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Wenigstens kein Arschgeweih

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Frühstück beim amerikanischen Schachtelwirt, das ist ganz was Besonderes für meine Kinder (Josie, damals 11, und Rouven, damals 14).
Nee, ehrlich! Würde ich sie vor die Entscheidung stellen, was sie lieber haben wollten, einen 3er BMW oder einen nagelneuen Computer oder ein Frühstück bei McDonalds, ja dann würden sie unisono „Mäckes“ rufen.
Gut, also denen schmeckt und gefällt es beim Käsewanzen-Ami, also tat ich ihnen den Gefallen und beschloß, sie einen Morgen dorthin zu bringen.

Vorher sagte ich zu ihnen: „Ich muß ganz früh in die Stadt. Ich bringe Euch zu Mäcces, warte bis ihr ausgesucht habt und bezahle. Dann fahre ich zu meinem Termin in die Stadt, das dauert nicht lange. Ich komme dann, trinke noch eines dieser hervorragenden, entfernt an Kaffee erinnernden Automatenheißgetränke aus dem Pappbecher, und dann fahren wir wieder heim.“

Das stieß natürlich auf große Gegenliebe und den ganzen vorherigen Tag waren die Kinder aufgeregt und tuschelten darüber, wer was nehmen würde, was es alles gibt und ob es wohl auch Happy-Meals mit tollen Spielzeugen gibt.

Am bewußten Tag lief auch alles wie am Schnürchen, das Restaurant war nahezu leer und meine Kinder saßen fröhlich EggMcMuffins kauend da, während ich dann weiterfuhr und meine Besorgungen machte.

Als ich zurückkam hatte sich das Bild ein wenig gewandelt. Der Große war etwas abgerückt und saß alleine an einem Tischende. „Was’n mit dem?“ erkundigte ich mich bei der Jüngsten als ich mich mit dem Kaffee zu ihr setzte. Den Kaffee gibt es in dieser Filiale nicht einmal in einem Pappbecher, sondern sogar in einem doppelwandigen Isolierstyroporbecher, der sicherstellt, daß die heiße Plörre auch nach Stunden noch in der Lage ist, die Haut des Gaumens in eine einzige, einem Reifenprofil nicht unähnliche, Brandnarbe zu vulkanisieren.

„Der? Der ist ein Mann!“ meinte meine Kleine mit einem abschätzigen Unterton, biß beherzt in eine Käsewanze und fügte dann kauend hinzu: „Guck doch, da drüben!“

Was sie mit ‚da drüben‘ bezeichnete war zwei Tische nebenan zu bewundern. Eine etwa 19jährige, große, schlanke junge Frau mit enormer Oberweite und, wie soll man es ausdrücken, ganz wenig Geld.
Jedenfalls hatte das Geld nicht für ein passendes Oberteil und eine ausreichend große Jeans ausgereicht. Das Oberteil endete knapp unter der Brust und die Jeans war so knapp, daß sogar ein Stück vom Schlüpfer herausschauen mußte.

‚Na, wenigstens hat das Teil kein Arschgeweih‘, dachte ich und dann fiel mein Blick wieder auf meinen pubertierenden Sohn. Der hormonelle Druck in seinem Körperinneren war auf 34 bar angestiegen.
Wer genau wissen will, was dann passiert und wie das aussieht, ja der kann sich ja mal auf einen aufblasbaren Plastikfrosch setzen. Solche Aufblastiere für den Strand oder das Schwimmbad haben doch immer irgendwo so einen Pinockel in den man reinpusten muß um sie aufzublasen. Dann muß man ganz schnell den Stöpsel draufmachen, sonst sieht beispielsweise die Aufblasgiraffe so krummhalsig aus wie ein Schwan oder ein Delphin gleicht einer grauen Qualle. Anschließend kann man den Aufblaspinockel in das Tier hineinschieben und versenken, damit man sich daran nicht wehtut und nicht versehentlich den Stöpsel aufmacht.

Setzt man sich nun auf so ein aufgeblasenes Gummitier, dann steigt der Druck im Inneren an und irgendwann macht es Plopp und der Pinockel springt aus seiner Versenkung. Presst man das Tier nun weiter zusammen, ja dann platzt es oder der Stöpsel fliegt aus dem Pinockel.

Bei meinem Sohn beschränkten sich die Auswirkungen des hormonbedingten Druckanstiegs auf das Ausfahren des Pinockels, was er durch das Übereinanderschlagen der Beine und das Drappieren der Brunftbeule im Schritt mit einer Serviette nicht nur notdürftig zu verbergen suchte, sondern eigentlich nur über Gebühr betonte.
Mit der Serviette auf dem Lustlümmelchen in der Hose sah es jedenfalls so aus als winke er quasi potentielle Geschlechtspartner herbei.

Da hatte er also in meiner Abwesenheit die Anwesenheit einer seiner Meinung nach zu Paarungszwecken geeigneten jungen Dame bemerkt. Das hatte ihn in gewisse halbwegs altersgemäße und natürliche Wallungen versetzt. Josie kommentierte das: „Der kann nicht aufstehen, der hat ’ne Verhärtung.“

Rouvens Gesicht war leicht gerötet. Auch seine Augen -die er von der 19jährigen „Bitch“ nicht mehr abwenden konnte- drohten gleich aus den Höhlen zu springen. Auf seiner zitternden Oberlippe standen Schweißperlen.
„Was ist denn los?“ erkundigte ich mich und erntete einen bösen Blick meines Pubertärlings. Der besagte: „Los Alter, stör mich nicht, ich bin gerade am Balzen und von solchen Dingen verstehst Du nichts, Du alter Mann!“ Tatsächlich meinte mein Sohn aber kauend: „Nix.“

Man hat als Vater nun die Möglichkeit, die Sache auf sich beruhen zu lassen oder aber man spielt das alte, seit hunderten von Generationen beliebte Spiel „Kinderquälen“ und bohrt nach: „Wie nix? Warum guckst Du denn immer da rüber?“

„Pssssst!“ Vorwurfsvoller Blick, Finger vor dem Mund.

„Wieso? Gefällt Dir das Mädchen?“

Er flüsterte quer über den Tisch: „Hm, ja, die ist doch voll geil, die tät ich gern mal knattern!“ Dann setze er sich auf, streckte die Brust und meinte: „Ich bin der oberste Frauenverführer der Welt!“

Knattern? Ich mußte mich beherrschen um nicht laut loszulachen, fragte aber stattdessen: „So mit Deiner Ringelknatter?“

„Papa! Wenn die das hört!“

„Ja, warum denn nicht, die ist doch hübsch.“

Am Liebsten wäre der eben noch zu allen sexuellen Schandtaten bereite Gockel sofort unterm Tisch versunken: „Sei doch nicht so laut, Du bist voll peinlich.“

„Ach was! Soll ich Dir die Kleine klar machen?“

„Untersteh‘ Dich!“

„Ach komm, das ist doch kein Problem. Du willst doch knattern.“

„Ja aber man kann die doch nicht einfach ansprechen!“

„Doch!“ sagte ich und stand auf, ging langsam zum übernächsten Tisch und sprach die junge Frau an.
Im Augenwinkel sah ich eine Bewegung. Eigentlich mehr ein kurzes Aufblitzen. Ein rascher Windhauch ging durch den Raum. Der, der eben noch nicht mehr aufstehen konnte, war nun schnell wie ein Tornado geworden. Von meinem Sohn blieb nichts weiter übrig, als ein nach Testosteron riechender Kondensstreifen in der nach Fritten riechenden Morgenluft eines amerikanischen Fast-Food-Restaurants…

Später auf dem Weg zum Auto fragte mich meine kleine Tochter grinsend: „Was hast Du die denn gefragt?“

„Wie spät es ist.“

Die Kleine grinste wissend und verstehend und als wir zum Auto kamen, wo mein großer Frauenverführer mit hochrotem Kopf auf dem Rücksitz kauerte, meinte seine kleine Schwester zu ihm: „Du, die sitzt drin und wartet auf dich, die findet dich auch ganz geil und du sollst mal zu ihr kommen.“

Wieder wollten die Augen aus dem Kopf meines Sohnes springen und der Körperinnendruck muss utopisch gewesen sein, er sagte aber nur: „Ihr seid soooooo gemein!“

©2009


Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 6. Februar 2017

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