Berlin, ich komme -IX-

Es sind zwei hübsche blonde Frauen, die mich in Empfang nehmen und mir nach der Reise eine Viertelstunde Ruhe bei einem Glas Mineralwasser gönnen.

Ich plaudere über meine Kinder, erzähle ein bißchen was aus meiner Heimat und mache schnell mal ein Foto von einem kleinen Teil des Redaktionsraumes.

Dann merke ich, daß die beiden Frauen mit den Füßen scharren und obwohl ihr Mund sagt: „Nehmen Sie sich Zeit, ruhen Sie sich ruhig noch etwas aus!“, sagen ihre Augen: „Mach hinne, Dicker, wir haben keine Zeit!“

„Also!“ sage ich und stelle mein Wasserglas ab und gebe damit das Startzeichen.

Jetzt werden mich die beiden lieben Mädchen in ein klimatisiertes Studio führen und man wird mir einige Dutzend Fragen stellen, die ich brav beantworten werde.

„Och, heute ist es sooooo schön draußen, da haben wir uns überlegt, wir könnten das alles doch draußen am Spreeufer machen“, überrascht mich die eine Blonde, die die Chefin der anderen Blonden ist.

„Draußen?“ frage ich entsetzt: „Doch wohl nicht etwa an der frischen Luft?“

„Es ist so schön warm draußen, das gibt auch schöne Bilder, mit der Sonne und so…“

„Ja eben, es ist warm!“

„Schööön, nicht wahr?“

Ich kann mich nicht wehren, ich dackele den beiden hinterher, sauge mal schnell eine der wenigen Zigaretten dieses Tages weg und schon nach einem guten Kilometer Fußmarsch sind wir an einer schönen Stelle an der Spree, direkt hinter dem Reichstag angekommen.
Dort bekomme ich ein kleines Mikrophon an das Revers meines Anzuges gesteckt und einen Sender in die Innentasche der Jacke.

„Da hinten gibt es eine schöne Treppe, die geht hier von der Promenade direkt zum Ufer runter, es wäre toll, wenn Sie da mal hinlaufen könnten und dann schwungvoll, dynamisch die Treppe wieder hochkommen. Wir bleiben hier und nehmen das auf.“

Es sind gut 300 Meter bis zu der Treppe…
Gut, was macht man nicht alles…

Ich laufe also bis zu der Treppe, schaue mich um und die beiden winken mir hinter der inzwischen aufgebauten Kamera heftig zu, ich solle doch ganz die Treppe runtergehen.
Mache ich, dann warte ich so etwa 20 Sekunden, setze ein freundliches Gesicht auf und gehe die Treppe so schwungvoll und dynamisch hinauf, wie ich kann.
Dann gehe ich auf die Kamera zu und folge dem Handzeichen der etwas jüngeren Blonden und gehe links an der Kamera vorbei.

„Schöööhööön“, freut sich die blonde Redakteurin und meint: „Das hatte jetzt schon sehr viel Schönes, aber wir machen das gleich nochmal.“

„Nochmal? Nochmal ganz bis da hinten und wieder zurück?“ frage ich und sie nickt fröhlich und meint: „Und schön wieder die Treppe rauf und runter.“

Okay, ich muß jetzt mal sagen, daß ich nie weiter laufe, als mein Auto lang ist. Wer weiter läuft ist ein Jogger.

Aber gut, ich mache das, ich gehe wieder die Treppe runter -runter geht ja noch!- und dann schwungvoll-dynamisch wieder hoch.
Also, jetzt mal ehrlich, ich bin -so glaube ich- noch nie in meinem Leben schwungvoller und dynamischer eine Treppe hinaufgelaufen, als dieses mal.

Oben angekommen sehe ich wie die beiden Blonden abwinken, denn ein Ehepaar mit Kinderwagen hat sich genau auf meiner ‚Rennstrecke‘ positioniert und winkt heftig in die Kamera.

Wir warten, bis die wieder weg sind und ich gehe brav wieder meine Treppe hinunter. Dann nehme ich erneut Anlauf und gebe den schwungvollen Dynamischen. Jetzt klappt es! Keiner schiebt einen Kinderwagen ins Bild, ich laufe die vollen 320 Meter und dann wieder links an der Kamera vorbei.

„Der schnauft so“, sagt die jüngere blonde Assistentin und die Redakteurin meint: „Machen wir sowieso ohne Ton.“

Ich freue mich, die Sonne scheint, mir läuft hinten der Schweiß von den Schultern bis in die Hose.

„So, das war alles prima, das waren die Totalen, jetzt machen wir das noch zwei, drei mal und ich halte dabei mehr auf Ihr Gesicht.“

„Nee jetzt, oder? Nicht wieder bis da hinten laufen!“

„Dohoch, das Wetter ist doch so schööööön.“

Ob ich dann noch sechs oder sieben mal laufen mußte, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls sind meine Kondition und dieses ewige Treppauf, Treppab und diese elendigen 320 Meter Spreepromenade vollkommen inkompatibel.

„Na, jetzt wird’s ja einfacher, jetzt setzen Sie sich da unten auf die freie Bank, schön das Notebook auf dem Schoß und wir machen dann da den ersten Teil des Interviews.“

Hmmm,…

…mir klebt die Zunge am Gaumen, meine Lippen sind ganz trocken und hintenrum bin ich nassgeschwitzt. Wie kann es in einer Stadt gleichzeitig so zugig kalt und in der Sonne so heiß sein?

„Ach, kommen Sie, wir drehen nur noch ein gutes Stündchen“, beruhigt mich die Redakteurin freundlich lächelnd und ich sage: „Eigentlich dachte ich, daß wir das im Studio machen.“

„Ja sicher, anschließend! Jetzt hier noch so etwa ein Stündchen, dann laufen wir knapp zwei Kilometer bis zu der grünen Stelle da hinten und da filmen wir Sie noch mal mit dem Fernsehturm im Hintergrund und dann gehen wir schön ins Studio.“

„Laufen? Zwei Kilometer?“

Ich bin am Ende meiner Kräfte, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr.
Außer einer Schinkenkäsezunge frühmorgens am Heimatbahnhof, Professor Takanitas ungenießbarer Printe, einem Kännchen Kaffee und dem halben Glas Wasser in der Redaktion hatte ich noch nichts gegessen.

„Wie sieht’s denn mit ’ner Pause aus?“ erkundige ich mich vorsichtig und bekomme zur Antwort:

„Ja klar, jetzt ziehen wir das hier eben durch und dann gehen wir lecker essen.“

Essen! Jawoll, Berlin ist doch schön!

Download PDF PDF erzeugen
  • Veröffentlicht am: 15. März 2011
  • 13 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

13 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. :D Tom, du hättest die andere Reihenfolge bevorzugt, richtig?

    Ich warte jetzt nur noch auf den Moment, wo du deine Mannesbrust unfreiwillig offenbarst… ;-)

  2. Ich ahne was kommen wird. Fast in „laufnähe“ ist ein gutes traditionelles Chinesisches Restaurant. :D
    Danke für die Lacher heute ..

  3. Bei Wärme und/oder Bewegung hintenrum nassgeschwitzt sein, dass Leiden aller „großen“ Männer…

    Ich fühle mit dir…

  4. @3/Kirstin: Nein, ein traditionelles japanisches Restaurant. Oder eine original Berliner Currywurstbude an der gerade unser Professor sitzt und sich freut seinen Reisebegleiter wieder gefunden zu haben.

    Und am Ende ist das Hemd komplett fertig für den Müll, Curryflecken gehen nicht mehr raus.

  5. „Okay, ich muß jetzt mal sagen, daß ich nie weiter laufe, als mein Auto lang ist. Wer weiter läuft ist ein Jogger.“

    Danke, danke, danke!
    Ich habe es mal mit dem Joggen probiert und war fix und fertig. Ich kam wieder mit hochrotem Kopf, klatschnassen Rücken, es lief nur so runter und jeder zuhause dachte, ich brauche einen Notarzt. Ü70jährige hatten mich locker umrundet, nicht nur überholt und Großmüttergruppen mit Stöcken bewaffnet waren schneller und konnten sich zu meinem Erstaunen noch über die Enkelkinder unterhalten! Ich war der Meinung, der Schilder im Wald wegen, dass ich 4km gelaufen hätte, aber mein Mann war da sehr skeptisch. Ich bekam das iphone mit, da gab es dann diese App mit der man das messen kann… es waren dann 1,2km- ich war so demotiviert, ich bin nie wieder gelaufen.

  6. Vl möchten sie nicht erkannt werden?

    Au weh, da haben sie Dich als absolut unsportlichen Menschen aber heftigst gequält. Tippe mal drauf, dass Du sowas freiwillig nie machen würdest und auch in Zukunft nicht machen wirst.

  7. Das mit dem Mundschutz hatte ich auch gedacht, aber es dann zunächst für ein besonders unförmiges Telefon gehalten. Vielleicht war sie ja erkältet (und Chinesin, da gibts das ja häufiger – womit ich nahtlos bei unsinnigen Vorurteilen gelandet bin) …

    Was das Joggen angeht: Ist auch nicht meine Welt. Ich bin zwar ganz gut zu Fuß, aber laufen? Da machen meine krummen Füße und kaputten Knie nicht mit.

  8. Oha, das ist echt nicht gut, so wenig zu laufen.
    Vielleicht demnächst doch 2 x ums Auto rum…
    Dann wirds nicht mehr so anstrengend ;-)

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.