Lodernde Flammen -12- Ende

Zu Dritt hatten wir zusammengesessen und geheult. Frau Büser heulte, weil sie immer heulen mußte, wenn jemand anders heulte. Sandy heulte, weil sie es war, die die letzten Wünsche der Frau entgegengenommen hatte. Ja und ich? Ich weinte, weil mir an diesem Tag einfach alles zuviel geworden war. Frau Borgner tat mir unendlich leid. Aber rückblickend glaube ich nicht einmal, daß ich wegen der Person Frau Borgner geweint habe.

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Lodernde Flammen -11-

Der Tag hatte also nicht gut angefangen. Er ging auch nicht gut weiter. Gegen halb zehn kam Manni von seiner Tour zurück. Morgens fuhr er die Krankenhäuser der Stadt ab und holte mit seinem Kollegen die Verstorbenen ab, für die wir einen Bestattungsauftrag hatten. Bei der Gelegenheit holten die Männer auch immer noch die Sterbepapiere in der Krankenhausverwaltung ab. Außerdem fuhren sie beim Standesamt vorbei und holten die bereits fertiggemachten Sterbeurkunden anderer Menschen ab. Ich hörte den Bestattungswagen auf dem Hof und wußte, daß Manni bald mit Arbeit hochkommen würde. In der Nacht zuvor hatte Sandy Bereitschaft gehabt und ich sah an ihrem Beratungskoffer, daß sie wohl zu tun gehabt hatte.

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Lodernde Flammen -10-

Am Abend sprach ich mit meiner Frau über das Erlebte. Es beschäftigte mich, wie unterschiedlich diese beiden Männer mit dem Andenken an ihre verstorbenen Frauen umgingen. Der eine warf alles weg, reinigte sozusagen sein ganzes Haus von oben bis unten von jedem Krümel, der an seine Frau erinnern konnte. Und der andere? Der richtete einen Gedenktempel für seine Frau ein und schaltete für die längst im Jenseits weilende Frau noch jeden Tag ihre Lieblingssendung ein.

Es ist nicht so, daß ich nicht beides schon so oder in ähnlicher Form erlebt oder gehört hatte, aber weil diese beiden Männer an einem Tag zu mir gekommen waren, verbanden sich die Ereignisse für mich in gewisser Weise. Mehr als sonst beschäftigte mich das. Und meine Frau verstand das, was alle Frauen in solchen Situationen verstehen, sie verstand es, mich auch noch zu nerven. „Wie würdest Du denn damit umgehen, wenn ich jetzt tot wäre?“
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Lodernde Flammen -9-

Es hatte mich sehr nachdenklich gemacht, wie Herr Schweez mit den ganzen Erinnerungstücken umgegangen war. Die ganze Fahrt über versuchte ich mir vorzustellen, was ich wohl machen würde. Doch die Gedanken wollten nicht in meinen Kopf, ich bekam keine Ordnung in die Gedanken. Zu schwer war es für mich, mir vorzustellen, ich müßte meine Frau beerdigen und dann mit ihrem Hab und Gut fertig werden. Ja Gott, was macht man da? Alles aufheben? In zehn Jahren noch die Kleidungsstücke eines längst verstorbenen Menschen horten?

Ich war an meinem Ziel angekommen, das Haus, in dem Herr Wolters wohnte.

Der alte Holterpolter empfing mich mit den Worten: „Wollen Sie noch mehr Geld aus mir herausschinden?“
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Lodernde Flammen -8-

Es war gegen Abend und die Beerdigung seiner Frau lag vielleicht drei Wochen zurück, da fuhr ich zu Herrn Schweez. Ich erwartete einen schwächlich trauernden Mann, der den Verlust seiner noch recht jungen Frau nicht verwinden kann. Doch es war völlig anders.

Vor dem Haus des Ehepaars, oder jetzt mußte man ja sagen: vor dem Haus des Mannes stand ein gemieteter 7,5-Tonner und ein Müllcontainer. Als ich meinen Wagen auf der anderen Straßenseite eingeparkt hatte, kam Herr Schweez gerade aus dem Haus. Mit Schwung warf er einen Pappkarton in den Container.
Ich grüßte ihn von Weitem und er tippte sich zum Gruß nur an seine Basketball-Kappe.

„Ziehen Sie um?“, fragte ich, nur um ins Gespräch zu kommen, ich wußte ja von den Plänen, in ein Fachwerkhaus zu ziehen.

„Ja, und jetzt kommt alles raus“, rief mir Herr Schweez schon aus drei Metern Entfernung zu. „Alles, was mich an meine Frau erinnert, das kommt in den Container.“
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Lodernde Flammen -7-

Tja, drei Sterbefälle, drei Schicksale, drei Hinterbliebene. Die Leute meinen ja immer, der Bestatter kümmere sich vorwiegend um Leichen. Das tut er auch, aber eben nicht vorwiegend. Die Versorgung eines Verstorbenen dauert mal eine gute Viertelstunde, meist eine halbe und manchmal aus deutlich länger. Doch mit den Lebenden hast Du über viele Stunden zu tun und das oft an mehreren Tagen. Da ist der Bestatter eher als Seelsorger, Psychologe und Trauerbegleiter gefordert. So unterschiedlich diese drei Sterbefälle waren, sie glichen sich doch in einem Punkt.

Frau Schweez war recht jung bei einem Unfall getötet worden. Ihr Mann trauerte immer mehr in sich zusammenfallend und brach auf der Beerdigung zusammen. Freunde seiner Frau mußten ihn auffangen und stützen.
Frau Wolters hingegen war schon alt gewesen und in ganz kurzer Zeit an Krebs verstorbene. Ihr Witwer zeigte eine fast kindliche Trauer, die er durch polterndes Auftreten zu überspielen versuchte. Bei der Beerdigung wirkte er wie ein Fels in der Brandung und signalisierte nach außen hin, daß ihn nichts erschüttern kann.
Die krummbeinige Frau Borgner hatte sich 66 Jahre lang auf ihren Mann verlassen und stand nun hilflos da. Der pensionierte Beamte hatte ihr stets alles abgenommen. Auch bei der Beerdigung wirkte die alte Dame hilflos, ja sogar ein wenig überflüssig. Ihre Kinder überkümmerten sich um sie. Das war fast schon zuviel.
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Lodernde Flammen -6-

Ich gönnte mir ein Salamibrötchen und eine Tasse heiße Brühe, denn ich ahnte, daß mein Mittagessen an diesem Tag ausfallen würde. Dann kamen die Leute für die dritte Beratung an diesem Tag. Ein kleine alte Dame mit auffallen krummen Beinen kam in Begleitung ihrer erwachsenen Kinder. Sechs Personen, zwölf Tassen Kaffee, ein Tisch voller Unterlagen. Sie hatten alles mitgebracht, von dem sie dachten, es könne von Bedeutung sein, darunter viele Dokumente mit Hakenkreuz, teils noch von der Oma des Verstorbenen.
Gestorben war der Mann der alten Frau.

Die Kinder wurden nicht müde, zu beteuern, wie sehr sich jeder um die Oma kümmern würde und jeder tröstete sie. Eine Schwiegertochter tat sich ganz besonders hervor und erzählte mir mindestens zwölf Mal, daß sie ja am häufigsten beim Opa im Krankenhaus gewesen sei. Sie würde ja jetzt auch alles in die Hände nehmen, die Oma käme ja alleine nicht klar.
Schön!
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Lodernde Flammen -5-

Frau Wolters war weit über 80 Jahre alt geworden und an Krebs gestorben. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es war sehr schnell gegangen. Die Diagnose hatte Frau Wolters erst vor zwei Monaten bekommen. Da war der ganze Körper schon mit Metastasen verseucht gewesen. Da die alte Dame eine sehr kleine und zierliche Person gewesen ist, hatte sie dem Krebs nicht viel entgegenzusetzen und die Krankheit hatte leichtes Spiel. Bettlägerigkeit, Palliativstation, Lungenentzündung – Exitus.

Eine schöne, traditionelle Beerdigung orderte ihr Witwer und sparte letztlich an nichts. Klar, dann kostet das Beerdigen auch Geld.
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