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Die Qualle

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Wenn ich zum Krematorium fahre, begegne ich dort immer mal wieder der Qualle. Die Qualle, das ist ein Mann von etwa 40 Jahren, dick, stiernackig, Doppelkinn, eine durch und durch unsympathische und ungepflegte Erscheinung. Die wenigen Haare über den Ohren hat er sich so lang wachsen lassen, daß er sie über seine große Glatze kämmen kann. Was mich aber persönlich am meisten stört, sind seine ungepflegten Zähne, die voller „Schmand“ und Essensreste hängen.

Den Namen, „die Qualle“, hat unsere Sandy ihm verpasst und sie spielt damit auf seinen Schmerbauch und seinen Hüftspeck an, die beim Laufen schwabbeln wie ein billiges Wasserbett.

Wenn man zum Krematorium kommt, muss man kurz hupen, dann kommt einer von den Mitarbeitern dort an die Tür, öffnet die beiden Flügel und schiebt von sich aus eine Sargkarre hinter den Bestattungswagen. Es ist auch ganz normal, daß der einem beim Ausladen hilft. Das müssen die Männer dort nicht, aber ab und zu mal ein Kasten Bier…
Man kennt das ja.

Nur die Qualle hilft einem nie. Der macht die Türen auf und bleibt grinsend und auf einem Streichholz kauend stehen.
Für einen versierten Bestatter ist es dennoch kein Problem, einen Sarg auch alleine auszuladen, aber zu zweit würde das viel besser gehen.
Kein Wunder, daß die Qualle bei keinem besonders beliebt ist.

Eines Tages komme ich wieder mal ans „Krema“, wie wir das nennen, und muss hinter dem Wagen eines Kollegen warten.
Als für ihn die Türen geöffnet werden, steige ich aus und helfe ihm ausladen und im Gegenzug hilft er mir. Zwar hätte auch der Krema-Mitarbeiter geholfen, aber so geht’s auch.

Der Kollege fragt den Krematoriums-Mitarbeiter: „Wo ist denn der Gustl?“ und meint damit die Qualle, die soviel ich weiß Gustav heißt. Doch der Krema-Mann guckt nur so komisch, zuckt die Achseln und schiebt die beiden Särge ins den dunklen Schlund der hinteren Hallen und schließt die Türen.

Jetzt wo er es sagt, fällt auch mir auf, daß ich die Qualle schon länger nicht gesehen habe. Es ist nämlich so, daß städtische Mitarbeiter normalerweise ihre Stellen nicht so einfach aufgeben und vor allem die Jobs am Krema sind sehr begehrt. Das wird nicht schlecht bezahlt, dort ist es warm und trocken und die Kundschaft hält die Klappe…

Doch der Bestatterkollege grinst nur und erzählt mir eine unglaubliche Geschichte.
Also, er habe da ja so etwas gehört. Da habe es doch so Vorfälle mit jungen weiblichen Leichen gegeben, ich wisse schon. Das wisse doch jeder und die ganze Geschichte würde jetzt von der Obrigkeit vertuscht, aus Rücksicht vor den Angehörigen….

Jaja, solche Geschichten werden doch überall erzählt und nie ist da was dran. Natürlich gibt es Nekrophile und irgendwann, irgendwo wird es sicher auch solche komische und ekligen Vorfälle geben. Aber wenn ich so überlege, wie oft ich solche Geschichten schon gehört habe… so viele Leichenfi**er kann es gar nicht geben.

Nein, nein, den Gustl wolle er ja gar nicht beschuldigen, erklärt mir der andere Bestatter, aber es sei doch auffällig, daß der jetzt ausgerechnet „nach diesen ominösen Vorfällen“ verschwunden sein; vermutlich versetzt, ganz gewiss strafversetzt!

Ich habe dieses Geschichte nicht geglaubt, weder die Geschichte an sich, noch daß die Qualle mit sowas etwas zu tun haben könnte.
Wenn ich aber ehrlich bin, dann stelle ich mir einen Nekrophilen vielleicht doch ein bißchen so vor, wie diesen Gustl.

Einige Wochen später bin ich wieder mal am Krema und siehe da, die Qualle öffnet die Türen.
Normalerweise nicke ich dem faulen Fettsack nur zu oder sage mal ‚Hallo‘, dieses Mal frage ich aber: „Und, wie geht’s?“

„Besser, viel besser“, sagt die Qualle: „Sechs Wochen habe ich fast nur gelegen, obwohl ich das Bein ja viel früher schon belasten sollte, aber so eine Knieoperation ist doch schon was Größeres. Und dann noch die Reha…“

Jetzt sei er „auf Eingliederung“, müsse erstmal für ein paar Wochen nur vier Stunden am Tag arbeiten, bis das mit seinem Knie wieder in Ordnung sei.

Siehste! So schnell kommt dummes Gerede auf!

Peter Wilhelm 28. Mai 2012


10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. naja vielleicht hat er sich auch nur die knie so aufgescheuert als er…äh…liegestützen gemacht hat 😉

  2. Irgendwie, und das behaupte ich, ohne empirisch belegbare Studien angefertigt zu haben, neigen die Menschen dazu, Menschen, die hässlich, unbeliebt oder beides sind, negative Geschehnisse eher zuzutrauen als umgekehrt.

    Man darf in Fällen wie diesem dann hinterher froh sein, diese Meinung nicht ungeprüft übernommen zu haben. Ich habe auch noch Respekt vor den Menschen, die sich hinterher den Irrtum eingestehen und sich entschuldigen.

    Aber am schlimmsten sind die, die sich an einem "zutrauen würde ich es dem/der trotzdem" festklammern und eine Rehabilitation eines falsch verdächtigten somit wirkungsvoll unterbinden.

  3. Man könnte jetzt sogar vermuten, dass er wegen seiner Knieprobleme nicht beim Sargheben mitgeholfen hat – aber wer weiß schon wirklich was im Kopf eines anderen vorgeht.

  4. Ja und es sind erwachsene Menschen, die im Vorfeld nicht überlegen, was sie mit solchen „Meinungen“ und „wahrheitsgemäßen Aussagen” in den Leben der anderen Menschen anstellen. Da ist Schulhofkrieg noch richtig human gegen.

    @Banger

    Ja, Deinen ersten Satz unterschreibe ich glatt mit.

  5. Völlig Off-Topic: Manch ein Kaffeekenner würde über die Abkürzung Krema sehr verwundert sein 😉

    Ansonsten gratuliere ich Dir zu Deiner Skepsis! 🙂

  6. Auch völlig off-topic, aber ein Lacher: Das Wort "Eingliederung" in diesem Zusammenhang finde ich schon sehr bemerkenswert. 😀

  7. @banger: Du hast völlig Recht. Schönen Menschen gesteht man gerne auch andere postive Eigenschaften zu, selbst wenn sie nichts getan haben, um sich das zu verdienen. Das ist der so genannte Hallo Effekt: http://de.wikipedia.org/wiki/Halo_effekt

    Umgekehrt schreibt man Menschen mit Schönheitsfehlern gerne weitere unangenehme Eigenschaften zu: Der Devil effect (http://en.wikipedia.org/wiki/Halo_effect#Devil_effect)

    Mir fällt immer wieder auf, dass wenn Mörder, Kinderschänder oder Vergewaltiger gefasst werden, die Nachbarn geschockt sind: "Der war immer so nett und höflich."

    Der Glaube an die "Verbrechervisage" sitzt immer noch tief und viele können und wollen nicht verstehen, dass das Böse unerkannt in ihrer Mitte wüten kann.

  8. Nun weißt du auch, warum er dir nie geholfen hat. Der arme Mann hat's am Knie. Hätte er ja sagen können, da hat doch jeder Verständnis dafür.

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