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In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine

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„Tja, so schnell geht das. Jetzt isser weg. Ich hab ja gewußt, daß er todkrank ist, aber daß es dann doch so schnell geht…“
Das sagt Frau Gertrud Zimmerling, die in einem Küchenkittel vor mir steht, zieht ein Staubtuch aus der Kitteltasche und wischt ganz in Gedanken über die Platte am Fußende des Krankenbettes, in dem ihr Mann Hubert noch bis vor zehn Minuten gelegen hat. Die vielen Pflegeutensilien, die das kleine Zimmer vollstopfen, zeugen davon, daß hier ein schwerer und vielleicht langer Kampf gegen die Krankheit stattgefunden hat, den das Ehepaar Zimmerling nun doch verloren hat. Er ließ sein Leben und sie bleibt leer und ohne Aufgabe zurück.

Die Leere merkt man ihr an, sie wischt mit dem Tuch nun sogar gedankenverloren über meinen Koffer. Es ist Gründonnerstag gegen 22 Uhr und als Bestatter bin ich direkt mit meinen Fahrern zum Sterbeort gefahren, weil Frau Zimmerling gleich alles besprechen will und weil es klug ist, wegen des Osterfestes alles unter Dach und Fach zu bringen. Samstag ist eine Notbesetzung bei der Friedhofsverwaltung im Einsatz und nächste Woche wird es auf den Friedhöfen viel zu tun geben. So ist das nunmal rund um die großen Feiertage Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Am Donnerstag haben die Friedhofsleute schon kurz vor Eins die Schaufeln fallen lassen, am heutigen Karfreitag wird gar nicht beerdigt, Samstag gibt es nur den Notdienst für telefonische Terminvergaben und Anmeldungen und so vergehen bis Dienstag nach Ostern viereinhalb Tage an denen nicht bestattet wird.

„Sind das die Unterlagen vom Arzt?“ frage ich und deute auf die mir nur zu gut bekannten Papiere auf dem Nachttisch. Der Arzt hat sie aufrecht zwischen die zahlreichen Medikamentenschachteln geklemmt.
Frau Zimmerling nickt und sagt: „Ja, die brauche ich ja für die Rente und für die Sparkasse.“

Ich schüttele den Kopf, nehme die Unterlagen an mich, bevor sie doch noch ‚unter die Räder kommen‘ und erkläre wohl schon zum 20.000sten Mal in meiner beruflichen Laufbahn, daß die Angehörigen diese Unterlagen nicht brauchen, nichts davon wegnehmen und einbehalten sollen und daß sie spätestens nach 48 Stunden beglaubigte Sterbeurkunden des Standesamtes von uns bekommen. Es sind oft klugscheißende Söhne und Schwiegertöchter, die zwar keine Ahnung haben, aber trotzdem alles besser wissen, sogar besser als ich, die gerne mal einen Teil der Arztpapiere einfach wegnehmen, weil sie denken glauben, man brauche diese, um damit die Rente beantragen zu können, auf seiner Arbeitsstelle frei zu bekommen oder um sie einfach irgendwo in die Schublade zu legen.
Gut, wenn sie es nicht besser wissen, dann habe ich ja Verständnis und erkläre das gerne ausführlich, woher sollen die Leute das auch wissen. Mittlerweile sagen wir das aber immer schon am Telefon gleich dazu: „Bitte lassen Sie die Papiere vom Arzt unangetastet!“ Und wenn die Leute dann trotzdem diese Unterlagen wegschaffen, haben wir große Probleme.

Frau Zimmerling guckt aber nur erstaunt, ist dann aber mit meiner Erklärung zufrieden und hat sich inzwischen einen Infusionsständer als Wischobjekt ausgesucht.

„Dann woll’wer mal“, sage ich, nehme meinen Koffer und gehe in die Küche.
„Och nö, lassen Sie uns lieber ins Wohnzimmer gehen, da isses doch gemütlicher“, schlägt Frau Zimmerling vor und ich erkläre ihr, daß ich lieber in der Küche sitze, der Tisch ist höher, das Licht ist besser und -das sage ich ihr aber nicht- die Kaffeemaschine steht gleich in der Nähe.
Sie nimmt es hin, fängt an, mit einem gelben Schwamm die durchsichtige Plastikdecke des Küchentisches abzuwaschen, die die darunterliegende rotkarierte Tischdecke schützen soll. Zwar wischt sie den Tisch auch wieder trocken, aber nicht trocken genug. Infolgedessen kleben meine Plastikmappen immer wieder fest und lösen sich beim Verschieben stets mit einem saugend-furzenden Geräusch.
Geduldig schaut sich die alte Dame die Särge und Urnen an, tippt mal hier, mal dort mit dem Finger auf den Katalog und schnell haben wir für ihren Hubert das Passende gefunden. Eine Feuerbestattung soll er bekommen, dann ist das Grab nicht so groß, Frau Zimmerling hat es im Rücken, drei Jahre lang hat sie ihren Mann gepflegt und oft herumgehoben, das hinterläßt Spuren.

„Rund um die Uhr war ich für ihn da, der war ja am Ende hilfloser als ein kleines Kind. Von morgens bis abends, ach was sag ich, bis spät in die Nacht brauchte er meine Pflege. Die Schwester vom Pflegedienst kam ja nur ein paar Minuten am Morgen und nochmal kurz am Abend. Frau Zimmerling, hat die immer gesagt, sie machen das besser als jede Schwester mit Ekzem.“

Ich verbessere Frau Zimmerling nicht, ihr tut es gut, jetzt erzählen zu können, denn wie ich erfahre hat das Ehepaar keine Kinder und auch sonst gab es in all den Jahren niemanden, mit dem sie sich hätte austauschen können. Ihr Hubert war alles was sie gehabt hat.
Eine gute Stunde später, ich habe mir doch noch eine Tasse Kaffee erbeten -der allerdings koffeinfrei ist- und bin schon etwas länger als notwendig geblieben, will ich mich auf den Weg machen und packe die Unterlagen in meinen Koffer.
„Ach, Sie müssen noch meine Kekse probieren, die backe ich immer selbst. Sie haben ja noch Kaffee in der Tasse, warten Sie, ich schenke Ihnen heißen nach. Jetzt weht draußen gerade so ein Wind, warten Sie noch ein wenig. Ich glaube, ich will die Särge nochmal sehen, holen Sie doch den Katalog nochmal raus. Zeigen Sie mir mal die Bilder von den Kränzen…“

Es ist klar, sie will mich nicht gehen lassen, sie hat Angst davor, alleine in der Wohnung zurückzubleiben, alleine mit dem leeren Bett ihres Mannes, ganz alleine.

Die Frau dauert mich, ich habe ja ein weiches Herz und so nehme ich das Angebot mit den Keksen an -was ich übrigens nicht bereut habe, herrliche helle, leichte Kekse, mal ohne die ewige Zartbitterschokolade, die andere immer überflüssigerweise aufs Gebäck machen, damit es nicht so süß ist; wenn ich süßes Gebäck will, dann muß es süß sein; nein ich mag keine Zartbitterschokolade-, dann breite ich nochmals meine Kataloge aus, die sie aber gar nicht wirklich beachtet. Sie blättert zwar ab und zu um, schaut aber gar nicht richtig hin. Dabei erzählt sie mir, wie sie ihren Mann kennengelernt hat, holt aus dem Wohnzimmer ein gerahmtes Hochzeitsbild von 1951 und ich stelle fest, daß es das Schicksal bezüglich des Aussehens schon damals nicht besonders gut mit Frau Zimmerling gemeint hat.

Ich bekomme oft solche Fotos gezeigt. Ganz alte Mütterchen, faltig, fleckig, gebeugt und mit krähenartigen Fingern reichen mir dann zitternd ein Foto von dem sie mich als flottes, schönes Mädchen anschauen. Was das Alter so mit uns macht, nicht wahr? Nebenbei bemerkt: Ich will den Namen des Landstriches jetzt nicht nennen, aber es gibt hier eine Gegend, da werden die Leute -vermutlich weil die Eltern traditionell immer Geschwister sind und der Stammbaum dieser Familien ein Kreis ist- alle mit viereckigen Köpfen geboren, haben dicke Nasen wie Shrek der Oger und abstehende Ohren. Von jedem Bild glotzen mich die selben Physiognomien an, egal wo ich hinkomme und ob alt oder jung, lebendig oder tot, es herrscht die dümmliche Einheitsvisage vor.

Bei Frau Zimmerling ist das anders, die war eben einfach schon als junge Frau nicht besonders schön, aber das ist ja auch egal, jede Frau hat irgendeinen Reiz und soweit ich das sehe, ist Frau Zimmerling eine ganz besonders liebe und fürsorgliche Frau und das war schon zu allen Zeiten viel mehr wert als ein fitnessgestähltes und schönheitsoperiertes Aussehen im Disco-Einheitslook ohne viel Zerebralkraft dahinter.

Nachdem sie mir auch noch ein ganzes Album mit Fotos von der Silber- und der Goldhochzeit gezeigt hat und ich das geduldig -und natürlich keksfutternd- ertragen habe, sage ich aber dann zum x-ten Male „So!“ und zeige damit an, daß es nun wirklich Zeit ist, zu gehen. Doch Frau Zimmerling will nicht, daß ich gehe, ich muß aber. Es sind inzwischen drei Stunden vergangen, es ist weit nach Mitternacht, fast ein Uhr und ich merke, daß ich langsam müde werde und mich nicht mehr konzentrieren kann.

„Och, bleiben Sie doch noch ein bißchen, nur ein kleines bißchen, Sie sind so ein netter Mann, so ein Gemütlicher und Sie können so gut zuhören“, bittelt und bettelt die frischgebackene Witwe, doch ich muß ihr sagen, daß ich nach Hause muß, daß ich in mein Bett will.

„Ich bin nachts nicht gern alleine und irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl, wo doch heute Gevatter Tod durch diese Wohnung gegangen ist“, sagt sie und fügt gleich hinzu: „Morgen früh um sieben Uhr kommt Hertha, meine beste Freundin, und bleibt für 14 Tage bei mir…“

„Haben Sie noch Kekse?“ frage ich seufzend…

Um halb sieben sind wir dann gemeinsam mit meinem Auto zum Bahnhof gefahren und haben Hertha von der S-Bahn abgeholt. Hertha ist eine große, vollbusige Frau mit roten Wangen und einem lauten Organ, sie wird Frau Zimmerling gut tun, denke ich.

An der Tankstelle trinke ich einen halbwegs schmeckendes Kaffee aus einer Styroportasse, dann fahre ich endlich nach Hause zu Frau und Kindern, ein 26-Stunden-Tag liegt hinter mir.
Ich darf ganze drei Stunden schlafen, dann muß ich raus, die Trauerfeier für Beat steht an.

Dieser Text ist auch als Podcast verfügbar.

Peter Wilhelm 22. Februar 2014


13 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin nachts auch nicht gern allein – bei uns im Seniorenhaus, wenn jemand verstorben ist (und noch in seinem Zimmer ist) (und ja ich weiß, das es vollkommen irrational ist). Es ist dann eine eigentümliche Stimmung für mich.
    Wie musste sich die Frau dann fühlen….schön das du geblieben bist!
    Grüße Tina

  2. Sehr beachtlich, Dein großes Einfühlungsvermögen und Deine Menschenkenntnis beeindrucken mich zutiefst. Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein gesegntes Osterfest.

  3. Nicht nur dir gebührt der Respekt! Auch deiner Frau. Denn Sie wird normal danach auch Rücksicht auf dich nehmen und dir zumindest in der Zeit wo du noch schlafen kannst Störungen vom Hals halten. Und aus dem fehlenden Hinweis auf Probleme mit der späten Heimkehr schließe ich, dass sie dir auch vertraut.

    Es sollte mehr Menschen geben, die sich so einfühlsam um die Mitmenschen kümmern.

  4. Respekt, das ist ne Leistung… auch wenn sie dich ja „nur“ rumgekriegt hat, aber dann nicht hart zu bleiben und zu gehen… der Frau tat das bestimmt gut. Und ich bin sicher, du wirst auch den Tag nach den drei Stunden gut durchgestanden haben, auch wegen deiner Familie und deinem Team, die wohl wirklich klasse sind. Sowas ist irre viel wert. Schön, dass es so gut läuft – und wieder einmal vielen Dank, dass du uns daran teilhaben lässt! 🙂

  5. Gib‘ es zu, du wolltest mehr Kekse und konntest sowieso nicht schlafen ;-).

    Aber im Ernst: Du hast ein weiches Herz. Meine Hochachtung.

  6. Hey Moment mal. 10 Stunden bei ner Kundin und da kommt kein Stoff für ne weitere kleine Geschichte zusammen? Dit glob ick ja mal nich. 😉

  7. Auch wenns nicht ganz passt: Is der Post über diesem hier nen verspäteter Aprilscherz oder entgeht mir der Humor/Sinn dahinter?

    Naja ich nehme an, der ganze Sinn liegt darin, dass man sich den Kopf drüber zerbricht.. grr 😉

  8. Das encoding haut bei dem article nicht mehr hin. Umlaute werden nicht korrekt dargestellt.

    und Sie können so gut zuhören”

    Die umlaute in den Kommentare sidn aber korrekt.

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