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Tante Rosa

Von

Tante Rosas Beerdigung stand unter einem schlechten Stern.
Die Vorzeichen dafür kündigten sich schon beim ersten Gespräch mit den Angehörigen im Bestattungshaus an.
Die verwitwete, 67 Jahre alte Dame war an Krebs verstorben und zur Regelung der Angelegenheiten waren ihre Schwester und ihr Mann zu uns gekommen.
Das war deshalb verwunderlich, weil Rosa Kuhnert einen Sohn, eine Schwiegertochter und zwei Enkeltöchter hatte.

Eigentlich hätte man erwartet, daß der Sohn sich kümmern würde, aber das tat er nicht.

Das tat er deshalb nicht, weil die Schwester Anna und der Schwager Berthold sich in den letzten Wochen aufopfernd um die Sterbende gekümmert hatten, was dem Sohn Hans und seiner Frau Marianne ein Dorn im Auge war.
Während Anna und Berthold das aus inbrünstiger Selbstverständlichkeit und christlicher Nächstenliebe taten, stellten es Hans und Marianne so hin, als sei das reine Erbschleicherei.

„Die sind doch nur um meine Mutter herumgeschlichen, weil die was erben wollen“, sagte er am Telefon zu mir. Ich mußte ihn anrufen und mit ihm sprechen, denn als Sohn war er der Bestattungspflichtige und somit auch Bestattungsberechtigte und da kann dann nicht einfach so jeder andere Verwandte kommen und die Beerdigung bestellen, zumal Anna und Berthold mehrfach betont hatten, sie wollten nur alles anstoßen, aber keinesfalls dem Sohn vorgreifen und schließlich müsse der ja auch alles bezahlen.

So lag die Verstorbene bei uns in der Kühlung, Anna und Berthold kamen jeden Tag, um sie zu besuchen und Hans warf mir nur eine Vollmacht und einige unterschriebene Formulare in den Briefkasten.
Ja, ja, er wolle sich um alles kümmern, habe aber im Betrieb so viel um die Ohren …

Sehr rasch gelangte ich zu der Überzeugung, daß er auch in der Zeit, als seine Mutter ständige Betreuung und Begleitung beim Sterben benötigte, lieber im Betrieb war. Dieser Eindruck wurde vor allem durch die Tatsache genährt, daß Marianne, seine Frau, die Tage des Sterbens ihrer Schwiegermutter auf einer Schönheitsfarm zum Botox-Spritzen verbracht hatte.

Anna sagte: „Da gibt es eine Sterbegeldversicherung, die meine Schwester seit dem Krieg hat, und die müßte eigentlich inzwischen so viel abwerfen, daß eine anständige Bezahlung der Beerdigung möglich ist, ohne daß Hans etwas dazuzahlen müßte. Der kümmert sich ja um nichts. Die Wohnung meiner Schwester muß ausgeräumt werden, das hängt jetzt alles an uns, und wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Rosa hat uns eine Vollmacht über den Tod hinaus erteilt, uns um alles zu kümmern, die muß geahnt haben, was der Hans für’n Vogel ist.“

So organisierte ich, mit einem flauen Gefühl in der Magengegend, die Beerdigung so, wie es Anna und Berthold beauftragten. Messe in der Kirche, anschließend Gang zum Friedhof, kurze Zeremonie in der Trauerhalle, Gang zum Grab, Beisetzung im Grab des längst verstorbenen Ehemannes. Alles im sparsamen, aber würdevollen Rahmen.

Freitag sollte die Beerdigung sein und am Donnerstagmorgen erschien besagter Hans tatsächlich, mit seiner etwas aus den Formen geratenen blondierten Frau bei uns im Bestattungshaus. Als ich Marianne das erste Mal sah, schoß mir nur ein Gedanke durch den Kopf: „Miss Piggy lebt!“

So, jetzt sei ja alles vorbereitet und nun könne er als Sohn ja die endgültigen Verfügungen treffen, verkündete Hans.
„Ja, es geht ja nicht, daß Wildfremde sich um alles kümmern!“, strahlte mich Marianne an.

„Wildfremde?“, gab ich zu bedenken: „Das sind die Schwester und der Schwager …“

„Schon, aber denen kommt es nur auf das Erbe an“, schimpfte Hans.

„Ja, hat Ihre Mutter denn so viel zu vererben?“

„Das nicht, aber sie hat eine noch recht neue Waschmaschine und einen neuen Fernseher!“

„Das ist ja mal ein tolles Erbe!“, entfuhr es mir.

Hans bestimmte, daß die Trauerfeier unter Ausschluß aller ihm mißliebigen Personen stattfinden müsse. Dazu legte er mir eine Liste vor, die er und Marianne erarbeitet hatten.
Die Liste umfaßte rund 40 Namen.

„Das sind aber viele Leute!“

„Ja, und die dürfen alle nicht kommen, alles Erbschleicher!“, rief Marianne.

Hans fügte hinzu: „Die kommen wir weder in die Kirche, noch in die Trauerhalle auf dem Friedhof.“

„Hm“, begann ich meine Bedenken zu äußern: „In der Kirche hat der Pastor das Hausrecht und da ihre Mutter auf den katholischen Friedhof kommt, wird das auch für die Trauerhalle so sein.“

„Bedeutet das, daß diese ganzen Leute dann einfach so kommen können?“, fragte Marianne und tippte mit langen, künstlichen Fingernägeln auf die Liste.

Ich nickte einfach mal und das brachte die beiden dazu, miteinander zu tuscheln. Nach ein oder zwei Minuten wandten sie sich wieder mir zu und Hans erklärte feierlich: „Hiermit nehme ich meine Eigenschaft als Hausherr des AWO-Hauses in Anspruch. Ich habe nämlich von der AWO einen Saal mit Küche gemietet und dort werden wir die Beerdigung feiern. Alle diese Leute auf der Liste haben keinen Zutritt!“

Der Freitag kam und nach einer brütend heißen Sommernacht, die nur naßgeschwitzte Kissen und Laken hinterlassen hatte, begann auch dieser Tag schon sommerlich schwül. Bis zum Mittag, als die Glocken zur Messe für Tante Rosa läuteten, war das Thermometer auf über 30 Grad gestiegen.
Es war erstaunlich, wie viele Verwandte Tante Rosa hatte, bestimmt achtzig Personen waren gekommen, fast alles ältere Leute und sehr viele traditionell in Schwarz.
Bei der Messe glänzten Hans und Marianne durch Abwesenheit.
Der Pastor redete etwas langatmig, aber das störte keinen, denn in der Kirche war es angenehm kühl und so mancher hatte schon beim Warten vor der Kirche einen roten Hitzekopf bekommen.
Dann endlich sprach er den Segen und die Trauergäste verließen die Kirche. Die Sonne brannte auf die Schwarzgekleideten herab, einige standen etwas abseits beisammen und rauchten, während man auf die Verwandten mit den Wagen wartete, die den Transport zum Friedhof übernehmen sollten.
Zuletzt verließ ein rundlicher, kleiner Mann die Kirche, der mir die ganze Zeit schon wegen seines hochroten Kopfes aufgefallen war. Sein Hemd und sein Anzug waren so eng, daß sich der Hemdkragen regelrecht in den Hals einschnitt.
Wenn der Mann redete oder den Kopf drehte und sich der Hals im Hemdkragen bewegte, sah man, daß dort weiße Linien davon kündeten, wie eng der Kragen war.
Der Gute hatte wohl nur diesen einen, schon längst zu eng gewordenen, Beerdigungsanzug.

Als er also nun vor die Kirche trat, griff er mit der linken Hand nach der Zigarettenschachtel in der Anzugtasche, mit der rechten Hand an seine Brust, stöhnte einmal ächzend auf und fiel wie ein nasser Sack platschend aufs Gesicht.
An der Art, wie sein Kopf auf den Boden aufschlug, gab es für mich keinen Zweifel daran, daß der Mann bereits tot war, als er aufschlug.

Was eine Aufregung!

Cousin Johannes war Arzt und tat, was Ärzte in solchen Fällen wohl tun, aber weder er, noch der kurz darauf eintreffende Rettungswagen mit Notarzt konnten dem Rotgesichtigen helfen.

Ich sagte ja schon eingangs, daß der Tag von Rosas Beerdigung unter keinem guten Stern stand.

Nach dem Abtransport der Leiche und nachdem man die Witwe des eben Verstorbenen vorübergehend beruhigt hatte, sollte die Trauerfeier auf dem Friedhof und die Beerdigung von Tante Rosa fortgesetzt werden. Danach würde man den Rotkopf betrauern.

Nun war es durch den Vorfall vor der Kirche zu einer zeitlichen Verzögerung gekommen, die nicht weiter ins Gewicht fiel, weil der Pfarrer auch nicht zum Friedhof gefahren war, sondern bei den aufgeregten Angehörigen gestanden hatte.
So kam es, daß Hans und Marianne und ihre beiden Töchter alleine auf dem Friedhof beim Sarg von Rosa gewartet hatten und dann das Nichteintreffen der Beerdigungsgesellschaft, die sie mit Nichtachtung strafen wollten, für ein gemeines Komplott hielten. Wutentbrannt hatten sie noch einmal in Richtung des Sarges nickend von der Verstorbenen Abschied genommen und waren dann ins AWO-Haus gefahren.

Doch während man sich vor der Kirche noch sortierte und den Schrecken über den plötzlichen Tod des Roten verarbeitete, wobei ein herumgereichter und mehrfach nachgefüllter Flachmann mit Weizenkorn gute Dienste leistete, war man allgemein übereingekommen, daß man das Auseinandersortieren in Willkommene und Nichtwillkommene nicht mittragen wollte.
Hans und Marianne hatten nämlich Totenbriefe verschickt und nur bei ausgewählten Gästen eines der ansonsten so begehrten Kaffeekärtchen beigelegt.

„Quatsch!“, verkündete Anna, „Wir gehen alle zu uns, wir haben Platz genug und Kaffee und Kuchen habe ich auch, wir kaufen einfach noch Kuchen beim Bäcker, dann langt’s für alle.“

Berthold erklärte mir, ich müsse mich nicht wundern, daß trotz des plötzlichen Sterbefalls vor der Kirchentür alles einen Gang gehe. „Wir sind alle zwischen 65 und 97 Jahre alt. Da stirbt in dieser großen Familie eigentlich fast jedes Vierteljahr einer. Was soll man machen? Muß ja weitergehen.“

Und so ging es weiter. Trauerhalle, kurzes Gedenken am Sarg, Gang zum Grab, Schäufelchen Erde drauf und dann zu Anna und Berthold.

Deren Wohnung muß an diesem Tag sehr voll gewesen sein.
In unserem Kühlraum lag der Rotgesichtige, der jetzt allerdings nicht mehr ganz so rot war; und im AWO-Haus saßen Hans und Marianne und ihre beiden Töchter mit ganzen zwei Gästen bei etwa 12 Quadratmeter Blechkuchen und einem Hektoliter Kaffee.

Am späten Nachmittag kam eine, nicht mehr ganz nüchterne Abordnung der Familie zu mir und verkündete, der Rotgesichtige könne so in seinem Anzug bleiben, einen besseren habe er gar nicht, und man könne ihn so einsargen und in die Nachbarstadt überführen. „Wir machen da nur noch eine Messe und dann ruckzuck das am Grab. Wir feiern heute schon für den mit.“

Montags drauf kamen Hans und Marianne zu uns, um sich zu erkundigen, ob von der Sterbegeldversicherung das Geld schon da sei und ob eventuell was übrig geblieben sei.
Da erst erfuhren Sie, daß auf der Beerdigung ihrer Mutter jemand gestorben sei.
„Das ist dann ja Onkel Werner!“, rief Hans erstaunt und seine Frau schüttelte nur ihr blondes, aufgelocktes Haar und meinte: „Die scheuen auch vor nichts zurück, um einem den Tag zu versauen!“

Peter Wilhelm 16. Juni 2014


12 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Da kann ich wirklich nur sagen: Es gibt solche und solche Leute, aber leider oft mehr solche als die anderen 🙂 – Ich sage das aus eigener Erfahrung. Nun gut, es war nicht die eigene Bestattung, aber die des liebsten Menschen, den ich je hatte – und da gab es einen ähnlichen Familieneklat und zwei geteilte Lager. Noch fast 20 Jahre später läuft mir ein Schauer den Rücken herunter, um was für läppische Erbgutsachen man sich doch streiten kann. Damals war ich heilfroh, dass der Tote sein gutes Bild über seine Kinder nicht revidieren musste.

    • Och, die meisten Hinterbliebenen scheinen sich ja ganz einig gewesen zu sein…

      Salat

      • Ja, tut mir nur um die Kinder leid, die müssen den Eindruck gehabt haben niemand mochte ihre Oma.

  2. Na der rote Kopf Mann hat sich die Beerdigung wirklich zu Herzen genommen. Alle Achtung, das nenn‘ ich mal Miteifern.

  3. Wenn man bei derer Hitz so einen Rotkopferten hat, sollte man dem nahelegen, sich besser eine Weile kaltes Wasser über die Handgelenke laufen zu lassen, um sich abzukühlen.

  4. Immer mal wieder interessant zu lesen, was so möglich ist. Im eigenen Erleben denkt man ja oft, eine Steigerung von Geldgier und Geiz sei nicht mehr möglich.

  5. Ich möchte an dieser Stelle dezent darauf hinweisen, dass hier in der Gegend „Tante Rosa“ bzw „Besuch von Tante Rosa“ eine Umschreibung für Periode ist und ich eine ziemlich widerliche Story erwartet habe

    • Hm, und dann war es eine so schöne Geschichte…nicht wirklich. Aber wie man sieht, haben die Hinterbliebenen mit den Füßen abgestimmt…bis auf den, der nicht mehr konnte.

      Bei „Tante Berta“ (die mit der großen Brille) hätten jetzt sicher auch manche an was „widerliches“ gedacht 😀

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