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Soll man es ihnen sagen?

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Ich erinnere mich an einen Fall, in dem sich ein junger Mann in eine Produktionsmaschine hat fallen lassen, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Ein Abschiedsbrief zeigte, daß das kein Arbeitsunfall war.
Diese Maschine war eine sehr lange und große Maschine mit einem Zerkleinerungswerk, vielen Förderbändern und Walzen.
Bemerkt wurde der gräßliche Vorfall erst, als am Ende der Maschinenstraße die dort beschäftigten Frauen Blut und Gewebeteile „angeliefert“ bekamen.
Der große rote Not-Knopf wurde sofort gedrückt, die Maschine stand still. Polizei, Kriminalpolizei, Notarzt, Feuerwehr … das volle Programm.
Die Feuerwehr und Mitarbeiter der Firma mußten die Maschinen zum Teil zerlegen, um den Verstorbenen, bzw. das was von ihm übrig geblieben war, bergen zu können.
Bei allem Sachverstand und aller Fertigkeit war hier an eine offene Aufbahrung des 29-jährigen nicht zu denken.

Es liegt auf der Hand, daß die Familie des Verstorbenen sich in einer ganz besonders aufgewühlten emotionalen Situation befand und da darf man nicht jedes ihrer Worte auf die Goldwaage legen.
Man kann den Angehörigen die Art der Bergung des Verstorbenen nicht in allen Einzelheiten erzählen. Das hat weder die Polizei, noch die Firma gemacht. Man sprach offiziell nur von einem Unglücksfall und gegenüber der Familie beließ man es dabei, ihnen zu sagen, der Junge sei aus großer Höhe auf die Maschine gesprungen und die sei sofort stehengeblieben, leider zu spät.
Die Verantwortung, den Angehörigen, die Wahrheit zu sagen, wollte niemand übernehmen.

Aber wie das in solchen Fällen so ist, es sickert immer etwas durch, die Familie machte sich ihre eigenen Gedanken und schließlich hatte man in etwa eine Vorstellung davon, was wirklich geschehen sein könnte.
Es fehlte aber die letzte Gewissheit und es entstanden immer mehr Zweifel. Hieraus erwuchs dann bei den Eltern des jungen Mannes der Wunsch, den Verstorbenen unbedingt noch einmal sehen zu wollen.
Man wollte sich, obwohl man ahnte, daß das nicht so war, davon überzeugen, daß der Leichnam intakt war …

Wieder einmal blieb es an uns hängen, die unangenehme Botschaft zu überbringen. „Ja, jemand muß es der Familie sagen, am besten machen Sie das!“, sagte einer der Kriminalbeamten vorher und hob nur hilflos die Schultern.

Wie löst man so etwas? Der Bruder der Mutter, also der Onkel des Verstorbenen, hielt sich die ganze Zeit bei der Beratung in unserem Haus sehr zurück. Er machte einen sehr gefestigten und vernünftigen Eindruck.
Bei passender Gelegenheit nahm ich ihn beiseite und begann vorsichtig vorzufühlen.
Dann sagte er: „Ich bin Maschinenbauingenieur. Ich weiß was in dieser Fabrik gemacht wird und ich kann mir ziemlich genau vorstellen, daß von N. nicht viel mehr übrig ist als eine Tüte Hackfleisch.“

„Und? Haben Sie mit den anderen Familienmitgliedern darüber gesprochen?“

„Nein. Ich habe bis jetzt gedacht, daß es besser wäre, nichts zu sagen. Sollen sie N. doch so in Erinnerung behalten, wie er war. Aber jetzt mache ich mir Sorgen um meine Schwester und meinen Schwager. Die sind so darauf aus, jetzt alles ganz genau zu wissen, die bringen es fertig nachts mit einer Schaufel auf den Friedhof zu gehen …“

„Um Himmels Willen! …“

„Ich weiß auch nicht, warum die jetzt so spinnen.“

„Die spinnen nicht. Ihre Schwester und ihr Mann haben ihren Sohn verloren, einen jungen Mann, auf den sie ihre ganzen Hoffnungen projiziert hatten und der nun von jetzt auf nachher einfach weg sein soll. Von seinem Tod haben sie nicht mehr mitbekommen, als ein paar dürftige Schilderungen, Ausflüchte und Lügen. Da beginnen die Menschen zu suchen und zu forschen. Was ist da wirklich passiert? Sie wollen das Unfassbare im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, den Verstorbenen noch einmal sehen und anfassen. Außerdem war es ein Suizid. Da stellen sich dann noch ganz andere Fragen. Tragen wir eine Mitschuld? Was ist mit ihm genau geschehen?.“

„Ich merke, Sie kennen sich aus und haben sich mit der Thematik beschäftigt. Was ist denn das Schlimmste, was passieren kann?“

„Wenn sie so viele Zweifel und Fragen aufbauen, daß sie zu dem Punkt kommen, zu behaupten, das sei gar nicht ihr Sohn, der da ums Leben gekommen ist.“

Mutter und Vater unterbrachen unser Gespräch, indem sie näher kamen. Der Onkel nahm mit einem wissenden Augenzwinkern eine unserer Visitenkarten vom Tisch und rief am späteren Tag bei mir an.
Er habe hin und her überlegt, meinte er, sei aber nur zu dem Ergebnis gekommen, daß man irgendwas machen müsse; was das aber sei, das wisse er nicht.

Ich schlug ihm vor, gemeinsam mit den Eltern den geschlossenen Sarg in einer unserer Aufbahrungszellen zu besuchen. Wir würden ein Foto von dem Verstorbenen auf einer Staffelei neben den Sarg stellen, um so einen direkten Bezug zwischen Sarg und N. herzustellen.
Die Idee fand er prima und ihm fiel dann noch etwas ein, was wir auch umsetzten.

Am Nachmittag des nächsten Tages kam er dann mit seiner Schwester und seinem Schwager und Frau Büser und ich begleiteten die drei Herrschaften in eines der Aufbahrungszimmer.
Etwa schräg, zwischen den Lorbeerbäumchen stand der helle Sarg, verschlossen natürlich. Und zwar hatten wir ihn nicht mit den üblichen Sargschrauben, die oben einen Knebel haben, verschlossen, sondern mit messingfarbenen Senkkopfschrauben, die deutlich zeigten, daß dieser Sarg zu ist und zu bleibt.

An der Wand hing das Fußballtrikot des Jungen, neben dem Sarg stand sein Foto und aus den Lautsprechern spielte seine Musik.
Mit versteinerten Gesichtern betrachteten die Eltern das und für eine Sekunde huschte ein verärgerter Ausdruck über das Gesicht des Vaters. Doch dann ging seine Frau zum Sarg, streichelte über das Holz und sagte den Namen des Jungen.
Der Onkel und ich schauten uns an und nickten uns unmerklich zu.
Dann trat der Vater zu seiner Frau und die beiden hielten sich weinend in den Armen.
Nach einer Weile löste sich der Vater aus der Umarmung, ging zu der Staffelei mit dem Foto des jungen Mannes und stellte es auf den Sarg. „Da muß es hin!“ kommandierte er und bestätigte für sich selbst: „Jawoll!“

Frau Büser und ich zogen uns zurück und ließen die Familie alleine.

Zwanzig Minuten später kamen sie in die Halle und waren dankbar, sich noch einen Moment setzen und Kaffee trinken zu können. Die Eltern waren wie ausgewechselt und sprachen mit dem Onkel über gemeinsame Erlebnisse mit dem Jungen. „Weißt Du noch, wie wir bei Dir zu Besuch waren und Du mit ihm mit dem Faltboot auf die Nordsee rausgefahren bist? Umgekippt seid ihr und ich habe Todesängste ausgestanden. Und was hat N. gesagt: ‚Mama, mach dir nicht in die Hose, ich habe doch das Seepferdchen-Abzeichen.“
Man lachte.
Es war ein schmerzhaftes Lachen, ein von Trauer geprägtes Lachen, aber endlich hatte die Familie einen Bezug zwischen diesem Etwas im Sarg und ihrem Sohn hergestellt.

„Ich glaube“, sagte der Onkel leise zu mir, „man muß denen nichts mehr sagen. Jetzt ist es N., der im Sarg liegt und so soll es auch bleiben. Wenn die später mal wieder zu fragen anfangen, dann ist die erste Trauer vorbei und dann will ich sehen, was ich denen erzähle.“

Peter Wilhelm 27. Juni 2014


6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Super Artikel, der sicherlich dem einen oder anderen in der Situation des Onkels sehr helfen wird ein Drama zu verhindern

  2. In Zeiten des Internets finden sich dann immer noch ein paar Blödmänner, die darüber irgendwo in allen Einzelheiten diskutieren.

    Ich erinnere mich noch an den Unglücksfall bei Erasco in Lübeck, wo ein Mitarbeiter zum Reinigen in einem Kochkessel war und der dann startete.
    Das ging auch rauf und runter im ganzen Internet und es wurde darüber gewitzelt. Die Angehörigen wollten das natürlich nicht und wehrten sich. Aber die User zeigten wenig Pietät.

    Es war auch in der Presse einmal um die ganze Welt. ich war, als es bekannt wurde, gerade in Melbourne und wurde gleich darauf angesprochen, so etwa mit der Frage: „Gerade ihr Deutschen habt so schlechte Sicherheitsvorkehrungen, wir können uns das von Euch nicht vorstellen“.

  3. Es schockiert mich zu lesen, dass man den Eltern eines Kindes verschweigt, wie es zu Tode gekommen ist. Das ist für mich als Mutter die schlimmste Vorstellung, dass andere, auch fremde Leute mehr über den Seelenzustand meines Kindes wissen als ich und sich sogar hinter meinem Rücken darüber unterhalten, um mich zu „schonen“. Ich finde das entwürdigend.

    • Na, die Eltern wissen ja schon, dass es ein Selbstmord war, den Gemütszustand des Jungen kennen sie also. Was sie sich nicht unbedingt bildlich ausmalen müssen ist, was die Maschine mit dem Körper des Jungen angestellt hat.

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