Lodernde Flammen -4-

Ein paar Mal noch versuchte der 81-jährige Herr Wolters seine großkotzige Tour, aber bei mir biß er damit auf Granit.
„Wenn Ihnen das nicht paßt, daß der Bestattungswagen 150 Euro kostet, können Sie Ihre Frau auch mit der Schubkarre zum Friedhof bringen“, lautete einer meiner Sätze.
Das klingt frech, das klingt hart, aber eine andere Sprache verstand der Mann manchmal nicht. Man muß sich das Gespräch mit ihm so vorstellen. Da saß ein weicher, schwer von Trauer getroffener Mann vor mir, der Angst vor dem vor ihm liegenden Leben ohne seine Frau hatte. Aus jeder Faser seines Körpers sprach diese Angst. Ich konnte den Schmerz und die Verletzlichkeit auch aus seiner Stimme heraushören. Seine Haltung, seine Mimik, seine Gestik, alles sprach von Ängstlichkeit. Ja, und nun gibt es Menschen -und dieser Herr Wolters war einer von denen- die versuchen ihre Schwäche durch ein möglichst polterndes Auftreten wett zu machen oder zu überspielen. Sie denken, ihre Verletzlichkeit wäre nicht so offenbar, wenn sie frech und unverschämt auftreten. So hängte er ans Ende jedes seiner Gesprächsabschnitte immer noch ein etwas härter vorgetragenes Anhängsel an.

Ganz vernünftig und mit weicher Stimme sagte er beispielsweise: „Meine Frau liebte weiße Nelken. Können wir ein schönes großes Gesteck mit weißen Nelken auf den Sarg machen?“

Natürlich ging das, aber er mußte dann innerhalb eine Mikrosekunde wieder sein böses Gesicht aufsetzen und mit harter Stimme anhängen: „Oder ist das eine zu große Aufgabe für Ihr Haus?“

Damit muß man umgehen können. Einerseits bist Du bemüht, die Wünsche des Mannes zu erfahren und sie umzusetzen, und andererseits haut er Dir beständig so kleine Frechheiten um die Ohren.
Ich habe schon Bestatter erlebt, die dann immer den untersten Weg gehen. Das sind die, die ständig mit einem leicht zur Seite geneigten Kopf dreißig Mal und mehr ein herzliches Beileid wünschen und weichgespülter dahersabbeln, als ein katholischer Kaplan in einem schlecht gemachten Fernsehfilm.
Als Kaufmann und Dienstleister bist Du immer der Diener Deiner Kunden, aber nicht der Leibeigene oder Sklave.

Und das muß man, so finde ich, die Leute auch spüren lassen, wenn sie frech werden.

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  • 1. März 2017 - 1 Kommentar - Lesezeit ca.: 2 Minuten - Kategorie: Geschichten

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm1. März 2017

1 Kommentar von 138207.

  1. Oh, wie ich solche Leute hasse. Ich hatte mal einen Chef, der konnte sowas von liebenswürdig sein, aber er hängte auch immer noch so eine Gemeinheit hinten dran. So als ob er sonst mit dem Netten was er gesagt hat, nicht zurecht kommt.

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