„Bei uns auf dem Markt steht so’n supernetter Öko-Blumenhändler. Wir wollen, dass der die Dekoration bei der Beerdigung übernimmt. Der Sören ist wirklich ein ganz Netter und sein Lebensgefährte Alwin kennt sich echt aus.“
Ich muss schlucken. Ich muss der Frau sagen, dass ich von ihrer Idee nichts halte. „Das ist ganz bestimmt eine gute Idee. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer besser ist, wenn wir auf die erfahrenen Partnerbetriebe zurückgreifen. Die kennen die Abläufe genau und wissen exakt, was wann und wo geliefert werden muss. Außerdem können wir da recht gute Rabatte aushandeln.“
„Nein, nein, das sollen der Sören und der Alwin machen. Ich fahre nachher noch auf den Markt und kläre dann alles. Die sind ja soooo nett.“
Ich schreibe der jungen Frau genau auf, was geliefert werden soll und wann es wo sein muss: Das Sarggesteck muss mindestens eine halbe Stunde vorher in der Trauerhalle auf dem Sarg befestigt werden. Bitte mit grünem Klebekitt, damit es vor dem Ablassen des Sarges wunschgemäß heruntergenommen werden kann. Der Kranz muss auf einen Kranzständer gehängt werden; die Ständer sind in der ersten Aufbahrungszelle vorne links. Der Ständer mit dem Körbchen für die Streublumen sollte rechts vorne am Grab stehen.
Der Tag der Beerdigung ist gekommen. Sandy und ich fahren zum Friedhof. Sandy baut das Kondolenzpult auf und ich sehe nach dem Linken und Rechten.
Sören und Alwin sehe ich nur kurz und mehr so von hinten. Beide tragen Zopf und Latzhosen und sind schon am Weggehen. Das Sarggesteck sieht komisch aus. Irgendwie so locker, flockig, gar nicht so schön gesteckt wie sonst, und außerdem ist es schief auf dem Sarg befestigt. Statt eines dicken Gestecks ist das mehr so ein großer Strauß aus langstieligen Blumen. Ich erkenne, dass die noch nie in ihrem Leben ein Sarggesteck gemacht haben und auch nicht wissen, wie so etwas aussieht.
Statt eines Kranzes liegt ein Styroporherz aus dem Gärtnergroßhandel, besteckt mit zwei Handvoll Rosen, lieblos auf dem Boden. Eigentlich sieht man nur Styropor. Ich hole den Kranzständer und stelle das Styroteil wenigstens anständig hin.
Die Trauergäste kommen. Statt eines Pastors oder Trauerredners soll Schwägerin Hannelore die Rede halten. Den Organisten hat die Familie abbestellt, denn Jens, ein 17-Jähriger, ist hobbymäßiger Eventmanager und hat eine viel bessere Soundanlage als sie in der Kapelle vorhanden ist.
Hannelore stellt sich vor das Rednerpult und somit nicht vor das Mikrofon. Sie ist kaum zu verstehen, liest einen Text von einem Zettel ab, und nur zweimal wird sie lauter. Das ist dann der Fall, als Jens urplötzlich „I can’t get no satisfaction“ anspielt. Hannelore ruft: „Jetzt doch noch nicht!“
Und dann ist noch einmal etwas von ihrem Vortrag zu verstehen, als Jens nicht richtig reagiert. Sie ruft: „Satisfaction, jetzt, Jens, jetzt Satisfaction!“ Die Musik setzt mitten im Lied ein und ist so ohrenbetäubend laut, dass sich die Trauergäste irritiert umschauen.
Wenig später kommt der kleine Trauerzug mit dem Sarg am Grab an. Die vier Sargträger heben den Sarg vom Wagen und auf die beiden Bretter, die quer über dem Grab liegen. Und dann? Nichts! Normalerweise betet und spricht der Pastor ja am Grab. Aber Hannelore steht mitten unter den anderen Trauergästen und hat für diesen Teil der Zeremonie nichts vorbereitet.
Die junge Frau, die den Bestattungsauftrag erteilt hat, schaut mich vorwurfsvoll an. Ich versuche, die Situation zu retten, trete vor und sage ein paar tröstliche Worte. Was man halt so sagt.
Am Ende stimme ich das Vaterunser an und alle beten brav mit.
Sandy wirft mir die ganze Zeit Blicke zu. „Unten rechts, schau nach unten rechts“, sagen die Blicke. Ich schaue nach unten rechts. Und dort, wo unser Gärtner immer einen kleinen Ständer mit einem Körbchen voller Blütenblätter hinstellt, die die Leute dann mit der Hand ins Grab werfen können, ja da liegt nur eine Aldi-Plastiktüte, aufgerollt und mit ziemlich verwelkten Gerberablüten gefüllt.
Währenddessen stöhnt hinter mir jemand. Die Sargträger versuchen, das Sarggesteck abzunehmen. Das wollte die Familie so. Denn statt nutzlos im Erdreich zu verschwinden, kann das Sarggesteck ja viel besser noch einige Zeit als erster Grabschmuck dienen.
Doch Sören und sein Lebensgefährte haben das Gesteck mit Spaxschrauben in den Sargdeckel gedübelt. Also muss das Gesteck mit in die Erde, Pech gehabt.
Langsam senkt sich der Sarg in die Erde, ich stehe vor dem Grab und verbeuge mich kurz. Sandy macht aus der Not eine Tugend und hält den Leuten die Gerbera-Tüte hin. Nachdem alle ein paar Blüten ins Grab geworfen haben, wäre der Zeitpunkt gekommen, dass alle den Friedhof verlassen. Doch es kommt anders.
Erstens kommt in dem Moment Jens, der Eventmanager, atemlos und mit hochrotem Kopf und mit einem fahrbaren Soundverstärker angerannt. Aus dem Brüllwürfel tönt „I can’t get no satisfaction“. Jens stolpert über den Kunstrasen vor dem Grab und fällt hin.
Zweitens kommt die Angehörige auf mich zu und fragt: „Und wo gehen wir jetzt hin? Ich nehme an, Sie haben irgendwo was Schönes für uns reserviert. Wir haben ja jetzt alle Durst und Hunger.“
Zwöflendrölzigmal habe ich das Thema Kaffeetrinken angesprochen. Jedesmal hieß es, da sei man sich noch nicht ganz sicher. Dann habe ich diesbezüglich nichts mehr von der Familie gehört.
Dementsprechend ist auch nichts gebucht oder vorbereitet.
Ich rufe Pumuckl an. Pumuckl ist die kleine rothaarige Chefin von Plöckmanns Delikatessenmetzgerei. Die haben eine kleine Gastronomie und machen auch Beerdigungsfeiern.
Pumuckl sagt, ich solle die Leute noch eine Viertelstunde aufhalten, dann hätten sie schnell ein paar Platten gerichtet.
Vier Tage später sitzt mir die Angehörige in meinem Bestattungshaus gegenüber. „Das zahle ich auf keinen Fall! Diese Rechnung können Sie sich in die Haare schmieren! Eine Unverschämtheit, für so eine Schlamperei überhaupt Geld zu verlangen! Da heißt es, Sie seien ein renommiertes Unternehmen, und dann so was! Das geht ja auf keine grüne Hutschnur! Sie können sich drauf gefasst machen, dass sich unsere Anwälte bei Ihnen melden!“
An den vielen Ausrufezeichen erkennt man, wie aufgeregt und laut die Frau ist.
Was denn nicht stimme, frage ich sie. Sie antwortet gereizt: „Da hat ja gar nichts geklappt. Das haben wir uns alles ganz anders vorgestellt. Das einzig Schöne war, wie Sie am Grab noch was geredet haben. Aber das reicht nicht, alles andere war gelinde gesagt absolute Scheiße.“
„Und, haben Sie schon mal überlegt, wer dafür verantwortlich ist, dass manches nicht geklappt hat?“
„Wieso das denn?“
„Wer hat denn den jämmerlichen Blumenschmuck bestellt, Sie oder ich?“
„Ich, aber da kann ich doch nix dafür, dass die son Scheiß liefern.“
„Und wer hat auf einen vernünftigen Trauerredner verzichtet und eine Verwandte das machen lassen, Sie oder ich?“
„Das war allein Hannelores Schuld, da kann ich doch nichts dafür. Sehen Sie, nicht meine Schuld.“
„Ja, meine denn? Sie haben alles selbst machen wollen, bis hin zu diesem Eventmanager, der keine Ahnung hat, wann man auf einen Knopf drücken muss. Statt sich auf unser professionelles Angebot zu verlassen, haben Sie alles selbst in die Hand genommen. Und dabei haben Sie auf Leute gesetzt, die vielleicht alle supernett sind, die aber alle keine Ahnung haben und alles verkehrt gemacht haben.“
„Und das Kaffeetrinken war auch nix. Da gab es nur Schnittchen und Brötchen mit Wurst und Käse.“
„Keinen Kaffee?“
„Doch Kaffee und alle möglichen anderen Getränke. Aber ich hätte mir was anderes vorgestellt.“
„Ja, dann hätten Sie rechtzeitig in einem passenden Lokal etwas buchen müssen. Seien Sie doch froh, dass ich noch so schnell was organisieren konnte.“
„Den anderen hat’s ja auch gefallen. Die fanden das sehr gemütlich und lecker. Aber ich hätte mir Canapés mit Lachs vorgestellt, und mit Ei.“
„Tja.“
„Ähm, hmmm, äh, kann ich das auch jetzt gleich bezahlen? Nehmen Sie EC-Karte?“
Bildquellen:
- wut_800x500: Peter Wilhelm ki













Sowas kennt glaube ich jeder ausm „Handwerk“. Alle Welt denkt „das ist doch ganz einfach, das mach ich selber und spar mir das Geld“, so siehts am Ende dann meistens auch aus.
Ich bin ja auch son Typ, ich lebe aber auch gerne mit den kleinen Mängeln 🙂 Aber es gibt gewerke, dazu gehören auch Veranstaltungen, da hab ich einen Riesen Respekt vor. Wir haben unsere Hochzeit weitesgehend alleine gestemmt, das hat Spaß gemacht, aber hat auch viel Zeit und Nerven gekostet. Seit dem bin ich davon geheilt, und selbst zur Taufe der Kknder kam ein Catering und hat uns etwas entlastet damit wir entspannter in die Feuerlichkeiten starten konnten.