Geschichten

Wer schreibt, der bleibt

Die VG-Wort ist für Autoren das, was für Musiker, Texter und Komponisten die GEMA ist. Wer etwas veröffentlicht hat, hat Chancen, von der VG-Wort jährlich eine dementsprechende Summe gezahlt zu bekommen.

Prof. Gerd Rudi Müller bekommt jedes Jahr einen fetten, hohen 5-stelligen Betrag an solchen Tantiemen ausgezahlt, und das, obwohl er schon seit über zehn Jahren in Pension ist.
In jüngeren Jahren hatte er drei wichtige Standardwerke seiner Wissenschaft verfasst, die heute noch jeder Student dieser Fachrichtung obligatorisch zum Studienbeginn erwerben muss.
So ist der stetige Absatz seiner sehr teuren Bücher, und damit auch sein literarisches Auskommen, auf lange Zeit gesichert.

Gerd Rudi ist ein sehr feiner, distinguierter Herr, der auf seinen Professoren-Titel sehr stolz ist. Allerdings ist er weit davon entfernt, ein Angeber zu sein. Er legt nur Wert darauf, dass das, für das er hart gearbeitet hat, und das er gegen viele Widerstände erreicht hat, auch wahrgenommen wird.

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Die Widerstände, von denen hier die Rede ist, liegen in seiner etwas linkischen, zurückhaltenden und nicht gerade heroischen Art ebenso begründet, wie in der Tatsache, dass er Mobbing hat erfahren müssen, als der Begriff eigentlich noch gar nicht erfunden worden war.
Gemobbt wurde er zu Anfang seiner akademischen Karriere vor allem von auf eine ebensolche Karriere hin arbeitenden Frauen, die in diesem schwachen Charakter ein geeignetes Opfer für allerlei Intrigen und Ränkespiele gefunden hatten.

Doch Professor Müller hat all diese Widrigkeiten überstanden, und zwar durch außerordentliches Wissen, herausragende Forschungsarbeit und eine auch einem Wegducker innewohnende Beharrlichkeit. Einstecken, Schnauze halten, weitermachen.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass Gerd Rudi mit mir verwandt ist. Weil ich ein sogenannter Nachkömmling bin, sind fast alle Cousins und Cousinen bedeutend älter als ich.
Gerd Rudi war der Erste in der Familie, der es zu akademischen Ehren gebracht hat. Für mich ist er ein großes Vorbild, und ich liebe es, mit ihm zu sprechen. Seine ruhige Art, sein umfangreiches Wissen und die Art, wie er die Dinge zu erklären vermag, beeindruckten mich immer sehr.

Beide geisteswissenschaftlich geschult, fanden wir immer tolle Themen und hatten stets ausreichenden Gesprächsstoff.

Vor ungefähr zwei Jahren telefonierten wir miteinander und ich sprach unsere gemeinsame Tante Hedwig an. Das ist nämlich auch eines unserer Themen: Die große Familie mit ihren vielen Zweigen und Ablegern.
Rudi erzählte mir begeistert von seinen Kindheitserlebnissen bei dieser Tante, und wie er mit dem Fahrrad 80 Kilometer weit gefahren war, um die Sommerferien bei ihr verbringen zu dürfen. Tante Hedwig hatte nämlich einen Esel, und das war für Kinder etwas ganz Besonderes.

Vor ein paar Monaten sprach ich wieder mit Gerd Rudi und wollte ihm erzählen, dass vor kurzem das Grab eben jener Tante aufgelöst worden ist.
Doch er gab gar keine Antwort. Das, was ich ihm sagte, schien ihn nicht zu interessieren. Deshalb fragte ich nach. Seine Antwort war seltsam: Er wisse gar nicht, von wem ich spräche, er kenne keine Tante Hedwig.
Dann zählte er mir alle Onkel und Tanten mit ihren Geburtsjahren und Ehepartnern auf, bis eben auf diese Tante Hedwig und ihren Mann Otto.
Hedwig und Otto schienen für ihn auf einmal gar nicht mehr zu existieren.

Neulich hatte Gerd Rudi Geburtstag und ich rief bei ihm an. Es meldete sich nur der Anrufbeantworter und ich hinterließ eine Nachricht.
Drei Stunden später rief Gerd Rudi zurück. Wer ich denn bitteschön sei und was ich wolle?

Nach fast zehn Minuten hatte ich ihn endlich soweit, dass er begriff, wer ich bin. Dann erzählte er mir, dass er gemeinsam mit seiner Frau auf einem hochinteressanten Vortrag gewesen sei, weshalb er nicht telefonisch erreichbar gewesen sei. Äh, ja… ach, äh, um was es bei dem Vortrag gegangen sei, das wisse er nicht mehr, aber es sei jedenfalls hochinteressant gewesen.

Neulich habe er zum Arzt fahren wollen und nach acht Runden mit der Buslinie 8 habe ihn der Fahrer als verwirrten alten Mann in die Obhut der Polizei übergeben. „Sehr nette Leute, die haben mich nach Hause gefahren. Aber Kaffee wollten die keinen.“

Dann erzählte er mir, dass sein Bruder gestorben sei und er am vergangenen Mittwoch auf dessen Beerdigung noch ein Stück auf der Querflöte gespielt habe.
Sein Bruder ist allerdings schon 1997 recht früh verstorben, und die in Rede stehende Querflöte hat Gerd Rudi seit seinem zwölften Lebensjahr nicht mehr angefasst.

All das Lernen, all das Streben, die ganze Forschung und ein Leben voller Studien, Lektüre und Wissenschaft.
Alles das ist dahin.

Ich frage mich manchmal: Wozu?

Wenigstens werden vermutlich noch Generationen von Studenten die Bücher von Prof. Gerd Rudi Müller lesen, selbst wenn sein Verstand gänzlich zu Pudding geworden ist.

Bildquellen:

  • Nachdenklicher-Moment-im-gemuetlichen-Lesesessel_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)