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Olugulade -23-

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Für die Birnbaumer-Nüsselschweif interessiert sich kein Mensch. Punkt. Basta. Fakt.
Das ist ja genau ihr Problem. Sie möchte so gern als Reinkarnation von Mutter Theresa gelten, ohne jedoch die damit verbundenen Unannehmlichkeiten und Arbeiten auf sich nehmen zu wollen. Ein kleiner Posten im kirchlichen Mütterkreis gibt ihr die vermeintliche Reputation auch in der Afrika-Gruppe ein großes Wort schwingen zu dürfen. Und als organisierte Mutter und Retterin aller Negerkinder scheint sie ständig auf der Suche nach Objekten zur Befriedigung ihrer hyperaktiven Hilfsbereitschaft zu sein. Die dargebotene Hilfe hingegen darf keinesfalls tatsächlich mit Arbeit oder einer Verpflichtung verbunden sein, sondern muß einem Strohfeuer gleich, schnell auflodern, rasch für pressewirksames Echo sorgen und dann sollte die Arbeit am Besten von ganz anderen Leuten weitergeführt werden.

Das war schon immer so und einige wenige haben die Birnbaumer-Nüsselschweif indes auch längst durchschaut. Unter anderem der Pfarrer, der aber gegen die Frau nichts machen kann, zu stark ist ihr Rückhalt in der Gemeinde, wo man über die Frau spricht, als sei es eine Heilige, ein Engel, ja fast schon eine Göttin. Was die Frau alles für Afrika getan hat!
Herr Buhl ist Vorsitzender der Freien Wähler und ein Nüsselschweif-Gegner. Er ist mal mit dem Mann der Birnbaumer-Nüsselschweif aneinander geraten und hat sich seinerzeit die Mühe gemacht, das Afrika-Projekt des Ehepaares näher unter die Lupe zu nehmen. Dabei kam er zu dem Ergebnis, daß dieses Projekt einer Schlager Süßtafel gleicht, süß und schön, aber in Wirklichkeit ungenießbar.

Das Ehepaar hatte beispielsweise vor einigen Jahren in einer großangelegten Aktion Spenden für ihre Afrika-Gruppe gesammelt. Dr. Kolu Faloua war extra aus Afrika angereist und hatte in mehreren Multimedia-Abenden über das Leid seiner vom Bürgerkrieg gebeutelten Landsleute berichtet. Das rührte die Herzen der Besucher der Multimedia-Abende und öffnete ihre Geldbeutel.

Herr Buhl fragte sich, was denn nun mit dem ganzen gesammelten Geld geschehen sei und insgeheim hoffte er wohl, das Ehepaar dabei zu ertappen, sich das Geld in die eigene Tasche zu stecken. Aber seine Nachforschungen erbrachten nichts dergleichen. Er konnte wohl feststellen, daß lediglich unnützer Kram angeschafft wurde, aber der landete tatsächlich im Container einer großen Hilfsorganisation, der nach Afrika verschifft wurde.

Das paßt auch zu meinen Beobachtungen: Schnell viel Wirbel gemacht, die Leute in den Glauben versetzt, man sei hilfsbereite Heilige und dann irgendeine nutzlose Hilfe zusammengestümpert, damit man ja nicht viel Arbeit damit hat.

Vor diesem Hintergrund ist auch das Engagement der Birnbaumer-Nüsselschweif in Sachen Olugulade zu sehen. Allzugern hätte sie doch den armen kleinen Negerjungen gehabt, um ihn wie einen Tanzbär vorführen zu können und noch mehr Leuten noch deutlicher zeigen zu können, wie sehr man sich doch für die armen Afrikaner einsetzt.

In welcher Richtung man sich jetzt einsetzt, ob man nun hartnäckig dafür ist, daß die Familie hier bleibt, oder ob man auf einmal alles daran setzt, die Familie wieder nach Afrika zu schaffen, das ändert sich mit den gebotenen Gegebenheiten. Hauptsache man hat selbst so wenig wie möglich Arbeit und deshalb macht man sich Zufälligkeiten und die Bestrebungen anderer auch gerne mal zunutze.

Am Tag der Beisetzung der Urne von Daniels Vater, war Daniel ja kurzzeitig verschwunden und wir waren kurz davor, die Polizei einzuschalten, konnten dann aber, dank des Blumengeschäftes herausfinden, daß die Birnbaumer-Nüsselschweif Daniel bei sich hatte.
Alle, nicht zuletzt ja auch die Weblogleser, hatten zunächst daran gedacht, das Nüsselschweinchen habe den Jungen sozusagen entführt. Aber nichts dergleichen war wirklich geschehen. Daniel erzählte selbst, daß er aus völlig freien Stücken losgelaufen sei, um Blumen für seinen Papa zu kaufen und bei dieser Gelegenheit sei er der Birnbaumer geradewegs in die Arme gelaufen. Die habe für den Morgen einen Pressetermin gehabt und hatte nun nichts anderes im Sinn, als den kleinen Farbigen zu diesem Termin mitzunehmen.

Daß der Junge dadurch beinahe die Beisetzung seines eigenen Vaters verpaßt hätte, juckte die Dicke einfach nicht. Das tat sie mit einem stirnzunzelnden „Das glauben Sie ja wohl selbst nicht!“ ab, als ich sie zwei Tage später deswegen zur Rede stellte und ihr Vorhaltungen machte.
Ich hätte das alles auch einem Eimer Elbewasser erzählen können, so wirkungslos verpuffte das. Anders gesagt: Eher hätte ich das Elbewasser dazu überreden können, aus dem Eimer in den Fluß zu hüpfen und gegen die Strömung zu fließen, als daß die Birnbaumer-Nüsselschweif auch nur im Geringsten darauf reagiert hätte.

Wenn man diese Frau einmal erlebt hat, dann weiß man, daß die einem sowieso nie zuhört. Besonders einfallsreich und eloquent ist sie nämlich nicht, redet aber dennoch unablässig wenn es sein muß. Wenn ich ihr etwas sage, dann merke ich, daß sie mir in den seltensten Fällen überhaupt zuhört, viel zu sehr ist sie schon mit dem nächsten ihrer Sätze beschäftigt, kann kaum abwarten bis man fertig ist und plappert dann darauf los. Meistens hat das, was sie sagt, nichts mit dem zu tun, was man selbst gesagt hat.

Wenn ich jetzt schreibe, daß diese Frau eine dumme Kuh ist, sage ich noch viel zu wenig. Und dennoch gibt es Tausende in unserem Stadtteil, die glauben ernsthaft, diese Frau komme gleich nach dem heiligen Franziskus.

Frau Olugulade und ihr Kleiner taten etwas Unerwartetes. Sie zogen von hier weg.
Wortreich, doch ohne daß ich wirklich daraus schlau wurde, erklärte sie mir, daß sie eine tolle Wohnung in einem zwölf Kilometer entfernten Ort gefunden habe und nun unbedingt dorthin ziehen müsse.
Man muß wissen, daß wir ja nicht die Einzigen waren, die sich um die Familie sorgten und kümmerten. Irgendjemand hatte dort etwas Passendes für die Frau und ihre Kinder gefunden und bot ihr sogar eine Arbeitsstelle an. Damit lief alles etwas anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber ich hatte nicht das Gefühl, daß das Ganze zum Nachteil für Frau Olugulade war. Es wäre ihr ja kein bißchen mehr geholfen gewesen, wenn es nun ausgerechnet nur nach meiner Nase gegangen wäre und wer sagt, daß ausgerechnet das was ich mir überlegt hatte, auch das Beste war?

Daniel blieb bei uns, insgesamt sollten es fast anderthalb Jahre werden und für ihn würde sich die Birnbaumer-Nüsselschweif doch noch interessieren.


Peter Wilhelm 28. Mai 2012

11 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Nix gegen Schlager Süßtafeln die sind lecker, zumindest heutzutage! *fg

    Anderthalb Jahre hattet ihr Daniel? Das erklärt die lange Pause zwischen den Olugulade Blogs!

  2. Aaah, endlich die langersehnte Fortsetzung.

    „Für die Birnbaumer-Nüsselschweif interessiert sich kein Mensch. Punkt. Basta. Fakt. …“
    Falsch, ich liebe diese Geschichten :-). Auch bzw. gerade wegen Deines Erzählstils.

    Anderthalb Jahre lang ein fremdes Kind aufnehmen. Respekt! Danach fällt die Trennung bestimmt schwer.

  3. > Frau Olugulade und ihr Kleiner taten etwas Unerwartetes.
    > Sie zogen von hier weg. […]
    > Daniel blieb bei uns, insgesamt sollten es fast anderthalb
    > Jahre werden […]

    Klingt für mich widersprüchlich: Zogen sie erst nach 1,5 Jahren weg? Reichte die neue Wohnung nicht für beide?
    Oder ist dir in der Geschichte ein Logikfehler unterlaufen?

    Gerade bei so einer spannenden Geschichte will man ja mitdenken…

  4. Niemand interessiert sich für die Nüsselschweif? Ich glaube Du hast inzwischen über 100 Leute gegen sie aufgehetzt ohne auch nur einmal polemisch oder unkorrekt zu werden 😀

    Ich warte mit jedem Blogeintrag darauf, dass sie endlich mal richtig ihr Fett abkriegt 😉 Tom, mach da doch bitte mal was!

  5. Weisst du, Tom, wenn du diese Geschichte so abgewandelt, dass jeder sofort erkennt, wer das sein soll, ohne dass dir jemand an den Karren fahren kann, an das lokale Kaeseblatt gibst…
    nunja
    bist selber ein groszer Junge und weisst am besten, was du tun willst

  6. Die Schnüffelwutz haste aber gefressen, was?

    Ansonsten nochmal und verspätet meine Hochachtung nicht nur diese Geschichte erlebt sondern auch gleich für die Nachwelt festgehalten zu haben. In jeder Hinsicht großes Tennis.

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