Alupapier in der Mütze?

Die junge Frau ist in unser Bestattungshaus gekommen, um die Bestattung ihrer Mutter in Auftrag zu geben.

Kaffee?“, frage ich, doch sie zieht die bommellose Pudelmütze aus filziger, grauer Wolle nur etwas fester auf ihren Kopf, schaut mich mit geweiteten Pupillen an, als hätte ich sie gefragt, ob ich mal an ihrem großen Zeh lutschen darf.

Vorsichtshalber wiederhole ich das Wort nicht noch einmal, sondern schwenke auf eine etwas harmlosere Koffein-Variante um: „Tee?“

Sie knetet ihre Finger, die Knöchel werden abwechselnd ganz weiß und dann wieder rot. ‚Das ist die Trauer‘, denke ich und schaue sie fragend an. Irgendwas muß sie auf meine Fragen doch jetzt antworten. Wenn nicht, dann mache ich mit dem Beratungsgespräch weiter.
Es kommt nichts, also schlage ich eine Mappe mit Unterlagen auf, doch dann sagt sie gedehnt: „Sie wissen schon, daß die Kaffeebauern ausgebeutet werden und unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben und arbeiten müssen?“

„Wir haben nur fair gehandelten Kaffee„, sage ich und lächele. Normalerweise haben wir ganz herkömmlichen Kaffee, aber vor ein paar Wochen war ein junger Mann von so einer Bio-Kooperative da und hat uns vier oder fünf Kilo sündhaft teuren, aber fair gehandelten Kaffee verkauft.

„So? Ich mag trotzdem keinen Kaffee. Der ist mir zu bitter und mir bekommt die Gerbsäure nicht.“

„Möchten Sie dann lieber Tee?“, frage ich und füge schnell hinzu: „Zertifiziert, bio und fairtrade!“

„Tee? Nein, der mag zwar bio sein, aber der kommt mit dem Schiff und die Schiffe verdrecken unsere Ozeane.“

„Dann vielleicht ein Mineralwasser?“

„Aber nur ein Stilles hier aus der Region!“

„Wir haben das vom real-Supermarkt.“

„Um Gottes Willen, wissen Sie, wieviel Natrium da drin ist, da bekomm‘ ich ja Schüttellähmung, wenn ich davon nur einen Tropfen trinke.“

„Jetzt schrumpft meine Auswahl aber arg zusammen. Kann ich Ihnen irgendetwas anderes anbieten?“

„Och, so ein schönes Gläschen trockenen Rotwein würde ich nicht ablehnen.“

Nichts leichter als das! Alle möglichen Vertreter bringen immer wieder Wein mit und so haben wir in der kleinen Kaffeeküche einen ganz ordentlichen Vorrat.
Ich gehe also in die Kaffeeküche, schaue in das Regal, in dem kurz nach Weihnachten so an die zwei Dutzend Flaschen Wein lagen und sehe noch ganze zwei Stück.

„Wo issen der ganze Wein?“, frage ich vorne im Büro.

Frau Büser zuckt nur mit den Schultern, sie trinkt nur Trollinger von einem bestimmten Winzer. Antonia trinkt am Liebsten Cola und Mezzo-Mix oder süßen Kakao, den sie, ganz im hiesigen Dialekt Kacka-Oh nennt. Ich sage ja mehr Kakau, habe mir aber das ordentliche Aussprechen des Buchstaben O angewöhnt.
Also fällt mein Blick auf Sandy, die hinter ihrem Bildschirm ganz klein geworden ist, und von der nur noch ein Stück ihres Pferdeschwanzes zu sehen ist.

„Sandy?“

„Jau, Chef?“

„Wein?“

„Wie? Wein?“

„Der Wein aus der Kaffeeküche, wo ist der?“

„War da Wein?“

„Ja, mindestens 20 Flaschen.“

„In der Kaffeeküche?“

„Ja.“

„Bei uns in der Kaffeeküche?“

„Ja, im Regal.“

„Ach der! Ja, der war doch schon kurz vor dem Kippen. Wein muß man richtig lagern, sonst geht er kaputt. Ich habe vorsichtshalber ab und zu mal ne Flasche angetestet, ob sie noch gut ist.“

„Und?“

„Der eine war nicht mehr so richtig gut, den habe ich dann getrunken, bevor Sie sich das antun müssen.“

„Und die anderen 19 Flaschen?“

„Die mußte ich ja dann der Reihe nach auch testen, hätte ja sein können, daß die auch schon verderben.“

„Mit anderen Worten, Du hast in den sieben Wochen seit Weihnachten so an die 20 Flaschen Wein geklaut und ausgetrunken?“

„Harte Worte, Chef, harte Worte! Ich klau doch nicht!“

„Sondern?“

„Ich habe Ihre Frau gefragt.“

„Meine Frau? Die hat mir aber gar nichts davon gesagt.“

„Die hat ja auch mitgeholfen, den Wein auszutrinken!“

Da fiel es mir wie Schuppen aus den Gucklöchern, denn auf einmal wird mir schlagartig klar, warum Sandy und meine Frau in der letzten Zeit so oft die Köpfe zusammengesteckt haben.
Versoffenes Weiberpack!

Na, wenigstens eine Flasche Rotwein war bei den beiden im Regal noch dabei.

Die junge Frau im Besucherraum hatte sich inzwischen Strickhandschuhe angezogen und zwar solche, bei denen vorne die Fingerkuppen fehlen. Schon beim Eintreten bemerke ich, wie kalt es in dem Raum geworden ist.

„Ich hab mal die ganze schlechte Luft rausgelassen und die Heizung runtergedreht“, sagt die Tante und fügt hinzu: „Von den Heizungen geht nämlich Strahlungswärme aus.“

„Ach was!?“

„Ja, die verstrahlt uns völlig unbemerkt.“

‚Du bist auch verstrahlt!‘, denke ich und halte ihr die Flasche Rotwein hin. Sie prüft das Etikett, rümpft die Nase und meint: „Ist ja nicht gerade vom Feinsten, aber was soll’s?“

Wenig später sitzt sie da, entspannt zurückgelehnt und hält ein großes volles Rotweinglas in der Hand.

Ich will wieder auf den Bestattungsauftrag zurückkommen, doch sie unterbricht mich: „Finden Sie es eigentlich korrekt, daß sie mit nicht existierenden Dingen Geschäfte machen?“

„Wieso nicht existierende Dinge? Särge und Urnen sind doch ziemlich real.“

„Die Irrationalität, gepaart mit einer Virtualisierung ihrer Tätigkeit ergibt sich ja auch hauptsächlich nicht aus dem kapitalistischen Übereignen von Produkten gegen Geld, sondern in der Erbringung von nicht greifbaren Dingen, wie Beratung, Betreuung und kaufmännische Tätigkeit.“

„Ach was!?“

„Ja, und dafür sollte man kein Geld verlangen! Wissen und Können sind so wertvoll, das sollte man allen frei und kostenlos zur Verfügung stellen, nur so haben alle etwas davon und die Schwächeren können von den Stärkeren profitieren.“

„Sehr interessant …“

„Durch die Ausnutzung meiner Trauer werden Sie wahrscheinlich auch noch exorbitant hohe Preise für alles verlangen und das dann damit rechtfertigen, daß sie einen Sonderfall des menschlichen Lebens bearbeiten. Und Sterben ist ja wohl was Alltägliches.“

„Nur wenn Sie mehrmals am Tag sterben, sonst bleibt es etwas Einmaliges und damit ist seine Besonderheit durchaus begründet.“

„Ich habe Philosophie studiert!“

„Ich auch.“

„Nee, oder?“

„Doch!“

„Mal was anderes: Kommen die Bäume für die Särge aus nachhaltigem Anbau?“

„Aber sowas von! Wir verwenden ausschließlich Bäume, die an Altersschwäche gestorben sind oder von sich aus vorzeitig aus dem Leben geschieden sind.“

„Was?“

„Ja, wirklich.“

„Sie wollen mich doch jetzt verarschen, oder?“

„Ich bitte Sie! Das würde ich doch im Traum nicht abstreiten!“

„Dann is‘ ja gut.“

„Könnten wir uns jetzt dem eigentlichen Thema zuwenden?“ Ich breite ein paar Formulare vor ihr aus.

„Tja, das ist jetzt wieder so eine Frage. Was ist denn das eigentliche Thema? Ich meine, was ist wirklich wesentlich? Auf was kommt es eigentlich an?“

„Ich meinte das Thema: Bestattung ihrer Frau Mutter.“

„Schauen Sie, das ist es ja. Uns ist allen nur ein gewisses Potential an Strahlzeit gegeben, die wir eines Tages mit der Pyramidenelle uns werden bemessen lassen müssen, da sollte man schon wissen, was das Wesentliche ist.“

„Wesentlich wäre jetzt zum Beispiel, daß mein Zeitstrahl in einer halben Stunde zu Ende geht, weil dann andere Leute kommen. Bis dahin hätte ich gerne mit Ihnen noch einiges besprochen.“

„Finden Sie, daß man durch Sprechen die Probleme dieser Welt lösen kann?“

„Wahrscheinlich könnte man das sogar, aber ich möchte nur über das Problem mit ihnen sprechen, das unten in unserem Kühlraum liegt und in vier Tagen beerdigt werden soll.“

„Kennen Sie Ben Tu-Sa Mir Oman?“

„Methusalem wer?“

„Ben Tu-Sa Mir Oman! Wir nennen ihn Father Ben. Er ist ein Besprochener.“

„Besprochen?“

„Ja, er hat die Botschaften des Universums vernommen und teilt sie mit uns – kostenlos versteht sich.“

„Und was teilt das Universum so mit?“

„Sagte ich doch schon. Die Strahlzeit! Seine Offenbarungen sind ein Quantensprung!“

„Nun sind ja Quanten eher winzig klein, also war das mehr so ein kleiner Hopser.“

„Sie nehmen mich nicht ernst, oder?“

„Gott behüte, wie käme ich dazu, Sie ernst zu nehmen? Das haben Sie falsch verstanden!“

„Wie dem auch sei, mir bedeutet das viel.“

„Schön. Und was ist jetzt mit ihrer Mutter?“

„Das müssen Sie mir schon sagen, ich bin ja nicht vom Fach.“

„Also gut, dann klären wir doch zuerst mal die Frage, ob es eine Erd- oder eine Feuerbestattung…“

„Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ganz von vorne anzufangen, ich meine so mit Gemüse und Ackerbau, so ganz archaisch?“

„Wir sollten uns jetzt wirklich um die Bestattung ihrer Mutter kümmern.“

„Können wir ja, Sie lassen mich ja nicht zu Wort kommen.“

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  • Veröffentlicht am: 25. Februar 2015
  • 20 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten, Menschen

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

20 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. also auf die Kundin hätte ich verzichtet mit dem Vermerkt: die Kühlkammer sei nicht quanten konform und strahlungssicher …..

  2. *prust* Das erinnert mich an ein Beratungsgespräch, bei dem die Schwiegertochter nach dem dritten Glas Wasser fragte, ob denn das Glas auch in der Spülmaschine gespült worden sei… Als ich das verneint hatte, drehte sich das Gespräche runde zwanzig Minuten darum, dass sie sich jetzt nicht mehr konzentrieren könne, weil sie hätte sich da mal was schlimmes geholt und überhaupt… War ich froh, als der Rest der Verwandtschaft die Dame wieder zum eigentlichen Thema zurückgeholt hat…

  3. Ich hätte die Trulla schon nach dem „nicht vom Feinsten“ rausgeworfen.

  4. Ich mag solche Leute nicht.
    Auch ich habe gewisse Ansichten vom Leben und Zusammenleben, aber die binde ich niemanden auf die Nase, oder halte sie jemanden als die einzig gültige Wahrheit vor. Wundert mich, dass die Dame Rotwein trinkt … wenn ich da an die polnischen (oder andere) Erntehelfer denke. *grins* Es ist schwer in solchen Momenten die Ruhe zu bewahren – aber auch das gehört zum Dienstleistungsgeschäft. ;)

    Schöne Grüße
    Mat.

  5. Ich habe die Heizung abgedreht, denn von den Heizkörpern geht Strahlungswärme aus.

    Köstlich… :)

  6. Großartig! Fabulös!
    Das ist der BESTE Blogeintrag, den ich seit langem gelesen habe.
    Vielen lieben Dank für den Spaß, den ich beim Lesen hatte!

  7. Erinnert mich irgendwie an eine ääähhh Dame aus einer Buchtauschbörse im Netz,auch die hat als einzige Ahnung davon wie man Flora,Fauna und den Planeten retten kann und sie muss es im Forum immer wieder niederschreiben.Einfach gruselig solche Leute……….

  8. So sind sie, die durchgeistigten Zeitgenossen …
    Eine wunderschöne Geschichte vom alltäglich wiederkehrenden Wahnsinn in unserer Gesellschaft.

    Diese Antworten muss ich mir für die Zunkunft merken:

    “Sie wollen mich doch jetzt verarschen, oder?”

    “Ich bitte Sie! Das würde ich doch im Traum nicht abstreiten!”

    “Sie nehmen mich nicht ernst, oder?”

    “Gott behüte, wie käme ich dazu, Sie ernst zu nehmen? Das haben Sie falsch verstanden!”

    Köstlich, einfach köstlich! Ich sehe schon mein Gegenüber stutzen :)

  9. „Gemüse und Ackerbau, so ganz archaisch?”
    Grabbepflanzung ist schon mal geplant :)

    • Hihi, mit Möhren und Kohlrabi und so.
      Oder soll die Frau Mutter vielleicht die Radieschen von unten…?

  10. Auf „Sie wollen mich doch jetzt verarschen?“ gibt es bei mir nur eine einzige Antwort.
    „Was heißt hier wollen? Es ist mir ein Bedürfnis.“ :p

    Und wer wirklich solche Probleme Getränken hat bzw. meint haben zu müssen … für den gibt es eine super einfache Lösung: Selbst was mitbringen und fertig.

  11. Mein Gedanke, als ich auf „weiterlesen“ geklickt habe: „Oh Gott, hoffentlich ist der Wein vegan“

  12. Alter Falter, Leute gibts, da fehlen einem wirklich die Worte.

  13. Pruuuustgrmbbblgackerhihihihihihihihihihihihi. :D

    Nachdem man so eine Trulle erschlagen hat sollte man rechtfertigende Umstände geltend machen können…

  14. Schön ist, wenn dann der Richter sagt: „Freispruch! Ich hätte sie schon beim Mineralwasser erschlagen.“

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