Der Patentmann -12-

So schön es auch in gewisser Weise war, daß Herr Schade immer mal wieder vorbei kam, so begann es dann doch irgendwann lästig zu werden. Nein, lästig ist nicht der richtige Ausdruck, ich freute mich trotzdem jedesmal, aber man hat ja auch in seinem Betrieb etwas zu tun und Herr Schade kam zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, auch mal, als wir gerade eine Trauerfeier im Hause hatten und auch wenn ich gerade mit Angehörigen in ein Beratungsgespräch wollte.
Immer wieder hieß es, der Abflug stehe kurz bevor, dann hatte er ihn aber doch wieder um eine Woche verschoben, wieder um eine, nochmal um eine und da stellte sich uns dann die Frage, die Antonia mal mit folgenden Worten auf den Punkt brachte: „Eigentlich könnte der mich ja auch heiraten und hier einziehen, so oft wie der hier ist, der ist hier ja schon fast wie zu Hause.“

Wir alle hätten Antonia einen Millionär aus Südafrika gewünscht, aber sie winkte gleich ab, dort sei es ihr zu heiß und außerdem könne sie kein Afrikanisch. „Afrikaans!“ verbesserte Sandy, „Das ist so wie Holländisch, so ähnlich zumindest.“
Damit war für Antonia das Thema durch: „Nee, Holländer gibt’s da auch? Dann bleib ich sowieso hier, immer nur Käse? Nee, bloß nicht immer Käse!“
„Holländer essen auch andere Sachen, nicht nur Käse“, klärte Frau Büser sie auf und Antonia winkte weiterhin ab: „Ja, weiß ich, toten, salzigen Fisch aus ’nem modrigen Faß, Matsche oder so.“
Wie aus einem Mund riefen wir alle: „Matjes!“
„Egal, für mich sind das Matschfische!“

Herr Schade hatte durch seine Anwältin und den beauftragten Detektiv erfahren, daß die Testamentseröffnung bereits stattgefunden hatte. Allein die Tatsache, daß er nicht dazu eingeladen worden war, zeigte eindeutig, daß er in diesem Testament nicht bedacht worden war.
Angeblich habe Frau Bauer alles geerbt, komplett und ohne irgendwelche Einschränkungen. Frau Maternas sollte laut Testament Geschäftsführerin eines Teilbereichs bleiben, was wohl auch recht fürstlich vergütet worden wäre, aber es hieß dann später, die Frauen hätten sich wegen des Erbes „nicht mehr viel zu sagen“. Hier hatte der Wunsch nach einem unermeßlich großen Vermögen über die Muttergefühle der Frau Bauer gesiegt; man könnte diesen Wunsch auch einfach Gier nennen.
Für einen Menschen wie mich ist das unvorstellbar, ich hätte geteilt. Aber hätte ich das wirklich? Keine Ahnung! Wer kennt schon diese viel besungene, beschriebene, geheimnisvolle Macht des Geldes, die angeblich alles andere zu überdecken vermag.
Jedenfalls war Frau Bauer dieser Macht des Geldes erlegen und Frau Maternas leer ausgegangen.

An dem Tag als Herr Schade zu mir kam um mir von diesen Entwicklungen zu erzählen, ließ ich ihn gar nicht groß zu Wort kommen, gab mich sehr in Eile, bat ihn, mich doch ein wenig zu begleiten, wir könnten dann ja während der Fahrt etwas reden.
Er redete dann auch, wie immer sehr angenehm mit wohl gesetzten Worten, aber die perlten an mir ab, ich war mit meinen Gedanken bei dem was kommen würde.
Mit Manni und Sandy hatte ich nämlich etwas verabredet.

Ich hatte auf einem Friedhof etwas zu erledigen und als wir dort ankamen, stieg Herr Schade, wie selbstverständlich mit aus und während ich über den Friedhof lief, spazierte er neben mir her und beleuchtete zum wiederholten Male die ganzen Aspekte seiner Herkunft, des entgangenen Erbes und betonte nochmals, daß es ihm ja eigentlich nicht um das Geld gegangen sei.
Unterdessen waren wir über den neuen Teil des Friedhofs zum alten Teil hinten an der Sandsteinmauer gelangt, ich bog noch einmal rechts ab und dann blieb ich stehen.
„Weshalb sind wir eigentlich hier?“ fragte der Millionär aus Südafrika.

„Deswegen“, sagte ich und deutete auf ein mit Efeu überwachsenes Grab. Einen Grabstein gab es nicht mehr, das Grab war längst abgelaufen und wartete seit Jahren im Dornröschenschlaf auf eine Neubelegung. Da die Leute aber die etwas größeren Gräber im oberen neuen Teil des Friedhofs bevorzugten, blieben viele Gräber weiter unten, im etwas dunklen und von vielen Bäumen bewachsenen Teil ungenutzt.

„Wegen dieses Grabes?“ fragte Herr Schade, schaute mich verwundert an und dann sah er, daß Sandy und Manni, beide gekleidet wie zu einer Trauerfeier, von weiter links auf uns zu kamen. „Was ist mit diesem Grab, das ist doch verwildert?“

Ich sagte gar nichts, sondern schaute ihn nur an. Ganz langsam schien er zu begreifen und genau so langsam wich die Farbe aus seinem Gesicht und dann fragte er: „Mama und Papa?“

Ich nickte nur, aber ich weiß nicht, ob Herr Schade das gesehen hat, denn aus seinen Augen liefen dicke Tränen. Er war auf die Knie gesunken, griff mit beiden Händen in die Efeuranken und sagte: „Mama, Papa, hier bin ich.“
Dann sackte er zusammen und wurde von einem Weinkrampf geschüttelt.

Der Mann aus Südafrika, der gekommen war, um seinen leiblichen Vater zu finden, von diesem aber weggestoßen worden war, dieser Mann hatte in diesem Moment seine wahren Wurzeln wieder gefunden.

Während ich Herrn Schade hoch half und ihm den Sand des Weges von seinen Knien klopfte und ihn dann in den Arm nahm, machten sich Sandy und Manni ans Werk.
Manni rupfte und schob Efeu zur Seite, Sandy reichte ihm einen Spaten und dann legten sie das Erdreich frei. Sandy hielt eine kleine, rechteckige Urne aus gehämmertem Kupfer, kaum größer als ein großer Kaffeepott, und Manni füllte zwei kleine Spatenspitzen voll Erde hinein.
Nachdem der Deckel aufgedrückt war, überreichte Sandy dem immer noch weinenden Mann die kleine Urne.

Herr Schade nahm die Urne, betrachtete sie und Tränen tropften darauf. Er schluckte, sein Atem ging stoßweise und dann sagte er unter Tränen nur ein Wort: „Danke!“
Noch einmal blickt er uns der Reihe nach an, gab jedem von uns die Hand und dann ging der Mann, die Urne fest an seine Brust gedrückt langsam den langen Weg zum Friedhofstor, man hörte sein schluchzendes Weinen noch eine ganze Weile.
Wir schauten ihm nach, ich wollte hinterher, doch Sandy hielt mich zurück: „Chef, laß ihn, er hat jetzt alles was er braucht, um seinen Seelenfrieden zu finden.“

Wir haben Herrn Schade nie wiedergesehen.

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  • Veröffentlicht am: 20. Oktober 2012
  • 16 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten, Menschen

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

16 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ich vermute, dass es keinen Grabstein gab unterstreicht den „Placeboeffekt“. Aber wie meine Ärztin immer so schön sagt: „Wer heilt, hat recht.“ Gut so. ;-)

  2. nein ich heule nicht … ich bin eine Dame und die flennen nicht bei rührseligen Geschichten … *schnief* ich habe eindeutig Heuschnupfen …. oder so was in der Art … aber echt gut geschrieben … danke Tom … und schönes Wochenende Euch allen ….

    • In dieser Jahreszeit bekommt frau keinen Heuschnupfen,das kann sich nur um die verfrühte eigentlich erst ab Dezember eintretende Tannennadelallergie handeln ;)

      Nun hat der Mensch Deutsche Erde nach Südafrika verschleppt :O

      • Georg, Du bist wohl nicht irgendwie intergeschlechtlich verbunden: wenn frau Heuschnupfen hat, ist das so, basta! :-D

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