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Gesine Gans

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Frau Kirschkern ist im Gesangsverein und dort ist sie eine ganz wichtige Nummer. Ihre Aufgabe besteht darin, die Notenblätter des Pianisten zum richtigen Zeitpunkt umzublättern. Diese überaus wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe hat man Frau Kirschkern ganz spontan übertragen, als sie vor zwölf Jahren das erste Mal vorgesungen hatte.
An und für sich verfügt Frau Kirschkern über eine kräftige Singstimme, aber leider ist sie sich beim Ausstoßen der Gesangeslaute nicht ganz sicher, welchen Frequenzbereich sie ganz genau intonieren soll. So entsteht ein von ständigem Vibrato getragener Schwington zwischen tiefer Brust- und unendlich hoher Kopfstimme. Es gleicht dem berühmten Kehlschlundgesang mit dem die Pitto-Pitto-Indianer vom Oberlauf des Amazonas, die Gott sei Dank noch von niemandem entdeckt worden sind, die gefährlichen fliegenden Piranhas von den Bäumen singen.

Dennoch nimmt Frau Kirschkern an jeder Probe des Gesangsvereines teil, trägt bei öffentlichen Auftritten auch das selbe schöne lange Kleid wie ihre Sangesschwestern und geht völlig in ihrer Aufgabe als Notenblattumblätterin auf.
Nun leidet Frau Kirschkern unter gewaltigem Lampenfieber, welches mit der Schwierigkeit ihrer Aufgaben steigt.

Beim großen Weihnachtsoratorium zum Beispiel muß sie sich vorne aus der Formation lösen und zunächst dem Dirigenten die Partitur umblättern, dann muß sie den ganzen langen Gang durch die Kirche nach hinten gehen, die Empore erklimmen und dort dem Organisten ebenfalls die Noten umblättern.
Bei diesem Gang durch die Kirche liegen die Blicke aller auf ihr und das macht ihr zu schaffen. Schweißperlen sammeln sich auf ihrer Stirn und das Adrenalin schießt durch ihre Adern. Jeder einzelne Schritt erfordert höchste Konzentration, denn einerseits muß es schnell gehen, auch noch gut und elegant aussehen und andererseits darf sie nicht über den etwas engen Saum stolpern.

Dieses Lampenfieber, die Angst vor der Blamage und dem Versagen, ist bei niemandem im Chor so groß wie bei Frau Kirschkern. Und was passiert, wenn der Auftritt vorüber ist?
Wenn alle Lieder gesungen und der letzte Akkord gespielt ist, dann fällt die gesamte Aufregung von Frau Kirschkern ab und ein wohliges serotoningeschwängertes Glücksgefühl greift Raum.
Sie jubelt innerlich, kann ihre Worte kaum für sich behalten und schwatzt, babbelt, sabbelt, bis die Lippen fast in Fransen hängen.
Frau Kirschkern ist dann sowas von erleichtert und beschwingt, daß man meinen könnte, sie habe einen Liter Wein getrunken.

Dieses Phänomen kennt man aus vielen Bereichen. Genau darum gibt nach Fernsehsendungen und Konzertauftritten die sogenannten After-Show-Parties. Da zeigen sich die Leute nicht gegenseitig ihren Hintern, wie Antonia mal meinte, sondern nach der Show gibt’s Schampus und Schnittchen, vor allem aber Schampus, damit sich die erleichterten Gemüter wieder etwas beruhigen können und damit der, der jetzt ein großes Hallo braucht, das auch rauslassen kann.

Der berühmte Provinztenor Karl Kumpelmann, den außerhalb seines Wirkungskreises am Paderborner Laienspieltheater „De Paderwater“ glücklicherweise niemand kennt und der den ganzen Paderborner Hausfluß Pader auf und ab berühmt ist; dieser Tenor war dafür bekannt, nach anstrengenden Bühnenabenden im Paderborner Esperanto-Restaurant „Tönnchen“ (das gab es damals noch) nackt auf dem Tisch zu tanzen.

Wir kennen also nun diese Erscheinung des ausgelassenen Losgelöstseins, das sich nach dem Lampenfieber einstellt. Und nun kommen wir zu Frau Giebelpfann.
Frau Giebelpfann hatte bislang eine Feng-Shui-Beratung, vorher hatte sie sich als Hypnotiseurin und buddhistische Raucherentwöhnerin einen Namen gemacht und davor leitete sie eine Agentur für esoterische Baumumarmungen. Vor der Feng-Shui-Beratung hatte sie noch kurzfristig die Leitung eines Ladens für Nordic-Walking-Ausrüstungen übernommen, sich jetzt aber ganz spontan dazu entschlossen, sich einen Namen als Trauerrednerin zu machen und so ihr Geld zu verdienen.

Zu diesem Zweck hat sie sich die Original Gesine Schwan Frisur zugelegt und durch eine Art esoterisch-buddhistischer Metamorphose sogar ein wenig die Gesichtskonturen unserer Fastpräsidentin angenommen.

Um ihre Rolle als Gesandte (von wem auch immer) zu unterstreichen, hat sich Frau Giebelpfann eine Art Tunika aus beigem Wollstoff zugelegt, die ihr bei ihren Trauerreden fast ein priesterliches Aussehen verleiht.
Gut, man kann über ihre Trauerreden nichts Schlechtes sagen, aber auch nichts Gutes.
Es ist das übliche Standardgewäsch vom Kreis des Lebens der sich schließt, von der Erlösung die eine Gnade ist und von den Erinnerungen die man im Herzen behalten soll. Die Zahlenfolge 08/15 ist da noch abwechslungsreicher, vor allem weil Frau Giebelpfann nur diese eine Rede kann, in die sie lediglich jeweils einen anderen Namen des Verstorbenen einfließen lässt. 450 Euro kassiert sie für einen 15-20 minütigen Auftritt.

Nun ist aber auch Frau Giebelpfann von großem Lampenfieber geplagt und bevor sie die Trauerhalle betritt, läuft sie wenigstens zwanzig Mal an die kleine Glasscheibe in der Durchgangstür und schaut in die Halle, ob auch ja alles in Ordnung und an seinem Platz ist. Röte steigt in ihrem Gesicht auf und das breite Grinsen, das sie krampfhaft auf ihrem Gesicht hält, kann nur unvollkommen darüber hinweg täuschen, daß in ihr die Aufgeregtheit kocht.

Dann kommt ihr Auftritt, alles läuft wie am Schnürchen und anschließend, ja anschließend ist auch Frau Giebelpfann von jener Ausgelassenheit betroffen, die wir soeben bei Notenblattumblätterinnen und Paderborner Tenören schon einmal kennengelernt haben. So als habe sie zwei drei Tütchen weggeraucht und dazu ein Fläschchen Rohypnol getrunken, sowie ein Pfund vom unverbrannten Weihrauch genascht, hüpfte sie zwischen den trauernden Angehörigen umher, lacht unangebracht, ist ausgelassen und fröhlich.
Das kommt bei mir gar nicht gut an, wir und alle Eingeweihten vom Friedhof schütteln nur den Kopf.
Aber merkwürdigerweise gefällt das den Angehörigen. Sie sind von der Giebelpfann begeistert und sie wird immer wieder von neuen Familien gebucht.
Bei uns heißt es intern immer nur: „Gesine Gans kommt zum Schnattern“ wenn die Giebelpfann gewünscht wird.

Mal sehen wie lange die in diesem Job Bestand hat, am Ende der Hauptstraße ist gerade ein Laden freigeworden und es wird gemunkelt, da komme ein Fachgeschäft für Magie und Hexen hin.

Bild: Wikipedia, Gesine Schwan auf dem Neujahrsempfang der Heidelberger Grünen, 6. Januar 2009, Urheber: Frans.huegel

Peter Wilhelm 22. Februar 2014


8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. @ 1 Schorsch:

    Hier, im lustigen Zusammenhang, müsste ein „Esperanto-Restaurant“ natürlich & komisch dem Erfinder der Kunstsprache Ehre machen, der das Lehrbuch des Esperanto unter dem Pseudonym „Dr. Esperanto“ veröffentlichte, zu Deutsch „Dr. Hoffnung“.

    Dann wäre unter einem Esperanto-Restaurant eine Gastwirtschaft zu verstehen, in der man Hoffnung darauf setzen muss überhaupt etwas zu essen zu bekommen (bzw. Stoßgebete zu schmettern hat, was den den Zustand der dargebotenen Atzung betrifft).

    Ganz ernsthaft gegoogelt (was das gescheite[rte] Probjekt einer einfachen, internationalen Verkehrssprache wohl auch verdient hat): Eine Wirtschaft, in der sich Anhänger des Esperanto treffen.

  2. @Schorsch
    Nun, ganz ernsthaft gegoogelt wird Du ein Esperanto-Restaurant in New-York, Argentinien oder auch….angeblich…Fulda finden. ;D ;D

    Ich meine mich erinnern zu können, daß es auch bei uns einmal eines gab – aber – die Nachfrage war wohl zu gering.

    @Intensivling
    Sicher? Ich habe gehört, es soll Menschen geben die auf die verschiedenen Inhaltstoffe von Beruhigungsmittelns „konträr“ reagieren. Sprich…Valium läßt einige auf dem Tisch tanzen, während ein gutes „Hallo-Wach“ die beste Schlaftablette ist.
    Wer weiß, wie Rohpynol auf Frau Schnatter wirkt…bei der Vergangenheit…aber eigentlich sollte sie mit Selbsthypnose doch was gegen ihr Lampenfieber tun können. 😀 😀

    Der Artikel ist wirklich erstklassig – Undertaker: You made my day!

  3. Erneut so ein tolles Menschentyp-Porträt. Ich bewundere Dich für Deine Gabe, Beobachtungen über ganz Typisches, wie es überall vorkommt und man es in jedem Ort erlebt, so treffend, augenzwinkernd, unterhaltsam und wissend zu beschreiben (wie überhaupt bei allen Figuren in Deinen Geschichten).

  4. Ja, sicher. Paradoxe Reaktionen auf Benzodiazepine äussern sich nicht in Logorrhoe, sondern in einer Reihe für die Beteiligten mehr oder weniger unangenehmen Dingen.

  5. Ist die nicht mittlerweile mit Franz verheiratet? Ich weiß es nicht so genau, hab ihn aus den Augen verloren. Als ich ihn das letzte mal sah, hat er noch bei einer älteren Dame auf dem Bauernhof gearbeitet.

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