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Drillinge

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Drillinge sind ja vergleichsweise selten und zumindest mal in meinem Fall war das auch ganz gut so, daß ich Einzelbewohner der mütterlichen Bauchhöhle gewesen bin, denn die arme Frau, Gott hab sie selig, hat sich allein mit mir bei der geburtlichen Auspressung genug plagen müssen. Ich war wohl bei der Geburt ein recht strammer und großer Brocken, wenngleich ich als Kind eher mager und knochig gewesen bin; so mager, daß sich meine Eltern in den Wirtschaftswunderaufbaujahren, als alles nach Fett und Bauch nur so gierte, mit mir am nordholländischen Strand fast schon wegen meiner Rippigkeit geschämt haben.
Gut, das ist nun vorbei, jetzt hätte meine Mutter Drillinge, zumindest brächte ich genug für drei zarte Mädel auf die Waage. Also für so ganz arg zarte, ich bin ja kein unförmiges Ungetüm.

Roswitha, Barbara und Sieglinde sind Drillingsschwestern und wurden vor 38 Jahren geboren. Anders als man das oft von Mehrlingskindern so hört, hatten die drei Schwestern aber nur einen eher lockeren Kontakt zueinander und ich glaube man kann mit Fug und Recht sagen, daß sie sich nicht besonders gut vertragen haben.

Barbara und Sieglinde schieben das auf den trunksüchtigen und gewalttätigen Vater, der nach dem frühen Tod der Mutter zu Hause ein strenges Regime geführt hatte und die Töchter nacheinander und sehr früh in Brot und Arbeit getrieben hatte, damit er in der Hauptsache auf der faulen Haut liegen und Bier trinken konnte.

„Uns hat das nicht zusammengeschweißt, sondern unser Vater hat immer eine Konkurrenz zwischen uns aufgebaut und uns gegeneinander aufgehetzt“, sagt Sieglinde und Barbara fügt hinzu: „Ja und außerdem ist Roswitha ja schon mit 18 weggezogen und dann war der Kontakt viele Jahre ganz abgerissen.“

So halbwegs wieder zusammengefunden haben die Schwestern erst vor etwa drei Jahren anläßlich des Todes des Vaters, als es darum ging, wer von ihnen nun wieviel von den Beerdigungskosten übernehmen sollte.
Barbara, die damals alles in die Hand genommen hatte, hatte sich für das städtische Bestattungsinstitut entschieden. Einerseits hatten die Krankenschwestern im städtischen Krankenhaus die Sterbepapiere ungefragt und vollautomatisch, so als ob das nur so und nicht anders ginge, direkt zum städtischen Dienst rübergegeben und andererseits hatte Barbara damals gar nichts dabei gefunden und gedacht, das müsse zwangsläufig so ein und als Angehöriger habe man gar keine andere Wahl.

Mit dem Ablauf der Bestattung war die Familie dann aber mehr als unzufrieden. Die Leute vom städtischen Bestattungsbüro waren eher ruppig, uninformiert und nahmen kaum Notiz von den persönlichen Wünschen der Familie. Roswitha war damals von außerhalb gekommen und hatte alles bereits fix und fertig geplant vorgefunden und sich darüber aufgeregt, daß man nicht Angebote von ein oder zwei weiteren Bestattern eingeholt hatte.
Jedenfalls sähe sie es nicht ein, daß das städtische Bestattungsbüro die Kosten einfach durch drei geteilt und jeder von ihnen eine gleichhohe Rechnung zugeschickt hatte. „Ihr habt doch euer Leben lang viel mehr verdient als ich, wie soll ich das bezahlen, das ist doch voll ungerecht.“
Barbara hatte noch in die Waagschale geworfen, daß sie ja den Vater einige Wochen gepflegt habe, bevor er ins Krankenhaus gekommen sei, doch Sieglinde hatte überraschend Verständnis für Roswithas Anliegen gezeigt und so kam es, daß die Schwestern sich -erstmals seit Jahren- an einen Tisch setzten, über ihr Leben sprachen und sich gegenseitig die Finanzen offenlegten. Schließlich kamen sie überein, gemeinsam auf das Erbe zu verzichten, um nicht auch noch für die Schulden des Alten geradestehen zu müssen, und sich die Beerdigungskosten gemäß ihrer Vermögensverhältnisse zu teilen. Sieglinde übernahm die Hälfte der Kosten und Barbara zwei Drittel vom Rest, nur ein Sechstel der Gesamtsumme mußte von Roswitha getragen werden.

Selten, das muß ich sagen, sowas ist selten.

Jetzt haben die Drillinge sich seitdem immer mal wieder getroffen, was auch dadurch erleichtert wurde, daß Roswitha nach ihrer Scheidung vor zwei Jahren wieder hier in die Stadt gezogen war. Doch offenbar war das Verhältnis der drei Schwestern doch nicht intim genug, um sich die durchlittenen Krankheiten zu erzählen.

Es sitzen nun Sieglinde und Barbara vor mir, haben rotgeweinte Augen und aus ihren Mienen spricht Fassungslosigkeit.
Vor vielen Jahren ist ja die Mutter der Drillingsschwestern jung verstorben. Sie starb elendlich an Brustkrebs.
Totale Amputation beider Brüste mit großen Narben, Bestrahlungen, die den Körper mehr rösteten und schädigten, als den Krebs zu bekämpfen, eine Chemo-Therapie, die den ohnehin schwachen Körper beinahe aufzehrte, so wie das eben manchmal war, vor über 30 Jahren.
Die Schwestern sind damals noch klein gewesen, das Dahinsiechen und der Verfall der Mutter muß ihnen doppelt schrecklich vorgekommen sein und hatte sich in ihre Hirne eingebrannt.

Nun hatte vor einigen Wochen auch Roswitha die Diagnose bekommen: Krebs.
Und in der zurückliegenden Nacht hat sie alle in ihrem Haushalt verfügbaren Medikamente, vom Schmerzmittel bis hin zu Blutdrucktabletten, eingenommen und mit Lauge nachgespült.
Das zumindest hatte die Polizei so aufgenommen, auf dem Küchentisch stand allerdings eine Flasche mit Chlorreiniger.
Man kann sich nicht vorstellen, wie grausam schmerzverzerrt die Tote ausgesehen hat und was der Körper im Todeskampf noch alles von sich gegeben hatte. Es muß ein ganz schrecklicher Tod sein, diesen Medikamentenmix zu sich zu nehmen und sich dann noch zu überwinden, eine größere Menge Chlorreiniger zu trinken.
Ich kann mir, bei dem starken Geruch, den Chlor hat, überhaupt nicht vorstellen, daß man so etwas überhaupt herunter bekommt…

Jetzt liegt Roswitha in der Gerichtsmedizin und wird obduziert, wenngleich am der Selbsttötung überhaupt kein Zweifel besteht. Die Wohnung war von innen verschlossen, der Schlüssel steckte und das Schloss war herumgeschlossen, es gibt ein paar handgeschriebene Abschiedszeilen und Roswitha hat die Kleidung in der sie beerdigt werden will, selbst herausgesucht und in einer Plastiktüte bereitgestellt.
Den Abschiedsbrief durften unsere Fahrer nicht sehen, ein Polizist hat ihnen aber gesagt, der Inhalt bestehe nur aus zwei, drei Sätzen und besage in etwa, daß Roswitha nicht verrecken wollte wie einst ihre Mutter.

Das Tragische: Auch die beiden anderen Schwestern waren beide an Brustkrebs erkrankt. Barbara schon vor vielen Jahren, Sieglinde vor zwei Jahren. Barbara mußte eine Brust abgenommen werden, doch sie sagt mir ganz offen: „Das haben die aber sehr schön gemacht, die haben soviel erhalten wie irgend möglich. Heute sage ich immer noch, daß ich Krebs habe, aber ich fühle mich gesund… und sehen tut man auch nichts mehr.“

Sieglinde erzählt, bei ihr sei das ganz früh im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung entdeckt worden. Eine ganz kleine Krebsgeschwulst sei ihr entfernt worden und zu verdanken habe sie das nur dem frühen Krebstod der Mutter, der sie regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen getrieben habe.

Bloß: Geredet haben die Schwestern untereinander nie über ‚die Krankheit‘ und Roswitha stand deshalb mit ihrer Diagnose ganz alleine da und hat offenbar die falscheste aller Entscheidungen getroffen.

Sieglinde und Barbara wollen ‚Fifty-fifty‘ bezahlen und für Roswitha ein Grab möglichst weit weg vom Grab des Vaters.
Kurz überlegen sie, ob sie nicht ein Familiengrab nehmen sollen, eine Idee die sofort von beiden begeistert diskutiert wird, dann überlegen sie aber die realen Verhältnisse und kommen zu dem Schluß, daß sie selbst noch zu jung sind, daß sie das Grab für eine zu lange Zeit anmieten müssten und daß sie ja auch selbst Familien haben, die später einmal andere Vorstellungen von der Belegung ihrer Gräber haben könnten.

„Können wir so einen Grabstein bekommen, wo sich zwei die Hände reichen, wo man nur so die Hände sieht, wie sie sich ergreifen, also jetzt mehr so mit drei Händen?“ fragt Barbara und schluchzt dabei. Sieglinde nickt heftig, zieht sich die Box mit den Papiertüchern rüber und heult wie ein Schlosshund, während sie sagt: „Der Arsch hat uns das ganze Leben kaputtgemacht. Die ganze Kindheit und Jugend hat er uns versaut und jetzt wo wir uns endlich wieder hatten, da muß die blöde Kuh Tabletten nehmen.“

„Aber Siggi! Wie kannst Du sowas sagen?“

„Was meinst Du? Das mit dem Arsch?“

„Nein, das stimmt, der war ein Arsch und das ist noch milde ausgedrückt, ich meine das mit der blöden Kuh.“

„Ach, stimmt doch, wie kann man so blöd sein! Die hätt‘ doch nur was sagen müssen, man kann doch heute so viel machen.“

Die Schwestern liegen sich in den Armen, heulen und ich sitze etwas hilflos dabei. Die brauchen keinen, der sich jetzt tröstend einmischt. Andere brauchen manchmal meine Schulter zum Ausheulen, die hier nicht, die haben sich.


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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 10. Juli 2012

19 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Grundsätzlich sollte man Emotionen nicht bewerten. Und Wut und Aggression sind auch ein Stück Lebendigkeit in tiefem Schmerz!

    Ich finde es klasse, wenn Angehörige die Wut, die Sie oft über den Tod eines Angehörigen empfinden auch rauslassen. Und es ist öfter Wut im Spiel, als man sich vorstellen kann! Ich habe öfter Hinterbliebene begleitet, die mit bei der Abschiednahmen von den Verstorbenen richtig derbe geschimpft haben. Danach schämen Sie sich sehr! Ich sage aber immer, daß es gut ist, auch scheinbar negative Emotionen rauszulassen!

  2. Arme Frau. Den Tod als Ausweg nehmen, bevor man sich alle Optionen hat zeigen lassen… Das ist sehr schade.

  3. Wie verzweifelt war diese Frau bloß?
    Unvorstellbar sich auf so grausame Art umzubringen.
    B. A.

  4. [quote]daß Roswitha nicht verrecken wollte wie einst ihre Mutter.[/quote]
    Was die Kinder da erleben mussten, dass man zu solchen Mitteln greift. :‘-(

  5. 🙁
    uah, Chlorreiniger, das stelle ich mir als sehr schmerzhaft und grausam vor. Sie hat sicher nicht daran gedacht, dass man mit heutigen Möglichkeiten nicht so „elendig verrecken“ muss wie ihre Mutter damals.

  6. ach ist das traurig, wir sollten mehr miteinander reden. Wird Zeit dass ich meine Schwester wieder anrufe. Danke Tom, auch für’s einfühlsame Erzählen.

  7. Tja, so ist das mit dem Mitteilen von Gedanken, Erfahrungen. Nicht jeder darf dran teilnehmen.
    Und dann kommt durch Gedankenlosigkeit sowas dabei raus, schnief.

  8. Ach, was für eine blöde Geschichte (blöd im Sinne von traurig)…
    Aber das mit dem Chlorreiniger scheint besser zu gehen, als man zunächst denkt, meine Schwester hat in jungen Jahren (2 oder so) mal ein paar Schlucke davon genommen, was glücklicherweise „nur“ zu ein paar Verätzungen in der Speiseröhre geführt hat und keine bleibenden Schäden mit sich trug. Aber nen ganzen Tablettencocktail damit runterspülen? Das will man sich gar nicht vorstellen…

  9. Schon sehr Schade. Neulich habe ich gelesen, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit nach der Diagnose „Brustkrebs“ bei über 90% in Deutschland liegt und nahzu 100%, wenn es früh erkannt wird. Da hat sich in den letzten 30 Jahren natürlich viel getan. Aber eigentlich hätte sie das nach der Diagnose auch erfahren müssen, irgendwie ist das Ganze seltsam.

  10. Stryke, DIE Quelle würde ich gerne sehen. Apotheken-BILD?
    80-90% der Befunde sind immer noch Zufallsbefunde der betroffenen Frauen, da sieht die Prognose alles andere als günstig aus. Dazu kommt, dass man nicht allgemein von „guter“ oder „schlechter“ Prognose sprechen kann, ebensowenig wie von einer durchschnittlichen Langzeitüberlebensrate – dafür gibt zu viele Faktoren, die das beeinflussen.

  11. Nach der Diagnose steht frau erstma alleine da. Kein Arzt, der einem irgendwie unterstützt. Hilfe muss frau sich schon selbst suchen.Egal, in welcher Richtung.

    Ich kenne das von meiner Tante: wenn man nicht drüber spricht, hat man das auch nicht (gehabt).

  12. Das Problem, dass Familienangehörige über „sowas“ nicht miteinander reden, scheint mir aber doch verbreiteter zu sein, als man denken möchte. Wir haben in der Familie eine vererbbare Stoffwechselkrankheit, die in jungen jahren kaum auffällt, aber die Lebensdauer im Alter sehr verkürzen kann. Ein Familienmitglied bekam die Diagnose per Zufall bei einer Routineuntersuchung. Auf Anraten des Arztes wollte er den Rest der Familie informieren, damit die sich frühzeitig testen lassen können, um ggf. gegen die Krankheit was zu unternehmen. Ergebnis der Umfrage: nur eines von drei in Frage kommenden Familienmitgliedern war noch nicht getestet worden, weil es nichts wusste, bei allen anderen hatten abnormale Blutwerte bereits zur gleichen Diagnose geführt. Untereinander hatte keiner mit dem anderen darüber geredet. Jeder schien seinen Kampf alleine ausfechten zu wollen ….

  13. Schrecklich. Der für mich immer noch bedrückendste Fall, als ich in der Gerichtsmedizin arbeitete, war eine 92-jährige Frau, die sich mit Insektenvertilgungsmittel getötet hatte. Der Tod muss extrem schmerzhaft gewesen sein. Wie einsam mag ein alter Mensch sein, dass er soetwas tut? Traurig.

  14. Sicher ist drüber reden besser. Aber das Bild der Krebserkrankungen ist in der Öffentlickeit so verzerrt, dass es einem nicht einfach gemacht wird, das zu tun. Auch wenn man, wie ich es getan habe, recht offensiv damit umgeht, um Tuscheleien hinter dem Rücken zu vermeiden, macht man damit auch nicht nur positive Erfahrungen. Ich habe zwar überwiegend positive Erfahrungen mit der Ärzteschaft gemacht, aber nicht wenige werden von Medizinerseite sehr allein gelassen, weshalb mir eine solche Reaktion, wie im beschriebenen Fall, durchaus vorstellbar ist und vermutlich in ähnlicher Form gar nicht selten vorkommt. Das alles ist um so erstaunlicher, als heute weit mehr als 10% im Laufe ihres Lebens selbst mit einer Krebsdiagnose konfrontiert werden und Krebs daher alles andere als eine Randerscheinung ist.

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