Hanna und Ferdi II

Herr Tekopen erzählt von seiner Schwester Hanna und warum der gemeinsame Bruder Ferdi nicht zur Beerdigung kommt.

Mein Bruder ist also dann bei meiner Schwester geblieben, um ihr zu helfen. Alleine hätte sie das ja niemals geschafft.
Gott sei Dank brauchte er nicht wieder an die Front. Zwar heilte seine Verwundung gut, aber für ihn war der Splitter quasi der Freifahrtschein gewesen.

Der Krieg brachte es mit sich, dass der Betrieb nicht mehr lief. Die paar restlichen Feldfrüchte, die man noch anbauen konnte, wurden zunehmend bei Nacht und Nebel geräubert. Blumen gab es schon lange nicht mehr in den Gewächshäusern. Kein Mensch hatte Geld für so was. Selbst bei den immer zahlreicher werdenden Beerdigungen fehlte es an Blumenschmuck und Kränzen. Ein fest gebundener Kranz mit Lorbeerblättern aus Papier wurde immer wieder mit einer neuen Schleife versehen und fand bei vielen Beerdigungen Verwendung.
Der örtliche Bestatter hatte einen großen Eichensarg ohne Boden. Dieser wurde über die einfachen Särge gestülpt, damit die Bestattung wenigstens etwas würdevoller war.

Ferdi erzählte mir viele Jahre später:
„Wir hatten immer genug zu essen und es war auch noch so viel übrig, dass wir ein bisschen was verkaufen oder tauschen konnten. Aber verdienen konnte man nichts. Ich habe eben versucht, alles soweit in Ordnung zu halten, dass wir gleich wieder loslegen konnten, wenn der Krieg mal zu Ende war.“

Die Zeiten waren wirklich schlimm. Die Menschen aus den Städten kamen zum Hamstern und mancher Bauer ist darüber ziemlich reich geworden. Ein paar lumpige Kartoffeln, ein jämmerliches Stück Speck und dafür haben die Leute ganze Vermögen an Teppichen und Schmuck eingetauscht. Hanna und Ferdi haben das nicht gemacht. Die konnten zwar nur wenig Grund bestellen, aber es reichte immer so gerade. Das änderte sich erst nach dem Krieg. Die hatten noch ein, zwei miese Jahre, doch es ging wieder aufwärts.

In diesen Jahren war Ferdi für Hanna unentbehrlich geworden und es schien so, als hätten die Menschen vergessen, dass er eigentlich Hannas Bruder war. Viele redeten ihn als „Herrn Lussner“ an und auch sonst wirkte es so, als habe man eine ganz normale Familie vor sich. Ein großer, starker Mann, eine hübsche Frau und zwei glückliche Kinder.

Dabei war gar nicht daran zu denken, dass da irgendwas zwischen meiner Schwester und meinem Bruder gewesen wäre, ach du meine Güte! Hanna ist ja so was von streng katholisch. Selbstverständlich hatte Ferdi in Hannas Haus ein eigenes Zimmer und Hanna achtete streng darauf, dass alles sauber getrennt blieb. Auch wenn es nach außen hin, bei oberflächlicher Betrachtung so wirkte, konnte von einer eheähnlichen Beziehung, wie man das heute nennt, nicht die Rede sein.

Außerdem hatte der Ferdi selbst zwei kleine Kinder. Wissen Sie, dem Ferdi ist während des Krieges die Frau weggelaufen und die Kinder, zwei Mädchen, sind dann ins Waisenhaus gekommen. Für die hat er das alles ja gemacht. Ich glaube der hat jeden Pfennig nur für seine Kinder gespart. Eines Tages die Kinder aus dem Heim holen und denen wieder eine richtige Familie bieten, das war es wofür Ferdi lebte.

Vor allem in Gelddingen war Hanna ja schon immer äußerst penibel und hatte vom ersten Tag an streng darauf geachtet, dass Ferdi eine regelmäßige und angemessene Bezahlung für seine Arbeit erhielt. Ebenso selbstverständlich zog sie ihm einen entsprechenden Betrag für Kost und Logis ab. Hanna war eben schon immer sehr korrekt, wenn sie wissen was ich meine.

Ferdi machte alles. Er leitete die Arbeiten auf den Freiflächen, reparierte die Gewächshäuser und übernahm die Arbeit auf dem Friedhof. Hanna kümmerte sich um das Haus und die Kinder und um das Blumengeschäft und die Marktstände. Abends saß sie oft noch bis spät in die Nacht über den Büchern und trug mit spitzem Bleistift die Umsätze des Tages in die engen Spalten eines Kassenbuches ein.
Ferdi war klar, dass sein Platz dort aber nicht von Dauer sein konnte. Irgendwann würde einmal ein Mann kommen und sich für Hanna interessieren. Bis dahin würde er aber sein Bestes geben. Als gelernter Bauhandwerker hatte er in Düsseldorf zwar früher einmal besser verdient, aber das Leben bei Hanna war zwar arbeitsreich, aber sorgenfrei. Es gab viel Arbeit und Hanna ließ auch keinen Fehler durchgehen, aber das Essen war reichlich und das Bett bequem.

Eines Tages traf ein Brief unserer Mutter ein. Sie schilderte, wie schlecht die Lage im Ruhrgebiet sei und daß man nicht genug zu essen hatte. Vor allem meine Großeltern, die bei meiner Mutter lebten, hatten großen Hunger. Vater war im Bergbau, arbeitete sich den Buckel krumm und brachte die Schwerstarbeiterrationen noch für den Opa mit.

Deshalb hatte sie also ihrer Tochter Hanna diesen Brief geschrieben, doch die Hanna, naja, was soll ich sagen…
Die Hanna war in Gelddingen schon immer ziemlich eigen und hat zu Ferdi gesagt: „Wir haben doch selbst gerade genug. Die Zeiten sind eben schlecht. Da muss jeder sehen, wie er zurecht kommt.“

Ferdi stand damals wie versteinert da. Er konnte nicht glauben, was er hörte: „Hanna, das sind unsere Eltern, das ist unsere Familie. Wir müssen doch etwas tun!“

Hanna drehte sich wortlos um und verließ das Zimmer. Ferdi las den Brief noch ein paar Mal.
Am nächsten Morgen suchte er sich im Keller einen Pappkarton und packte ihn mit allem was der Gärtnereibetrieb hergab. Mittags tauschte er noch bei einem nahe gelegenen Bauern ein Stück Schinken ein. Alles packte er sorgsam ein und nahm sich ein paar Pfennige aus der Kasse, für das Porto.

Alles das machte er heimlich, damit Hanna nichts davon merkte. Als Hanna nachmittags mit den Kindern beschäftigt war, brachte er das Paket zur Post und war sich sicher, etwas Gutes getan zu haben. Sie glauben ja gar nicht, was dieses Paket für unsere Eltern und Großeltern bedeutet hat! Man kann sich heute einfach nicht mehr vorstellen, was ein Stück Speck, ein Stück Schinken und ein bißchen Obst und Gemüse für einen Wert haben können, wenn man sonst nichts hat und nirgendwo was bekommt.

Aber abends, die Kinder waren schon im Bett, rief Hanna Ferdi zu sich: „Ferdi, ich rechne nun schon zum dritten Mal alles nach. In der Abrechnung fehlen 80 Pfennige. Weißt du etwas darüber?“

Ferdi war sich keiner Schuld bewusst. Ja, er hatte die 80 Pfennige genommen, aber doch nur, um seinen hungrigen, alten Eltern etwas schicken zu können. Er sah es so, daß er Hanna einen kleinen Seitenhieb verpasst hatte, weil er das alles ohne ihr Wissen gemacht hatte, aber hatte doch keine Ahnung, daß Hanna das anders sah.
So streng wie ihn Hanna da angeguckt hat, traute er sich nicht, zuzugeben, dass er ein Paket ins Ruhrgebiet geschickt hatte.

Vielleicht wäre Hanna ja sogar mit seiner Erklärung einverstanden gewesen, man weiß es nicht. Jedenfalls sagte Ferdi nichts und gerade dieses Schweigen machte die Sache nur noch schlimmer. Hanna legte den Bleistift beiseite und sagte: „Ferdi, in habe dir in der schlechten Zeit Arbeit gegeben, ein Dach über dem Kopf. Du hast immer deine Bezahlung bekommen. Ich habe heute Mittag schon von Lore erfahren, dass du im Laden an der Kasse warst und jetzt sehe ich, dass 80 Pfennige fehlen. Es ist eine Sünde, zu stehlen, aber es ist eine Todsünde, wenn man seine eigene Schwester bestiehlt. Morgen früh will ich dich hier nicht mehr sehen!“

Sprach’s, stand auf und ließ den sprachlosen Ferdi stehen.

—–

Ich schüttele ungläubig den Kopf und sage: „Sie wollen mir doch aber jetzt nicht erzählen, daß ihre Schwester den Ferdi wegen 80 Pfennigen zum Teufel gejagt hat?“

Herr Tekopen senkt seinen Kopf, nickt langsam, will etwas sagen, doch dann schlägt er die Hände vor’s Gesicht.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 15. Mai 2008
  • 6 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

6 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. danke für die fortsetzung…

    …und endlich muss man im firefox nach dem fortsetzen button nicht mehr nach oben scrollen um die fehlenden zeilen zu lesen !

  2. Schöne Geschichte und ich will ja auch nicht meckern aber schreib doch erstmal alte Geschichten zu Ende bevor du neue beginnst.
    Martina wartet noch auf ein Ende und wenn ich mich recht entsinne ist auch die Geschichte von Frau Schädel noch nicht beendet.

  3. O weh, bei diesem Bericht kommen eigene leidvolle Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit in der fortgeschritten christlichen Verwandtschaft hoch.
    Auch ich bin nun wortlos in tiefer Verbitterung gegangen.
    Viele schlaflose Nächte in Ratlosigkeit und Verzweiflung und Grübelei führten schon wieder zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen. Solche Menschen machen einen krank, und es ist die reine Selbsterhaltung diesen Kontakt zu meiden, um nicht vor die Hunde zu gehen. Wenn mal bei einer unvermeidbaren Begegnung ein Ausweichen unmöglich ist, wird diese Person wieder gesiezt.
    Sollte diese Person auf meiner Beerdigung auftauchen, und die Stimmung versauen, dann komm ich raus und dann gehts rund!

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