Windhund und Sonnenschein

Herr Sonnenschein schneit in unser Büro und strahlt wie drei Pfund frisch geschlüpftes Plutonium. Er sieht aus wie eine Mischung aus Peter Frankenfeld und Thomas Gottschalk. Schwarze Hose, hellbraune Schuhe, großkariertes Jackett und ein bunt geblümtes Hawaii-Hemd.

Er hatte sich bei Frau Büser einen Termin geben lassen, sich als Versicherungsgeneraloberhauptbezirksprovinzialdirektor eingeführt und will mit mir mal alle unsere Verträge durchgehen, da habe sich nämlich einiges geändert und es bestehe dringender Handlungsbedarf.

Warum denn unser Herr Engerling nicht käme, wollte ich wissen und Herr Sonnenschein hört schlagartig auf zu strahlen, könnte in diesem Moment nicht bei der Bahn arbeiten, denn ihm entgleisen alle Züge. Ja, das sei so eine Sache…

„Was für eine Sache?“

„Sehr unangenehm für uns.“

„Was ist denn los mit Herrn Engerling?“

Er packt höchst umfangreich und ausgiebig einen ganzen Stapel Unterlagen aus und läßt sich sehr viel Zeit dabei.
Herrn Engerling kenne ich schon seit Ewigkeiten und habe mich mit ihm sogar ein bißchen angefreundet. Noch vor der Zeit, als ich ein Unternehmen hatte, brauchte ich mal kurzfristig ein Zweiradkennzeichen und an einer stillgelegten Tankstelle in der Herr Engerling sein Büro hatte fiel mir die Reklame einer Versicherung mit dem Schriftzug „Moped-Schilder sofort zum Mitnehmen“ ins Auge. Engerling war absolut freundlich und hilfsbereit, ich schloß bei ihm ab, bekam mein Nummernschild und daß er es wirklich gut mit mir meinte, merkte ich, als er mich eine Weile später anrief und mir für mein Auto eine Versicherung anbot, die gnadenlos günstig war. So blieb das dann auch. Wenn ich was brauchte, suchte er mir das Passende raus, wenn was kaputt ging, kam er um sich den Schaden anzuschauen, rechnete immer sehr großzügig zu meinen Gunsten und ich hatte nie das Gefühl, es mit einer Versicherungsgesellschaft zu tun zu haben, die partout nicht zahlen will, sondern ich hatte es immer nur mit Herrn Engerling zu tun, der mir stets wohlwollend helfen wollte.

„Ja, der Kollege Engerling arbeitet mit sofortiger Wirkung nicht mehr für die Gesellschaft XYZ“, bringt sich der karierte Herr Sonnenschein wieder in Erinnerung.

„Warum denn nicht?“

Er zögert noch ein bißchen, aber man sieht, daß dieses Zögern nur gespielt ist. Zu gerne will er erzählen, was er weiß, und das tut er dann auch. Ja, der Engerling habe ja die Berechtigung gehabt, kleinere und mittlere Schäden direkt abzuwickeln und dem Kunden direkt einen Scheck auszuhändigen und diese Berechtigung habe er mißbraucht. Engerling habe mehrfach recht hohe Schecks ausgestellt und diese seien nicht bei den Kunden angekommen, sondern auf Umwegen auf sein eigenes Konto gelangt.

Boah! Das wäre ja fies. Ich muß noch erzählen, daß ich nicht sofort in die Stimmung geriet, diese Behauptung weit von mir zu weisen, ich habe schon immer den Eindruck gehabt, daß Engerling ein kleiner Windhund ist, der alle Schlichen kennt. Um es klar zu sagen, ich hielt es durchaus für möglich, daß er so etwas tatsächlich gemacht haben könnte. Andererseits müßte mich meine Menschenkenntnis schon sehr im Stich lassen, wenn es so wäre.

Auf jeden Fall habe sich die Gesellschaft sofort von Herrn Engerling getrennt und jetzt sei eben der Oberbezirksleiter Sonnenschein persönlich für mich zuständig.
Jetzt müsse man mal eben alle unsere Verträge durchgehen, da habe sich ja allerhand angesammelt und das seien ja alles noch uralte Verträge, die den Erfordernissen der Zeit nicht mehr gerecht würden.

Das löste bei mir ein heftiges Warnklingeln im Hinterkopf aus, denn mir klangen noch die Worte von Herrn Engerling in den Ohren: „Lassen Sie sich bloß keine neuen Verträge aufschwatzen. Die alten sind tausend mal besser! Billiger und da sind Sachen mitversichert, die gibt’s in den neuen Verträgen gar nicht mehr.“

„Am Besten wird es sein, wir führen alle Altverträge in zeitgemäße neue über. Da sind doch einige dabei, die brauchen sie gar nicht mehr.“

„Welche brauche ich gar nicht mehr?“

„Zum Beispiel diese Sondervereinbarung über Sachschäden in der Gewerbehaftpflicht.“

„Moment, die brauchen wir doch. Die versichert uns, falls unsere Männer bei Hausabholungen mit dem Sarg Beschädigungen im Treppenhaus und an Türen verursachen.“

Herr Sonnenschein macht ein Geräusch, so ähnlich wie „Tataaaa“ und klingt wie ein billiges Betriebssystem beim Starten, zieht einen Prospekt aus seinem Stapel und schiebt ihn mir, stolz grinsend, herüber: „Sehen Sie, wenn die die Gewerbekombi KV nehmen, da ist das alles schon drin. Wir können wenigstens vier alte Versicherungen streichen und alles mit der Kombi KV abdecken.

Langer Rede kurzer Sinn: Herr Sonnenschein mußte etwas beleidigt wieder gehen, ohne etwas bewirkt zu haben. Denn eins habe ich in all den Jahren gelernt: Versicherungen die besonders glänzen, sind nur Rhinestones, Katzengold oder falsche Fuffziger.

Am Nachmittag wollte ich mir dann die ganzen schönen Prospekte und Versicherungsbedingungen mal zu Gemüte führen. Denn mal eben so, aufgrund der mündlichen Zusagen eines großkarierten Plutoniumstrahlers, meine ganzen schönen alten Versicherungen aufheben und nur auf der Basis von schönen Prospekten, von denen mich hübsche junge Menschen aus einem roten Porsche angrinsen, neue Verträge abschließen, neeeeeee, nicht mit mir!

Ich besann mich dann aber und griff zum Telefon, um mal mit Herrn Engerling darüber zu sprechen. Ich merkte sofort, daß da was nicht stimmte, ich bekam nämlich nur seinen automatischen Leuteabwimmler ans Rohr: „Leider kann ich im Moment nicht für Sie tätig werden, bitte wenden Sie sich direkt an die XYZ-Versicherung unter 0xxxx-xxxx.“

Aber ich habe ja seine Handynummer.

Da erreichte ich ihn und er war kurzerhand bereit, mal eben vorbeizukommen und mir alles zu erzählen. Das tat er dann auch.
Wenig später saß er mir gegenüber, entschuldigte sich für seine etwas verschmutzten Hände, ich habe ihn nämlich gerade beim Wechseln der Bremsbeläge gestört, aber die Sache sei ihm zu wichtig, um sie schleifen zu lassen.

Also: Bislang sei es immer so gewesen, daß er sich die Sachverhalte selbst zur Brust genommen habe und seitens der Gesellschaft berechtigt gewesen sei, sofort einen Scheck auszustellen. „Wenn da jemandem ein Fahrrad geklaut worden ist, habe ich mir das schildern lassen, die Rechnung und die Diebstahlanzeige zeigen lassen und dann anhand einer Liste einen Scheck ausgestellt.“

Jetzt hat aber der werte Kollege Sonnenschein vor einigen Wochen begonnen, über seinen Kopf hinweg, die Kunden anders abzuspeisen. Machte jemand den Fehler, sich nicht an Herrn Engerling, sondern direkt an die Gesellschaft zu wenden, sandte Herr Sonnenschein den Leuten ein Schreiben, das eine böse Falle enthielt. Die Kunden bekamen nämlich mit dem Schreiben einen Verrechnungsscheck, der aber nur einen Bruchteil der fälligen Entschädigung ausmachte. Sie hatten dann die Wahl, entweder diesen Scheck gleich einzulösen oder eine aufwendige und eventuell abschlägig beschiedene und langwierige Prüfung des Sachverhaltes in Kauf zu nehmen, um dann ggf. die volle Summe zu bekommen.
Sozusagen: den Spatz in der Hand, statt der Taube auf dem Dach.

Genau hierüber hat sich zwischen Sonnenschein und Engerling ein Streit entfacht, der darin gipfelte, daß Engerling zu den Leuten hinfuhr und ihnen dennoch direkt Schecks über die volle Summe ausstellte. Ein Verfahren, das die Gesellschaft nicht tolerierte und ihn dann kurzerhand vor die Tür setzte.
Von einer Bereicherung oder dem Abzweigen von Geld konnte also, zumindest nach Herrn Engerlings Schilderungen, keine Rede sein.

„Und was soll ich jetzt machen?“ wollte ich von Herrn Engerling wissen.

„Nix. Einfach alles so lassen wie es ist!“

Er wolle sich jetzt um die Übernahme einer Agentur einer anderen Gesellschaft bemühen und dann könne man ja nochmal schauen. „Vielleicht ist ja bei der neuen Gesellschaft irgendwas dabei, was besser für Sie ist, aber bevor Sie irgendwas ändern, bleiben Sie bloß bei den alten Verträgen. Die ganzen neuen sind doch Schrott.“

Genau so habe ich es gemacht. Herr Sonnenschein wurde nicht mein Freund und ich habe die meisten der alten Verträge behalten und sie sind heute noch gültig. Ein paar andere habe ich zu Herrn Engerlings neuer Gesellschaft umgezogen, manchmal gar nicht, weil sie billiger waren, sondern weil ich mich einfach von ihm besser betreut fühle als von der strahlenden Karojacke.

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  • Veröffentlicht am: 28. Juni 2008
  • 12 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

12 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ja so ist das. Das ist auch was, das viele Dienstleister in den Gewerbe noch lernen müssen. Auf lange Sicht erfolgreich ist, wer nicht auf die schnelle Provision schaut, die es bei Vertragsabschluss gibt, sondern, wer seine Kunden gut und ehrlich berät und dadurch Vertrauen aufbaut. Mein „Versicherungsfuzzi“ ist gottseidank auch einer von der Sorte. Den kenn ich schon ewig, bin auch schon lange Kunde und weiss, das er mich nich übern Tisch zieht, sondern mir nur Produkte verkauft, hinter denen er auch selbst steht!

  2. ich mach das an sich genauso. ich könnte möglicherweise ein paar Euro sparen wenn ich scharf rechne aber wichtiger finde ich dass ich einen kompeteten Ansprechpartner hab der erstmal erreichbar ist und mir dann auch schnell und unproblematisch weiterhelfen kann

  3. Der Herr Sonneschein bekommt fuer das geparte Geld mit Sicherheit zusaetzlich Provision vom Versicherungsunternehmen. Deshalb wird er versuchen mit so einem Trick die ausgezahlte Summe zu begrenzen.

    Kundenzufriedenheit ist nun mal nicht so einfach zu bewerten wie Geld. Das Unternehmen setzt hier die falschene Anreize.

  4. Oha die Geschichte lässt mein Versicherungsherz doch mal höher schlagen. Manche alten Verträge sind wirklich besser als neue, aber manche neuen auch mal besser als alte. Es kommt eben speziell auf den Kunden und seine Bedürfnisse an. :)

    Aber schon heftig, was da gelaufen ist.

    Ich weiß schon wieso meine Kunden früher bei mir versichert waren und nicht bei der Gesellschaft. So jedenfalls sagten diese es :) Ein größeres Lob kann es für eine Versicherungskauffrau nicht geben.

  5. Und genau DAS ist der Grund, weshalb ich magentafarben telephoniere. Nachdem ich drei Monate lang versucht habe, einen günstigen Anschluss bei Arcor zu bekommen, mindestens einmal pro Woche in die Filiale rennen musste, nur an die Hotline verwiesen wurde (Nee, er kann mir nicht helfen, er ist ja nur für den Kundenservice verantwortlich (?!?)) um dann irgendwann festzustellen, daß ich nichtmal eine Kundennummer habe und mein Auftrag gar nicht bearbeitet werden KANN, bin ich dann schließlich völlig entnervt zur Telekom gegangen.
    Und siehe da, drei Tage später hatte ich Telephon und Internet! :-)

    Da habe ich anfangs etwas mehr bezahlt, werde aber freundlich, kompetent und zuvorkommend beraten und habe nicht vor, den Anbieter zu wechseln.

  6. Also ich bin bei Arcor und kann da nur von schwärmen. Klar gabs da auch schon Fehler, die jedoch alle mit kulanten Zahlungen mir den Ärger verrauchen liessen. ;)

  7. Wenn ich meinen Versicherungsmenschen anrufen will, meldet sich irgend jemand im Großraumbüro. Wenn ich dann sage ich möchte Herrn XY sprechen, dann bellt es ungehalten zurück:“Was wollen sie von dem, geben sie mir die Vertragsnummer und den Sachverhalt.“ Man hat keinen festen Ansprechpartner mehr, wer abnimmt bestimmt der Zufall.

  8. Mich stört an der Geschichte viel mehr,
    dass so ein Herr Sonnenschein frei und ungehindert herumlaufen
    und falsche Anschuldigungen über Herrn Engerling verbreiten kann.

    Es wird genügend Leute geben, die ihm jedes Wort einfach so abkaufen.
    Dann werden die Gerüchte weiterverbreitet,
    irgendjemand erfindet neue Anschuldigungen dazu
    und am Ende heißt es nur noch: Ja, ja, typisch.

  9. Ich vermeide „Versicherungen“ wo ich nur kann. Aber der schlimmste Herr Sonnenschein ist unser Vater Staat. Wenn ich nur aus der Krankenkasse könnte…

  10. Ja, so läuft das. Und weil Herr Regenwurm von [i]MLC[/i] zu [i]PlanY[/i] gewechselt ist und sein Nachfolger Herr Schmetterling von [i]MLC[/i] seine eigene Firma [i]Butterflyconsult[/i] eröffnet hat, rufen jetzt hier mindestens einmal im Quartal Callagents aller drei Beratungsfirmen an, um mir zu erklären, wie beschissen die Altverträge sind, die ich bei ihnen abgeschlossen habe, als Herr Regenwurm bzw. Herr Schmetterling noch Kundenbetreuer des Monats waren.

  11. @Falk
    Nu komm, soooo schlecht sind Versicherungen auch wieder nicht. Und nun die gesetlichen Vers. mit den privaten so zusammen zu werfen ist Quark. Aber ich geb Dir nen Tipp wie Du da raus kommst. Mehr verdienen. ;)

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