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Zicke

Die Kundin steht vor dem Regal mit den Urnen, schaut einmal, also wirklich ganz genau einmal mit einem sehr oberflächlichen Blick über die ausgestellten Aschengefäße und sagt: „Was für häßliche Pötte!“

Na gut, die ist in Trauer, schließlich ist ihre 86-jährige Tante gestorben, die sie seit 8 Jahren nicht gesehen hat. So eine nahe Bindung und tiefe persönliche Beziehung reißt einen dann natürlich in ein tiefes schwarzes Loch der Trauer und ganz sicher hat das Sich-um-die-Bestattung-kümmern nichts mit dem in der Vorstadt stehenden 2-Familienhäuschen zu tun, das es jetzt zu erben gibt.

Aber häßliche Pötte? Naja, die Geschmäcker sind verschieden aber immerhin haben wir soviele Urnen, daß irgendeine gefallen sollte.

„Haben Sie nicht noch andere?“

„Sicher, wir können gerne mal zusammen in den Katalog schauen, da haben wir noch ein paar mehr, die kann ich dann kurzfristig besorgen.“

„Gut, tun Sie das!“

„Ich meinte eher, daß wir erst schauen, Sie sich für ein Modell entscheiden und ich dieses dann besorge.“

„Nein, nein, sooo kommen wir nicht zusammen, da bin ich nicht bei Ihnen, ein Stück weit sollten Sie sich doch schon bemühen. Bestellen Sie mal eine schöne Auswahl und wenn die da ist, komme ich wieder vorbei und schaue, ob da dann endlich was dabei ist.

„Das tut mir leid, so geht das bedauerlicherweise nicht. Wir haben 46 verschiedene Modelle hier in der Ausstellung und etwa nochmal so viele zusätzlich im Katalog. Sie müßten sich schon entscheiden.“

„Gibt es hier noch jemand anders, der was zu sagen hat?“

„Nee, ich bin hier der Chef.“

„Bedauerlich, sehr bedauerlich. Ich denke als gute Kundin kann ich es erwarten, daß Sie mal den Hintern wackeln lassen und hopp, hopp, hopp was Schönes für mich besorgen.“

„Sie haben die anderen Modelle im Katalog ja noch nicht angeschaut, wenn da gar nichts dabei sein sollte, können wir noch unten im Lager schauen und eventuell sogar eben gemeinsam zum Großhändler fahren, das ist nicht so weit und der hat dann über 200 Modelle zur Auswahl.“

„Das ist ja alles gut und schön, ich will mich jetzt aber mit dem lästigen Thema nicht weiter beschäftigen, Sie glauben ja gar nicht was ich noch alles zu tun habe.“

„Sie werden es ebenfalls kaum glauben, aber ich habe auch noch jede Menge zu tun…“

„Ja, was soll das denn heißen? Sie sind es doch der mir unbedingt eine Urne verkaufen will und dann haben Sie keine da!“

„Wie bitte? Ich sagte vorhin schon einmal, daß Sie überhaupt keine Urne benötigen, die Asche kommt in einer schwarzen Aschenkapsel vom Krematorium und diese urnen hier sind nur Schmuck- und Überurnen. Außerdem können Sie nicht sagen, daß wir keine Auswahl haben.“

„Schwarz? Diese Aschendose ist schwarz?“

„Ja, ganz genau.“

„Gibt es die auch in Blau?“

„Nein.“

„Können Sie bitte mal jemanden fragen, der sich auskennt?“

„Ich kenne mich aus, die gibt es hier nur in Schwarz.“

„Würden Sie trotzdem mal nachfragen, ja?“

„Ich brauche da niemanden zu fragen, ich würde ohnehin heute dort niemanden erreichen.“

„Sie wollen also gar nicht? Sie haben gar keine Lust nicht wahr? Also so kommen wir nicht ins Geschäft, so nicht!“

Die Kundin läßt mich vor dem Urnenregal stehen, läuft durch die Ausstellung, zupft etwas an den Sargdecken herum, streicht mit der Hand über einen Sarg und dann kommt sie wieder zu mir: „Also gut, ich schaue noch einmal über die Urnen.“

Das tut sie dann auch, blickt direkt auf eine dunkelblaue Stahlblechurne in Augenhöhe und sagt: „Ha! Die haben Sie gerade da hingestellt, nicht wahr?“

Normalerweise sollte ich ihr einfach mit der flachen Hand mal auf ihren blöden Hut klopfen oder ihr diese jämmerliche Filzquaste einfach bis über ihre vorlaute Klappe ziehen, aber was macht man nicht alles….
Ich sage gar nichts, die Urne stand die ganze Zeit schon da. Die Kundin kann aber ihre blöde Klappe nicht halten: „So brauchen Sie mir erst gar nicht zu kommen, ich kenne mich aus, ich durchschaue alle Tricks! Mein Mann und ich schauen immer den ‚Ratgeber‘, wir lassen uns nicht übers Ohr hauen. Aber gut, jetzt haben Sie ja eine blaue urne aus dem Hut gezaubert. Warum denn nicht gleich so?“

Tja, ich weiß ja auch nicht. Wenn ich bloß wirklich zaubern könnte! Die hätte ich in eine Schabe verwandelt und dann zersemmelt.

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Peter Wilhelm 28. Mai 2012


18 Kommentare von 141207.

  1. „Na gut, die ist in Trauer, schließlich ist ihre 86-jährige Tante gestorben, die sie seit 8 Jahren nicht gesehen hat. So eine nahe Bindung und tiefe persönliche Beziehung reißt einen dann natürlich in ein tiefes schwarzes Loch der Trauer und ganz sicher hat das Sich-um-die-Bestattung-kümmern nichts mit dem in der Vorstadt stehenden 2-Familienhäuschen zu tun, das es jetzt zu erben gibt.“

    Herrlich. Ich liebe diesen
    Sarkasmus am Morgen…

    Gruss
    S.

  2. „Aber gut, jetzt haben Sie ja eine blaue urne aus dem Hut gezaubert. Warum denn nicht gleich so?”
    also Tom, Du kannst’s doch: so „hopp, hopp, hopp mit dem Hintern wacken“
    .. für sooooo eine gute Kundin!
    .. und wenn dann auch noch ihr Mann aus dem Ratgeber zitiert ..
    *brüllllll* :-)
    Gruss
    Hajo

  3. @Hugelgupf: Nein, Urne schreibt man gross und dass Tom weiss wie man das schreibt, kann man hier jeden Tag nachlesen. Dass er sich auch mal verschreibt, ist ja wohl ganz normal und menschlich. Muss man da dann immer mit beiden Füßen reinhopsen? Dämlich sowas!

  4. „Arroganz ist das Selbstbewusstsein
    des Minderwertigkeitskomplexes.“
    Jean Rostand

    hab ich neulich gesehen, hab mich sofort verliebt in den Spruch

  5. Das man dabei so ruhig bleiben kann? :-) Faszinierend. Ich hätte ich schon nach der ersten Minute den Hals umgedreht. Das sich manche Leute einfach nicht für sich selbst schämen?!?!

  6. Ich habe das Gefühl, dass diese seltsame unfreundliche Person in ihrem Familien- und Bekanntenkreis überaus beliebt ist(/war).

  7. Ich habe es erst als Gute Nacht Geschichte
    gelesen und mich köstlich amüsiert. Nett die
    Vorstellung das die Kundin plötzlich eine kleine
    Schabe ist und dann zerkrümmelt wird.
    Ein kurzes knackendes Krschkrsch und platt isse.
    hübsch. =)

  8. Vor allem reicht dann zur Bestattung eine Streichholzschachtel … hat sich das lästige Problem mit den Urnen also auch erledigt ;-)

  9. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Vielleicht hat sie einflußreiche Freunde, kennt den Oberbürgermeister oder verkehrt gar bei den Nüsselschweifs.
    Was die Schönheit von Urnen betrifft, sah ich vor einigen Tagen beim Bestatter einen grünen Behälter mit Deckel, den ich (kein Scherz) für einen Tischabfallbehälter aus Plastik gehalten habe.

  10. Nettes Mädel.
    Jetzt versteh ich, warum du anonym bleiben willst.
    Sonst potenziert sich das doch, wenn all die freundlicheren Blogleser bei dir reinmarschieren, mit einem herablassenden „ey taker“ auf den Lippen…

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