Klunker im Sarg

In hellster Aufregung präsentierte sich heute früh eine Familie beim Friedhofswärter des Ostfriedhofs.
Da stimme etwas mit der Leiche nicht und der Bestatter müsse sofort kommen.

Der Friedhofsverwalter rief uns dann an und bestellte uns zum Friedhof: „Ich gaub da müßt ihr mal kommen, da stimmt was mit Eurer Leiche nicht, die Leute sind voll sauer und aufgeregt.“

Ausgerechnet dieser Friedhofsverwalter ist uns nicht besonders wohlgesonnen. Man muß wissen, daß es in dieser Stadt einen kommunalen Bestatter gibt, also ein Bestattungsinstitut, das der Stadt gehört. Viele städtische Bedienstete sehen in uns niedergelassenen, freien Bestattern eine lästige Konkurrenz und sowas wie Parasiten, die man am Besten bekämpfen sollte.
Unser Tun wird als laienhafter Versuch eingeordnet und so kommt es immer wieder dazu, daß auch das Pflegepersonal in den kommunalen Altenheimen den Angehörigen eines jüngst Verstorbenen kurzerhand nur den Weg ins städtische Beerdigungsbüro nennt. Im Krankenhaus ist es nicht viel anders, rühren sich die Familien nicht schnell genug, dann wird unverzüglich der kommunale Bestatter gerufen und wir wissen ja: Wer die Leiche hat…

Manche Friedhofsverwalter lassen sich auch schon mal zu Sätzen hinreißen, wie: „Warum sind sie denn nicht zu uns gekommen? Die Stadt kann das doch besser!“

Kurzum, man stellt die seit Generationen bestens arbeitenden freien Bestatter dar, wie die NASA zwei mit Silvesterraketen spielende Kinder darstellen würde, die behaupten, sie könnten mit den Knallkörpern zum Mars fliegen.

Umso ärgerlicher ist es für uns, wenn so ein verbohrter „Städtischer“ uns einen Fehler aufs Brot schmieren kann und deshalb hat sich Sandy gleich in Schale geworfen und ist zu dieser Familie auf den Friedhof gefahren.

Die Angehörigen standen vor der offenen Tür der Aufbahrungszelle und Sandy befürchtete schon das Schlimmste. Fortgeschrittene Verwesung, irgendwelche Ausflüsse oder sonst ein Erscheinungsbild der Verstorbenen, das die Familie in Schrecken versetzt haben könnte. Ja, und nicht zuletzt hätte es ja auch sein können, daß uns irgendein ernstzunehmender Fehler passiert ist, Leiche vertauscht, verkehrt herum in den Sarg gelegt, falschen Sarg geliefert… Nicht, daß uns sowas passiert, aber Angst hat man immer irgendwie vor so was.

„Was ist denn passiert?“

„Ach, sind Sie vom Institut?“

„Ja, ich bin extra schnell hergekommen…“

„Gut! Es ist was Schreckliches passiert!“

Sandy schaut vorsichtig in die Aufbahrungszelle und sieht, daß alles völlig in Ordnung ist, dann schaut sie die Familie fragend an. Eine ältere Dame tritt vor:

„Sie müssen uns unbedingt helfen, wir sind ja völlig aufgelöst!“

„Ja, was ist denn passiert?“

„Sehen Sie das denn nicht? Schauen Sie mich mal an!“

Sandy schaut die alte Dame an und kann nichts erkennen.

„Schauen Sie ganz genau! Gucken Sie mal auf mein Ohr!“

Sandy sieht immer noch nichts und zuckt hilflos mit den Achseln.

Die alte Dame stampft energisch mit dem Fuß auf und sagt:

„Mein Ohrring! Ich habe mich über meine tote Schwester gebeugt und mein Ohrring ist in den Sarg gefallen! Den müssen Sie jetzt rausholen!“

Na, wenn’s mehr nicht ist!

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 24. Juni 2008
  • 19 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

19 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Gicht? Arthritis? oder einfach nur dämlich?
    Ah ne, ich weiss: Die Schwester könnte zu Staub zerfallen, wenn Omi den Ohrring selber aus dem Sarg puhlt :-)

  2. Sag mal Tom, so von Frischhaltefolie ueber die Sargoeffnung spannen hast du noch nichts gehoert, oder?
    Alternativ ginge auch ne Glasplatte Modell „Schneewittchen“ ……….

  3. schaffen Folie und Glasplatte nicht eine ‚unnötige‘ und ‚unnatürliche‘ Distanz?

    Also ich würde das nciht wollen….

  4. ich hab schon beim Bettenmachen oder Staubwischen Ohrringe verloren –
    die fallen manchmal in die unmöglichsten Zwickel,
    aber in einen Sarg ist mir noch keiner gefallen **GG**

  5. Ich hab mal kurz eine Frage, auch wenn sie nicht zum Thema passt: Vor kurzem ist meine Uroma im Schlaf gestorben und dabei blieb der Mund offen. Da meine Mutter & Oma den Mund nicht schließen wollten, baten sie den Notarzt, dies zu machen. Der meinte aber, dass er das nicht machen dürfe. Als später jemand von der Charitas kam, wurde es ebenfalls nicht gemacht. Da das Bestattungsinstitut erst rund 10 Stunden später kam, war es zu spät, da die Leichenstarre schon eingetreten war. So wurde sie mit offenem Mund aufgebart, was nicht gerade schön aussah. Deshalb meine Frage: Wer hätte das machen müssen?

  6. ich denke für den offenen Mund gibt es wirksame Hilfsmittel, Ihn
    doch geschlossen zu halten.

    die konservative Methode
    http://thanatos.net/galleries/data/media/1/123575-7798.jpg

    die moderne, diskrete
    http://www.goetz-trauerwaren.de/117.0.html?backPID=72&tt_products=241

  7. darf ich? *g*

    @Daisy: Das erste was mir einfiel, war: Wieso wollten die Angehörigen das nicht selber machen?
    Das zweite: Leichenstarre ist nix was immer bleibt. Leichenstarre löst sich auch wieder. Der Körper wird erst steif, danach löst sich die Leichenstarre wieder.

    Siehe auch:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Leichenstarre

    uhuuund:
    http://www.bestatterweblog.de/archives/Totenstarre-rigor-mortis/118

    1. Tom, ich will ein Fleißkärtchen für die Nutzung der Suchfunktion. :)

    2. Wieso hätte machen „müssen“. Es gibt sicherlich kein Gesetz, das vorschreibt, wer wann welcher Leiche den Mund zumachen muß ;)

    Praktisch würd ich sagen: Wenns stört: Selber machen.

  8. und noch was über die Suchfunktion gefunden:

    http://www.bestatterweblog.de/archives/Frau-Mueller-ist-tot-Erster-Tag/122

    ziemlich weit unten in den Kommentaren schreibt Tom:

    „@Timo: Oft wird der Verstorbene schon am nächsten Tag von seiner Familie besucht und soll dann passabel aussehen. Wird der Mund durch das Pflegepersonal verschlossen, indem man eine Binde um den Kopf legt, sieht das am natürlichsten aus und auch später wenn die Starre nachlässt ist das Bestreben des Unterkiefers, abzusinken nicht mehr so stark.
    Siehe auch den kürzlich erschienenen Artikel zu Totenstarre hier im Weblog.“

  9. Meine Mutter & Oma wollten es halt einfach nicht machen – keine Ahnung, wieso. Ansonsten war niemand dort, der es freiwillig gemacht hätte. Wie schon gesagt, bei der Aufbahrung sieht das einfach nicht schön aus. Und die Frage, wieso der Notarzt es nicht machen DARF, bleibt natürlich auch…

  10. Leichenstarre mag sich wieder lösen, aber das dauert … bei meiner Oma hatten sie es im Krankenhaus auch „vergessen“ (so die Auskuft des Bestatters), entsprechend sah das aus, als ich am Sarg Abschied nahm. Der Bestatter hat den zwar noch schließen wollen, sobald die Leichenstarre weg ist, aber ich habe sie halt noch so gesehen.
    Zum Glück bin ich da nicht so empfindlich, aber schön ist das nicht.

    Apropos: Viel schlimmer ist es, wenn man genau diese Art von Mund offenstehen an (noch) Lebenden sieht; meine Mutter ist einige Stunden vor ihrem Tod ins Koma gefallen, und hatte den Mund genauso auf. Das war nicht angenehm zu betrachten, zumal wir wußten, das ist jetzt das Ende.

  11. Die Erklärung könnte darin liegen, daß viele Notärzte keine Leichenschau durchführen, sondern nur den Tod feststellen und diesen bescheinigen.
    In diesem Fall müsste aber eigentlich der Hausarzt die Leichenschaupapiere ausstellen und bis dieser das nicht gemacht hat, sollte der Notarzt auch keine Maßnahmen an dem Verstorbenen vornehmen, die eventuell über die Todesursache hinwegtäuschen könnte.

  12. Geschrieben von Tom:
    In diesem Fall müsste aber eigentlich der Hausarzt die Leichenschaupapiere ausstellen und bis dieser das nicht gemacht hat, sollte der Notarzt auch keine Maßnahmen an dem Verstorbenen vornehmen, die eventuell über die Todesursache hinwegtäuschen könnte.

    Da hat Tom den Nagel auf den Kopf getroffen…;-). Das „Hochbinden“ des Unterkiefers kann zu Verletzungen führen die unter Umständen als ursächlich für den Tod gehalten werden. Deshalb wird dies vom Notarzt bzw. Rettungsdienst nicht mehr praktiziert. Eine Möglichkeit den Kiefer zu schließen ist das „Einklemmen“ eines zusammengerollten Handtuchs zwischen Brust und Kinn.

  13. Danke für eure Antworten! (Aber ich glaub kaum, dass jemand an der Todesursache bei einer 100-jährigen zweifelt *g*)

  14. Warum nicht? Sie hat sich vllt nur noch gequält und die Angehörigen haben nachgeholfen? Auch an einer 100-jährigen kann man einen Mord begehen…

  15. Also jemand von euch musste rausfahren um einen Ohrring aufzuheben? Ich hoffe, das habt ihr extra in Rechnung gestellt!

  16. So schnell braucht das auch nicht zu sein, die Starre setzt normalerweise erst nach drei oder mehr Stunden beginnend im Kiefer ein.
    @Andreas: Wenn eine elastische Binde zu Verletzungen führt, dann schnürt sie schon sehr heftig ein. Da sollte man es wirklich besser bleiben lassen, bis sich jemand anders findet.
    Ich glaub ich hab es schon mal hier irgendwo geschrieben:
    Eine elastische IDEAL-Binde 8cm breit faltenfrei!! über Kinn und Hinterhaupt anlegen. Zahnprothese davor einsetzen. Handschuhe findet ihr im Autoverbandkasten.
    Das mit dem Handtuch ist ganz gut auch für den ungeübten zu bewerkstelligen.
    Wenn jemand zur Betreuung und Unterstützung der Hinterbliebenen kommt, sei es von der Caritas oder einer sonstigen Gruppe, so gehört dies nicht zu seinem Aufgabenbereich. Tut er es aber trotzdem, oder er hilft uns dabei, wenn nach der Leichenschau der Verstorbene noch eine Weile hier bleiben darf, so dürfen wir das gerne annehmen. Hier ist es so wie im echten Leben, dem Einen liegt es mehr, dem Anderen fällt es schwer.

  17. Ach ne – der städtische Mensch hätte da nicht mal eben mit gekonntem Griff helfen können?
    Der Anruf hat sicher länger gedauert.
    Herr Lehrer ich weiß was: „Im Klo brennt Licht, können sie bitte dem Hausmeister anrufen, dass er es ausmacht?“
    Ah – ich hab`s: Es war keine Leich von ihm, und wenn er den Ohrring herausholt und es passiert was, dann ist er nicht versichert.(Aber nur dann, wenn was passiert)

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