Der frühe Vogel kann mich mal

Dr. Popper ist Stadtrat bei den Schwarzen, jung, dynamisch, mit Ambitionen, mal Bürgermeister zu werden. Fraktionvorsitzender ist er schon geworden und schon darüber, wie er es geworden ist, gibt es höchst unterschiedliche Auffassungen. Die einen ärgern sich, wie kühn und dreist der alte Fraktionsvorsitzende abgesägt wurde, die anderen sind froh, daß die ganze Sippschaft mitsamt ihrem Filz, die hinter dem alten Fraktionschef stand, mit abgesägt wurde.

Am Rande einer größeren Veranstaltung spricht mich Dr. Popper an, will Kontakte knüpfen, kennt mich aus der Zeitung, möchte gerne „was Tolles mit mir machen“, wir könnten viel zusammen bewegen. Aha. Ganz unnütz kann das nicht sein, Dr. Popper ist ganz wichtig in dem Ausschuß, der die Friedhofsangelegenheiten berät.
Ober wir uns mal treffen, na prima, dann wolle er mich im Laufe der Woche mal anrufen. Ich gebe ihm meine Handynummer.
Er greift meine Hand, auf seinem Gesicht erscheint blitzartig ein Kukident-Lächeln und er zieht mich ganz nah zu sich heran; ein Fotograf nähert sich von Nordnordwest, blitzt uns ins Gesicht und Dr. Poppers breites Lachen verschwindet wieder. Das war’s.


Natürlich ruft Dr. Popper nicht bei mir an, weder am Montag, noch am Dienstag, auch am Mittwoch nicht, und ab Donnerstag habe ich dann nicht mehr damit gerechnet.

Am Samstag klingelt das Handy. Ich schlafe noch, das Klingeln höre ich gar nicht, nur das Vibrieren des Handys auf der harten Oberfläche des Nachtschränkchens weckt mich. Es ist 5.15 Uhr! Wer um alles in der Welt ruft so früh an? Ich habe keine Bereitschaft und das kann nur was ganz Wichtiges sein, wenn meine Mitarbeiter es wagen…
Ich melde mich, es ist Dr. Popper, er will sich nächste Woche dann und dann, dort und dort mit mir treffen.
„Puh, Sie rufen aber früh an“, gebe ich mal so nebenbei zu bedenken, als Antwort bekomme ich:
„Ich bin ein stark nachgefragter Mann und muß mein Tagwerk früh beginnen, sonst komme ich nicht durch.“
Mir fällt nichts anderes ein als: „Naja, wenn man sooooo wichtig ist…“
Er meint: „Nur der frühe Vogel fängt den Wurm!“
Ich brumme zurück: „Der frühe Vogel kann mich mal.“

Damit war dann das Gespräch beendet, mal sehen, ob er sich immer noch mit mir treffen will.

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  • Veröffentlicht am: 10. August 2008
  • 17 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

17 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Aua… Mein Beileid zu dem sinnfreien Weckdienst.
    Bin ich eigentlich ein später Vogel, wenn ich nach der Arbeit letzte Nacht noch nicht im Bett bin? ;)

  2. Das Leid des Immer-zu-erreichen-sein-Müssenden. Wenn es hier zu meinen „Hauptarbeitszeiten“ Frühstück oder Ins-Bett-Bringen klingelt, hat derjenige leider, leider Pech gehabt. Da reagier ich schon gar nicht mehr.

    Salat

  3. >>> Das Leid des Immer-zu-erreichen-sein-Müssenden…

    Nein, eher die Frechheit, jemand um 5.15 Uhr anzurufen. Wenn um diese Zeit mein Handy klingelt denke ich automatisch, zuhause ist etwas passiert (ich bin die Woche über unterwegs).

    Sollte der Anruf (hoffentlich) nicht wichtig sein, reagiere ich dementsprechend…

  4. @Maik: die Frechheit könnte man ja umgehen, indem man das Handy nur zu normalmenschlichen Zeiten anstellt. Genau dieses aber ist dem Undertaker, bedingt durch seinen Beruf, ja leider verwehrt.

    Salat

  5. Na Tom, die Wichtigkeit eines solchen Menschen muß man bis zu dessen eigener Ohnmacht bestätigen, indem Du während Deines
    nächsten Bereitschaftsdienst so gegen 01.30 Uhr ihn an rufst und bittest, doch um dringenden Rückruf.
    So gegen 02.30 Uhr noch mal anrufen, denn „hat sich erledigt“..

    grab grab grab

  6. @TLT:

    Dieses T-Shirt gibt es schon lange. Dementsprechend lange hab ich es auch schon…(t-shirt-total.de)
    Der Spruch ist nun wirklich nichts Neues ;o) – wenn auch vom Undertaker passend genutzt.

  7. „Der frühe Vogel fängt fängt den Wurm“ bedeutet lediglich, daß Langschläfer-Würme länger leben.

  8. Wie Shel Silverstein schon schrieb:

    Oh, if you’re a bird, be an early bird
    And catch the worm for your breakfast plate.
    If you’Re a bird, be an early early bird –
    But if you’re a worm, sleep late.

    Ich bin auch von ganzem Herzen Wurm :)

  9. recht hast du! man kann in der früh, wenn man unbedingt was machen will, auch etwas angehen, wo man keine mitmenschen nervt.

  10. der frühe vogel…
    hat sich heute in meiner auto-front verewigt (wie passend zum eintrag)

    was haben die dinger auch um 7 uhr auf der landstraße zu sitzen

  11. ich finde das schrecklich, wenn jemand sich so toll findet und das passende deutsche Sprichwort nicht verwendet. Meistens ist es aber so, daß er es nicht verwenden will, weil man dann ja sooo multilingual erscheinen kann. Aus demselben Grund gibt es auch so viele Idioten, die etwas „realisiert“ haben und in Wirklichkeit etwas „verstanden“ haben. Sogar der Duden hat kapituliert.

    Ich stehe auch kurz vor 5 auf, aber trotzdem empfinde ich es als Körperverletzung, um diese Uhrzeit angerufen zu werden.

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