Home Kontakt Impressum/Datenschutz Service-Portal Shop

Christiane

Von

Im Laufe der vielen Jahre hat man ja so seine Erfahrungen sammeln können. Kommt eine einzelne ältere Person zu uns ins Bestattungshaus, dann kann man davon ausgehen, daß der Ehepartner verstorben ist. Kommen zwei ältere Leute, dann denken wir zuerst immer an eine Bestattungsvorsorge. Erscheint hingegen ein Ehepaar mit einer älteren Person, dann wird es sich auch wieder um den Ehepartner der älteren Person handeln.

Das Ehepaar Lauinger ist selbst noch zu jung, sie dürften Mitte Vierzig sein, es wird wohl der Mann der älteren Dame sein, der verstorben ist, vermute ich, begrüße die Leute und führe sie in eines unserer Beratungszimmer.

Das ist so eine Sache, wenn jemand zu uns kommt und das nicht sowieso ersichtlich ist, warte ich immer bis alle sitzen, dann stelle ich mich noch einmal deutlich vor, damit die Leute auch wissen, wie ich heiße und wer ich bin. Dann bitte ich die Anwesenden aber immer, sich vorzustellen und dazuzusagen, in welchem Verhältnis der Verstorbene zu ihnen stand. Das macht mir die Sache einerseits leichter, ist aber immer auch ein guter Einstieg, um ins Gespräch zu kommen. Da müssen die Leute nicht überlegen, es wird ihnen nichts Schwieriges abverlangt, sie können die Antworten ohne Überlegen und Entscheiden geben. Das löst stets diese etwas verkrampfte Erwartungshaltung der Kunden. Als Nächstes erkläre ich immer, was wir jetzt alles gemeinsam machen werden. Das nimmt die Angst vor dem Unbekannten weg.

„Das ist meine Mutter, Frau Stiegler“, sagt Frau Lauinger nachdem sie sich und ihren Mann vorgestellt hat. Ich gehe immer noch davon aus, daß die drei gekommen sind, um den Mann von Frau Stiegler bestatten zu lassen, ich stelle also die Frage nach ihrem Verhältnis zum Verstorbenen.
„Ich bin die Mutter“, sagt Frau Stiegler und ich komme kurz ins Grübeln. Da ja Frau Lauinger vor mir sitzt, muß es sich um ihren Bruder oder ihre Schwester handeln. So ganz sicher bin ich mir nicht.
„Ich bin die Mutter“, sagt nun auch Frau Lauinger und bevor ich noch gänzlich den Überblick verliere, sortiert Herr Lauinger: „Also das da ist die Mutter meiner Frau“. Er deutet auf Frau Stiegler und fährt fort: „Und wir, die Lauingers sind die Eltern, die Eltern von Christiane.“

In diesem Moment ahne ich, daß es unangenehm wird.
Christiane ist nur 26 Jahre alt geworden und vor mir sitzen die Eltern und die Oma.

Peter Wilhelm 28. Mai 2012


13 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe 3. Wenn dir nicht nach Kloss im Hals und Tränchen in den Augen am frühen Morgen ist: Liess keine Posts deren Überschrift nur aus einem Vornamen besteht. Da kommt es fast immer Hammerhart, und meist ist es Teil einer Serie.

    Ich dagegen bin gespannt, wie es weiter geht.

  2. Frage@Tom

    Apropos Christiane – ich erinnere mich an „Julia“… kommt da eigentlich noch mehr? Hatte sich eigentlich so angehört (angelesen)… LG

  3. Oh, dieser Einstieg liest sich ja nach einem Lehrbuchbeispiel für ein seelsorgerliches Gespräch.
    Auch das eine oder andere Fettnäpfchen, das Du beschreibst.
    Du könntest sicher auch ohne Probleme „bei uns“ anfangen.

    Tja, sowas aus heiterem Himmel oder, noch schlimmer, auf nüchternen Magen am frühen Morgen ist nicht schön. Gehört aber – leider- dazu.
    Ist kräftezehrend sowas.

  4. argh, jetzt musste ich dreimal lesen, bis ich endlich verstanden hatte, dass da 3 leute zu dir spaziert sind … bin nicht auf der höhe zurzeit …

    *gespannt auf die fortsetzung wartet*

Schreibe einen Kommentar

.


Nutzungsbedingungen | Trollhilfe | Kommentar fehlt? | So gehen Abstände!


Datenschutzerklärung