Sandy und die Fackel

Sandy und ich sind als Abordnung unseres Bestattungshauses zu einem Grillfest eingeladen.
Der Chef des örtlichen Blumengeschäfts, Friedhofsgärtnermeister Harald Niedlich, hat ein paar seiner Freunde und die Friedhofsbediensteten, sowie „die ganze Belegschaft vom Bestatter“ zu sich in den Garten eingeladen.
Meine Frau hat leider keine Zeit und so springt Sandy, die langbeinige, schwarzhaarige Amerikanerin als Tischdame für sie ein.
Die Adresse habe ich mir, so wie Herr Niedlich sie mir durchgegeben hat, auf einen Zettel geschrieben.

fackel-pixabay

„Vunn hinne nei, wo mein Betrieb ist, do an der Birke, wo’s net weitergeht, das sieht man schon, da geht’s halt nei.“

Ich finde die Stelle nicht auf Anhieb, was unter anderem daran liegt, daß es rund um das Gärtnereigelände so an die 80 ausgewachsene Birken gibt, nur ist keine davon auch nur in der Nähe irgendeines Eingangs.
So fahre ich also bereits zum dritten Mal um das ganze Betriebsgelände herum, ohne einen bebirkten Einlass zu finden. Da zeigt Sandy auf ein Schild am Wegesrand, es ist ein Pfeil mit der Aufschrift „Eichbaum“, einer hier bekannten Biermarke.
Warum auch nicht? Ich folge dem Schild und tatsächlich befindet sich am Ende der Straße das Eichbaum-Bier ausschenkende Gasthaus „Zur Birke“ und nicht weit davon finden wir dann auch endlich eine Zufahrt zu einem Gartengrundstück.
Und noch besser: Es ist sogar der Garten von Gärtnermeister Niedlich.

Viel Freunde scheint der Gärtnermeister nicht zu haben und auch die Friedhofsbediensteten sind nicht gekommen. Insgesamt sind zehn Leute da, also außer Herrn Niedlich, seiner Frau uns uns beiden sind noch sechs weitere Herrschaften erschienen.
Es sind dies der Zweimetermann Harald mit seiner liebreizenden Gattin Iris, ein steinaltes Ehepaar, das sich als „Herr und Frau Schlieferstein“ vorstellt, sowie das tätowierte Rockerpärchen Schocker und Simone.

Frau Schlieferstein hat sich mit einer kleinen Plastikwäscheklammer ein Stofftaschentuch als Serviette umgebunden und kämpft mit ihrem Mann, der sich partout keine Serviette umbinden lassen will.

„Ich hatte immer die rote Wäscheklammer, immer! Noch nie hatte ich eine andere, und jetzt soll ich die weiße nehmen, das kommt gar nicht in Frage!“

Entschuldigend wendet sich Frau Schlieferstein an die übrigen Anwesenden: „Mein Mann war Oberstudienrat, müssen Sie wissen.“

„Paperlapapp!“, wehrt sich der alte Lehrer: „Ich hatte schon mal eine weiße Klammer, die ist mir zerbrochen und als die Stücke so in meinem Schoß lagen, habe ich mich so erschrocken, weil ich dachte, mir wären die Stiftzähne rausgefallen.“

„Erwin, Du hast seit zwanzig Jahren keine Stiftzähne mehr…“

Gärtnermeister Niedlich freut sich über unser Erscheinen und versorgt uns mit Getränken. Genauergesagt schickt er seine Frau, um welche zu holen.
Er selbst sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen am Kopf des langen Tisches und sinniert über die in diesem Jahr frühzeitige Blühphase irgendeines Gewächses, dessen lateinischer Name mir nichts sagt.

Schocker und Simone spielen mit ihrem Besteck, was die zurückgekehrte Frau Niedlich zu der Bemerkung veranlasst: „Gell, sie hawwe bestimmt Hunger, odda? Moi Mann macht glei‘ was Leckeres.“

Der Zweimetermann Harald springt auf: „Zeigt mir den Grill, ich mach‘ das, ich bin Grillweltmeister! Ich grille auf meinem Campingplatz manchmal für dreißig bis vierzig Leute. Ich kenne mich da aus.“

„Nix da!“, winkt Niedlich ab: „Ich habe doch schon die Kohle angezündet, die muß nur noch durchglühen, dann geht’s los!“

Niedlich, Harald und ich begeben uns zum Grill, um die glühende Kohle zu begutachten. Ob das wirklich der Grund war, weiß ich nicht, auf jeden Fall haben Männer den inneren Trieb sich um eine Feuerstätte herum zu versammeln und dem weiblichen Gesabbel zu entfliehen.
Sandy ist in einem Gespräch mit den Rockern vertieft, Frau Schlieferstein vergewaltigt ihren Mann mit einer nunmehr grünen Miniwäscheklammer.

„Soll das alles sein?“, wundert sich Harald und deutet auf einen schuhkartongroßen Blechgrill mit zwei Händen voll glimmender Kohle.

„Awwa sischa doch! Des langt dicke, uff sonnem Feuer brate ich ganze Kühe“, verteidigt Niedlich sein erschreckend kleines Feuer.

„Dann tät ich aber schnell mal was Kohle nachlegen“, schlägt Harald vor, doch Niedlich winkt protestierend ab: „Nichts da! Ich mache das alles selbst und mehr Kohle habe ich nicht.“

Frau Niedlich nähert sich mit totem Gebein von eiskaltem Geflügel: „So, jetzt gibt es erstmal Schenkel.“

Ja, und die vier Schenkel liegen dann auf der jämmerlichen Glut so vor sich hin und schwitzen Blut aus. Braun werden sie nicht.
Mit einer Kehrschaufel fächelt Herr Niedlich den Beinchen Luft zu, die Asche wirbelt auf und bedeckt das Fiedertiergebein mit einer feinen Schicht Ätna.

„Das wird! Das wird!“, ruft er beglückt und Harald, der sich wieder gesetzt hat und etwas vom aufgeschnitten ALDI-Baguette ißt, tippt sich an die Stirn.

Sandy sitzt inzwischen bei Schockers Freundin Simone auf dem Schoß und trinkt schon das sechste Glas Sekt. Schocker ist konsterniert, geschockt sozusagen und macht damit seinem Namen alle Ehre. Besonders furchteinflößend wirkt er nicht.

Inzwischen hat Frau Niedlich ein weiteres Tablett mit Grillgut aus dem Haus geholt. Sechs kleine Schweinespießchen, vier Frikadellen und drei Bratwürste.

„Ich glaub‘, ich werd‘ heut‘ nich‘ satt“, meint Harald gähnend.

Aus dem Grill steigt schon der letzte Rauch, der sich in den Ascheruhestand verabschiedenden Kohle auf und das schöne, wenige Fleisch liegt kalt und starr auf dem Rost.

Nun hat sich Schocker zwanzig Minuten lang überlegt, was er dagegen tun kann, daß Sandy seiner Freundin ihre Zunge in den Mund steckt. Er steht auf und brüllt: „So!“

Simone springt auch auf, weswegen Sandy auf den Boden fällt. Während Simone ihre nicht unhübschen Brüste wieder in der Bluse verstaut, greift sich Schocker eine der Petroleum-Gartenfackeln.
Er fuchtelt damit in der Luft herum, und jedes Mal, wenn er die Fackel schwingt, macht es „wuuuuuusch“.

Sandy hat sich von ihrem Schreck erholt und kommt Simone zur Hilfe. Mit einem kurzen Tritt in Schockers Schockgewölbe versetzt sie den Geschockten in atemlose Schockstarre. Der läßt die Fackel los, die Sandy auffängt und achtlos wegwirft.

Und?

Die Fackel landet genau auf dem Grill, wirft die Flasche mit dem Anzündebenzin um und explodiert quasi peenemündegleich etwa 5 cm über dem Fleisch.

Na, sagen wir es mal so. Es hat alles ein bißchen nach Tankstelle geschmeckt, aber es war sowas von durch!

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  • Veröffentlicht am: 24. August 2016
  • 5 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

5 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. …Gartenpartys haben immer sowas besinnliches… :-)

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