Siedlungshäuschen

Niedlich diese Siedlungshäuschen. Früher hätte ich so eins auch mal gerne gehabt, aber mittlerweile hat sich da mein Geschmack gewandelt. Zwei Geschosse, viele kleine Fensterchen, Erker, Gauben, kleiner Vorgarten, Tür mit Treppchen seitlich am Haus, grüne Fensterläden…

Frau Bauer wohnt in einem solchen Haus, ist schon 82 Jahre alt und hat mich zu sich bestellt, um eine Vorsorge zu besprechen.

Es ist ziemlich warm, mein Koffer ist schwer, ich schwitze und beschließe, daß ich unbedingt abnehmen muß.
Schon zwei Mal habe ich bei Frau Bauer geklingelt, sie macht nicht auf, da höre ich von vorne, von der Straßenseite her, daß da jemand ruft:

„Halloooo, ist da wer?“

Also auf nach vorne, die alte Dame scheint vorsichtig zu sein und guckt erst aus dem Fenster. Als ich aber vorne ankomme, sehe ich nur noch, wie die Gardine zugezogen wird. Ich klopfe ans Fenster, nichts tut sich.

Da höre ich wieder die Stimme der Frau, diesmal von seitlich. Sie muß an der Tür sein. Deshalb beeile ich mich, laufe um das halbe Haus herum und stelle fest, daß niemand an der Tür ist. Ich klingele nochmals, wieder die Stimme der Frau: „Wer ist denn da?“
Es kommt von oben, irgendwo über dem Vordach an der Haustür, da oben muß irgendwo ein Fenster sein. Ich trete einige Schritte zurück und sehe wieder nur, wie an dem kleinen Fenster im ersten Stock die Gardine zufliegt. Nochmals klingeln, sie muß ja wohl, wenn sie runterkommt, auf jeden Fall an der Haustür vorbei. Nix!

Wieder von vorne: „Wer ist denn da, um Himmels Willen?“ Es klingt schon etwas ungehaltener. Ich beeile mich, umschiffe die beiden Mülltonnen, hüpfe wie eine Gazelle (oder wie heißt das Tier mit dem Rüssel?) über das kleine Zäunchen, das den Vorgarten seitlich begrenzt und sehe nichts außer einer sich noch etwas bewegenden Gardine.

Wie macht die Alte das? Die ist 82 Jahre alt und machte rein stimmlich am Telefon einen eher, na sagen wir mal, gebrechlichen Eindruck und jetzt hüpft die von einem Fenster zum anderen, daß ich nicht mal hinterherkomme.

„Was wollen Sie denn? Wer ist denn da?“ tönt es wieder von der Haustürseite. Ich hüpfe, umrunde, und stehe wieder vor der Hausseite und sehe nur einen grauhaarigen Kopf im obersten, gar winzigen Fensterchen verschwinden.
Kaum ist die steifgesprühte Lockenpracht verschwunden, ruft’s von vorne: „So zeigen Sie sich doch! Wer ist da?“

Nee, nicht mit mir! Das war jetzt schon mehr Sport als ich in den letzten 20 Jahren freiwillig gemacht habe. Mir läuft der Schweiß in den Kragen und ich beschließe an der Haustüre stehen zu bleiben und jetzt Sturm zu klingeln. Soll die Alte doch endlich aufmachen! Mann, hat die eine Kondition!

Förmlich mit ausgestreckten Finger auf die Klingel gestützt lasse ich es bimmeln, bis endlich die Tür aufgeht.

In der Tür stehen zwei nette, alte, grauhaarige Damen, Liese und Rosi Bauer und schimpfen mich aus, warum ich denn so einen Lärm mache.

Schließlich hat’s aber doch noch Kaffee und Kuchen gegeben.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 19. Mai 2008
  • 12 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

12 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. man kommt ja heute kaum mit dem lesen hinterher

    sehr schön.:-)

  2. Wobei Du mit dem Kuchen sicherlich die davor verbrauchten Kalorien wieder drin hattest :-D

  3. das ist ja richtiger Stress heute Morgen! Stimmt der Vergleich im vorherigen Kommentar ist sehr schön – Hase und Igel :-)

  4. Ist halt wie im Boxring. Wer in der Mitte steht, hat’s leichter. Der andere muss außen rum laufen.

  5. Ohh… so ein Häuschen wollt ich auch immer haben :)
    In was hat sich denn Dein Geschmack gewandelt, Tom? Und vor allem, warum? =)

  6. Jaja, die alten Leutchen.
    Kenn ich noch aus meiner Zivi-Zeit (Essen auf Rädern ähm. verzeihung Menü-Service), dass da öfter mal lustige Sachen mit Rentnern passieren. Sowas ähnliches ist mir auch mal passiert. Daraufhin hab ich mir dann in solchen Fällen angewöhnt, vor der Haustür anzurufen und die Kunden zu bitten, doch an die Haustür zu kommen, bevor ich ne halbe Stunde ums Haus rumrenne…

  7. Gönn doch den beiden Alten ihr Lieblingsspiel. Viel Abwechslung haben sie sowieso nicht. Die jungen Bestatter von heute, einfach nicht mehr belastbar.

  8. Wie lange hält Dein Vorhaben, abzunehmen? Mein Mann erzählt es mir auch immer wieder. Das war’s dann aber auch. *gg*

  9. Das ist ähnlich bei mir mit dem Rauchen. Ich sag immer, morgen hör ich auf zu Rauchen. Fragt mich Schwiegermutter danach, sag ich, ich hab doch gesagt, Morgen hör ich auf…*gg*

    Gruss
    S.

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