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Leni Riefenstahl ist Schuld!

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Kurz nach acht im Bestattungshaus, Samstag vor Ostern, normale Menschen sind da in Urlaub, im Bett oder sonstwo, aber nicht im Bestattungshaus, außer vielleicht sie wohnen da, so wie wir.
Gut, wir wohnen nicht direkt im Bestattungshaus, als solches würde ich nur den unteren Teil des Gebäudes bezeichnen, oben drüber ist unsere Wohnung und die hat auch noch einen eigenen Eingang. Wir wohnen also überm Bestattungshaus.
Das hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Der Vorteil: Man hat es nicht weit zur Arbeitsstelle und das ist auch gleichzeitig der Nachteil. Man ist immer zur Stelle, wenn mal was ist. Und wenn man dann noch so veranlagt ist wie ich, dann kann man auch oft nicht loslassen und geht doch noch mal ein Stündchen runter. Meine Frau hat Verständnis dafür, sie weiß, daß es ohne diesen Dauereinsatz fast nicht geht. Wir können uns zwar hundertprozentig auf unsere Mitarbeiter verlassen, aber vielleicht ist das auch zu einem gewissen Teil deshalb so, weil ich eben omnipräsent bin.

Mal abgesehen von Noteinsätzen gilt aber die Regel, daß ich an Sonn- und Feiertagen der Familie gehöre und nur mal eben morgens, wenn alle anderen noch schlafen, nach unten darf. Ich soll dann aber auch immer schön brav mit dem Hund gehen und möglichst die große Runde machen, denn da gibt es hinten, wenn man drei Kilometer Feldweg läuft, eine Tankstelle, die frische Brötchen backt. Davon habe ich dann ein Dutzend mitzubringen und natürlich zwei Croissants, zwei Brezel und für meine Kleine Schokohörnchen.

Renate, die dralle Blonde, die aussieht wie eine Mischung aus der jungen Marlene Dietrich und der alten Leni Riefenstahl, schiebt mir schon eine Schachtel Zigaretten über die Theke, als ich den kleinen Verkaufsraum betrete: „Moin, watt darfes denn sonst noch sein?“

Ich bestelle die Backwaren und wir plaudern ein wenig, es geht nur um belangloses Zeug, ich spiele aber dieses Spiel immer mit und nicke scheinbar interessiert, als Renate mir irgendwas über einen Fußballverein aus Hoffenheim erzählt. Dann, ganz unvermittelt, sagt sie: „Hab‘ aber nur kleine Tüten, datt passt aber schon.“

So bezahle ich, nehme drei zum Bersten gespannte Papiertüten in den rechten Arm, draußen mit der Linken meinen Hund und wir machen uns gemeinsam auf den Heimweg. Seit der Kerl sein Futter immer erst nach dem Spaziergang bekommt, trödelt der nicht mehr so und läuft recht flinken Schrittes gen Heimat.

„Zieh nicht so!“ kommandiere ich, rucke an der Leine und der Hund besinnt sich auf unsere von mir getroffene Vereinbarung, verlangsamt für einen Moment seinen Schritt und die eben noch gespannte Leine erschlafft. Dadurch rucke ich ein wenig nach hinten und komme fast ins Straucheln. Der Hund hat sich über das heruntergefallene Brötchen sehr gefreut.

Ich bin ja auch blöd, da halte ich den Hund mit links, dabei bin ich Rechtshänder, also wechsele ich die Leine gekonnt in die andere Hand und balanciere die Brötchen auf den anderen Arm.
Nein, ich bin nicht ungeschickt, das erkennt man vor allem daran, daß mir nur eine der drei Tüten runtergefallen ist.

Natürlich ist die zerrissen und natürlich kullern die Brötchen meterweit, genauso natürlich würde mein Hund ja niemals etwas fressen, wenn ich es ihm nicht erlaube, der ist schließlich gut erzogen. Wenn aber ein Brötchen quasi direkt in sein Maul fällt, ja dann ist es mit der Erziehung natürlich vorbei. Gut, er ist schon ein bißchen dem Brötchen entgegengehüpft, würde ich ja auch tun, so als Hund. Ist ja klar, daß das doof ist, mit einem hüpfenden Hund und noch zwei Brötchentüten auf dem Arm. Genauergesagt mit nur noch einer Brötchentüte…

Ich meine, der Kerl ist ja nur halb so groß wie ein Kalb und wiegt, neueren Erkenntnissen beim Tierarzt zufolge, 38 Kilogramm.

Nebenbei bemerkt habe ich mich auch auf diese Viehwaage im Wartezimmer des Arztes gestellt, woraufhin ich einen Anpiff der Sprechstundenhelferin kassierte, wie denn ein vernünftiger, erwachsener Mann so doof sein könne, da stehe doch schließlich, daß das Maximalgewicht 110 Kilo sei und dann schaute sie mich abschätzend und abschätzig an und meinte: „Sie könnten ja mal ein Bein draufstellen, das dürfte gehen.“ Frechheit!
Meine Kinder hatte ich einmal dabei: Die Tochter ergab 57 Kilo, der Sohn brachte es auf über 70. Die sind zu moppelig die Kinder. „Quatsch“, sagte die Kleine, „Du bist viel moppeliger!“
„Das ist nur wegen meines Alters“, rechtfertigte ich mich und die Kleine schaute vorwurfsvoll in Richtung eines geradezu ausgemergelten Methusalems, der mit einem Papagei im Käfig hereinkam.
Nochmals: Frechheit! Man müßte es magersüchtigen Rentnern verbieten, sich in der Nähe von Viehwaagen aufzuhalten. Der hat bestimmt Krebs oder Magenschwund oder einen Schrumpfdarm.

„Wenn man etwas auf den Rippen hat, friert man im Winter nicht so leicht und wenn man mal krank wird, hat man mehr Reserven“, belehrte ich meine Tochter.

Mußte sich der Methusalem ausgerechnet jetzt ins Gespräch einmischen: „Ich wiege nur 52 Kilogramm und bin seit 67 Jahren nicht einen Tag krank gewesen. Ich esse nur weichgekochten Blattsalat und hartgekochte Eier, aber niemals das Eigelb!“

Man konnte sehen, wie diese Botschaft von den Ohren bis ins Hirn meiner Tochter vordrang und bei der Vorstellung an gekochten Kopfsalat und hartes Eiweiß sah sie quasi vor ihrem geistigen Auge alle Leckereien, denen ja auch sie nicht abhold ist, schwinden und meinte dann: „Eigentlich finde ich dickere Männer viel schöner.“
Gutes Kind!

Zurück zu meiner letzten verbliebenen Brötchentüte: Ich ziehe also den mittlerweile kugelrunden und gehorsamen Labrador hinter mir her, der nicht mitkommen will und dessen Nase, wie eine Kompassnadel, immer in Richtung der am Boden im Dreck noch verstreut herumliegenden Brötchen zeigt. Egal, jetzt will ich nach Hause, die verbliebenen Brötchen reichen gerade so eben für die Kinder, ich werde einfach behaupten, alles andere sei ausverkauft gewesen.
Hätte der Bauer nicht gestern erst Jauche über die Felder und die Feldwege verstrahlt, hätte ich ja die Brötchen aufgehoben und abgewischt, Dreck reinigt bekanntlich den Magen, aber da machen auch immer viele Hunde hin und einen Fuchsbandwurm will ich auch nicht. Obwohl, das habe ich mir sagen lassen, so ein angeblicher Bandwurm immer eine besonders gute Ausrede ist, wenn man viel essen möchte…

In unserer Straße kommt mir eine Rotte rosafarbener Frauen entgegen. Sie müssen irgendeiner kriegerischen Gruppe angehören, denn sie sind mit jeweils zwei Spießen bewaffnet. Nichtmal ansatzweise machen sie den Versuch mir auszuweichen, nein ich muß das tun, den Hund an der Leine mit mir ziehend und meine Brötchentüte balancierend. Normalerweise ist mein Hund ganz friedlich, aber ganz im Sinne Robert Lembkes fragt er sich offenbar: „Welches Schweinderl hätten sie denn gerne?“ und will eine dieser rosafarbenen Spießrutenläuferinnen reißen. Zumindest kläfft er die mit dem dicksten Hintern an, zieht an der Leine wie ein Ochse und während die Rosafarbenen ihrer Entrüstung ob des ungezogenen Tieres Ausdruck verleihen, lasse ich die letzte Brötchentüte fallen.
Gut, ich gehe nie wieder zu Fuß Brötchen kaufen, das war das letzte Mal! Wer weiter läuft als sein Auto lang ist, ist ein Jogger und von Sport halte ich nichts.

Kommen wir zurück zum Anfang der Geschichte: Kurz nach acht im Bestattungshaus. Normale Menschen sind da zu Hause, ich aber komme vom Gassigehen, ohne Brötchen nach Hause und treffe im Büro auf Antonia. Die hat die Stöpsel ihres MP3-Players im Büro vergessen, freut sich riesig, mich zu sehen und bietet mir einen Cremekrapfen an.

„Du hast frische Backwaren?“ frage ich interessiert und Antonia nickt kauend: „Klar, ich war doch eben beim Bäcker Sonnenmüller, ich habe die ganze Rückbank meines Autos vollliegen, für die ganze Familie.“

„Du lebst doch alleine“, wende ich ein.

Sie nickt und meint: „Es könnte ja jemand kommen.“

„Du könntest mir aber auch was davon verkaufen.“

„Nö, kann ich nicht, ich brauch‘ die Sachen.“

Ich winke mit einem Zwanziger und Antonia besinnt sich. Wenn man den Unterschied zwischen Lichtgeschwindigkeit und Schallgeschwindigkeit wissen möchte, muß man sich nur anschauen, wie schnell der Zwanziger aus meinen Händen verschwunden ist.

Wenig später decke ich oben den Frühstückstisch. Sicher, es ist etwas ungewöhnlich, es gibt nur Cremekrapfen und mit Eierlikör gefüllte Berliner, aber ich könnte ja meiner Frau gegenüber behaupten, das sei ein altes Osterritual in meiner Familie oder ich behaupte mal wieder, ich dürfe aus religiös-spirituellen Gründen am Karsamstag nur sowas essen, quasi als besonderes Zeichen innerhalb der Fastenzeit.
Sie wird es mir sowieso nicht glauben und sie wird mir, wie immer, auf den Kopf zusagen können, daß mir die Brötchen alle runtergefallen sind. Ich weiß nicht wie sie das macht, aber sie kriegt immer alles raus, wenn sie es nicht sowieso schon weiß…

Peter Wilhelm 28. Mai 2012


19 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Holmes, das Rätsel ist gelöst:
    Ihre Frau weiß immer alles, weil sie hier im Blog mitliest und dann Ihre innersten Gedanken kennt.
    Oder der Hund hat Sie verpetzt, das könnte auch sein…
    Oder sie war heimlich innerhalb des rosa Kampfgeschwaders, glaube ich aber eher nicht, weil Ihr Hund ja die mit dem umfangreichsten Gesäß angebellt hat und das kann unmöglich Ihre Frau sein… Oder es war eine gute Tarnung.

  2. Deine Frau muß doch nur einmal den Labrador anschauen und dann weiß sie, was mit den Brötchen passiert ist.

    LG, Inga

  3. Man(n) könnte alternativ auch einen Stoffbeutel dabei haben, wenn man Brötchen holen geht. Muss man aber nicht. 😉

  4. Hab mich genau einmal auf so einen „Das geht ja wohl auch in kleinen Tüten“-Deal eingelassen.
    Seitdem gilt: Entweder die können ihre Backwaren vernünftig einpacken oder behalten.
    Und faszinierenderweise: Wenn der Umsatz aufgrund so eines lächerlich kleinen Problems gefährdet ist stehen überraschend schnell wieder vernünftige Tüten zur Verfügung.
    „Oh, normale Särge haben wir nicht mehr. Darfs auch ein Kindersarg sein?“ – undenkbar.
    So eine Bäckerei ist ja nun nicht sooo komplex und unübersichtlich und solche Tüten auf Vorrat zu halten kostet weder viel Geld noch viel Platz.

  5. Diese Kurzgeschichte passt perfekt in die neue Kategorie „Pleiten, Pech und Pannen“ 😀

    Danke für den guten Start in den Samstag 🙂

  6. das hätte ich gern gesehen. Geschichten die das Leben schreibt.

    Aber davon abgesehen Deine Gattin kennt Dich in- und auswendig. Und den Trick mit den Socken hat sie auch bemerkt, sie hat nur mitgespielt und Dich in dem Glauben gelassen es nicht bemerkt zu haben das du die Socken nicht gewechselt hast. Den eigenen Männern sieht man ihre ganzen Geschichten und die kleinen Schwindeleien an der Nasenspitze an. Das nennt man Liebe =) Kluge Frauen machen mit und machen wegen solchen Dingen keinen Krach.

  7. @#5: meine Rede (bzw mein erster Gedanke). Wenn man weiß, dass man einkaufen geht, kann man ruhig leere Textilfaltbehälter mit sich führen

  8. Drei Kilometer hin, drei zurück. An der Tanke noch einen Kaffee trinken wie Schmidt-Waury. Bis ich da wieder zurück wäre, kämen die Brötchen gerade recht zum Abendessen. Dann lieber das Navy anmachen und mit dem Auto fahren.

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