Lodernde Flammen -9-

Es hatte mich sehr nachdenklich gemacht, wie Herr Schweez mit den ganzen Erinnerungstücken umgegangen war. Die ganze Fahrt über versuchte ich mir vorzustellen, was ich wohl machen würde. Doch die Gedanken wollten nicht in meinen Kopf, ich bekam keine Ordnung in die Gedanken. Zu schwer war es für mich, mir vorzustellen, ich müßte meine Frau beerdigen und dann mit ihrem Hab und Gut fertig werden. Ja Gott, was macht man da? Alles aufheben? In zehn Jahren noch die Kleidungsstücke eines längst verstorbenen Menschen horten?

Ich war an meinem Ziel angekommen, das Haus, in dem Herr Wolters wohnte.

Der alte Holterpolter empfing mich mit den Worten: „Wollen Sie noch mehr Geld aus mir herausschinden?“

Dabei hatte ich einen Scheck in der Brieftasche, die Sterbegeldversicherung hatte bedeutend mehr ausgezahlt, als er erwartet und als die Beerdigung gekostet hatte. Das freute ihn dann doch und wieder einmal wurde deutlich, daß seine schnoddrig vorgetragene Großmäuligkeit nur seine Trauer verbergen sollte. „Da bleibt mir noch ein bißchen Geld für mein Erinnerungszimmer übrig“, sagte er und schenkte mir, ohne zu fragen, einen Cognac ein. „Kommen’se, gucken’se, so sieht das aus“, forderte er mich auf und ging voran. Der Mann bewohnte eine 190 Quadratmeter große Altbauwohnung im besseren Viertel der Stadt. Die Böden waren mit dicken Teppichen ausgelegt und man sah den Möbeln an, daß sie vor 30 Jahren mal viel Geld gekostet haben mußten. „Hier isses“, sagte er und stieß eine Tür am Ende eines Flures auf.

Die Tür führte in einen etwa 25 Quadratmeter großen Raum, der von vorne bis hinten, von unten bis oben vollgestopft war. Überall hingen gerahmte Fotos an den Wänden, in der Mitte der langen Wand hing das Ölportrait einer jungen Frau. „Ja, so schön war meine Frau mal“, sagte er und hielt mir sein Cognacglas zum Anstoßen hin.
Ich nickte und sagte: „Da kann ich gut verstehen, daß Sie sich damals verliebt haben.“

„Liebe? Liebe ist nur ein Wort. Verliebt ist man schnell und noch schneller ist die Liebe oft auch wieder verflogen. Aber wenn man es schafft über viele Jahre respektvoll zusammen zu bleiben, dann hat man es geschafft. Meine Frau ist immer schon der Mittelpunkt meines Lebens. So soll es auch bleiben.“

Ja, okay, er hatte sich ein Andenkenzimmer eingerichtet. Alle Gegenstände in diesem Raum erinnerten ihn an seine Frau. Das war jetzt nicht so ungewöhnlich. Etwas Ähnliches habe ich oft bei Eltern erlebt, die ein Kind verloren haben. Ja, manchmal muß das Kind noch nicht einmal gestorben sein. Selbst wenn Kinder nur irgendwann ausziehen, erhalten manche Eltern das Kinderzimmer so wie es immer war. Da hängen dann Benjamin-Blümchen-Tapeten und der Starschnitt aus der Bravo noch 30 Jahre nach dem Auszug…
Und natürlich bleibt dieser Raum immer das ‚Kinderzimmer‘.

Aber Herr Wolters schaute auf die Uhr. „Moment mal, ich mach das eben mal an, jetzt kommt die Sendung.“

„Welche Sendung?“, fragte ich. Doch er gab erst keine Antwort, sondern schaltete im Andenkenzimmer den Fernseher an. „Kommen Sie!“, flüsterte er, „wir gehen besser ins Wohnzimmer, meine Frau mag es nicht, wenn sie bei ihrer Sendung gestört wird, die schaut sie jeden Tag.“

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  • 1. März 2017 - 1 Kommentar - Lesezeit ca.: 3 Minuten - Kategorie: Geschichten

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
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Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm1. März 2017

1 Kommentar von 137903.

  1. Grandiose Texte! Das mit dem Kinderzimmer kenne ich auch. Ich war schon lange Professor, da hatten meine Eltern immer noch mein Jugendzimmer als Allerheiligstes.

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