So mies werden die Familien der Terroropfer behandelt

Am 19. Dezember 2016 raste der Terrorist Anis Amri mit einem LKW über einen Weihnachtsmarkt in Berlin.
Er tötete 11 Menschen und verletzte 55 weitere zum Teil schwer.

Wut und Trauer sind es nun, die die Angehörigen und weite Teile der Bevölkerung beherrschen. Trauer über die Gestorbenen, Wut über Polizei und Behörden.

Jetzt hatte der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck 50 Angehörige ins Schloß Bellevue eingeladen. Zu diesem Gespräch war auch Innenminister Thomas des Maizière erschienen. Doch statt präsidial-ministerlich Anteil nehmen zu können, mußten sich die Politiker harte Worte und harsche Kritik anhören.
Hauptvorwurf der Angehörigen: Nach dem Anschlag wurde ihnen Ablehnung, Abweisung, fehlende Empathie und Behörden-Irrsinn entgegengebracht.

Gauck und De Maizière waren fassungslos, als sie die Berichte der Betroffenen hörten.

Terrorist Anis Amri

Anis Amri © Bundeskriminalamt

Alles habe sich nur noch um den Täter und die polizeilichen Ermittlungen gedreht, beklagen die Angehörigen. Die Opfer habe man sofort vergessen, die Trauer der Familien mit Füßen getreten.
Nach dem Anschlag hätten die Angehörigen bis zu drei Tage ohne Informationen da gestanden. Einige seien hilflos von Krankenhaus zu Krankenhaus geirrt, auf der Suche nach Verletzten, Toten und Vermißten. Die Behörden hätten sofort eine Nachrichtensperre verhängt. Selbst die Familien der Opfer erfuhren nichts.

Hammer: Rechnung statt Kondolenzschreiben

rechnung

Wer denkt, daß die Familien von Traueropfern ein Kondolenzschreiben erhalten, der irrt. Stattdessen bekamen die Familien eine Rechnung von der Gerichtsmedizin. Die enthielt sogar einen Vermerk, daß man ein Inkassounternehmen einschalte, wenn nicht innerhalb der Frist gezahlt würde.
Daß es kein Kondolenzschreiben gab, begründet die Stadt Berlin damit, daß die Ermittlungsbehörden zunächst keine Listen mit Namen freigegeben hätten.
Seltsam, auf der einen Seite können Rechnungen verschickt werden, aber auf der anderen Seite keine Beileidsschreiben…

Polizei wenig einfühlsam: Identifizierung von Opfern

polizei

Im Gespräch mit dem Bundespräsidenten erzählten die Angehörigen, rauhbeinige Polizisten hätten trocken nach „aussagekräftigem DNA-Material“ gefragt, ohne genau zu nennen, wofür. Zu diesem Zeitpunkt galten viele Opfer noch als vermißt und unbekannt. Wenn Angehörige nachfragten, bekamen sie zur Antwort: „Wer jetzt nicht weiß, um was es geht, der ist selbst Schuld.“

Bei der Trauerfeier durften Angehörige nicht dabei sein

gedaechtniskirche

Als am Tag nach dem Terroranschlag in der Berliner Gedächtniskirche ein Trauergottesdienst abgehalten wurde, durften sich Prominente und Politiker in dunkler Kleidung und mit ernsten Gesichtern präsentieren. Den Angehörigen wurde aber von Sicherheitskräften die Teilnahme verwehrt. Es befänden sich hochrangige Politiker in der Kirche, da könne nicht jedermann einfach rein.

Merkwürdige politische Gedenkkultur

bundestag

Dafür fiel dann die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags vier Wochen nach dem Anschlag sehr bescheiden aus.
Die Abgeordneten des Bundestags sind nicht einmal für die Abhaltung einer Schweigeminute zusammengekommen, beklagen die Angehörigen. Der Bundestag gedachte den Terroropfern erst 4 Wochen nach dem Anschlag mit einer Schweigeminute und einer Ansprache von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).

Das ist wie ein Verkehrsunfall

verkehrsunfall

Wer jetzt denkt, die Angehörigen würden eine fürstliche Entschädigung erhalten, der täuscht sich.
Das Gesetz über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten (OEG) schließt in § 1, Absatz 11 Angriffe durch den Gebrauch eines Kraftfahrzeugs von der Entschädigung aus.
So bleibt nur die Verkehrsopferhilfe. Das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Eine Entschädigung erfolgt, wenn überhaupt, so als ob es sich um einen Verkehrsunfall gehandelt habe.
Üppig werden die Summen eh nicht ausfallen, denn die Obergrenze pro Schadensfall liegt bei 7,5 Millionen Euro. Würde dieser Betrag ausgeschöpft und müßte er dann durch alle Betroffenen geteilt werden, bliebe am Ende kaum genug übrig, um die Beerdigungen und sonstigen Kosten zu bezahlen.

Quelle: NTV Online

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  • 21. Februar 2017 - 12 Kommentare - Lesezeit ca.: 3 Minuten - Kategorie: Branche/Kommune

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm24. Februar 2017

12 Kommentare von 137903.

  1. Das ist natürlich versagen auf allen Ebenen.

    >> Seltsam, auf der einen Seite können Rechnungen verschickt werden,
    >> aber auf der anderen Seite keine Beileidsschreiben…

    Zumindest das ist erklärbar. Auch wenn es oft vermutet wird, innerhalb von Behörden werden unsere Daten nicht einfach von A nach B geschoben.
    Für solche Fälle muss das aber selbstverständlich geregelt werden.
    Nicht nur, dass es Kondolenzschreiben gibt, sondern meiner Meinung auch, dass keine Rechnung an die Hinterbliebenen gestellt wird.

    • @Bernd: Das ist richtig. Aber es hätte ja genügt, wenn einer vom Senat gesagt hätte: „Schickt den Angehörigen keine Rechnung, das erledigen wir.“

  2. So ist es, die Aufmerksamkeit gilt in unserer Gesellschaft immer den Tätern, nicht den Opfern.

    Eine gute Freundin von mir wurde bestialisch ermordet. Der Täter ging mit seiner Tat, den Ermittlungen, seinen Petitionen, daß er nach ein paar Jahren schon wieder raus wollte aus dem Knast, daß er schlimmer sein wollte als Hitler etc. etc. durch alle Zeitungen, doch daß sie das Opfer war, erfuhr ich erst Jahre später.
    Auch da war es Opferschutz, ihnen Namen nicht zu nennen, aber de facto verschwindet so jemand einfach, ohne daß man mitbekommt, wieso.

  3. Was sich hier abgespielt hat, ist wirklich ein Armutszeugnis für alle Beteiligten auf Seiten des deutschen Staates. Nicht nur das geschilderte Verhalten der Behörden inkl. Polizei – auch die Tatsache, dass deren „Vorgesetzte“, nämlich genau die Politiker, deren Aufgabe es wäre, jederzeit zu wissen, was in diesem Land vor sich geht, Gauck und De Maiziére, erst im Nachhinein davon erfahren (haben wollen) und jetzt „fassungslos“ sind. Wenn das wahr ist (und nicht nur eine billige Ausrede, um die Verantwortung für das Verhalten den Opfern und ihren Familien gegenüber von sich zu schieben), frage ich mich, was diese Herren eigentlich den ganzen Tag machen, ihren Beruf ausüben ja offensichtlich nicht. Da kann Gaucks Sprecher den Zeitungen gegenüber noch so sehr behaupten, er habe sich sehr wohlum die Opfer-Angehörigen gekümmert, es sei nur alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Medien geschehen: Das glaube ich dann, wenn ich die Bestätigung von den Angehörigen höre. Und selbst wenn dem so wäre, ändert es nichts an dem armseligen Bild, das Deutschland abgibt, wenn man die offiziellen Reaktionen nach dem Anschlag mit jenen anderer Länder nach vergleichbaren Anschlägen, z.B. Frankreich nach den Attacken von Paris (Charlie Hebdo, Bataclan) oder Nizza, vergleicht. Da fanden landes- und sogar EU-weite Schweigeminuten statt, Staatstrauer mit Flaggen auf Halbmast. Das „Land Frankreich“ als Institution hat sich mit diesen Gesten hinter die Opfer und ihre Angehörigen gestellt und seine Solidarität und Anteilnahme bekundet. In Deutschland ist dies nicht geschehen. „Pack“ soit qui mal y pense.

    • @Yukari:
      Ich bin kein Fan von Schweigeminuten, Staatstrauer usw.
      Ich habe kein Verständnis dafür, dass dieses oder auch andere Ereignisse zu etwas besonderem gemacht werden.
      Für mich ist das einfach nur Mord! Ob der Mord nun religös oder politisch motiviert ist, macht ihn für mich nicht bedeutender oder wichtiger. Das erhöht höchstens noch das Ansehen für den Täter.

      Ansonsten sollten wir das für die anderen ca. 300 Mordopfer pro Jahr auch machen.

  4. Daß es drei Tage gedauert hat, bis es Klarheit über die Identität der Toten gab, lag laut der Rechtsmedizin daran, daß das BKA alle drei möglichen Identifizierungskriterien geklärt haben wollte (DNA, Zahnstatus, Fingerabdrücke)
    Das Interview hier ist dazu auch ganz interessant: http://www.taz.de/!5382145/

  5. Warum müssen die Angehörigen die Gerichtsmedizin bezahlen, wo doch der Staat bei sog. öffentlichem Ermittlungsinteresse die Kosten übernimmt?
    Wenn es einen Staatstrauergottesdienst gibt, warum lässt man dann die Anghehörigen nicht mit rein. Diese sind es doch, welche in Trauer um ihre Angehörigen sind, nicht die heuchlerischen Politiker!
    Da tippt man sich schon an echt an die Stirn.

  6. Für die Angehörigen ist das natürlich alles sehr schlimm, aber nicht weniger schlimm ist es für Angehörige von anderen Mord-, Unfall- oder sonstigen Opfern von Unglücken wie sie täglich passieren. Warum es in diesem Fall eine besondere Entschädigung geben soll, erschließt sich mir nicht. Und warum keine Schweigeminute für die im Schnitt 10 Menschen, die täglich auf deutschen Straßen ums Leben kommen? Das würde zumindest nicht noch extra Aufmerksamkeit auf den Terroranschlag lenken, wie sie vom Attentäter wohl beabsichtigt war.

    • @Julius: Darüber kann man tatsächlich unterschiedlicher Auffassung sein. Aber ich glaube, es geht hier weniger darum ob Schweigeminuten und Trauerfeiern abgehalten werden, sondern um das wie.

  7. Ich finde den Umgang mit den Angehörigen und den Überlebenden entsetzlich – aber ich bin – leider – nicht sonderlich überrascht. Es passt in eine Gesellschaft (wenn es die denn überhaupt gibt – siehe Thatcher), die zur „marktkonformen Demokratie“ (oder marktdeformierten Konformokratie?) erklärt wurde, in der lieber Banken als Menschen oder die Umwelt gerettet werden und in der schwarze Nullen wichtiger sind als Bildung, von Solidarität mit denen, denen es schlecht geht, ganz zu schweigen. Da wird auch der Tod zum bloßen bürokratischen Vorgang, den man nach Rechnungslegung schnell abschließen kann. Die „professionellen Trauergäste“, die so wichtig sind, dass man die Hinterbliebenen rauswirft, runden das Bild hervorragend ab. Eiszeit mitten im Klimawandel.

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