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Vertragt ihr euch noch oder habt ihr schon geerbt?

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Herr Plautzinger ist am Freitag einen schnellen Tod gestorben. Beim Verlassen des ALDI-Ladens hatte er sich bei den Einkaufswagen nach einer auf dem Boden liegenden Euromünze gebückt und noch bevor seine Finger das Geldstück erreicht hatten, war Bruder Heins Sense kurz durch das dünne Band zwischen Seele und Körper gezischt und Herr Plautzinger fiel tot vornüber.

Zwar versuchte pro forma noch ein Team von Rettungssanitätern sein Glück, doch dann kam, nach einstündigem Warten, was dem ALDI-Filialleiter gar nicht recht war, der Arzt, stellte den Tod fest und die herbeigeeilte Polizei hatte dann uns verständigt.
So kam Herr Plautzinger, natürlich ohne seine Seele, die hatte Bruder Hein ja schon auf die Reise in die Ewigkeit oder wohin auch immer geschickt, in unsere Kühlkammer. Am Samstag war dann eine Frau von etwa 40 Jahren bei uns aufgetaucht, die sich als die Tochter des alten Herrn vorstellte und gerne wissen wollte, welche Unterlagen man denn so alles brauche, denn am Montag wolle sie dann, gemeinsam mit ihrem Mann, ihren beiden Brüdern und deren Frauen zu uns kommen, um alles weitere zu besprechen.

Es war Montag und die Uhr zeigte kurz vor neun, in der Halle schlug die große Standuhr etwas zu früh und ich notierte gerade in einem finsteren Winkel meines Gehirns, daß ich die Uhr mal wieder stellen muß, da klingelte es an der Tür und die angekündigte halbdutzende Schwiegerschwagermannschaft rollte an.
Wie gesagt, es war die Tochter Marianne, deren Mann Martin, ihre Brüder Rolf und Dieter mit den Ehefrauen Runghilda und Dagmar. Mit Nachnamen hießen sie zum größten Teil Plautzinger und im Falle von Marianne und ihrem Mann Martin Balowski.
Das tut aber eigentlich überhaupt nichts zur Sache, ich will es nur erwähnt haben, vor allem um zu beweisen, daß nicht in allen meinen Geschichten komische Doppelnamen für einen kurzfristigen Lacher sorgen müssen.

Zuerst, so ist das bei uns, sitzt man zusammen, bespricht dies und das und klärt die wichtigsten Fragen, füllt die ersten Formulare aus und danach erst schauen wir uns gemeinsam mit den Kunden die Särge und die Totenhemden und alles das an, was Mensch sonst so zum Beerdigtwerden gar nicht wirklich braucht, aber unbedingt haben muß.

Doch dazu kam es dieses Mal gar nicht in der von mir ins Auge gefaßten zeitlichen Abfolge. Ich will nicht sagen, daß ich es an diesem Tag eilig hatte, mir pressierte es nur a bisserl. Schon eine gute Stunde später sollte in unserer Trauerhalle eine größere Trauerfeier stattfinden und ich war mit dem Zurechtzupfen von Blumengebinden, Schleifen und meiner dunklen Krawatte noch nicht ganz fertig geworden.
Die verschwiegerte, aber keinesfalls verschwiegene Familiengesellschaft der Plautzingers & Co. hatte sich an der Frage festgebissen, ob der Vater ein eigenes Grab bekommen sollte oder ob man da fast schon abgelaufene und viel teurere Grab der schon lange vorher verstorbenen Mutter erneut anmieten sollte, um den Mann bei seiner Frau, oder bei dem was wahrscheinlich gar nicht mehr von ihr übrig war, bestatten zu lassen.
Meine diesbezüglichen Ratschläge, die ich gerne gebe, nicht weil ich mich so gerne reden höre, sondern weil ich meistens besser Bescheid weiß, als die Leute, die da so unbedarfterweise zu mir kommen, wollten die gar nicht hören. Es war, als redete ich im Vakuum des luftleeren Weltalls und es fehle am Trägermedium Luft, um meine Stimme zu den Leuten zu transportieren. Ich hätte sie auch alle rundheraus beleidigen oder, wie man hier so sagt, zusammenscheißen können, die hätten das gar nicht mitbekommen.

Im Streit um die richtige Grabstelle stand es 2:2:2. Zwei Plautzingers wollten ein neues Grab, zwei Plautzingers das alte Grab und die Balowskis schwankten mal zu der einen, mal zu der anderen Seite, was bei ihren Verschwigerten und Geschwistern mal ein freundlichen Lächeln, mal herabgezogene Mundwinkel oder gar nahe an haßerfüllt grenzende Blicke verursachte.

Ich merkte schon, das würde sich hinziehen und übertrug das allgemeine Trauerzupfen in der Halle an Frau Büser, die kurz hereinschaute, um Getränke zu bringen. So kam es übrigens, daß meine dunkle Krawatte an diesem Tag ungezupft blieb, was aber keinem auffiel, sie war halt eben etwas locker gebunden, könnte ja ein neuer Modetrend werden.

Man kann nicht sagen, daß ich drängte, aber vielleicht könnten empfindliche Gemüter mein rhythmisches Tippen und Klackern mit dem Kugelschreiber auf der Tischplatte als akustische Nötigung empfunden haben. Irgendwie muß es ja mal weitergehen und wenn das Volk nicht zum Berg kommt, muß der Prophet eben mit dem Kuli klackern. Ist doch wahr, oder?
Man hat ja auch als Bestatter nicht ewig Zeit und würde seine Aufträge ja gerne noch zum Abschluß bringen, bevor einem Bruder Hein selbst mal mit der Sense durchs lichte Haupthaar wedelt.
(Dabei finde ich ja, daß ich gar nicht so gelichtet bin, das sieht man eigentlich nur von hinten, schräg oben und da ich fast Einsneunzig bin, können die wenigsten auf mein Gekahltes schauen, nur mal so nebenbei.)

Endlich zeigte das Klackern und mein konvulsivisches Räuspern Wirkung und die Bagage ließ mich auch mal zu Wort kommen. Ich erklärte in ungewohnter Hast, getrieben von der Angst, die könnten wieder anfangen im Vakuum der Gehörlosigkeit zu diskutieren, daß es ganz nahe beim Grab der Mutter auch ein paar freie Einzelgräber gebe, wovon man eines nutzen und so dem Vater, trotz des günstigeren Einzelgrabes, zumindest für ein, zwei Jahre eine gewisse Nähe zu seiner Restfrau gönnen könne.
Der Vorschlag fand, was mich fast wunderte, allgemein Gefallen und schnell notierte ich den Grabwunsch, hatte mich schon fast erhoben, um die Leute in den Ausstellungsraum zu führen, da stellt Runghilda die Frage aller Fragen und zwar jene Frage, die mir damals binnen einer Nanosekunde klar werden ließ, warum der Liebe Gott die Frau mit diesem blöden Vornamen gestraft hatte: „Und wer soll das bezahlen?“

„Ja wie? Wer soll das bezahlen? Das ist ja wohl klar, oder?

Und ich brauche im Folgenden auch überhaupt nicht durch kunstvolle „sagte Dieter“ oder „Rolf meinte“ erklären, wer was gesagt hat, denn das spielt überhaupt keine Rolle. Bei dem Stimmgewirr, das an jenem Tag herrschte, könnte ich heute sowieso nicht mehr wahrheitsgetreu wiedergeben, wer da wen zuerst als Erbschleicher bezeichnet hatte…

„Ja nee, is‘ klar, ihr habt dem Vatter schon vor Monaten das Auto abspenstig gemacht. ‚Papa, du zitterst ja immer so, du solltest besser nicht mehr fahren.‘ Und dann dem alten Mann seinen Audi wegnehmen, ihr seid doch Erbschleicher!“

„Wir Erbschleicher? Ausgerechnet wir? Ja wer hat denn all die Jahre…?“

„Das waren ja wohl wir, ihr habt euch doch nie gekümmert, ihr seid doch nur gekommen wenn’s was zum Abstauben gab.“

„Stimmt ja überhaupt nicht. Vater hat immer gesagt man soll mit warmen Händen geben und das haben wir genommen.“

„Ja, mit heißen Klauen zusammengerafft, heiß vor Gier!“

„Und ihr? Ihr seid doch bloß scharf auf das kleine Häuschen.“

„Das steht uns ja wohl auch zu!“

„Sagt wer?“

„Hat Papa immer gesagt.“

„Und? Haste das schriftlich?“

Im nächsten Moment eskalierte die Situation, Rolf, oder war es doch Dieter, hatte plötzlich das Kruzifix vom Sideboard in der Hand und schwang es wie Thors Hammer über dem Kopf und bevor er noch einen aus der Plautzinger-Balowski-Truppe damit ernsthaft verletzten konnte, sprang ich so behende es mir möglich ist herbei, entriß ihm das heilige Geknöchel und brachte es vor der Germanenwut in Sicherheit.
Als ich mich wieder umdrehte, hatte Dagmar Mariannes Haarzopf in den Händen und hing förmlich daran, während Martin mit meiner Dokumentenmappe Dagmar auf den Rücken haute.

Warum gibt es bei Bestattern unterm Tisch keinen roten Geheimknopf, mit dem man die Polizei, die Nationalgarde oder die Männer mit den Zwangsjacken rufen kann?

Es war ein Geschrei im Raum und ich konnte fast nicht mehr auseinander hakten, wer da wen anschrie und wer mit wem in Raufhändel geraten war.

Ich schaute auf die Uhr, es ging schon gegen halb elf zu, in der Halle mußte schon die Trauergesellschaft für die Trauerfeier warten. Doch es war gar nicht dran zu denken, die Plautzingersche ‚World-of-Kampfkraft‘-Truppe allein zu lassen.
So entriß ich Martin meine Mappe, holte aus und schlug sie, nein, nicht Martin oder Dagmar ins Gesicht, sondern mit lautem Knall auf die Tischplatte.
In der selben Sekunde war schlagartig Ruhe.

Mit dem vor den Mund gelegten Zeigefinger und einem Blick der sagte: „Wenn sich einer von Euch muckst, mach ich ihn alle, aber ganz langsam und vor allem schmerzhaft!“, machte ich „Pscht!“ und verließ den Raum, nicht ohne die Tür hinter mir zu schließen.
Wenigsten kurz wollte ich mich bei der Trauergesellschaft blicken lassen, mehr mußte nicht sein, den Rest hatte meine Leute schon ganz gut allein im Griff.

Ich zog mir also nun doch die Krawatte stramm, zupfte mein Jackett zurecht und steuerte auf die Witwe zu. Die begrüßt mich mit den Worten: „Bei Ihnen geht’s heut‘ aber laut zu!“

Was tun? Die Dame schien leicht verärgert, war doch nebenan ihr Mann mit Sarg feierlich zwischen Blumen aufgestellt und wurde schon von leiser Orgelmusik berieselt.
Ich überlegte kurz und sagte dann: „Das sind Flüchtlinge, Flüchtlinge aus Belutschistan, die haben so eine ganz besondere Religion, die trauern so.“

„Ach was? Nee, da muß man dann ja Verständnis für haben, für so arme Flüchtlinge. Sind das so Boatpeople, die mit ’nem Schiff über die Mauer sind oder so?“

„Genau!“

„Die Armen!“

„Ja, kann man wohl sagen.“

„Nee, dann sagen sie denen mal ’nen schönen Gruß, wir Katholischen machen ja nicht so’n Gedöns, aber wir sind tolerant.“

Ich auch.


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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 6. Juni 2013

32 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Das tut aber eigentlich überhaupt nichts zur Sache, ich will es nur erwähnt haben, vor allem um zu beweisen, daß nicht in allen meinen Geschichten komische Doppelnamen für einen kurzfristigen Lacher sorgen müssen.

    … morgens- halb 6. Ich hab so laut gelacht, dass Frau und alle 4 Kinder wach wurden^^ (da hab ich gar nicht mit punkten können)

  2. Sehr schöne Geschichte. Die gönnen sich gegenseitig nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln.

  3. ich sage ja immer: Für jede Familie, die durch die Erberei schon zerstört wurde einen Euro und ich wäre SEHR, SEHR reich!

    Und: Lustige (Doppel)Namen gibt es wirklich genug. Ich kenne eine Michaela Elisabeth Johanna S********-B**** – die sich ernsthaft fürchterlich bei der DB beschwerte, dass die nicht den kompletten Namen auf die BahnCard schreiben wollten/konnten… 😉

    • Na hoffentlich fällt Dir der eine Euro dann nicht runter, sonst endest Du wie der gute Herr Plautzinger.
      Mich würde interessieren, ob der Name Plautzinger von „Plautze“ (dicke Wampe, fetter Bauch o. ä.) abgeleitet wurde. Da wo ich früher gewohnt habe, hat man zu eben diesen oft „zieh die Plautze ein“ gesagt. 😉

      • Davon gehe ich doch aus, ich dachte irgendwie wegen der Plautze sei Herr Plautzinger vornüber gefallen. Aber vielleicht bücken sich alle Männer vornüber nach einer Münze, als Frau kann man das nicht bringen, die gehen in die Knie und bücken sich dann seitlich. Es sei denn… 🙂 Ach ja…

            • Stimmt, soll wohl i. A. im Knast so zu gehen. 😉
              Mir liegt ein sooo schöner Satz auf der Zunge, aber der würde sicher der Zensur zum Opfer fallen. Vermutlich zurecht und ich will Tom ja keinen Ärger machen. Ist eindeutig zwei- bis mehrdeutig und versaut. Hach hanè, hab‘ ich mich heute wieder im Griff. 😉

    • ich finds legitim auf seinem vollen Namen auf Ausweisen/Bahncards etc zu bestehen. Ich habe jetzt nur 2 Vornamen und einen Nachnamen (und habe auch nicht vor, dass je zu ändern), aber ich mag es nicht wenn jemand einen meiner Vornamen weg lässt. Das mag lächerlich sein, aber mein voller Name ist Teil meiner Identität!

  4. ‚Nen Doppelnamen braucht man gar nicht, wenn eine Runghilda dabei ist.
    Danke für die erheiternde Geschichte und den guten Start in den Morgen 🙂

  5. Das ist eine von diesen Geschichten, die nur Tom erzählen kann. Allein diese Wortschöpfungen, ich schmeiß mich weg! 🙂

  6. Zitat: (Dabei finde ich ja, daß ich gar nicht so gelichtet bin, das sieht man eigentlich nur von hinten, schräg oben und da ich fast Einsneunzig bin, können die wenigsten auf mein Gekahltes schauen, nur mal so nebenbei.)

    Man sieht aber die Lichtspiegelungen an der Decke…. *duck und wegrenn*

  7. Mich hat Thors Hammer ganz wuschig gemacht. Jetzt denke ich an schnelle, megag****, schnittige Autos und Robert Downey Jr. … 😉 Aber da bin ich im falschen Kopfkino, oder?! Hach… 🙂

          • Jau, haut hin, der Hammerheini. Danke.
            Liegts an meinem Monitor, oder sieht der wirklich so aus als hätte dem vorher jemand den Hammer ins Fressbrett gesemmlt? 😉

            • Ja, die Gesichtpartie ist ein bißchen verrutscht. 🙂 Aber dieser Bart steht ihm und diese Figur (diese Arme!!) ist einfach zum niederknien. 😎 Ein bißchen mehr ginge auch noch, bloß nicht so mager, ich mag so ganz dürre Kerle ja nicht, da kriegt man blaue Flecken von. 🙂

        • Das kriege ich nur vom iphone, vom laptop geht´s. Der Typ ist der Hammer, echt zum niederknien. 🙂

          • Kein Wunder. Wenn er dir mittn Hammer vorn Kopp haut…

            Immer getreu dem Motto:
            „Ich brech die Herzen der stolzesten Fraun,
            weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin.
            Ich brauch nur einer aufs Auge zu haun,
            und schon isse hin.“

            • Da war jetzt Hammer nicht als Metapher gemeint, oder? Nach so einer Holzhammermethode ist aber nix mehr mit amore und Hitchcock erklärte mal, wie umständlich und mühsam und von langer Dauer es wäre, jemanden umzubringen. Nix Hammer- Auge- aus. Ich würde eher davon ausgehen, Hammer-Auge-Ärger. 😀

  8. Hab ich vermutlich schon mal hier erwähnt, aber mein Anwalt sagt ja immer: „Wenn Du Deine Brut so wircklich noch posthum ärgern willst dann enterb sie nicht sondern lass mich ’ne schöne Erbengemeinschaft basteln“

  9. Ha, und wieder einmal bin ich froh, ein Einzelkind zu sein!! 😉 Die Stiefschwester 600 km entfernt hätte eh nicht viel zu melden… ^^

  10. „… mit dem Boot über die Mauer …“ Herrlich.

    Ich hätte eher gedacht, DURCH die Mauer und dann „my heart will go on“…

  11. Ich gehe mal wohlwollend davon aus, dass der Tod die Angehörigen so aus der Bahn geworfen hat, dass sie dermaßen irrational reagieren. Ansonsten wären das nämlich große Idioten.

  12. Herrlichster Seemannsgarn aus der Hafenkneipe.

    Tom ist Bestatter?

    Ach… Seemann ist er mit Herz und Seele. 🙂

  13. Die Seite mit dem Geld ist die, die mir gewöhnlich entgeht… außer einmal:
    „Nee nee, die sollen beim Bestatter ruhig das Geld für die Kirche auf die Rechnung schreiben, aber doppelt soviel wie den katholischen Tarif – dann zahlt mein Bruder wenigstens was dafür mit!“
    Dafür verzichtete er auf die Spendenquittung, die ihm 66% der Spendensumme zum Abzug von der Steuerschuld gebracht hätte. Zahlte im Endeffekt also mehr, damit der Bruder auch was für die Kirche auslegt!

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