, dass die Gemütslage Ihrer Tochter damit zusammenhängt, dass sie eine Leiche gesehen hat.
Sie kann aber ebenso Teil der Trauer sein oder andere Gründe haben – etwa Erschöpfung, Schwierigkeiten im Studium oder die von Ihnen erwähnte Suche nach Orientierung. Aus der Distanz lässt sich das nicht beurteilen. Vor allem sollten Sie ihr nicht wiederholt erklären, dass der Anblick einer Leiche sie geschädigt haben müsse. Eine solche Erwartung kann zusätzlich verunsichern und ihr das Gefühl vermitteln, mit ihr sei etwas nicht in Ordnung.
Sinnvoller wäre ein ruhiges Gespräch ohne Drängen. Sie könnten beispielsweise sagen:
„Wir merken, dass du dich zurückgezogen hast, und machen uns Sorgen um dich. Du musst mit uns nicht über Opa sprechen. Wenn du aber reden möchtest oder Unterstützung brauchst, sind wir da. Du kannst auch selbst entscheiden, ob du lieber mit jemand anderem sprechen möchtest.“
Danach sollten Sie ihre Antwort zunächst respektieren. „Ich brauche noch Zeit“ kann eine vollkommen berechtigte Aussage sein. Gleichzeitig dürfen Sie aufmerksam bleiben. Wenn Martine über längere Zeit kaum am Alltag teilnimmt, dauerhaft niedergeschlagen oder stark ängstlich wirkt, nicht mehr schläft, sich selbst vernachlässigt oder jede Zukunftsperspektive verliert, wäre professionelle Unterstützung sinnvoll. Eine erste Anlaufstelle kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Auch eine Trauerberatungsstelle oder eine psychotherapeutische Sprechstunde kommen infrage. Bei Äußerungen über Selbstverletzung oder Lebensüberdruss sollte unverzüglich fachliche Hilfe eingeschaltet werden.
Eine Reise nach Miami oder auf die Philippinen kann schön und bereichernd sein – wenn Martine selbst reisen möchte. Sie sollte aber nicht „weggeschickt“ werden, um etwas vermeintlich Grausames zu vergessen. Ortswechsel ersetzen keine Verarbeitung, und eine weite Reise kann einen Menschen in einer instabilen Phase zusätzlich überfordern. Fragen Sie Ihre Tochter, ob sie reisen möchte, wohin, mit wem und unter welchen Bedingungen. Machen Sie daraus keine von den Eltern verordnete Therapie.
Einen Punkt möchte ich außerdem freundlich, aber deutlich ansprechen: Männer sind nicht von Natur aus besser dafür geeignet, Tote zu sehen, in den Krieg zu ziehen oder zu jagen. Männer können ebenso erschüttert und verletzlich sein wie Frauen. Umgekehrt sind Frauen nicht grundsätzlich weniger belastbar. Auch Ihr Mann darf von dem Erlebten berührt sein und darüber sprechen.
Dass Sie das Schlafzimmer nicht mehr betreten wollten, war Ihre persönliche Entscheidung. Ebenso darf Martine ihre eigene Art finden, mit dem Erlebten und ihrer Trauer umzugehen. Entscheidend ist jetzt weniger, den Anblick des verstorbenen Großvaters zum lebenslangen Trauma zu erklären, sondern Ihrer Tochter ruhig, respektvoll und ohne Vorfestlegung zur Seite zu stehen.
Mein Rat lautet daher: Nehmen Sie Martines Rückzug ernst, ohne ihn vorschnell zu dramatisieren. Bieten Sie Hilfe an, ohne sie aufzuzwingen. Behandeln Sie Ihre Tochter als erwachsene Frau und lassen Sie sie an allen Entscheidungen über Reise, Beratung oder Therapie selbst mitwirken.
Mit freundlichen Grüßen
Peter Wilhelm
Leiche gesehen – Häufige Fragen nach einem belastenden Todesfall
Ist es automatisch traumatisch, einen verstorbenen Menschen zu sehen?
Nein. Der Anblick eines verstorbenen Menschen kann erschrecken und lange
beschäftigen, verursacht aber nicht zwangsläufig ein Trauma. Menschen
reagieren sehr unterschiedlich. Entscheidend ist, wie die betroffene
Person das Ereignis erlebt und in der folgenden Zeit verarbeitet.
Welche Reaktionen sind nach einem belastenden Todesfall normal?
Traurigkeit, Rückzug, Unruhe, Schlafprobleme, wiederkehrende Erinnerungen
oder das Bedürfnis, nicht darüber zu sprechen, können zunächst normale
Reaktionen sein. Häufig verändern und vermindern sie sich mit der Zeit.
Wie können Angehörige am besten helfen?
Angehörige sollten ruhig zuhören, praktische Unterstützung anbieten und
Gesprächsbereitschaft zeigen, ohne die betroffene Person zum Reden zu
drängen. Hilfreich ist die Botschaft: „Ich bin da, wenn du mich brauchst.“
Sollte man die betroffene Person mit einer Reise ablenken?
Eine freiwillig gewünschte Reise kann guttun, ersetzt aber keine
Verarbeitung und keine notwendige fachliche Hilfe. Eine Reise sollte
deshalb nicht verordnet oder als Mittel zum Vergessen verstanden werden.
Die betroffene Person sollte selbst mitentscheiden.
Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?
Fachliche Unterstützung ist ratsam, wenn die Belastung über längere Zeit
sehr stark bleibt, der Alltag kaum noch bewältigt wird oder ausgeprägte
Ängste, anhaltende Schlafstörungen, Hoffnungslosigkeit oder starke
Erinnerungsbilder auftreten. Erste Anlaufstellen können Hausarzt,
Trauerberatung oder eine psychotherapeutische Sprechstunde sein.
Was ist bei einer akuten seelischen Krise zu tun?
Äußert jemand Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid, sollte die Person
nicht allein gelassen werden. In Deutschland sind bei unmittelbarer Gefahr
der Notruf 112, eine psychiatrische Notaufnahme oder ein regionaler
Krisendienst geeignete Anlaufstellen.
Links zum Thema „Als junger Mensch eine Leiche gesehen“:
Junge Menschen lernen den Beruf des Bestatters
Bestattungsfachkraft













Ähm, das scheinen ja liebevolle und bemühte Eltern zu sein, aber die junge Frau ist 23 und muss so oder so, durch ihre Trauer und sonstigen Gefühle alleine durch.
Das schafft sie wahrscheinlich auch, und wahrscheinlich ist es auch besser die junge Frau, wie sie selbst bittet in Ruhe zu lassen damit sie was sie ihre Trauer und Eindrücke erstmal annehmen und verarbeiten kann. Wofür jede/r Mensch seine/ihre eigene Zeit braucht.
Mich hat der Tod der Großeltern immer in ein tiefes Loch gerissen… Ich denke immer noch sehr häufig an sie und mir kommen nicht selten die Tränen weil sie nunmal nicht mehr da sind. Und ich bin Mitte vierzig, habe zwei Kinder und unsere kleine Welt ist toll. So ist aber nunmal der Gang des Lebens, auch unsere Kinder beide in der Grundschule wissen das Oma und Opa und auch wir als Eltern nicht ewig leben…
Und immerhin war es kein wilder Unfall mit Blut etc. ich denke der Überraschungsmoment und die alleinige Erkenntnis „er ist Tod“, ist das was wirklich zu meistern ist. Da ist ein Anruf eines nahen Angehörigen der einen mit einleitenden Worten vorbereitet, natürlich etwas schonender.
Als mein Opa starb, habe ich das erste Mal „Kontakt“ mit dem Tod gehabt. Ich habe ihn zwar nicht mehr sehen können, aber er war der erste Mensch in meinem engen Umkreis, der gestorben ist. Da war ich auch Mitte 20. Das bewirkt schon einiges in einem. Auf einmal ist es realer und man setzt sich auch mit der eigenen Sterblichkeit und der Zukunft auseinander. Martine aus dieser Geschichte scheint generell sehr feinfühlig zu sein (und vielleicht auch überbehütet) und braucht daher länger, um die Trauer zu verarbeiten. Ihre Eltern sollten sie beschützen, aber nicht einengen.
Es ist eine sehr traurige Geschichte. Nicht dass der Großvater verstorben ist. Das ist an sich natürlich auch ein Verlust, der oft ein tiefes Loch reißt. Jeder von uns hat das schon einmal erlebt und verarbeiten müssen. Ich finde es allerdings genauso traurig, dass es Eltern gibt, die nicht in der Lage sind ihre Kinder auf das Leben (uns somit auch auf den Tod) vorzubereiten. In der Schule unseres Sohnes gibt es mehr als nur eine Familie, in der der Hamster/Kanarienvogel/Goldfisch oder was auch immer schnell nachgekauft wurde, damit das Kind nicht merkt, dass das liebe süße Haustier verstorben ist. Eine kurze Erleichterung für die Eltern, ein lebenslanger Erfahrungsverlust für die Kinder. Viele Eltern wollen ihre Kinder immer glücklich sehen und alles dafür tun, um diesen Zustand zu erhalten. Sie vergessen, dass man ohne etwas Leid und Verlust auch kein Glück mehr empfinden kann.
Die Folge sind Teenager mit Burnout oder Angstattacken, junge Menschen die mit sich selbst und dem Leben nicht klarkommen. Da hilft kein Trip in die USA. Da hilft ein Ferienjob im Tierheim.
Seit das Soziale Jahr und der Zivildienst abgeschafft wurden, kommt auch keiner der jungen Menschen mit solch profanen Dingen wie Pflege oder auch dem Tod von Patienten mehr in Kontakt. Wenn sie dann im Berufsleben aus der Wattewolke fallen hilft nur noch der Psychiater.
Das Leben hält alles bereit um es zu erlernen. Für den einen mehr, für den anderen weniger. Meistern müssen wir es alle.