Neulich fragte mich eine Nachwuchsreporterin einer Zeitung, was denn der kurioseste Wunsch anlässlich einer Beerdigung gewesen sei.
Ich verwies sie auf mein Buch „Darf ich meine Oma selbst verbrennen?“, in dem ich ja eine Vielzahl kurioser Wünsche und Fragen der Öffentlichkeit vorgestellt habe. Aber Lesen sei nicht so ihr Ding, sagte sie.
Ich wandte ein, dass sie dann doch eine etwas seltsame Berufswahl getroffen habe, denn Lesen gehöre doch zu den Grundfertigkeiten zum Verständnis und Konsum einer Zeitung. Darauf antwortete sie sinngemäß: „Die Zeitung gibt es ja auch online.“
Offenbar liegt die Schwelle der Abschreckung im bedruckten Papier verborgen, wer weiß?
Wenn ich aber zurückdenke, dann kommt mir eine Begebenheit immer wieder in den Sinn, und ich weiß gar nicht, weshalb ich die nicht schon im oben beschriebenen Buch verwurstelt habe.
Ich war bei Witwe Damerow zu Besuch. Na ja, eigentlich war das in Anbetracht der Umstände kein regelrechter Besuch, sondern eher das bestatterübliche Verkaufs- und Orientierungsgespräch.
Trotzdem versuchte Witwe Damerow es mir so angenehm wie möglich zu machen, und servierte Kaffee und Kuchen.
Der Kuchen war eine Art Sandkuchen mit Körnern. Diese Körner erwiesen sich beim Draufbeißen als Anis.
Anis mag ja nicht jeder, vielen ist der Geschmack zu streng.
Ich mag Anis. Meine Mutter hat früher schon in ihre Waffeln manchmal ein paar Körner Anis mit eingebacken, was der Sache eine angenehm süßlich-würzige Note verlieh.
Der angenehme Geschmack und Geruch der ätherischen Öle des Anis sind auch der Grund, weshalb ich trotz ansonsten konsequenter Alkoholverweigerung den Ouzo beim Griechen manchmal doch trinke.
Der Kuchen aus der Damerowschen Produktion schmeckte mir ebenfalls sehr gut, nur machte er seinem Namen als Sandkuchen irgendwie eine ganz besondere Ehre, denn es knirschte beim Kauen ziemlich zwischen den Zähnen.
Ein bißchen war das so, als würde man ein in Ouzo getränktes Blatt Schmirgelpapier kauen.
Nun denn, man will nicht unhöflich sein und ißt es halt trotzdem… Mit Kaffee ließ sich das Sandige auch gut runterspülen.
Wir sind gerade bei der Auswahl des Sarges, da fragt mich die Witwe doch allen Ernstes: „Sagen Sie mal, wenn wir meinen Mann unseren Wellensittich Tilli mit ins Grab geben, kriegt der denn dann auch Luft im Sarg?“
Ich schaue die Witwe an und lauere auf das Zucken ihrer Mundwinkel, auf irgendein Zeichen, dass sie mich eben veräppeln will, aber da ist nichts. Ich merke mit Erschrecken: Die meint das Ernst!
„Ja, ist denn der Sittich auch dahingeschieden? Dann können wir ihn einfach mit in den Sarg legen.“
„Nee, der lebt noch, aber der ist schon ganz alt, der macht das auch nicht mehr lange. Wissen Sie, mein Mann hat ja so stark geraucht, diese Selbstgestopften, nicht wahr. Und dem Tilli sein Käfig steht ja oben auffem Küchenschrank und der ganze Rauch ist immer nach da oben gezogen. Deshalb hustet der Tilli ja auch immer mal wieder.“
Ich schaue hoch, und tatsächlich: Da steht ein Vogelbauer auf dem Küchenschrank, in dem ein blauer Wellensittich an einem Hirsekolben nagt.
Frau Damerow schaut auch auf ihren Vogel und meint: „Mein Willi hätte es so gerne gehabt, dass der Tilli mit ihm in die Grube fährt. Hat er immer gesagt. Er meinte, dann könne er sich mit dem Tilli unterhalten. Aber seit ein paar Jahren spricht Tilli ja nicht mehr. Früher konnte der ‚Papa‘ sagen und ‚Halt die Fresse‘.“
„Ach was, und jetzt sagt er nix mehr?“
„Nee, der ist jetzt stumm. Aber Sie haben Recht, wenn der ja eh nichts mehr spricht, braucht der auch nicht zum Willi in den Sarg.“
Ich bin froh, dem armen Hakenschnabel ein düsteres Schicksal in einer Holzkiste erspart zu haben. Dann lässt mich Frau Damerow aber doch noch mal etwas erschauern.
„Sie müssen wissen, dass der Tierarzt gesagt hat, das mit dem Sprechen könne auch an den Aniskörnern liegen. Mein Mann hatte einen 50-Kilo-Sack Vogelsand mit beigemischten Aniskörnern gekauft. Den Sand kriegt der Tilli zweimal die Woche in seinen Käfig. Und seit wir das mit dem Anis wissen, siebe ich die Körner immer aus dem Sand. Den Anis kann ich ja noch gut verwenden, zum Backen und für den Tee.“












