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Hans und der PC

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hans01Hans ist blind.
Ich habe ja immer gedacht, wenn jemand blind ist, dann kann er überhaupt nichts mehr sehen, aber bei Hans ist das anders. Er hat noch ein gewisses Restsehvermögen von weniger als 2% und ein stark eingeschränktes Gesichtsfeld (Röhrensehen). So genau kenne ich mich nicht aus und es ist natürlich für Hans äußerst schwer, einem Sehenden zu beschreiben, was er noch sieht. Er kennt das nicht anders, er ist so auf die Welt gekommen.
Hans kenne ich schon bestimmt 30 Jahre; nein, nächstes Jahr sind es genau 30 Jahre.
Kennengelernt habe ich ihn nämlich 1984 als ich einmal ein gebrauchtes Auto kaufte, in dem ein CB-Funkgerät eingebaut war.
Erst wollte ich den Apparat irgendwann ausbauen, doch dann hörte ich auf langen Fahrten gerne den LKW-Fahrern und den damals noch sehr viel vorhandenen Dauerfunkern aus der Region zu.

Ein Mann fiel mir wegen seiner äußerst samtig-angenehmen Stimme sofort auf und ich hatte einen großen blonden Mann vor Augen. Eines Tages klagte er über ein kleines technisches Problem an seinem Funkgerät, eine Sache, die jeder eigentlich selbst beheben kann.
‚Na, der wird zwei linke Hände haben‘, dachte ich und ließ mir erklären, wie man ihn erreicht. Vor dem Haus erwartete mich ein alter Mann, sein Vater. Der führte mich in das Zimmer oben unter dem Dach und da lernte ich Hans kennen.
Ein kleiner, fast kahlköpfiger Mann von etwa 25 Jahren, der mir seine Hand so linkisch entgegenstreckte und dabei den Kopf so hin und her bewegte, daß mir recht schnell klar wurde, daß er blind ist.

Hans war also nicht der blonde Hüne, den ich insgeheim vor meinem geistigen Auge gesehen hatte, sondern ein alleinstehender blinder Mann, der bei seinen Eltern auf der Mansarde lebte und sich seine Freizeit mit einem für Blinde gut geeigneten Medium, dem CB-Funk vertrieb.
Arbeit hatte Hans auch, er saß bei einer Krankenkasse an einer Schreibmaschine und schrieb Briefe vom Band. Audiotypist nannte man das, glaube ich.

Hans Vater und Mutter brachten Kuchen und Kaffee nach oben, ihr Sohn bekam selten Besuch.
Man merkte, wie sehr die alten Leute sich um ihren Sohn bemühten und später einmal, ich habe Hans dann immer mal wieder besucht, fiel auch einmal der Satz: „Mein Gott, was soll aus Hans werden, wenn wir mal nicht mehr sind?“

Ein paar Jahre später starb die Mutter.
Hans und sein Vater stemmten die Männerwirtschaft alleine, doch sorgte sich sein Vater mehr und mehr, was denn aus dem ‚Jungen‘ würde, wenn auch er eines Tages mal sterben werde.

Und dann verlor Hans seine Arbeit. Die PCs hielten Einzug in die Büros, keiner brauchte mehr Audiotypisten, die Sachbearbeiter begannen ihre Briefe mit Textbausteinen selbst zu schreiben.
Nun hatte Hans viel Zeit. Das Arbeitsamt behandelte ihn bevorzugt, besorgte ihm ein Stellenangebot nach dem anderen, aber teilweise waren die Arbeitgeber an die 100 Kilometer weit weg oder nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.
Hans hatte auch einen PC bekommen, sein Fenster nach draußen, denn im Laufe der Jahre war CB-Funk aus der Mode gekommen und manche alteingesessene und liebgewonnene Funkerrunde war zerbrochen oder einfach aus Altersgründen ausgestorben.

Dieser PC eröffnete Hans ganz neue Möglichkeiten. In riesigen Lettern ließ er sich Mails anzeigen und durchstöberte die Diskussionsgruppen des Fido-Nets.
Auf diese Weise kam er in Kontakt mit anderen Behinderten, erfuhr von ganz neuen Wegen und fand auch einen Weg, seiner Einsamkeit ein Ende zu machen. Er nahm Kontakt zu einer Gruppe auf, in der asiatische Frauen deutsche Männer suchten.

Huh, denkt da jeder, Katalogfrauen! Bäh!
Doch die Frau, die eines Tages aus dem fernen Osten kam, Hans und sein Vater hatten fast alles was sie hatten an eine Agentur bezahlt, war eigentlich ganz nett.
Nicht die Bilderbuchschönheit, wie man sich das so in seiner „Die Schöne und das Biest“-Vorstellung so ausmalt, sondern eher die kräftige Frau vom Lande.
Hans konnte es egal sein. Im Gegenteil, er begann zu schwärmen und wir waren erstaunt, daß auch die Frau Gefallen an Hans fand und bei ihm blieb.

Der Vater vor allem war erleichtert; denn würde die kurz darauf geschlossene Ehe halten, so wäre sein Sohn ja versorgt.
Und alles sah auch gut aus. Hans und seine Frau unternahmen sogar eine Reise nach Asien, damit er die Familie seiner Frau kennenlernen konnte, die beiden richteten sich eine Wohnung in Hans‘ Elternhaus ein, die bisher von einer Tante bewohnt worden war, die passenderweise hochbetagt verstarb und eines Tages erreichte uns die frohe Kunde, daß Hans‘ Frau ein Kind erwartete.

Wir überspringen einige Jahre, nichts von dem, was man befürchten mochte, war eingetreten.
Hans und seine Frau leben auch heute noch glücklich zusammen, sie ist ihm eine resolute, aber liebevolle Ehefrau, er ist ein prächtiger Vater und die Tochter hat inzwischen Abitur gemacht. Glückwunsch!
Doch es gibt auch eine Schattenseite:
Der Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und seitdem wird Hans von seinem älteren Bruder, der nun das von Hans bewohnte Haus für sich alleine haben möchte, drangsaliert. Zehn Jahre lang hatte sich der Bruder nicht gemeldet, nicht bei Hans und nicht bei seinem Vater.
Kaum war der Vater aber unter der Erde, stand der Bruder auf der Matte.
Die Wohnung des Vaters sei ja nun frei und er könne das Haus ja nur verkaufen, wenn Hans auch die Wohnung im ersten Stock räumen würde. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, sperrte der Bruder erst einmal die Waschküche ab, stellte immer mal wieder Strom oder Wasser ab und versuchte alles, um Hans und seine kleine Familie zu vertreiben.

Doch der Bruder hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht; und in diesem Fall meldete sich der Wirt, nämlich der tote Vater, in Form eines ausgeklügelten Testaments zu Worte.
Wohl wissend, daß Hans niemals ein guter Hausbesitzer sein würde, der ein seit Generationen in Familienbesitz befindliches Haus in Schuß halten könnte, hatte der Vater schon vor Jahren Hans großzügig abgefunden, dafür dem Bruder nun das Haus vermacht und Hans, seiner Frau und deren Tochter ein lebenslanges Wohnrecht eintragen lassen.
Abgefunden?
Womit?

Mit Geld, mit viel Geld, mit mehr Geld als man dem alten Mann zugetraut hätte.
Also müßte Hans doch ein reicher Mann sein?
Wo ist das Geld? Diese Frage stellte ich Hans, als er mich vor Monaten um Hilfe bat.
Das habe der Vater in Zeiten als noch alles gut schien, dem Bruder anvertraut, der versprochen habe, es für Hans gut anzulegen.

Den Rest kann man sich fast denken. Der Bruder stellt sich taub, Geld habe er keins, jetzt sprechen die Anwälte. Und Anwälte sprechen eine sehr langsame Sprache. Immer mehr Schriftsätze, immer längere Schriftsätze und die Zeit verrinnt und Hans ist mittlerweile nahezu mittellos.
Inzwischen hatte er diverse Jobs bei Call-Centern, Jobs bei denen man eher schlecht als recht verdient; seine Frau jobt auf 400 Euro-Basis bei einer Imbisskette und man kann überhaupt nur deshalb überleben, weil man keine Miete zahlen muß, Blinden- und Kindergeld bekommt und weil Hans inzwischen eine schmale Frührente bekommt.

Wie die Geschichte ausgeht? Ich weiß es nicht. Vermutlich wird sie gut ausgehen für Hans. Zumindest stehen die Zeichen gut und so wie ich das beurteile hat Hans die besseren Karten, doch die wollen vor Gericht erst einmal ausgespielt werden und das kann noch dauern.

Ich erzähle das, weil Hans mich gestern anrief und mir erzählte, sein PC und sein Monitor seien kaputt gegangen und ob ich nicht so etwas eventuell gebraucht im Keller stehen habe.
Habe ich nicht. Ich habe nur mein Apple-Equipment und das brauche ich selbst.

Deshalb also die Frage in die Runde:
Hat jemand einen gut funktionierenden PC mit Betriebssystem und einem möglichst großen Flachbildschirm übrig? Evtl. auch einen Drucker?
Ihr kennt das doch! Da geht man los und kauft was und hinterher heißt es aus allen Ecken: „Hätt’ste mich dich doch gefragt, ich hätte alles da gehabt.“
Und deshalb frage ich heute vorher, bevor ich bei Ebay was zusammensuche.

Hans alter Rechner ist platt, das ist ein Pentium der ersten Generation, noch mit PS/2-Steckern und nur einem USB-Anschluß, 320 MB-Festplatte und alles in einem Desktopgehäuse.
Da gibt es auch keine Teile mehr für, zumindest nicht aus sinnvollen Gründen.

Der Monitor hatte etwa über 20″, war etwas neuer und mußte sein Leben aushauchen, weil Hans ihn immer ganz hell stellen muß, damit er was erkennen kann.

Hans kennt mein Blog nicht, er kennt vieles im Internet nicht. Er ist viel in einem sozialen Netzwerk (nicht in Facebook) unterwegs, will Briefe schreiben können und einfache Spiele (Solitär etc.) spielen können.
Er legt Wert darauf, daß man auch Musik hören kann und daß man irgendwie eine Kamera anschließen kann, verständlicherweise mag er Skype & Co. zum „Telefonieren“.

Wenn jemand so eine Kiste herumstehen hat, dann mag er sich melden. Einfach per Kontaktformular oder per Mail an undertaker@bestatterweblog.de


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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 15. Juni 2013

15 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hab hier nur einen alten Laptop, der wohl nicht für Hans‘ Zwecke geeignet sein dürfte, leider.

    Aber da sieht man mal wieder, derjenige, der sich den Spruch *Blut ist dicker als Wasser* ausgedacht hat, hatte wohl einen zuviel im Tee :/.

    • Das Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“ bedeutet genau das Gegenteil von dem, was man annimmt. Mit Blut ist nämlich nicht das Familienblut gemeint (und was wäre dann das Wasser, mit dem man mit anderen verbunden ist?). Der Spruch bedeutet, dass man mit denen mehr verbunden ist, mit denen man zusammen im Blut gelegen hat (im Krieg) als mit dnenen, mit denen man im selben (Frucht-)Wasser gelegen hat, also dass die Bande zwischen Kameraden, die zusammen einiges erlebt haben dicker ist als eine zufällige Verwandtschaft.

      • Wow wieder was gelernt!
        Danke für die Aufklärung!

        Ich hab auch noch ne andere erklärung bzgl. des Bluts gelesen: Früher wurden Verträge nicht selten mit Blut besiegelt und waren daher eher einzuhalten, als etwas, dass man mit seinem Bruder vereinbart hatte…

      • Das ist eine schöne Erklärung, ich habe den Sinn dieses Spruches nie verstanden, aber so hat er endlich einen. Danke, das ist genial!

      • gegoogelt:

        >ist biblischen Ursprüngs, er bezieht sich auf das Schliessen von Verträgen zu Zeiten des alten Testaments. Damals war es üblich dass man wichtige Verträge „im Blute“ besiegelte. Dazu wurde ein Tier geschlachtet, in zwei Häften geteilt und die beiden Vertragspartner stellten sich in das Blut des Tieres, in ganz wichtigen Fällen schnitt man sich zusätzlich die Hände auf und band sie mit dem Vertragspartner zusammen.

  2. Peter… ich möchte einfach mal Dankeschön sagen. Dieser Blogeintrag berührt mich sehr. Danke das du so bist wie du bist

  3. und da der Bestatterweblogmann ein reicher Mann ist, kauft er Hans natürlich einen komplett neuen PC statt irgend einen schäbigen gebrauchten Müll vom Flohmarkt oder EBay.

  4. Kleiner Hinweis nebenbei: Der Beruf, den Hans ausgeübt hat, heißt nicht Audiotypist, sondern Phonotypist. In diesen einfachen Schreibberuf hat man Blinde früher wohl oft gesteckt, oder sie wurden Telefonisten (so nannte man früher das, was heute ein Call-Center-Agent ist).

    Gruß, Frosch

  5. Übrigens bschäftigt das Regierungspräsidium Karlsruhe noch Phonotypisten. Ob die allerdings noch konkreten Bedarf haben, kann ich nicht sagen.

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