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Tratsch im Treppenhaus

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Ich glaube es gibt kaum einen Dialekt in dem nicht schon das gleichnamige Theaterstück auf irgendeiner Volksbühne aufgeführt worden ist, den meisten wird es mit Heidi Kabel und Henry Vahl in den Hauptrollen besonders in Erinnerung sein.

An dieses Theaterstück fühlte ich mich heute Nacht erinnert, als wir einen Verstorbenen aus einem Mietshaus abgeholt haben. Nun ist es sowieso oft schon nicht so ganz einfach, eine Trage mit einem Verstorbenen durch ein enges Treppenhaus zu bugsieren. In diesem Treppenhaus wurde das zunächst mal dadurch erschwert, daß auf den Treppenabsätzen ganze botanische Gärten angelegt waren und an den Wänden überall Bilder hingen.

Da heißt es doppelt aufpassen und dicke Arme haben, denn es geht oft um Zentimeter und wenn die fehlen, muß man sich um so mehr plagen und die Trage oft weit über Kopf stemmen, dann wieder ganz tief herablassen, um dann wieder hochzustemmen. Das gibt kräftige Arme, geht aber auch verdammt auf den Rücken.
Je mehr Krempel in einem Treppenhaus herumsteht, umso schwieriger wird die Arbeit für uns.

Heute Nacht war es der vierte Stock, also das 4. OG., mit der Eingangstreppe also neun Treppen.
Auf jeder Etage gab es zwei Wohnungstüren und in wirklich jeder Wohnungstür standen Leute, entweder einzeln, im Doppelpack oder sogar ganze Familien. Alle steckten neugierig ihre Köpfe vor. Das ist nicht normal, denn üblicherweise bekommt in so einem Haus jeder alles mit und die wissen ganz genau, daß der Bestatter da ist und jeder bleibt angesichts unseres Auftauchens in seiner Wohnung. Hier war das anders. Vor allem gab es eine Frau, die sogar nachts einen geblümten Haushaltskittel trug, die uns schon unten an der Tür in Empfang nahm. Zunächst dachte ich, das sei eine Verwandte, erst später stellte sich heraus, daß das die Hausmeisterin war. Die wich auch nicht von unserer Seite, lediglich beim umbetten d. Verstorbenen blieb sie, wie alle anderen auch, außen vor.
Dann aber übernahm sie das Gesamtkommando. Wild mit den Armen fuchtelnd bahnte sie uns den Weg, wies ständig darauf hin, daß wir ja das neugestrichene Treppengeländer nicht verkratzen und bloß keine Bilder von der Wand reißen oder Blumen umwerfen.
Auf jeder Etage blieb sie kurz stehen, wir mit der schweren Trage hinter ihr, um den jeweiligen Nachbar eben mal zu erzählen, daß Frau M. gestorben sei und wir die jetzt wegbringen. Nachdem sie das das dritte Mal erzählt hatte, stieg in mir der unbändige Wunsch auf, der Frau einfach einen kleinen Tritt zu geben, Platz hätten wir im Wagen noch gehabt!

Schon viermal hatte ich ihr gesagt: „Das ist schwer hier, halten Sie uns nicht auf!“

Und jedesmal hatte sie genickt und irgendwas wie „Bahn frei!“ gerufen, ist dann aber doch wieder an der nächsten Tür stehengeblieben…

Als wir endlich unten waren, war sie offenbar so froh, daß wir nichts kaputt gemacht hatten, daß sie mir und dem Fahrer ein Trinkgeld geben wollte, jedem einen Euro. Sowas kommt manchmal vor, aber Münzen sind da eher selten. Jetzt haben wir beim Abtransport einer Leiche naturgemäß beide Hände voll und ich hätte gar nicht gewusst, wie ich ihre Münze annehmen soll.
Gerade fuchtelt sie dem Fahrer mit dem Euro vor dem Gesicht herum, da fällt mir auf, was der für eine dicke Unterlippe hat. Wenn der die jetzt ein wenig vorstülpt, denke ich, könnte man den Euro…… Ich muss mir wirklich Mühe geben, nicht zu lachen und Würde zu bewahren.

Endlich sind wir am Auto und können die Trage hineinschieben und endlich kann die Hausmeisterin dem Fahrer seinen Euro geben, dann kommt sie zu mir, drückt mir auch einen Euro in die Hand, hält kurz inne und fragt: „Sind Sie der Chef?“
Ich nicke und ‚zack‘ ist der Euro wieder verschwunden: „Dem Chef gibt man ja kein Trinkgeld…“.

Menno, ich hätte soviel vorgehabt mit dem Geld!

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Peter Wilhelm 28. Mai 2012


29 Kommentare von 141327.

  1. Hihi, lass mich raten: McD Cappuccino wäre die nächste Investition gewesen?

    Aber, solche Leute gibts überall. Sind dann meist auch noch diejenigen die "ja soviel geholfen haben", denn "ohne mich, hätten die ja gar nichts zustande gebracht."

  2. @tom

    Dein Kaffegeschmack zeugt von Geschmack! (komische Satzkonstruktion…)

    Aber die Hausmeisterin HÄTTE ich getötet! Das gibt auch bei jedem Richter mildernde Umstände – vermutlich so ca. 1/2 Jahr auf Bewährung! ;)

  3. das Problem mit Grünpflanzen, Schuhregalen und dergl. im Treppenhaus haben nicht nur Bestatter. Rettungsdienst, Feuerwehr und ähnliche sind auch immer begeistert, wenn im Treppenhaus der Fikus grünt. Wenn derjenige auf der Trage noch (geradeso) lebt, haben es die Kollegen auch gerne mal eilig. Wenn dann auch noch der dienstbare Hausgeist voranschwebt,…

    Merke: Dinge die im Weg stehen, und Dinge die brennen können, haben auf Treppen nicht zu suchen. Aber wem sag ich das.

  4. Hallo, eine Frage Undertaker, lesen Ihre Mitarbeiter diesen Blog eigentlich mit???

    Wenn ja, sie erwähnten mal, der Keller sei sehr dunkel und manchmal können auch erzürnte Mitarbeiter dort herumschleichen und "Dicke Lippen verursachen" aber ich glaube, die Mitarbeiter nehmen es mit Humor!

    Aber eine ernstgemeinte Frage:

    Warum räumt Ihr hindernde Gegenstände nicht einfach kurzfristig beiseite? Oder macht das mehr Arbeit als es nützt?

    Morgendlicher Gruß

    (nach der 3. Tasse Kaffee)

  5. Tja, sowas gibt es und ich finde diese Tratscherei verdammt ärgerlich. Egal wann. Und wenn man dann auch noch beim Abtransport der Leicher geiert wie sonstwas, dann sollte man gleich mitgenommen werden.

    Wieso bekommen Chefs eigentl. kein Trinkgeld?

  6. Ich glaube, wenn du die Tante die Treppe runtergetreten haettest, waere der einzige Spruch des Richters gewesen "Was? Beim 3. Treppenabsatz erst? Ich haetts schon nach dem ersten gemacht…" :)

  7. 1. Ich hätte die Hausmeisterin gebeten, ALLE Pflanzen, etc. beiseite zu räumen – dann ist sie beschäftigt ("wir wollen da ja nicht versehentlich 'was umstoßen…") – oder Ihr direkt einen Platz im Auto angeboten – hinten! ;-)

    2. Trage? Ist mir schon öfters aufgefallen. Ich dachte, wer auf der TRAGE liegt, hat 's noch eilig, alle anderen kommen auf die BAHRE – zum Aufbahren?!?

  8. Ja, die Feuerwehr hat einen grünen Daumen und freut sich über jegliche Topfpflanze, die auf dem Boden steht. Sieht man ja auch immer so schnell, bei 20cm Sicht im Passgang :-). Mir isses aber relativ egal, dank Stahlkappe und Helm ist es mehr so ein Gefühl "da steht/stand was" – egal in welcher Fortbewegungslage. Im schlimmsten Falle, dem Rückweg mit aufgeklappter Rettungstrage und einem bewusstlosen Menschen oben drauf wird dann der Hausdschungel(durchs Oberlicht hat man fast nen Treibhauseffekt), wo doch eine Person bequem durchpasst spontan abgeholzt… Also immer bei Begrünung dran denken :-)

  9. @Stephan:

    Danke!

    Aber dennoch *haarespalt*: was ist denn dann die BAHRE? Wird der Begriff gar nicht mehr benutzt?

    Und TRAGE wird dann für Kranken- wie Leichenwagen genutzt? (Der Begriff wohlgemerkt, nicht der Gegenstand!) Kann ich mir bei deutscher Bürokratie fast nicht vorstellen.

    ???

  10. @powermax: Der Begriff Bahre ist durchaus richtig. In manchen Bereichen werden Trage und Bahre synonym verwendet. Es hat sich aber bei Bestattern durchgesetzt, daß auf einer Trage getragen wird und auf einer Bahre aufgebahrt wird.

    Würde man also einen Toten offen ohne Sarg aufbahren, läge er bestimmt auf einer Bahre.

    Jedenfalls heißt das, was wir verwenden bei den Herstellern Ferno und Spencer durchaus immer Fahrtrage oder Trage, wenn es um die Bestattertragen geht.

  11. @Mountainking: Fw., RD 'und so' haben's aber nunmal berufsbedingt eher eilig – da hat Hausmuetterchen Pech gehabt… Beim 'ToteLeuteWegbringer' hat's ja Zeit, die sollen mal gefaelligst auf's Gruenzeugs aufpassen :/

    Oh mann, wenn man koennte, wie man wollte… Das mit dem 'die-Treppe-runtertreten' kann ich nur allzugut nachvollziehen…

  12. Danke @ undertaker!

    Soweit ich weiß werden die Jungs von RD nämlich immer fuchsig, wenn man ihnen unterstellt, sie würde mit einer Bahre arbeiten…

    Die Bestatter scheinen's da dann doch schon etwas lockerer zu sehen. ;-)

  13. @powermax: Beim RD macht es ja auch einen deutlichen Unterschied. Die bahren schlichtweg auch niemanden auf. Wäre man jetzt als Bestatter spitzfindig, könnte man sagen, eine Trage ist solange eine Trage, wie wir damit jemanden tragen und wenn wir ihn darauf aufbahren, wird eine Bahre draus.

    Aber letztlich ist es uns egal, was die Leute dazu sagen, intern sprechen wir von Trage. "Fahrbare Bahre" hört sich aber auch blöd an, oder? ;-)

  14. Wohl richtig – obwohl so ein "Fachwort" sicherlich bereits vorbereitet in einer Beamtenschublade liegt! ;-)

    Danke f. d. Ausführungen, werde mich jetzt sprachlich gefestigt zwischen RD und Bestattern bewegen können. ;-)

  15. @undertaker:

    Wäre man jetzt als Bestatter spitzfindig, könnte man sagen, eine Trage ist solange eine Trage, wie wir damit jemanden tragen und wenn wir ihn darauf aufbahren, wird eine Bahre draus.

    Aber letztlich ist es uns egal, was die Leute dazu sagen, intern sprechen wir von Trage. “Fahrbare Bahre” hört sich aber auch blöd an, oder?

    Nimm doch einfach eine Tragbahre.

  16. Hallo!

    Ich sage schon immer: "Ein Architekt müsste im Studium ZWINGEND 3 Monate als Möbelpacker und 3 Monate beim Rettungsdienst/Krankentranport gearbeitet haben, dann wären einige Treppenhäuser wohl anders konstruiert." Was aber immer noch nicht das zustellen durch die Bewohner vrhindert.

  17. […] 10. Tommy 11. Eine unheimliche Besucherin 12. Der dreifache Hundesohn 13. Sabrina und Thorsten 14. Tratsch im Treppenhaus 15. Stadtrundfahrt für Franz 16. Der Weihnachtsmann ist tot 17. Frau Weichselbauer 18. […]

  18. "*räusper* Alle aufpassen! Entweder verschwinden jetzt alle in ihren Wohnungen und lassen uns ungestört durch oder wir lassen die Trage sausen und jeder kann selbst sehen wie er ausweicht…"

    Naja, nicht die feine Art aber träumen kann man ja noch… ;)

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