Herr Tilto -2-

Mit einem Lächeln erklärte ich ihm, daß es sich nicht um eine Eidechse handelte und daß Chamäleons nun mal eben so langsam sind. Vorsichtig setzte er das Tier wieder zurück, nahm dankbar das Handtuch an und trocknete sich den Kopf.

„Scheißwetter“, sagte er, „Eigentlich müsste der Himmel lachen und die Sonne scheinen!“

„Sie sind aber schon wegen eines Trauerfalls hier?“, erkundigte ich mich, etwas irritiert durch seine augenscheinlich gute Laune.

„Doch, doch, eben drum.“

Seine Frau sei am Nachmittag im Krankenhaus verstorben und nun komme er vorbei, um alles Weitere zu besprechen.

„Sie soll eine schöne Beerdigung haben, eine richtig schöne.“

„Die wird sie bekommen.“

Nachdem ich ihm das Handtuch abgenommen hatte, erschien Antonia auf der Bildfläche, die uns in vorauseilendem Gehorsam Kaffee und Plätzchen brachte.
Im Gegenzug drückte ich ihr das Handtuch in die Hand, was Antonia mit den Worten kommentierte: „Das nächste Mal trocknen Sie Ihren Hund aber nicht mit einem von den schönen Tüchern ab, Chef!“

Herr Tilto und ich lachten noch, als ich ihn in unserem Kaminzimmer Platz nehmen ließ. Es ist dies ein Zimmer, das wir mit englischen Stilmöbeln eingerichtet hatten und dessen gemütliche, gediegene Atmosphäre so mancher Kundenbesprechung ein ganz besonderes Flair gegeben hat.
Schweres, grünes Leder, Holzvertäfelung, dicke Teppiche und Vorhänge und eine dezente Beleuchtung. Und auch wenn der Kamin nur eine elektrisch betriebene Attrappe war, äußerten sich die Leute stets begeistert.

Mit der Kaffeetasse neben sich, lehnte Herr Tilto bequem auf der Chesterfield-Couch, hatte die Augen geschlossen und versuchte wohl, seine Gedanken zu sortieren.
Das gab mir Gelegenheit, den Mann näher zu betrachten.

Na, vielleicht 67 Jahre war er alt, von hagerer Statur und mittlerer Größe. Seine Glatze wurde von hellgrauen Locken umringt und unter den buschigen, dunklen Augenbrauen hatten mich vorher kohlenschwarze Augen angefunkelt. Er war gut rasiert und roch nach einem damals sehr bekannten Herrenparfüm, dessen Name mir nicht mehr einfällt.
Seine Hände waren gepflegt, lange Finger, gebogene Daumen…

„Ach ja!“, seufzte er und setzte sich etwas auf. „So isses dann halt jetzt so weit, dass ich meine Goldene beerdigen muss.“

„Wie meinen?“

„Ja, ja, ich erklär’s ja schon. Meine Frau und ich haben tschechische Wurzeln, sie heißt Zlata und ich heiße Marek. Zlata bedeutet ‚die Goldene‘, deshalb nannte ich meine Frau immer so.“

„Ah, und Marek, was bedeutet das? Das hat doch auch eine besondere Bedeutung, oder?“

„Marek? Marek bedeutet einfach nur Markus. Das waren mal die, die dem Kriegsgott Mars geweiht waren. Aber ich bin immer nur Karl genannt worden. Das war einfach so – hat irgendwann mal ein Arbeitskollege mit angefangen und damit stand das dann fest. Und meine Frau haben alle immer Zillie genannt.“

„Dabei finde ich Marek eigentlich ganz schön und an Zlata finde ich auch nichts Schlimmes.“

„Ach, so sind die Leute! So sind’se eben. Alles was fremd ist, muß deutsch gemacht werden. Heute, ja heute kann’s ja gar nicht fremd genug sein, aber damals, da waren das noch andere Zeiten.“

Ich klappte meine Beratungsmappe auf und Herr Tilto verstand das Signal.

„Zlata Tiltová, geborene Mostová…“, er schaute mich erwartungsvoll an.

Ich schrieb die Angaben auf meinen Zettel und als ich wieder hochblickte, nickte er mir erwartungsvoll zu: „Na?“

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  • Veröffentlicht am: 15. März 2016
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  • Veröffentlicht in: Geschichten

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Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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