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Sterben im Heim: Eine Rose für Frau Heinrichs

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Frau Heinrichs ist gestorben, vor weniger als zehn Minuten. Im Pflegeheim, in dem sie seit über zwölf Jahren lebt. Also eigentlich in ihrem Zuhause. Ein anderes hat sie ja schon seit Jahren nicht mehr. Hier hat sie sich wohlgefühlt, ist in den ersten Jahren sogar noch mal richtig aufgeblüht, hat mir ihre Tochter erzählt. Als ich Frau Heinrichs kennengelernt habe, war sie schon sehr verändert durch ihre Demenz. Konnte kaum noch sprechen und erinnerte sich an fast niemanden mehr. Aber lächeln konnte sie noch. Sie hat sich fast immer gefreut, wenn ich zu Besuch kam, auch wenn sie sicher nicht wusste, wer ich bin.

In den letzten Tagen habe ich lange an ihrem Bett gesessen. Die Angehörigen, das Pflegepersonal und ich, wir hatten schon vor Tagen mit ihrem Tod gerechnet. Aber Frau Heinrichs war hartnäckig, hat dem Tod Stunde um Stunde abgerungen und ist nun – endlich, muss man fast sagen – friedlich verstorben. Ich habe das Fenster aufgemacht, wie ich es bei einem Todesfall immer mache. Ein kleiner Aberglaube oder ein schönes Ritual, je nachdem, wie man es sehen will. Ich mag die Symbolik, dem Menschen den Weg frei zu machen, ihn ziehen zu lassen. Überhaupt kann das Sterben und die Zeit danach von vielen wichtigen Ritualen durchzogen sein. In diesem Pflegeheim kenne ich den Ablauf schon.

pinke Rose

Bild von Jill Wellington auf Pixabay

LED-Teelichte und Rosenkranz: Totenfürsorge im Pflegeheim

Jedes Pflegeheim hat andere Formen, um mit Toten umzugehen. Leider gibt es immer noch die unschöne Variante, in der das Bett mit dem Toten einfach in einen Nebenraum außer Sicht geschoben wird. In vielen Heimen läuft es jedoch längst anders, viel liebevoller und wertschätzender. In diesem Heim geht man sehr fürsorglich mit den Toten um. Ich habe das schon gesehen, mag den Anblick aber jedes Mal sehr. Zuerst wird die Uhrzeit des Todes aufgeschrieben und der Arzt informiert (er wird erst einige Stunden später kommen, um den Tod zu bestätigen). Auch die Angehörigen bekommen natürlich sofort einen Anruf. Sie können vorbeikommen und sich verabschieden, wenn sie wollen. Dann macht eine Pflegerin Frau Heinrichs „schön“, wie sie sagt.

Sie kämmt ihr noch einmal vorsichtig durch das Haar, zieht das Nachthemd zurecht, streicht ihr über die Wange. Dann schüttelt sie die Decke auf und deckt Frau Heinrichs wieder zu. Auf ihre Bettdecke legt sie ein Laken mit einem dezenten Blumenmuster, und darauf bettet sie Frau Heinrichs Hände. Frau Heinrichs war katholisch und das Heim ist kirchlich geführt. Die Pflegerin legt ihr deshalb einen Rosenkranz zwischen die Hände. Ich weiß nicht, ob Frau Heinrichs jemals einen Rosenkranz gebetet hat, aber ich finde das in diesem Moment gar nicht so wichtig.

Die Pflegerin dimmt das Licht und stellt LED-Teelichte auf den Nachttisch. Echte Kerzen sind im Pflegeheim nicht erlaubt, wegen der Brandgefahr. Aber für die Symbolik und das wohlige Gefühl sind die künstlichen Kerzen ein ganz guter Ersatz. Nun wird noch etwas aufgeräumt. Die Pflegerin packt die Mundpflege-Utensilien, Medikamente und andere Dinge, die direkt mit Krankheit assoziiert werden, beiseite, außer Sicht. Frau Heinrichs braucht sie nicht mehr.

Mir fällt noch etwas ein. „Kann sie eine der Rosen bekommen?“, frage ich und zeige auf den Strauß auf dem Nachttisch. Noch heute Nachmittag waren der zweijährige Urenkel von Frau Heinrichs zu Besuch und hatte ihr einen Strauß grell pinker Rosen mitgebracht. Wir legen ihr eine der Blumen als letzten Gruß in die Hände. Die Farbe beißt sich ein bisschen mit den Blumen auf dem Laken, aber was macht das schon. Schön ist es in Frau Heinrichs Zimmer. Kein bisschen erschreckend, einfach würdevoll und gut.

Jetzt können die Angehörigen kommen und Abschied nehmen.

Birgit Oppermann 5. Oktober 2020


5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. sehr schön hast du das beschrieben….das Fenster hab ich auch immer geöffnet, für die Seele, sozusagen. Kolleginnen von mir haben auch den Spiegel zugehängt, ich weiß allerdings nicht, wozu das gut sein soll. Der/Die Verstorbene wurde auch von uns im Krankenhaus zurechtgemacht, Prothese eingesetzt, Haare gekämmt, all solche Dinge eben. Und natürlich die Angehörigen verständigt….

  2. Ja, so ist es wunderschön und würdevoll und man kann dann für sich selbst, sollte man solch eine Situation kommen, nur hoffen, dass man in ein solches Heim kommt.

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