Der Mörder ist nicht der Gärtner

Wir haben einen Garten. So ein Garten ist etwas Schönes. Bietet das kleine Stück Grün doch Raum für Erholung, Entspannung und Erbauung. Dabei ist das Stück gar nicht so klein, und deshalb kam ich vor geraumer Zeit auf die Idee, einen Gärtner anzuheuern.
Es stellten sich diverse Damen und vor allem Herren vor und meine Wahl war schnell getroffen.

„Du spinnst wohl!“, kommentierte die Allerliebste meine ebensolche Wahl und meinte: „Die dürre 18-jährige kriegt ja keinen Sack Torf hoch. Und vor lauter Titten wird die auch den Rasenmäher vor sich nicht sehen können.“

Mir tat es leid um die junge Frau, die sicherlich den einen oder anderen Euro dringend hätte gebrauchen können. Und wenn’s ihr mal zu schwer geworden wäre, ich wäre ihr bestimmt zur Hand gegangen.
Aber gut, ich mußte Herrn Deiters nehmen. Einen 60-jährigen, zwei Meter großen dünnen Mann, dessen weiße Haare abstanden, als wolle er Kinder erschrecken. Herr Deiterst pflegte bei der Arbeit zu sprechen, vorzugsweise mit sich selbst, oder mit anderen Personen, die ihm innewohnten.
Doch über seine Arbeit kann ich gar nichts Negatives sagen. Das liegt in erster Linie daran, daß er eigentlich so gut wie nichts gearbeitet hat.
Die ersten Tage seiner Beschäftigung hatte der Kinderschreck damit verbracht, einen neuen Rasenmäher, einen elektrischen Kantenschneider, Spaten, Schaufel, Heckenschere und eine Schubkarre anzuschaffen. Die Sachen kaufte er auf seine Rechnung und sagte mir, daß er sie dann immer zu seinen verschiedenen Einsatzorten bei den unterschiedlichsten Kunden mitnehmen wolle.

So, das war’s.

Ja, das war es wirklich. Sense, Ende, aus. Just seit diesem Tag, an dem der Dürre unseren Schuppen mit allerlei fabrikneuem Gerät vollgestopft hatte, ward er nimmer gesehen, der Dürre.

Ich rief ihn auf dem Handy an, ich schrieb ihm Mails, doch nie kam eine Antwort. Wochen später fand ich dann unter irgendwelchen Unterlagen endlich den Zettel mit seiner Festnetznummer.
Ein dürres Frauenstimmchen meldete sich und als ich nach Herrn Deiters fragte, erfuhr ich, daß er vor Wochen schon verstorben war.
Die Sachen in meinem Schuppen? „Ach, der hat überall was stehen lassen. Schmeißen Sie es weg, ich kann den Krempel nicht gebrauchen“, sagte seine Witwe.

„Siehste“, sagt ich zur Allerliebsten: „Die junge Frau aus Bulgarien wäre bestimmt widerstandsfähiger gewesen. So viele Jahrzehnte Kommunismus hat dort eine kräftige Jugend heranreifen lassen.“

„Du mit Deiner kräftigen Jugend! Ich weiß genau, worauf es Dir ankam“, schimpfte meine Frau und mir war es sogar so, als läge ein spöttischer Unterton in ihrer Stimme. Was die immer denkt!

Ach was, warum soll ich den Garten nicht selber pflegen können, dachte ich so bei mir. Am nächsten Tag nahm ich die Schaufel, um das Beet hinten links in der Ecke umzugraben.
Das wollte mir aber nicht so recht gelingen. Vom Balkon aus spottete sie: „Das sieht ja eher aus, als hättest Du ein Reihengrab angelegt. Geh, Mann, besorge einen richtigen Gärtner!“

Also fragte ich überall im Bekanntenkreis herum, hängte Zettel mit Abreißschnipseln an die Laternen und malte ein Schild, das ich vor dem Haus an die Wand hängte. „Gärtner(in) gesucht“.
Schon am nächsten Tag hatte die Allerliebste sämtlichen erreichbaren Zettel mit TippEx abgeändert und das (in) gestrichen. Hat die Frau denn noch nie etwas vom Gleichstellungsgesetz gehört?

Ich maulte: „Also, wenn ich so ein Veilchen wäre, oder sagen wir ein Rhododendron, ich würde mich über den pflegenden Einfluss bulgarischer Frauenhände mehr freuen, als über die behaarte Hand eines Grobians.“

„Du bist kein Rhododendron, sondern ein Rhinozeros! Außerdem sind gerade Bulgarinnen für ihre behaarten Hände bekannt.“

So kam es, daß unser neuer Gärtner Luigi hieß, Sizilianer war und nicht nur behaarte Hände hatte. Sagen wir es so: Sein Netzhemd war nicht in der Lage seine Ganzkörperbehaarung im Zaum zu halten. Genauergesagt, Luigi war ein Orang Utan, aber ein schwarzer.

Nun muß ich leider auch sagen, daß Luigis Arbeitsleistungen eher im Minimalbereich angesiedelt waren. Sozusagen im Mikrokosmos dessen, was wir als Arbeit bezeichnen würden. Ich sah ihn mehr oder weniger den ganzen Tag auf seine Schaufel gestützt herumstehen und bei der Gartenarbeit gab es keinen Fortschritt.

„Oh, lieber Italiener…“, sprach ich ihn an und er fuhr mit funkelnden Augen herum: „Bich iche gar kein Italiener, iche binne stolze ein Sizilianer zu sein!“ Dabei schwenkte er die niegelnagelneue Gartenhacke über seinem Haupt.
Aufgrund seiner defizitären Körpergröße zwang mich das, mich flach auf den Boden zu werfen, sonst hätte er mir mit der Hacke den Kopf direkt über dem Bauchnabel abgetrennt.

„Ich schmeiß den raus“, sagte ich eines Abends zur Allerliebsten, doch die tippte sich nur mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Nö, der bleibt.“
„Nein, ich schmeiß den raus, der kann nix und der macht nix.“

„Mann“, hub die Allerliebste an, seufzte und sagte dann mit einer Kindergartenerklärstimme: „Dann mußt Du eben zu dem Mann nach draußen gehen und ihn mal richtig ins Gebet nehmen.“ Mein Gott, sie klang wie Ursula von der Leyen!

Am nächsten Tag sprach ich mit Luigi. „So, Sie arbeiten jetzt schon 14 Tage hier bei uns. Wenn ich mich aber umschaue, haben Sie noch gar nichts geleistet. Das hatte ich mir anders vorgestellt.“
Luigi grinste mich nur an: „Cheffe, das isse die sizilianische Methode. Man sieht nix, aber am Ende wird alles sehr schön.“

„Nee, so geht es nicht weiter. Am Besten wird es sein, wenn wir getrennte Wege gehen und Sie nicht mehr wiederkommen.“

„Was? Sie wolle Luigi entlasse? Sie wolle mich rausschmeiße? Wenn ich das meine Cousins in Sizilien erzähle!“

Ui, bei dem Hinweis auf die sizilianischen Cousins wurde es mir ganz anders. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon einen abgetrennten Pferdekopf in meinem Bett liegen…

Trotzdem ließ ich mich nicht einschüchtern. Ich deutete auf den Spaten, auf den Luigi sich stützte und sagte: „Sehen Sie, der letzte Gärtner hatte diesen Spaten ganz neu gekauft. Er ist immer noch sauber grün lackiert. Keine Abnutzungsspuren, man sieht ganz deutlich, dass Sie den noch nie benutzt haben.“

„Die letzte Gärtner?“, fragte Luigi.

Ich nickte.

„Warum kommt letzte Gärtner nicht mehr?“

Ich kniff die Augen zusammen und hauchte in Luigis Gesicht: „Weil der tot ist!“

Luigi starrte nur auf das kleine Beet, das ich angelegt hatte.

Was soll ich sagen? Unser Garten sieht aus, als habe ihn ein englischer Gartenarchitekt angelegt. Alles ist sauber gepflegt und Luigi schafft seitdem wie ein Brunnenputzer. Er mag neuerdings noch nicht einmal mehr Geld für seine Arbeit annehmen.

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  • 30. Mai 2017 - 9 Kommentare - Lesezeit ca.: 6 Minuten - Kategorie: Geschichten

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm30. Mai 2017

9 Kommentare von 138028.

  1. Hallo Peter,
    ich möchte auch den Luigi mal ausleihen! :D
    Aber Du hast ja eine gute Anleitung geschrieben, die mir sehr viel Freude beim Lesen gemacht hat. DANKE!
    LG Ingrid

  2. Mein erster eigener Gedanke, so irgendwann im letzten Textdrittel, war eher: nutze die sizilianische Verbindung, dich von deinem Eheweib zu lösen…
    Aber vielleicht habe ich da nur was nicht richtig verstanden.

  3. eigentlich wollte ich nach dem zweiten Satz aufhören
    .. Garten? betonnieren und grün anstreichen, dann braucht man lediglich eine Kehrmaschine (natürlich eine Maschine, sonst hat Mann ja gar keine Freude mehr :-D )

    • @hajo: Da sagst du was, ich habs auch nicht so mit der Gartenarbeit BBBBRRRRR!!!

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