Apr
09
Bodo II
Das mit Bodo ist so eine Sache für sich. Im Auftrag der Polizei hatten wir den 26jährigen in einer Siedlung abgeholt, die von gleichförmigen fünfstöckigen Häuserreihen einer Wohnbaugenossenschaft geprägt ist. Das soziale Umfeld schwankt von Haus zu Haus. In Hausnummer 4 steht die Haustüre den ganzen Tag offen, es riecht nach Urin und Babykotze, sämtliche Briefkästen sind an einer Ecke hochgebogen und aus vielen lugen die bekannten gelben Umschläge des Amtsgerichtes heraus. Überall liegen zerfledderte Werbeblättchen und Prospekte herum.
Schon Haus Nr. 6 bietet ein ganz anderes Bild: Alles blitzsauber, es riecht nach essigsauberem Dauerputzen und an den Fenstern sieht man Gardinen und Grünpflanzen. In Haus Nr. 8 sieht es noch besser aus, hier wurden die Wohnungen inzwischen an die ehemaligen Mieter verkauft und man achtet auf sein Haus.
Bodo Knieriem ist vom Balkon der dritten Etage eben dieses Hauses Nummer 8 heruntergestoßen worden. Daran gibt es keinen Zweifel, einmal kündet noch im Wind wehendes rot-weißes Flatterband der Polizei von der Stelle, an der Bodo gelegen hat und dann hatte unmittelbar nach dem Sturz Elke Angele, seine Freundin, bei der Polizei angerufen und durchgegeben, sie habe soeben ihren Verlobten aus dem Fenster geschmissen.
Aus dem dritten Stock zu fallen, das endet leider manchmal tödlich, es reichen schon wesentlich geringere Höhen, um sich den Hals zu brechen. In Bodos Fall kam erschwerend hinzu, daß er auf den Kopf gefallen ist. Ich möchte nicht näher beschreiben, wie das aussieht, jedenfalls wurde er mit einem blauen Plastiksack über dem Kopf abtransportiert. Eine Abschiednahme am offenen Sarg ist somit -ohne übertriebenen Aufwand- ausgeschlossen.
Noch am selben Tag haben wir Bodo in die Rechtsmedizin gebracht und heute die Freigabe von der Staatsanwaltschaft erhalten. Das ist so eine besondere Situation hier, denn das Rechtsmedizinische Institut von Professor Schneidhammer ist in der Nachbarstadt. Unsere Polizei hier hat einen Vertrag mit mehreren Bestattern hier, die abwechselnd im Auftrag der Polizei Unfallopfer und Opfer von Gewalttaten bzw. Fundtote vom Sterbe- oder Auffindungsort abholen. Das Rechtsmedizinische Institut hingegen hat einen festen Vertrag mit der Pietät Eichenlaub, die von dort die Obduzierten wieder zu den Bestattern zurückbringen.
Das nutzt dann die Pietät Eichenlaub immer mal wieder aus, indem sie bei den Angehörigen anruft und andeutet, man habe den Toten jetzt auf dem Wagen und die Angehörigen könnten einiges an Geld sparen, wenn sie den Bestattungsauftrag jetzt auch den Eichenlaubern erteilen würden. Wir kennen ja den Bestatterspruch: Wer die Leiche hat, hat auch den Auftrag.
So kam es, daß wir Bodo vom Tatort abholten, vorübergehend einlagerten und dann in die Rechtsmedizin brachten. Die Angehörigen waren zwei Tage lang überhaupt nicht zu erreichen, offenbar hatten sie wegen der Presse das Telefon ausgehängt. Irgendwann war die Leitung dann wieder frei und noch bevor wir Kontakt bekamen, hatten die Eichenlauber schon dort angerufen.
So entbrannte, wie ich dann erfuhr, unter den Angehörigen eine heftige Diskussion darüber, welcher Bestatter jetzt zu beauftragen sei.
Eine Fraktion war für unser Haus, weil man uns schon von einem anderen Sterbefall kannte, die andere Fraktion stimmte für die Pietät Eichenlaub, weil man dann doch was sparen könne und eine radikale Splittergruppe war sogar dafür einen ganz anderen Bestatter aus der Nachbarstadt zu nehmen.
Warum man sich schließlich für uns entschied, weiß ich noch nicht, jedenfalls kam dann der für uns erlösende Anrufe, daß Bodo zu uns kommt, bei uns bleibt und dann von uns bestattet werden soll.
Heute Nachmittag kommt die Familie, ich bin sehr gespannt.
Ohja, ich glaube, wir alle sind gespannt auf den Besuch der Familie ...
Einer meiner Patienten, ein ziemlich alter Herr, ist vor etlichen Jahren aus dem Fenster. Der Kopf war zum Glück nur rückwärtig zermatscht (sorry, aber das war so). Als die Polizei den Leichnam endlich freigab, wollte seine Gattin ihn nochmal sehen. Und zwar möglichst schnell, ohne auf die Wiederherstellungsprofis vom Bestatter zu wrten. Ich bin ziemlich hartgesotten, ich übernahm das. Schön war es nicht. Viel Blut, Dreck und etwas Gehirn. Aber das Ergebnis war zumindest vorzeigbar, wenn auch nicht so schön, wie Ihr es hinbekommen hättet. Die Spuren waren moch zu sehen, aber es sah wenigstens nicht schrecklich aus.
wenn Verstorbene mit schweren Verletzungen am Hinterkopf oder Zentralschädel offen aufgebahrt werden oder
in der Pathologie von Angehörigen identifiziert werden müssen heißt es häufig;
"das Gesicht war stark geschwollen" oder "wirkte sehr flach" oder "das Gesicht war sehr deformiert"
so oder so sicher kein schöner Anblick ;(
Die Freundin war Elke Angele und hat dann nicht Riels Nuf vom Balkon geschubst sondern einen ominösen Bodo? Seltsam! Oder ist der Name des Bodo auf der Bahre etwa Herr von Stuckrad?
Nein, die Namen sind hier doch alle geändert. Manchmal auch die Geschlechter und das Alter.
Unter uns gesagt, es war die Anna Ziegler-Beimer aus der Lindenstrasse in München und der Tote war der Bruno Skabowski, der ihre Tochter immer schwer misshandelt hat. Zur Zeit läuft ihr Prozeß.
Lieber MacKaber,
bei Deiner Recherche ist Dir ein winziger Fehler unterlaufen:
Der Name des junges Mannes, den Anna Ziegler-Beimer von de Balkonbrüstung geschubst hat, ist (bzw. war) Bruno BÜRING. Bruno SKABOWSKI ist der Name seines Vaters.
Ansonsten: gute Arbeit, Watson ![]()
Ich grübel grad noch, ob es da noch eine Fortsetzung gibt?
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Kommentare
Sagt mal... der alte Brockha.
@ 1 Lochkartenstanzer Ja.
Ich bin ja von Natur aus seh.
Eigentlich wollte ich drei o.
Jawollja. Das ist grausame u.
Hallo, also als Pufferkü.
Tom, hat Dir jemand schon ei.
Hm, hier riecht's aber schwe.