Friedhofswärter

Ich war neulich bei einer Beerdigung; alles war durch den Bestatter wunderbar organisiert, mit viel Aufwand und sehr umfangreich gestaltet. Hat mir gut gefallen. Bis auf den Friedhofswärter, der nochmals in die gefüllte Trauerhalle stolperte, im grauen Arbeitskittel ’nach dem Rechten sah‘ und dann vor versammelter Trauergemeinde seinen Zollstock herausholte, um den Sarg zu vermessen.

Üblicherweise machen wir mit den Friedhofsmitarbeitern recht gute Erfahrungen und haben ein gutes Verhältnis zu ihnen.
Es gibt aber immer mal wieder kleine Wichtigtuer unter diesen Leuten, die ihre Stellung für so überaus wichtig halten, daß sie das auch, sichtbar für jedermann, ganz deutlich herausgestellt wissen wollen.

So haben wir einen Friedhofsverwalter, der immer in der vollen Trauerhalle eine Mikrofonprobe machen muß: „Eins, zwei, Sprechprobe Loreley, zwei, drei.“

Ein anderer kommt immer herein, selbstverständlich in grüner Arbeitskluft und zählt, einen kleinen Bleistift zwischen den Fingern, die Trauergäste durch. Die notierten Zahlen braucht zwar seit 12 Jahren niemand mehr, aber man hat vergessen, die Anordnung zum Zählen aus dem Jahre 1969 zu widerrufen, seit 1996 muß definitiv nicht mehr gezählt werden.

Am Besten ist es, solchen kleinen Wichtigtuern eine sehr, sehr bedeutsame Aufgabe zu geben und sie mit der Wahrnehmung einer „überaus wichtigen“ Sonderarbeit zu betrauen. Dann können sie ihre Wichtigkeit unter Beweis stellen und sind aus dem Weg.

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  • Veröffentlicht am: 5. August 2008
  • 11 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
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Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

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  1. aber wozu mussten die trauergäste denn mal gezählt werden? zu statistischen zwecken, oder wurden die zahlen echt mal total wichtig gebraucht?

  2. ja lieber Tom, das ist nun wirklich eine schwere Aufgabe: eine Tätigkeit zu finden, die DEM gerecht wird.
    Die wichtigste Aufgabe scheitert daran, dass er im Saal anwesend sein muss: darauf zu achten, dass der Sarg/die Urne auch immer schön geschlossen bleibt bzw. der/die Verstorbene nicht „entwischt“ :-D

  3. @Bianca: Wenn ich mal spakulieren darf: Im Herbst 1968 hat der Ortschaftsrat von Heidehausen-Hinterwald bei der Stadt Heidehausen beantragt, seine Friedhofskapelle aus dem Jahr 1850 durch eine moderne Stahl-Glas-Waschbeton-Halle mit 500 Plätzen, vier Kühlzellen und einem beheizten Aufenthaltsraum zu ersetzen, weil die alte Halle zu klein geworden sei. Angesichts von sieben Beerdigungen pro Jahr in Hinterwald zweifelte die Stadt Heidehausen an der Notwendigkeit dieser Baumaßnahme und ordnete eine Zählung der Beerdigungen und der jeweiligen Trauergäste an.
    Irgendwann Mitte der Siebziger bekam Hinterwald dann ein neues Ortsamt, eine Bibliothekszweigstelle und einen offenen Jugentreff und hatte damit das Maß an Wohltätigkeiten für die nächsten zwanzig Jahre ausgeschöpft. Bei einer Entbürokratisierungsaktion unter dem neuen Bürgermeister 1995 wurde dann die zählanordnung für den Friedhof Hinterwald werbewirksam gestrichen.

  4. Warum um Himmels Willen kommt ein Friedhofwärter auf die Idee, vor allen Trauergästen seinen Zollstock rauszuholen? Das ist ja wohl mehr als peinlich. Womöglich hätte er vor versammelter Mannschaft noch verkündet, dass der Sarg zu groß ist und man rinrn Teil absägen muss, um ihn ins Grab zu bekommen? *kopfschüttel*

  5. … wohnt nicht schon dem Beruf als solchem inne, dass er früher oder später dazu treibt, mit extravaganten interventionen aufmerksamkeit zu erregen? nun sind jedoch WIRKLICH extravagante interventionen meistens dergestalt, dass sie sofort ihren job verlieren würden, also pegeln sie sich runter: aufmerksamkeitsgrenze überschritten, rausschmissgrenze aber noch unterschritten – das leben des wärters ist super! außerdem: alle WÄRTER haben schon immer ein schweres leben gehabt, sie müssen fst immer andere in die schranken weisen (schrankenwärter) oder ihrer freiheit berauben (gefängniswärter) oder bespitzelungsdienste erbringen (nein, nicht blockwärter, sondern HAUSwärter… äh… warte)…

  6. Sprechproben oder zählen finde ich persönlich ja nicht schlimm. Aber mit einem Zollstock vor versammelter Trauergemeinde den Sarg zu vermessen, dass ist meiner Meinung nach entwürdigend.
    Sollte es wirklich mal nötig sein, kann man dies sicher diskreter machen, bzw. sich mit dem Bestatterunternehmen „kurzschließen“.

  7. Den Sarg ausmessen geht ja noch. Wenn er anfängt, bei den älteren Hinterbliebenen Maß zu nehmen, dann sollte man ihn stoppen…

  8. Zahlreiche Pförtnerhäuschen stehen heute leer.
    Bis vor kurzem saßen da noch wichtige Pförtner in unkündbarer Stellung. Der Dienst wurde anspruchsloser, nachdem immer mehr Überwachungsaufgaben wegfielen. Und dann schlief er zum 3. Mal ein vor Langeweile. Das war der willkommene Anlass, den Mann zu kündigen und die Stelle einzusparen.
    Humane Personalabteilungen hätten ihn beschäftigt, damit er nicht müde wird. Er hätte ja stündlich die Stromzähler und die Wasseruhren ablesen können. Nachsehen, ob Glühbirnen kaputt gegangen sind und anderes mehr.
    Da war doch mal was mit einem Schrankenwärter am Friedhof, – was ist denn daraus geworden?

  9. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber was ich so mit städtischen Mitarbeitern erlebt habe, da kann man einiges zu schreiben!

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