Voreilige Notbestattung

Dem Vermieter war aufgefallen, daß es aus einer seiner Wohnungen eine Zeit lang recht merkwürdig gerochen hatte und Nachbarn berichteten, sie hätten den Wohnungsinhaber längere Zeit nicht mehr gesehen. Als die Polizei dann die Tür öffnete, fand sie den stark verwesten Leichnam des Bewohners.

Das Ordnungsamt der Stadt beauftragte daraufhin unverzüglich einen Bestatter, der den Verstorbenen noch am selben Tag auf Anweisung der Behörde in einem Reihengrab auf einem nahegelegenen Friedhof beisetzte. Hierbei handelte es sich, nach Angaben des Ordnungsamtes, um eine so genannte Notbestattung aus hygienischen und gesundheitsgefährdenden Gründen, weil der Leichenfund an einem extrem heißen Sommertag stattgefunden habe. Auch aus polizeilicher Sicht habe es keine Einwände gegen eine sofortige Bestattung gegeben, da die Todesursache des als Diabetiker bekannten Verstorbenen Herz-Kreislauf-Versagen gewesen sei.

Das sei zu voreilig gewesen, stellte jetzt das Oberverwaltungsgericht NRW fest (Az. 19 A 3665 / 06).
Zunächst einmal hätten die Wünsche und Vorstellungen der Angehörigen eines Verstorbenen Vorrang vor den vorgeblichen öffentlichen Belangen einer Behörde. Das eingeschaltete Ordnungsamt hätte zunächst alles in seinen Kräften Stehende unternehmen müssen, um die Familienangehörigen ausfindig zu machen, um ihnen die Organisation der Trauerfeier und die Wahl von Grab und Friedhof zu ermöglichen.
Eine Notbestattung, die der Familie eine Mitwirkung unmöglich macht, sei in diesem Fall nicht angezeigt gewesen, eine sofortige Entfernung des Leichnams aus der Wohnung hätte zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung und zur Gefahrenabwehr vollkommen ausgereicht. Danach hätte der Verstorbene noch ohne weiteres in der Kühlung des Bestatters verbleiben können, um dann ordnungsgemäß mit einer Trauerfeier beerdigt zu werden.

So aber fand die Bestattung „wider Recht und Anstand gewissermaßen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die in Unkenntnis gelassenen Angehörigen konnten weder den Friedhof noch das Grab oder gar die letzte Bekleidung, den Sarg und den Blumenschmuck auswählen“.

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  • Veröffentlicht am: 8. August 2008
  • 13 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

13 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ähm… „Letzte Bekleidung“??? In einem solchen Fall??? Bitte wie bekommt Ihr das denn hin? Alleine der Gedanke, einen stark verwesten Toten ankleiden zu müssen, bringt mich heftigst zum Würgen.

  2. Letzte Bekleidung? Sorry, aber ich koennte mir vorstellen, in dem Zustand waere das Kleidung der Marke „Plastiktuete, geruchsdicht“.

  3. Wenn die Verwandten tatsächlich so ein Interesse gehabt hätten, hätte der Mann sicherlich nicht tage- oder wochenlang vor sich hingefault.

  4. Hm, alles schön und gut, aber wenn jemand unbemerkt von den Angehörigen in seiner Wohnung tot vor sich hin verwest, ist es in den meisten Fällen leider auch so, dass das Interesse der lieben Anverwandschaft nicht ganz so groß ist.

    Ja das ist jetzt recht grob über den Kamm geschoren, aber an der Wahrheit wohl nicht ganz so weit weg …

  5. Was mich interessiert: Wie ist Toms Stellung dazu? Ist das den Bestattern egal oder die Toten in der Kühlkammer frisch oder wie angehender Kompost (tschuldigung) aussehen?
    Gibt es da keine Unterschiede/Probleme in der Handhabung?

  6. @Lichterspiele: Ich bin mir bei alledem nicht so sicher. Ab wann hat man sich nicht mehr genug um einen Verwandten gekümmert? Manchmal telefoniert man fast jeden Tag, dann aber wieder vergehen mal 10 oder 14 Tage…
    Vielleicht hieß es auch, Tante Frieda wolle für 10 Tage an die See…

    Es gibt doch massig Gründe, warum man einen Verwandten tage- oder wochenlang nicht vermißt, obwohl man sich ansonsten völlig normal um ihn kümmert.

    Angenommen, man hat noch mit ihm gesprochen, ihn evtl. gar besucht und am nächsten Tag stirbt derjenige in seiner Wohnung. Man wartet auf einen Anruf und der kommt nicht. Dann sagt man sich: Warum soll ich immer bei dem anrufen?`Jetzt warte ich mal bis nächsten Sonntag, ob der Verwandte nicht auch mal von sich anruft usw.
    Dann sind schnell mal eine oder zwei Wochen rum und der Betroffene ist verwest, in der Wohnung…

  7. Bei uns im Ort wurde ein alleinstehender Mitbürger nach vier Wochen in seinem Einfamilienhaus im Keller gefunden. Auch hier war keine hektische Eile an den Tag gelegt worden. Die Bestattung fand im normalen Zeitrahmen statt.
    Vor vielleicht 35 Jahren hatte ich auf dem zentralen Friedhof zu tun. Es roch in der Umgebung des Nebeneinganges recht streng.
    Auf dem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Hinterhof stand ein Kunststofftransportsarg.
    – „So, konntet ihr euch wieder von einen nicht trennen?“
    – „Ja, der ist 14 Tage im Wald gelegen!“
    So ist es halt, jeder will es recht machen und legt die Vorschriften individuell so aus, wie er denkt, dass es korrekt und nötig sei. Da ist ja keine böse Absicht dahinter.

  8. Was mich wundert: Wie stellt man denn an einer Leiche in unvollkommenem Erhaltungszustand die Todesursache ohne Obduktion fest? Muss ja wohl ohne gelaufen sein, sonst hätte man den Toten kaum so fix unter die Erde bekommen. Ein Herzstillstand im Zusammenhang mit dem Tod eines Menschen kommt ja in hundert Prozent der Fälle vor- wenn auch nicht immer als Ursache.
    Hm. Merkwürdig.

  9. Wer ruft wirklich mal jeden Tag bei seiner Verwandschaft durch, ob auch noch jeder lebt? Wenn sowas wirklich am von Tom erwähnten nächsten Tag passiert, würde ich auch erst nach ungefähr einem Monat und mehreren vergeblichen Anruftagen Sorgen machen.

  10. Also das wirft mehrere Fragen bei mir auf :

    1: Ist es möglich einen stark verwesten Leichnahm noch ein paar Tage in der Kühlkammer liegen zu lassen ?
    2: Wenn nicht, hätte man dann nicht aus hygienischen Gründen den Leichnahm verbrennen können, um eine spätere ordentliche Bestattung durchzuführen?
    3: Was haben die Verwandten denn zu dem Fall gesagt ?
    4: Wer hat das Ganze denn letzlich bezahlt ?

  11. @10 Lobo
    Naja, die Verwandten werden wohl die gewesen sein, die geklagt haben. Sonst wäre das Ganze nicht irgendwann beim OVGericht gelandet.
    Und der von der Stadt beauftragte Bestatter hat sich bestimmt an genau diese gewandt, um die Kosten erstattet zu bekommen.
    Es spricht auch überhaupt nichts dagegen, einen stark verwesten Leichnam ein paar Tage in der Kühlkammer liegen zu lassen. Wenn sich ein Gerichtsmediziner der Sache angenommen hätte, falls es sich um einen ungeklärten Todesfall gehandelt hätte, würde der Leichnam auch dort so aufbewahrt werden bis alle notwendigen Untersuchungen vorgenommen worden wären.

    @alle Zweifler: Sorry, aber nur weil ich z.B. mit meinen Geschwistern teils wochenlang keinen Kontakt habe, heisst das nicht, dass ich sie nicht liebe und kein Interesse an ihnen hätte. Sondern, dass wir alle ein stressiges Leben haben, in dem manchmal Wochen und Monate schneller vorbei sind als gedacht und der letzte Anruf dann auch länger her als angenommen. Und so geht es wohl nicht nur mir, sondern genug anderen Leuten in meiner Umgebung. Über den Kamm scheren geht bei sowas nicht. Ganz zu schweigen, dass es meist an allen Seiten liegt, nicht nur an einer. Die sinnlosen Vorwürfe, die sich die Hinterbliebenen dann machen, werden nicht besser, wenn es so Schaumschläger gibt, die dann auch noch meinen, sich über die ach so nachlässige Verwandtschaft das Maul zerreißen zu müssen. Dabei hat jede Geschichte ihren individuellen Hintergrund.

  12. Ich muss Marlee Recht geben. Ich habe ein äußerst gutes Verhältnis zu meiner Schwester, wir haben aber komplett verschiedene Tagesabläufe (Frühaufsteher mit Gleitzeit und Langschläfer mit Spät- bzw. Nachtschicht vertragen sich zeitlich nur bedingt). Selbst wenn man sich fürs Wochenende vornimmt, anzurufen, kann immernoch was dawischen kommen, weshalb mans dann vergisst.
    Angehörige haben ohnehin ein verdammt schlechtes Gewissen. Ich weiß nur noch zu gut, wie lange ich daran zu kauen hatte, dass ich als Kind nach der Schule meine Oma hätte besuchen sollen, das aber irgendwie vergaß und meine Mutter sie abends tot in der Wohnung auffand. Meine Mutter war froh, dass nicht ich es war, die sie fand, aber ich habe mir lange gedacht, dass ich vielleicht noch hätte Hilfe holen können. Und so wird es vielen Leuten gehen, die aus welchen Gründen auch immer nicht angerufen haben, oder sich nichts bei gedacht haben, als der liebe Verwandte nicht ans Telefon ging…

  13. Ich weiss nicht ob da ne normale Kühlung was bringt. Am besten wäre tiefkühlen bei – 20 Grad und mit dem gefrorenen Leichnam die Verabschiedung machen. Es dauert bei kompletter Durchfrierung doch schon einige Zeit bis der wider ganz auftaut. Da wär die Bestattung doch schon abgeschlossen. Und den Leichnam in einen Bodybag und den dann in einen Sarg legen. Mich würd interessieren was Undertaker davon hält.

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