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Morgen bist Du tot! – Beitrag 10

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Mir geht es nicht gut, 10:00 ich geh zum Arzt..wird schon nix schlimmes sein, vielleicht hätte ich mit der Grippe doch früher zum Arzt gehen sollen? Aber man ist so im Alltagstrott, jeder Tag ist gleich und arbeitsreich, die Ehe seit 20 Jahren, die Kinder aus dem gröbsten raus, man spricht nicht mehr viel, man ist zufrieden..mehr oder weniger, wenn alles glatt läuft, dann ist es gut.
Nun tut es in der Lunge weh, nun muss der Besuch sein..2 Stunden später komme ich dort wieder raus..halb betäubt von der Diagnose:
Morgen bist Du Tod.
Lungengeräusche, Laborwerte so was von Kathastrophal..ein Wunder das ich noch laufe und atme!
12 Stunden noch, was ist zu tun?

Erst mal hinsetzen und einen Kaffe trinken, Stift gezückt und eine Liste schreibe:
Wohnung aufräumen, alles ordentlich hinterlassen, Testament schreiben, Familie benachrichtigen, Kinder erklären was passiert, welche Freunde soll ich anrufen, mit wem hab ich Zoff. Mit wem muss ich reden? Wer hat noch was zu klären?
Bei der Arbeit bescheid sagen, Mist welche Kleidung brauch ich noch, eine Abschiedsparty..oder soll ich keinem Bescheid sagen? Ein Blick auf die Uhr..Mist schon 2 Stunden verplempert und nichts erreicht.
Ich fange erst mal mit der Wohnung an, Wäsche abnehmen, zusammenlegen, wegräumen, noch ein Kaffee? Ach ich saug erst mal, ne der Wäscheständer muss erst noch weg, dann kann ich gleich noch den Müll rausbringen und die Küche machen..der Gang zum Mülleimer hat mich ermüdet, nur kurz ne Pause machen..kurz weggenickt..verdammt 17:00 die Kinder und Familie kommen gleich, was sage ich..ich fange an einen Brief zu schreiben, mir fehlen die Worte, langsam wird der Brief fertig..und müsste doch 400 weitere Seiten haben ich habe nichtmal 1% in den Brief gepackt was ich alles noch sagen will..ich dachte immer ich bin unsterblich, sterben müssen nur die anderen..bin doch erst 40..Tja 40 und nun versagt die Lunge von jetzt auf gleich..die Uhr sagt 19:00 die Familie ist nach Hause gekommen hat mich aber instinktiv in Ruhe gelassen, mein Mann fragte nur kurz, alles klar?..Ich kann noch nicht erzählen was los ist, die Kinder sitzen da und erzählen von Ihrem Tag, ich schaue mich um..die Wohnung? Nichts habe ich geschafft, wollte alles perfekt machen und habe irgendwie nur Chaos veranstaltet, Anrufe? Wer zuerst? Ich kann mich nicht entscheiden, wahrscheinlich meine Mutter zuerst..aber was und wie soll ich es sagen? Ein Blick auf die Uhr..noch 3 Stunden bis Mitternacht, mein Mann schaut schon ganz komisch weil ich so ruhig bin, eigentlich bin ich total verzweifelt, ich hab alles angefangen und überhaupt nichts geschafft, ich habe nichts mehr auf die Reighe gekriegt, mechanisch gekocht und den ganzen Tag verplempert,mir wäre es lieber ich hätte es nichts gewusst, einfach Tod umgefallen..oder wenigstens 2 Wochen vorlaufzeit und dann 2 Wochen durchfeiern! Oder Urlaub? Ich habe tausend Pläne und keinen, kann mich nicht entscheiden und merke wie mein Blutdruck steigt, ich stehe auf und sage: ich muss Euch etwas erzählen, ich war Heute beim Arzt..da klingelt es an der Tür, Mein Dr kommt und sagt : Frau Meier ich muss Sie sofort sprechen, schnappt mich am Arm und zieht mich in die Küche, meine Familie bleibt verwirrt zurück.
Der Doc schaut mich an und sagt: Gott sei Dank haben sie augenscheinlich nichts dummes gemacht, sich vor den Bus geschmissen oder so.
Ich habe seit Stunden versucht sie anzurufen, aber ihr Telefon ist wohl nicht eingestöpselt, Ich schaue ihn an und verstehe kein Wort, er sieht mir direkt ins Gesicht und sagt;: setzen sie sich, das Labor hat angerufen, die Werte waren durch einen technischen Defekt völlig neben der Spur, sie haben nur eine verschleppte Grippe, und werden nicht daran sterben. Er redet 5 Minuten auf mich ein..dann versteh ich..ich sterbe nicht, jedenfalls nicht Heute.
Er sieht mich an, brauchen Sie Hilfe? Haben Sie schon etwas unternommen? Beerdigun geplant? Familie unterrichtet? Arbeit gekündigt? Er sieht ziemlich bedröppelt aus und entschuldigt sich andauert..da fange ich an zu weinen ,etwas was den ganzen Tag nicht passiert ist..mir laufen die Tränen nur so runter und er nimmt mich in den Arm, aus den Tränen wird ein Lachanfall und er rückt ein Stück ab…unter Lachen sage ich ihm das ich vor Lauter Aufgaben die ich mir gestellt habe überhaupt nichts geschafft habe und somit überhaupt nichts zu tun ist.
Er verabschiedet sich unter weiteren Entschuldigungen und ich gehe zurück zu meiner Familie die immer noch im Wohnzimmer ist und dort mittlerweile ruhelos im Zimmer rumläuft..ich nehme sie alle zusammen in den Arm und sage: es ist nichts, alles ok, nur Bettruhe und alles ist wieder gut, mir glitzern noch die Tänen in den Augenwinkeln und ich drücke die Famile noch etwas fester und sage:
versprecht mir eines..nutzt jeden Tag so als wenn es euer letzter ist, genießt jeden Tag, und geht niemals Grußlos aus dem Haus.
Mit meinem Mann setze ich mich abends noch mal aufs Sofa und bespreche die Zukunft, wir entwerfen grob ein Testament, wir sprechen über unsere Bestattungswünsche, Wunschmusik, Dinge die man mag und auf keinen Fall will, aber auch über die Dinge die wir noch erleben wollen, planen Urlaube und Reisen, die Hochzeiten unserer Kinder, malen uns die Zukunft rosarot und fühlen uns dabei so lebendig wie schon ewig nicht mehr.
Heute habe ich überlebt und vielleicht dauert es ein bisschen..aber ich werde das Leben jetzt mehr genießen und vielleicht eines Tages mich wieder ein Stückchen unsterblich fühlen :O)

(Elo)

Peter Wilhelm 1. Juni 2012


4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr gut!
    Witzig finde ich das nicht.
    Nach einer Fehldiagnose haben sich manche schon das Leben genommen!

  2. Diese Geschichte ist sehr wirklichkeitsnah und gefällt mir sehr gut.
    Eine nahe Verwandte hat übrigens einmal die Fehldiagnose Leukämie bekommen…

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